Sonntag, 26. September 2010

W217V: Hattrick in vier Minuten, goldenes Tor zur Tabellenführung und andere Szenen des Jugend- und Kreisklassefußballs


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Photos and English version:

TSV Niemberg defeat SG Reußen Reserve

SSV Landsberg U-19 vs. Arminia Magdeburg U-19

Pictures from Landsberg (taken in 2009)

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SSV 1990 Landsberg C 1:4 TSV 1910 Niemberg C
Sonntag 26. September 2010 – Anstoß 10.00
1. Kreisklasse C-Junioren, Saalekreis (4. Liga der 12-14jährigen)
Ergebnis: 1:4 nach 70 Min. (35/35) – Halbzeit ?:?
Tore: ?, ?, ?, ?, 1:4 60.
Verwarnungen: mindestens eine für SSV und TSV
Platzverweise: keine
Spielort: Sportforum Landsberg (Kap. 1.350, davon 350 überdachte Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 60 (davon ca. 20 Gästefans)
Unterhaltungswert: 2,0/10 (Nur zweite Halbzeit gesehen, aber das war das schlechteste C-Jugendspiel, was ich je gesehen habe)

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Das war wieder so ein Tag, an dem Groundhopping mit dem Fahrrad verwunderte Reaktionen hervorruft: Dauerregen, Wind, Temperaturen im niedrigen zweistelligen Bereich oder knapp drunter. Zum Glück gibt es in Landsberg eine überdachte Tribüne. Die ist zwar architektonisch wenig gelungen – da täuschen auch die originellen Malereien an der Tribünenwand nicht darüber hinweg, dass zum einen die vielen Stahlbalken stören und zum anderen die Tribüne mit ihren vier Reihen Holzbänke auf Betonstufen viel zu niedrig ansteigt: man kann eigentlich nur die vierte Reihe zum Sitzen nutzen, wenn die erste reihe belegt ist – aber besser als wenn sie kein Dach hätte.

Als wir im Sportforum ankamen, begann die zweite Hälfte des C-Jugend Kreisklassespiels zwischen SSV Landsberg und TSV Niemberg. Wenn ich das mit dem Spiel zwischen Lieskau (Mittelfeld) und Bad Dürrenberg II (Vorletzer) in der gleichen Liga vor wenigen Wochen vergleiche, kann ich nur mit dem Kopf schütteln über die Leistung beider Mannschaften. Also bei C-Jugend habe ich besonders große Nachsicht, was Fehler angeht, und die Spieler haben sich viel bewegt und angestrengt, aber wie Landsberg Chancen vergab und was für Fehler alle 22 Spieler fabrizierten, war auch für die U-15 nicht mehr feierlich. Die Schiedsrichterleistung ebenso wenig: so war z.B. das 1:4 war ein völlig unberechtigter Freistoß, der allerdings durch die schlechte Torwartleistung – da muss man halt springen, wenn der Ball 40cm über dem Kopf heransegelt und nicht nur die Arme hochheben, durch die die Kugel dann rutscht – im Netz landete. Ansonsten waren auch Abseits- und Foulpfiffe meist unsinnig.
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SSV 1990 Landsberg A 5:1 SV Arminia Magdeburg A
Sonntag 26. September 2010 – Anstoß 11.25
Verbandsliga A-Junioren, Sachsen-Anhalt (3. Liga der 16-18jährigen)
Ergebnis: 5:1 nach 91 Min. (45/46) – Halbzeit 1:1
Tore: 1:0 3. Georg Arndt, 1:1 35. Christopher Fechtner, 2:1 47. Phillip Wernicke, 3:1 49. Phillip Wernicke, 4:1 51. Phillip Wernicke, 5:1 80. Phillip Wernicke
Verwarnungen: Johannes Voigt (?), Philipp Wernicke (SSV)
Platzverweise: Tim Bansemer (Handspiel im eigenen Strafraum)
Besondere Vorkommnisse: Kevin Kullack (Landsberg) schießt Elfmeter daneben (22. Minute)
Spielort: Sportforum Landsberg (Kap. 1.350, davon 350 überdachte Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 50 (davon 5 Gästefans)
Unterhaltungswert: 6,5/10 (Gute Leistungen beider Teams, Landsberg aber klar souveräner)

SSV Landsberg - Arminia Magdeburg (A-Junioren)

Nachdem das C-Jugendspiel, was unsinnigerweise auch auf dem Hauptplatz stattfand, den Beginn des A-Jugendspiels deutlich verzögerte, durfte das Aushängeschild der Landsberger Jugendarbeit ran. Die U-19 spielt in der höchsten Liga des Landes Sachsen-Anhalt und überzeugte uns letzte Saison mit einem 4:5 Sieg nach 3:0 Pausenrückstand bei FSV 67 Halle. In die jetzige Verbandsligasaison sind sie mit 7 Punkten aus vier Spielen gestartet, der Gegner aus Magdeburg mit 6 Zählern.

Wir standen zufällig neben Magdeburger Spielereltern und Betreuern, mit denen man sich auch gut austauschen konnte. Beim Spiel zuvor hatten wir schon den Vater eines Landsberger Groundhoppers kennengelernt. Immer wieder angenehm und interessant, wen man in Landsberg so trifft. Auch interessant ist, dass ich selbst im Jugendbereich Ärger über den VfL Halle 96 vernehme: so die Arminen-Eltern, die uns von einem unangenehmen Auswärtsspiel bei den Aff... äh: dem VfL, erzählten; parteiischer Schiri, unfaire VfL-Spieler und ihre pöbelnden Eltern – ja, selbst die jüngeren Kinder am Spielfeld benahmen sich daneben und traten die Arminia-Kinder beim Spielen neben dem Platz vom Laufrad. Aber das Zuschauen bei mehreren Spielen verschiedener Mannschaften des VfL haben ähnliche Erlebnisse für mich parat gehalten.

Zurück ins viel gastfreundlichere Landsberg: kaum lief das Spiel, schon hämmerte ein Landsberger den Ball gekonnt zum 1:0 untere die Latte. Beide Mannschaften lieferten sich daraufhin mehrere Minuten ein schönes Hin und Her, ehe das Spiel einschlief. Nach 22 Minuten aber ein Missgeschick eines Gästespielers, der den Ball mit der Hand abwehrte. Der war wohl mal Torwart... Gab natürlich auch leider die im Englischen so schön bezeichnete „marching order“ hinterher. Den Elfmeter verschoss Landsbergs Kapitän Kevin Kullack jedoch: der Torwart war eh schon in der Ecke, doch brauchte den 30cm flach neben den Kasten gesetzten Ball nicht mehr zu fangen. In einem besser werdenden Spiel zeigte der Magdeburger Fechtner einen tollen Schuss, der unhaltbar für Landsberg-Torwart Christopher Kurth im Winkel landete.

Nach dem 1:1 Pausenstand hatte der Gast berechtigte Hoffnungen, in Unterzahl einen Punkt aus der für ihre Doppelkapelle auf dem Burgfelsen oberhalb der Stadt bekannten Kleinstadt mitzunehmen, doch die A-Junioren des SSV 1990 zeigten ihre Stärke: innerhalb von vier Minuten drehte Wernicke auf, nutzte auch kleine Fehler der Magdeburger aus und traf drei Mal. Ein Wahnsinnslauf! Das Spiel war entschieden, wurde jetzt langsamer und unansehnlicher, doch hatte mit dem vierten Treffer von Wernicke, gefolgt von einigen guten Aktionen diverser Spieler beider Truppen, einige Höhepunkte zu bieten. 5:1 war also der Endstand – und wir gingen aus dem Schutz der Tribüne heraus, aufs Fahrrad und fuhren ein paar Kilometer weiter nördlich, wo wir in Schwerz noch die Kirche anguckten und dann in Niemberg ankamen.
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TSV 1910 Niemberg 1:0 SG Reußen II
Sonntag 26. September 2010 – Anstoß 15.00
1. Kreisklasse Saalekreis, Staffel 2 (11. Liga, 6. Amateurliga)
Ergebnis: 1:0 nach 92 Min. (45/47) – Halbzeit 0:0
Tor: 1:0 70. Nr. 13
Verwarnungen: 1x Niemberg
Platzverweise: keine
Besondere Vorkommnisse: Torwart von Niemberg hält „Hand“-Elfmeter von Reußen
Spielort: Sportplatz an der Schule (Kap. 1.260, davon 10 überdachte Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 45 (davon mind. 5 Gästefans)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Spannendes Spiel mit viel Bewegung und Tordrang)

TSV Niemberg gegen SG Reußen II

Das Dorf Niemberg erhielt in diesem Jahr den Preis „Dorf mit Zukunft“. Das liegt wohl eher an der dort angesiedelten Industrie, denn an der rege genutzten Veranstaltungsstätte „Alte Brennerei“. Sehenswert ist die Dorfkirche; ein hoher, neoromanischer Bau. Der Sportplatz, zwischen zwei Silokomplexen, einem Feld und der Schule gelegen, ist auch eine ansehnliche Ecke des 1.400-Einwohner-Dorfes, das mittlerweile ein Ortsteil Landsbergs ist. Der von Bäumen geschützte Graswall und die beiden kleinen Überdachungen aus Stahl und Blech fallen auf. Zwischen beiden überdachten Bänken befindet sich ein Kiosk, wo man wirklich gute Fischbrötchen kriegt.

TSV Niemberg wollte mit einem Sieg die Tabellenspitze erklimmen, doch Reußen erwischte den besseren Start und hatte mehr Chancen. Niemberg konterte allerdings immer wieder, wenn auch nicht erfolgreich. Die Abwehr der Niemberger stand – besonders dank des 8ers – gut, wobei sie wirklich nicht mauerten. Wer mal wieder einige Knaller brachte, war der Schiedsrichter. Wie man dem Niemberger, der auf der Linie gegen den Oberkörper geschossen wurde, Handspiel unterstellen kann, ihn dann aber nicht einmal mit gelb verwarnt (eigentlich ist rot vorgesehen), ist mir unbegreiflich. Da lässt man einfach weiter laufen – die Gäste hatten nicht mal ernsthaft reklamiert. Zum Glück ist der Niemberger Torwart sehr sicher und gut: er hielt das gar nicht mal schlecht geschossene Strafstoßgeschenk.

Zur Pause stand es noch torlos, was sich bis zur 70. nicht ändern sollte. Niemberg griff nun sehr regelmäßig in einem nach wie vor auffällig schnellem Spiel das Reußener Tor an. Die Gäste kamen kaum noch zu Chancen, wobei sie diese auch kläglich vergaben. In der 70. traf dann der Spieler mit der Nummer 13 endlich zum entscheidenden Tor, indem er den Torwart umkurvte und an einem Abwehrspieler vorbei einschob. Ein paar Reußener, teilweise wohl Ex-Niemberger, reagierten in der Folgezeit etwas gefrustet auf die drohende Niederlage, was die Stimmung bei den Niemberger Fans, von denen wir teilweise handschläglich begrüßt worden – habe ich in den letzten Jahren in Deutschland nur ganz, ganz selten erlebt, dass gegenüber unbekannten Besuchern so viel Freundlichkeit an den Tag gelegt wird: die meisten Spielbesuche, wo wir freundliche Einheimische trafen, hatten wir in Syrien – nur steigerte. Als der mittlerweile besser pfeifende Schiri abpfiff, stand es immer noch 1:0. Der Sieg war am Ende auch verdient, da in der zweiten Halbzeit fast nur noch Niemberg in Aktion war. Dem TSV 1910 kann man jedenfalls nur gratulieren zur Tabellenführung!
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Statistik:
Ground Nr. 478 (zwei neue Grounds; diese Saison: 28 neue)
Sportveranstaltungen Nr. 1.145, 1.146 und 1.147 (diese Saison: 35)
Tageskilometer: 80 (Fahrrad)
Saisonkilometer: 9.590 (7.170 Auto/ 1.240 Fahrrad/ 800 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 62
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 217

Samstag, 25. September 2010

W217IV: Gerechter Gleichstand in Großgräfendorf

SV Großgräfendorf 2:2 TSV Leuna 1919 II
Samstag 25. September 2010 – Anstoß 15.00
Kreisliga Saalekreis, Staffel 1 (10. Liga, 5. Amateurliga)
Ergebnis: 2:2 nach 91 Min. (46/45) – Halbzeit 1:1
Tore: 1:0 9. Nr. 5 (Elfmeter), 1:1 22. Fabian Schneider, 1:2 50. Mario Melchior, 2:2 70. Nr. 9
Verwarnungen: Karsten Francke (TSV II)
Platzverweise: keine
Spielort: Sportplatz Großgräfendorf (Kap. 750 Stehplätze)
Zuschauer: ca. 40 (davon ca. 10 Gästefans)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes und spannendes Spiel zweier gleichwertiger Teams auf schwierig bespielbarem Platz)
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Photos and English version:
SV Großgräfendorf 2-2 TSV Leuna (Reserve)

Nach einer zweiwöchigen Skandinavientour mit Fähre und Auto, die uns durch Städte wie Stockholm, Helsinki oder Kopenhagen führte und Spiele von der norwegischen Amateurliga über die finnische Halbprofiliga bis zur ersten schwedischen Profiliga Allsvenskan in einigen der schönsten und interessantesten Stadien der Welt bereithielt, ging die Reise nun mit dem Fahrrad nach Großgräfendorf, einem etwa 500 Einwohner zählenden Ortsteil des Kurortes Bad Lauchstädt, wo es ein Kreisligaspiel auf dem Sportplatz Großgräfendorf zu sehen gab.

Beide Mannschaften – der SV Großgräfendorf und die Reserve des TSV Leuna 1919 – starteten nicht wirklich überzeugend in die Saison, doch haben wenigstens ein paar Punkte geholt und stehen nicht auf einem Abstiegsplatz. Großgräfendorf gewann immerhin zwei Mal, während Leuna drei Punkte weniger hat. Der erste Sieg unserer Zweiten war letzte Woche ein spektakuläres 6:2 gegen Eisdorf, die bis dahin Dritter waren. Ansonsten kann man noch erwähnen, dass der Aufstieg in die Kreisoberliga entschieden ist, da der MSV Buna Schkopau kaum Abgänge zu verzeichnen hatte und weiterhin munter mit halleschen Spielern, die auf Landes- und nicht Kreisebene spielen müssten, die Gegner schlägt. Den Gegner schlagen zu können, scheint für Großgräfendorf nicht so selbstverständlich in diesem Spiel, da sie auf ihrer aktuellen und informativen Website – ist aber lustig, dass Großgräfendorf immer noch schreibt, sie liegen im Landkreis Merseburg-Querfurt – von Spielerausfällen schrieben.

Aber Spielermangel kennt man beim TSV seit ein paar Spielzeiten als Normalfall, sodass es nicht verwunderlich war, dass auf dem dörflichen Sportplatz mit seinen einfachen Gebäuden, den Pappeln auf der einen und den abgeschirmten Privathäusern auf der anderen Seite, der Gastgeber den besseren Start erwischte. Nach neun Minuten kam ein Großgräfendorfer im Strafraum zu Fall, wobei Francke ihn ganz sicher berührt hat, der SVG-Spieler aber erst nach zwei weiteren Schritten stürzte. Der Elfmeter war saumäßig schlecht geschossen – halbhoch in die Mitte – aber die Show des Schützen so gut, dass er Timo Fiebig im Tor verladen konnte. Nach 15 Minuten ziemlichen Drucks aufs Leunaer Tor wendete sich das Blatt und die Reservemannschaft des TSV attackierte nun gefährlich den Kasten des SVG. Das sollte bis fast zum Pausenpfiff so gehen, sodass Großgräfendorf noch zufrieden sein kann, nur einen Gegentreffer kassiert zu haben; Schmidt hatte gut auf Schneider gepasst und der brachte den Ball am nicht immer sicheren Torwart zum 1:1 vorbei.

In Halbzeit zwei gab es schon nach fünf Minuten einen prima Treffer von Mario Melchior, den man von den Spielen der Alten Herren kennt und bei der Zweiten eigentlich nur Aushilfe ist: aus einiger Entfernung hob er den Ball über den Torwart. Wirklich eine hervorragende Aktion!
Großgräfendorf wurde in der Folge stärker und konnte in der 70. Minuten einen guten Flachschuss im Eck unterbringen. Die letzten 20 Minuten traf der bis dahin sichere Schiedsrichter einige Fehlentscheidungen. Aber keine davon war schwerwiegend oder gar spielentscheidend. Darauf, dass sich ein paar bäuerliche Bollerköpfe fast 90 Minuten über ihn (den Schiri) aufregten, muss er nichts geben. Die sahen auch jede Aktion, in der der auffällig kleine Neuner (Joao ist einen Kopf größer als der!) in einen größeren Leunaer hineinrannte und umfiel als gelbwürdiges TSV-Foul... Eigentlich auch völlig O.K. – dazu ist man ja Fan – aber das Loben der eigenen Mannschaft stand mal wieder so hinter dem Meckern zurück - was man dem Leunaer Anhang überhaupt nicht vorwerfen konnte - dass es einfach nur nervte.
Wie auch immer: ab der 70. Minute hatte der Gastgeber deutlich mehr Chancen als die TSV-Reserve, doch konnte keinen Treffer mehr erzielen. TSV Leuna leider ebenso wenig. Die Spielzeit über betrachtet, ist das 2:2 auch so ziemlich das gerechteste Ergebnis zwischen diesen alles in allem gleichwertigen Mannschaften, die mit den skandinavischen Platzverhältnissen erstaunlich gut zurechtkamen. Was skandinavische Platzverhältnisse sind? Es regnete halt ununterbrochen, der Platz war dadurch rutschig und zudem auch noch in Teilen mit Pappelblättern bedeckt. Letzteres ist wieder ein gutes Beispiel dafür, dass man besser immergrüne Nadelbäume um den Platz herum anbaut und keine Laubbäume; schon gar nicht diese kurzlebigen Billigbäumchen.

Nach diesem wirklich ansehnlichen Spiel wunderten sich doch die ein oder anderen Leunaer, dass wir nicht mitgenommen werden wollten, sondern lieber im Dauerregen mit den Rädern zurück fuhren. Aber auch Dauerregen hielt uns nicht vom zweiten Teil der Radtour ab. Wir guckten sogar noch kurz die Dorfkirche von Großgräfendorf an. Diese ist in romanischer Zeit entstanden, was man an den Turmfenstern mit den typischen Bögen und der starken Mittelsäule erkennt, und leider sehr baufällig.
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Übrigens: Nicht über den sprunghaften Anstieg der Anzahl der Sportveranstaltungen wundern; ich habe bemerkt, dass ich erst ab der Saison 2000/ 2001 gezählt habe und jetzt anhand der Aufzeichnungen von meinem Vater die 70 Spiele, die ich vergessen hatte aufzulisten, nachgetragen.

Statistik:
Ground Nr. 476 (ein neuer Ground; diese Saison: 26 neue)
Sportveranstaltung Nr. 1.144 (diese Saison: 32)
Tageskilometer: 40 (Fahrrad)
Saisonkilometer: 9.510 (7.170 Auto/ 1.160 Fahrrad/ 800 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 59
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 217

Freitag, 24. September 2010

W217III: Zusammenfassung Sehenswürdigkeiten und Tipps:

Wie bei jeder größeren Reise (5 Tage oder länger), liste ich auch hier die besuchten Sehenswürdigkeiten auf:

1. Sehenswürdigkeiten:
a) Schweden
1. Uppsala (9,0/10)
Eine sehr sehenswerte Stadt, die sich in Alt-Uppsala (2.000 Jahre alte Grabhügel, mittelalterlicher Bauernhof und Kirche) und das neuere Uppsala (barocke Prachtbauten, botanischer Garten der Uni usw.) teilt.
1. Gripsholm (9,0/10)
Sehr schöner Ort mit tollem Renaissanceschloss auf einer Insel im See. Lohnt noch mehr den Besuch aufgrund der besseren Besichtigungszeit, als Drottningholm.
3. Stockholm (8,5/10)
Eine wirklich sehenswerte Hauptstadt mit geschlossener Altstadt und vielen schönen Gebäuden in den angrenzenden Stadtteilen um Gamla Stan herum. Auch die landschaftliche Lage weiß absolut zu überzeugen, denn Stockholm verteilt sich – Horror für die Infrastruktur, Traum für den zeitlich Ungebundenen – auf hunderten von Schären und Inseln. Stockholm ist nicht nur die Hauptstadt Schwedens, sondern auch die Hauptstadt Skandinaviens.
4. Drottningholm (8,0/10)
Barocker Prunkbau des schwedischen Königshauses am Rande Stockholms mit einem tollen Schlosspark mit chinesischem Pavillon und so.
5. Brahehus (7,5/10)
Was eine genial gelegene kleine, ganz gut erhaltene Schlossruine: auf zwei Seiten dichter Wald, im Rücken die in den Fels getriebene Autobahn, nach vorne raus die Klippe zu einem großen See!
6. Norrköping (7,0/10)
Kurios: es gibt frei angepflanzte Kakteen im Stadtpark, der auch von der umliegenden Bebauung einen Besuch lohnt. Auch die beiden Kirchen mit ihrem freundlichen Personal und der schönen Architektur und Innenausstattung sind sehr sehenswert.
7. Landskrona (7,0/10)
Sehr schöner Festungsbau mit mehreren Wassergräben und enormen Wällen. Gebäude hervorragend erhalten.
8. Kungälv [Festung Bohus] (7,0/10)
Älteste und wohl auch größte und schönste Burg oder Festung (nicht Schloss!) von Schweden. Landschaft drum herum ist auch schön.
9. Karlstad (6,5/10)
Liegt idyllisch so am See und hat auch einige schöne Gebäude zu bieten. Ideal für Zwischenstopp zwischen Oslo und Stockholm!
10. Glanshammer (6,0/10)
Eine tolle Kirche gibt es in dem Kaff: vor allem der Glockenturm aus Holz und die riesige Turmhaube sind sehenswert. Die 15 Minuten muss man sich nehmen, wenn man den Hinweis an der Autobahnausfahrt sieht.
11. Klosterruine Alvastra (5,0/10)
Die schöne, große, ganz gut erhaltene Ruine des ältesten Klosterbaus Nordeuropas.
11. Malmö (5,0/10 Pkt.)
In der Neustadt ein spektakuläres Glasfassadengebäude, in der Altstadt viel Backsteinbauten. Alles in gutem Zustand.
11. Växjö (5,0/10)
Eine hässliche Stadt, die aber vier ganz gute Sehenswürdigkeiten: Rathauspatz, Dom, Teleborg Schloss und Kronoberg Burgruine, zu bieten hat.
14. Södertälje (5,0/10)
Eigentlich eine hässliche Industriestadt, aber zwei sehenswerte Kirchen und ein schöner See. Die eine Kirche ist der Bischofssitz der assyrischen Gemeinde, die Södertälje zu einem ungewöhnlichen kulturellen Erlebnis macht. Am besten geht man noch zu einem der beiden Södertäljer Clubs dieser Emigranten aus dem Nahen Osten.
15. Aspa [Trollesund] (5,0/10)
Eine schöne Kirche gibt es im Ortsteil Trollesund, die etwas außerhalb gelegen mit der auffälligen (auch farblichen) Zweiteilung von Kirchenschiff und Sakristei aufwarten kann.
16. Gränna (4,0/10)
Landschaftlich schön gelegen, viele Holzhäuser, aber eigentlich ein mieses Touristenkaff.
17. Göteborg (3,5/10)
Wie Hamburg: eine Betonwüste mit Konsummeilen und wenigen schönen, historischen Gebäuden. Immerhin eine tolle Parkanlage.
18. Helsingborg (3,0/10)
Nur der Platz ums herausragend trutzige Rathaus herum mit der Festung, von der man einen schönen Ausblick über Stadt und Meer hat, ist in dieser sonst hässlichen Industriestadt sehenswert.
19. Upplands-Väsby (1,5/10)
Ein hässliches, vor einigen Jahren industrialisiertes Kaff. Einzige Sehenswürdigkeit: die Rekonstruktion des Bauernhofs aus der Wikingerzeit.

b) Norwegen
1.Halden (5,5/10)
Hässlicher Ort in schöner Landschaft mit spektakulärer Festung. Die Festung ist auch herrlich in die Landschaft eingepasst.
2. Råde (2,5/10)
Typisch norwegisches Kaff mit vielen Holzhäusern, einer ganz netten Kirchen, einer steinzeitlichen Grabstätte und einem lustigen kleinen Fußballstadion.

c) Finnland
1. Rauma (7,5/10)
Der schönste Ort Finnlands: geschlossene Altstadt in nordeuropäischer Holzbauweise, schöne Kirche und Kirchenruine. Sonst auch ein paar Bausünden, aber z.B. auch ein gut in die Landschaft eingepasstes Stadion.
2. Turku (6,5/10)
Die Innenstadt ist zwar etwas verbaut – Jugendstilfassaden sind flankiert von minderwertigsten Betonbauten – aber die Burg ist eine tolle Anlage mit großer Ausdehnung und vielen Fassadendetails.
3. Lappi (3,0/10)
Ein hässliches Kaff mit schöner Holzkirche.
4. Kaarina (2,5/10)
Plattenbaukaff bei Turku, das eine ganz ansehnliche Festung auf der Spitze einer Insel zu bieten hat.
5. Helsinki (2,0/10)
Was eine erbärmliche Hauptstadt – aber eine Hauptstadt soll ja ihr Land repräsentieren, und das ist ebenso erbärmlich! Aber zwei Kirchen (Dom und russische Kathedrale) und das Olympiastadion sind sehenswert.
6. Säkyle (0,5/10)
Stinklangweiliges Kaff an einem stinklangweiligen See in einer stinklangweiligen Waldlandschaft.

d) Dänemark
1. Insel Møn (6,0/10)
Grüne, hügelige Landschaft, hohe Klippen im Osten, viele Wälder und ein paar ganz nette Reet gedeckte Häuser und Backsteinkirchen. Leider ziemlich überlaufen.
2. Kopenhagen (5,5/10)
Etliche sehenswerte Gebäude in der von ein paar Bausünden gestörten Altstadt. Trotz Christiansborg, Holmenkirche, Rathausplatz etc. kein Vergleich zu Stockholm.

Im Folgenden gebe ich Hinweise für andere Reisende, was für Dinge ich nach meinen Erfahrungen empfehlen oder lassen würde.

2. Wie kommt man da hin?
Wer noch nicht in Skandinavien war und jetzt Bock bekommen hat, hinzufahren, der sei gewarnt: Prüfe deine Finanzen, überlege wie viel du machen und sehen willst und was dir die Fahrt wert ist! Für 12 Tage Skandinavien habe ich mehr Geld gelassen, als für 20 Tage Syrien.
Aber nun zur Sache (die Anreise ist jeweils aus deutscher Sicht):

a) Dänemark:
Dort kommt man am einfachsten hin; aufs Festland fährt man mit dem Auto, die größeren Inseln sind mit Brücken zu erreichen, manchmal lohnen sich Flüge (wenn man z.B. aus München stammt und nur ein Wochenende in Kopenhagen sein will, dann kann man ja von München aus fliegen), aber Dänemark ist am besten mit dem Auto zu bereisen. Nur Achtung vor den beiden Mautbrücken (Kopenhagen – Malmö, Schweden: um die 38€ je Richtung und die andere zwischen den beiden großen Inseln Fyn und Sjælland um die 42€), ansonsten sind die Kosten für einen Kilometer etwa so hoch wie in Deutschland, da das Benzin nur etwas mehr kostet und keine Straßenmaut anfällt. Zu kleineren Inseln und auf die berühmte Insel Bornholm, die näher an Schweden – ja sogar näher an Polen und Deutschland – als an Kopenhagen und dem dänischen Festland liegt, kommt man nur per Schiff – und das ist meist unverhältnismäßig teuer.

b) Schweden:
Schweden ist das interessanteste aber trotzdem kostengünstigste Land Skandinaviens. Trotzdem sollte man vor einer Schwedenreise seine Interessen und sein Budget klären. Die billigste Art hin- und dort rum zu kommen ist, mit einer Personenfähre von Rostock aus nach Trelleborg zu fahren (Scandlines, September bis April: pro Strecke um die 20€ pro Passagier, Kabinen bei Nachtfahrten das vier- bis zwölffache!, Fahrräder und Motorräder nur 25 bzw. 50€ Aufpreis – in der Hauptsaison kostet alles bis zum Doppelten mehr!) und dann in Schweden mit öffentlichen Verkehrsmitteln (kaum billiger als in Deutschland, aber sehr zuverlässig und teilweise echt schnell, wobei natürlich unflexibler als Auto) herumkurven. Möglicherweise lohnt sich auch der „Berlin Night Express“ nach Malmö. Wer nur auf öffentliche Verkehrsmittel vertraut, sollte sich aber im Klaren sein, dass die Beträge, die er durch die Nichtbenutzung eines Autos (Privat- oder Mietwagen) spart, durch die längere Aufenthaltszeit im Land an Hotels etc. wieder raus haut. Es sei denn, er gibt sich mit Weniger zufrieden – für eine Tour, wie ich sie mit Auto und Fähre unternommen habe, braucht man mit öffentlichen Verkehrsmitteln definitiv drei statt zwei Wochen.
Für eine Kurzreise von Rostock aus, lohnt sich aber die Fähre nach Trelleborg (dann kann man die Südküste per eigenem Fahrrad oder mit Bus oder Bahn erkunden) oder ein Flug von Berlin nach Stockholm (Achtung: normalerweise sollte man bei 140-150€ p.P. hin- und zurück rauskommen; Billigflieger locken mit Spottpreisen, doch am Ende muss man durch Zusatzgebühren genauso viel, wie bei SAS oder Lufthansa zahlen!). Der ÖPNV von Stockholm ist normalerweise sauteuer, doch es gibt Touristen-(Mehr-)Tagestickets und ähnliche Rabattierungen.

c) Norwegen:
Welche Idioten mit zu viel Kohle fahren da mit Caravans hin?! Das muss doch sauteuer sein! Entweder fliegen oder von Schweden aus mit Auto oder Zug hineinfahren.

d) Finnland:
Wer nur nach Finnland will – wer will das eigentlich?! –, der fliegt am besten (Berlin – Helsinki ist oft recht günstig). Von Schweden aus entweder per Flugzeug oder per Fähre (Preise abwiegen, Fähre ist oft das billiger, was sie länger braucht und bei einer Nachtfähre spart man das Hotel). Am besten ist die Strecke Stockholm – Turku.

3. Wo kann man übernachten?
Für Dänemark habe ich mir keine Gedanken wegen Übernachtung gemacht, nur sind in Kopenhagen alle Hotels teuer (ab 60€ DZ/ Nacht). In Norwegen locker das Doppelte! Deshalb beschränkte ich mich in dem Abschnitt auf Finnland und Schweden. Bei ersterem Land muss man auch oft viel Geld hinblättern, da alle Hotels, Hostels etc. auf mehr oder weniger hohem Niveau sind. Jedoch ist das Preis-Leistungs-Verhältnis alles in allem mindestens so schlecht wie in England. In wichtigeren Städten Finnlands wie Turku z.B. sind Ablegerhotels großer Ketten wie „Holiday Inn“ oft verhältnismäßig günstig (65€ DZ/ Nacht im Holiday Inn in Turku! Da zahl ich in vielen Städten das Doppelte!). In Helsinki hingegen sind Jugendherbergen (mit internationalem Herbergsausweis noch billiger) oft recht günstig: zum Beispiel das „Stadion Hostel“ im Olympiastadion von Helsinki. Die Doppelzimmer kosten knapp 50€, ein Bett im Schlafsaal weniger als 20€. Die Qualität der Zimmer – sehr klein und abgewohnt – lässt aber zu wünschen übrig.
In Schweden kann ich Formule 1 empfehlen – zwar sind 41€ immer noch frech hoch, aber billiger geht es kaum in Schweden – was Hotels in Malmö, Göteborg, Jönköping und Stockholm hat. Accor hat leider keine „Etaps“, sondern nur die dritte Kategorie nach Formule 1 und Etap – nämlich Ibis – zu bieten, die je nach Stadt 60-80€ pro DZ/ Nacht kosten. Auf dem Preisniveau der Formule 1 bewegen sich nur vereinzelte Bed-and-Breakfast-Übernachtungen. Höchsten ein paar Jugendherbergen sind mit Betten im Schlafsaal ab 20€ – viele solcher Herbergen kosten aber pro Bett locker 40€ – noch billiger. Diese Einrichtungen heißen übrigens „Vandrarhem“ und sind meist so teurer, da sie auf einem viel höheren Standard als jede normale deutsche Jugendherberge sind. Allerdings kann da nicht von einem günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis geredet werden.
Campingplätze sind oft teuerer als in Deutschland, verlangen eine spezielle „Skandinavien-Karte“ und sind für den Camper eigentlich keine Alternative zum kostenlos außerhalb von Privatgrundstücken und Orten (also viel Platz!) erlaubten wilden Camping.
Was Übernachten in Schweden angeht, kann ich nur zwei andere Groundhopper (A und B) zu diesem Thema zitieren:
A: Kann man in Schweden auch billig übernachten?
B: Hier in dem B&B kostet das Einzelzimmer 35€, in dem Hostel kriegste ein Bett für 30€ und bei dem kleinen Hotel kostet das 40€.
A: Was? Geht das nicht billiger?
B: Hä? Woran hast denn du gedacht, bei Stockholm und Norrköping?
A: Na so um die 20€ so...
B: Ey vergiss es, Alter!

4. Herumreisen in Skandinavien:
Für alle vier Länder gilt beim Autofahren: Vorsicht, nicht einschlafen! Die unsinnigen Geschwindigkeitsbeschränkungen auf breiten Autobahnen (z.B. 100 km/h in Norwegen, 110-120 in Schweden und 120 in Finnland) verleiten einen gepaart mit dem schlechten Radio und der lahmen Fahrweise vieler Fahrer dazu. Außer den Rocksendern, kann man sich kein skandinavisches Radio anhören. Die Rockmusik ist allerdings immer wieder von minutenlangen Anmoderationen und Werbeblöcken der extrem nervtötenden Art unterbrochen. Besonders schlecht sind dänische und schwedische Sender. Am besten fand ich „Radio Rock“ – die spielen viel Heavy Metal und so was – was in weiten Teilen Finnlands empfangbar ist.
Vor allem Finnen können meist nicht ordentlich Autofahren, starten z.B. erst wenn die Ampel schon drei Sekunden grün zeigt mit Schrittgeschwindigkeit bis zu Kreuzungsmitte. In Dänemark wird zügiger aber v.a. in Kopenhagen oft sehr hektisch (wieso muss man eigentlich mit 150 rechts überholen, wenn schon einer links mit 140 statt 130 fährt?) gefahren. Die Autobahnen sind auf 130 ausgelegt, aber viele fahren 150 und drängeln hemmungslos und arrogant. Norweger fahren auf Autobahnen meist konstant 120, da fast nur auf Landstraßen (20 km/h drüber kosten aber geisteskranke 800€ Strafe oder so) kontrolliert wird. In Schweden muss man sich manchmal auch über Geschwindigkeitsübertretungen bis 30km/h + und wilde Überholmanöver der Einheimischen wundern. Da Schweden und Norwegen noch die schönsten Landschaften haben, ist das Fahren dort auch am angenehmsten. Vor allem die Landstraßen in Schweden, die teils trotz enger Verkehrsführungen recht mutig bis 100km/h freigegeben sind, und durch teils abwechslungsreiche Wälder, Seen- und Felslandschaften führen, sind ganz schön zu fahren.
Kraftstoff ist in Schweden mit 1,25-1,30€/ Liter Super bzw. 1,20€/ l Diesel etwas billiger als in Deutschland (1,40€ Benzin, 1,20€ Diesel). In Dänemark sind beide Kraftstoffformen etwa fünf bis zehn Cent teurer als in Deutschland. In Finnland kostet Benzin noch etwas mehr, Diesel aber etwa 10 Cent weniger als in Deutschland. In Norwegen kosten beide Kraftstoffarten etwa 1,50€ pro Liter, was nach der Türkei (1,80€ bzw. 1,40€!!!) und vor Finnland bzw. Deutschland die weltweit zweithöchsten Preise sind. Bei der starken Förderung der Statoil ist das einfach nur asozial – die Förderungskosten sind selbst off-shore in der Nordsee nicht so hoch, dass man da ohne 75% Steuern draufzuschlagen, auf solche Wucherpreise kommt.
Wer nicht mit dem eigenen Auto oder dem deutschen Mietwagen kommt und in z.B. Schweden eine Karre mieten will, muss auf horrende Preise gefasst sein: eine Krücke von Ford Ka kostet bei Hertz fast doppelt so viel wie in Deutschland (an Flughäfen 100€ pro Tag, in Stockholm-Hammarby 80€, in Malmö 80-95€ - eine Woche zu mieten kommt allerdings dann nicht viel teurer als in Deutschland: um die 275€). Auch andere Anbieter sind unangenehm teuer. Davon, dass Europcar im Schnitt 15€ wenige pro Tag bzw. 35€ weniger pro Woche will, sollte man sich nicht ablenken lassen. Bei der Firma haben wir schon erlebt, dass uns „ohne Kilometerbegrenzung“ auf der Website mit „garantierter Preis“ versprochen wurde, und hinterher dann noch 10% mehr verlangt wurde, da wir die „kalkulierten Kilometer“ überschritten hätten. Also bloß nicht bei Europcar mieten!
Was öffentliche Verkehrsmittel angeht, wiederhole ich mich noch mal: sie sind kaum billiger als in Deutschland, aber sehr zuverlässig und teilweise echt schnell, wobei natürlich unflexibler als das Auto. Wer nur auf öffentliche Verkehrsmittel vertraut, sollte sich aber im Klaren sein, dass die Beträge, die er durch die Nichtbenutzung eines Autos (Privat- oder Mietwagen) spart, durch die längere Aufenthaltszeit im Land an Hotels etc. wieder raus haut. Es sei denn, er gibt sich mit Weniger zufrieden – für eine Tour, wie ich sie mit Auto und Fähre unternommen habe, braucht man mit öffentlichen Verkehrsmitteln definitiv drei statt zwei Wochen.

5. Allgemeine Dinge:
Es gibt fast keine Grenzkontrollen zwischen den Ländern (nur stichprobenartig zwischen Norwegen und Schweden), keine Visumspflicht für Deutsche und andere EU-Bürger, die Kriminalitätsrate ist niedriger als in Deutschland, besondere Unruheherde gibt es nicht – nicht einmal randalierende Migrantenjugendlichen, da vor allem Schweden um ein Vielfaches vorbildlicher mit Migranten umgeht, als Deutschland oder gar Frankreich – und die Kosten für Dinge des täglichen Bedarfs (Essen etc.) sind in Schweden so hoch wie in Deutschland, in Finnland und Dänemark etwas und in Norwegen deutlich teurer. Oslo zum Beispiel, ist sogar noch teurer als London!

Reiseführer und Bildbände habe ich nicht zu Rate gezogen. Karten habe ich von Falk: „Skandinavien. Dänemark, Norwegen, Schweden.“ und von Freytag & Berndt: „Finnland.“ genutzt. Erstere ist etwas großmaßstäblich, aber außer bei kleinen Nebenstraßen sehr gut nutzbar und hat auch fast alle Sehenswürdigkeiten drin, die andere hat mäßige Stadtpläne im Booklet und schwachsinnigerweise jede hässliche 1990er-Jahre Kirche aber keine einzige andere Sehenswürdigkeiten – die wenigen Burgen Finnlands muss man doch verzeichnen! – angezeigt, reicht aber zur Orientierung, wenn man weiß, was sehenswert ist vor Ort.
Einen Schwedischsprachführer – Langenscheidt. Universal-Sprachführer Schwedisch – habe ich auch, aber gut lernen kann man die Sprache nicht mit dem Führer, da z.B. die Ausspracheregeln unzulänglich erklärt sind, auf regionale Besonderheiten nicht eingegangen wird und die Einteilung unübersichtlich ist. Da zudem das Wortregister fehlt, muss man diesen Sprachführer – wie so viele Produkte des völlig überschätzten und sich dreist Monopole auf Sprachenliteratur ergaunernden Verlags mit dem L – in die Kategorie „Buntbedrucktes Klopapier“ einordnen.

Sprachen haben in der Schulbildung in allen skandinavischen Ländern einen erfreulich hohen Stellenwert. Trotzdem kommen auch Naturwissenschaften nicht zu kurz, weswegen man das Bildungssystem – gerade von Schweden und Finnland – nur loben und gegenüber dem deutschen, was zwar nicht schlecht, aber auf jeden Fall an vielen Stellen verbesserungswürdig ist, hervorheben muss. Weswegen ich das Bildungssystem hier erwähne, ist der Punkt, dass ich zwar raten muss, die wichtigsten 10 oder 20 Redewendungen auf Schwedisch usw. zu lernen – aber Englisch kann dort fast jeder gut bis perfekt. Nur ältere Menschen und ungebildete Landeier können keinen vollständigen Satz oder manchmal noch nicht mal ein Wort Englisch hervorbringen. Ein paar Leute sprechen in Skandinavien auch Deutsch. Die skandinavischen Sprachen sind – bis auf das zur uralischen Sprachfamilie gehörende Finnisch, was sehr komplex ist – verhältnismäßig leicht zu lernen. Wer mit Englisch nicht zurecht kommt, wird auch mit Schwedisch, Dänisch und Norwegisch nichts anfangen können, aber für einen wie mich, der Arabisch, Hebräisch und Türkisch lernt und auch schon mit Armenisch, Russisch und Polnisch zu tun hatte, wirkt Schwedisch – und auch Dänisch so wie Norwegisch – recht einfach. Aber ohne Interesse und Motivation (was interessiert mich Norwegisch – klingt zwar schön, aber nach Norwegen muss ich nicht noch mal reisen – oder das einfach grauenhaft klingende Dänisch?!) geht da nichts – und wer so wenig Zeit vor der Reise hat, wie ich hatte, der lernt auch nicht viel mehr als 20 Redewendungen auf Schwedisch, auch wenn mich diese Sprache auf jeden Fall interessiert!

6. Groundhopping:
Skandinavien ist ein Traum für Groundhopper. Zwar ein recht teurer Traum, da die Eintrittspreise etwa so hoch wie in vergleichbaren deutschen Ligen – in Norwegen sogar noch höher – sind, aber man kann jeden Tag Sport sehen. Es gibt kaum einen Tag im Jahr, wo man keine Sportveranstaltung findet. Von April bis Oktober ist Fußballsaison, September bis April kann man Eishockey, Bandy, Handball usw. sehen.
Die Auswahl an Sportarten ist groß, die Anzahl der Mannschaft enorm und auch die Attraktivität vieler Stadien hoch. Das Stockholmer Olympiastadion ist mit Sicherheit das schönste Stadion, ja: die schönste aller Sportanlagen, auf der Welt! Wer ein besseres kennen will, soll mir das mal zeigen!
Karten bekommt man am Spieltag an der Stadionkasse, was auch in den höchsten Spielklassen meist problemlos möglich ist. Ausnahmen sind natürlich meisterschaftsentscheidende Spiele, Pokalfinals und Derbys wie die drei Stockholmer, das Osloer, Helsinkier oder Kopenhagener oder Stockholmer Clubs gegen GAIS Göteborg. Da kann man dann auf Internetanbieter wie ticnet.se zurückgreifen, die allerdings unpraktisch und unübersichtlich sind. Man kann auch Karten nur reservieren und muss sie dann rechtzeitig vorm Spiel in einem Büro (Anschrift siehe entsprechende Website) abholen.
Die Organisation ist ansonsten recht Groundhopping freundlich, da man bei vielen Spielen schon Monate im Voraus weiß, wann sie stattfinden und diese auch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit wie geplant stattfinden. Die Websites vom norwegischen und schwedischen Verband haben zwar oft keine Anfahrtsbeschreibungen zu Spielorten, aber die findet man über die Vereinswebsites oft schnell – doch das beste an den Verbandsseiten ist die Datumssuche: Datum eingeben und man erhält alle offiziellen Spiele am gesuchten Tag, die in Norwegen bzw. Schweden stattfinden.
Wem das noch nicht reicht und wer meint: „Viele Spiele, viele Stadien; schön und gut, aber wo bleibt die Stimmung?“ – dem sei gesagt, dass es eine Reihe von Derbys (wenige in Norwegen und Finnland, etwas mehr in Dänemark und mit Abstand die meisten in Schweden) gibt und auch Spiele der Nationalmannschaften mitunter sehr stimmungsvoll sind. Choreos, Pyrotechnik, Raufereien und einfallsreiche und laute Schlachtgesänge sind zwar nicht an der Tagesordnung, aber in höheren Ligen des Öfteren – besonders halt in Schweden – anzutreffen. Wer den Videobeweis haben will: bitte –
AIK gegen DIF (2009) - oder auch von einem anderen Stockholmer Derby.
Wen die Kommerzialisierung in den Bundesligen oder woanders stört, wird auch in Skandinavien Negatives finden, da man einige Ligen mit Sponsorennamen (die höchsten norwegischen und dänischen Spielklassen) verunstaltet hat, aber weit weniger nervende Kommerzerscheinungen als in Deutschland. Auch hier kann man wieder Schweden positiv hervorheben, da es eher den Eindruck macht, dass hier noch der Sport im Vordergrund steht und nicht Geschäftemacherei. Es ist weniger Show zu bemerken, es gibt keine Sponsorennamen-Vereine, kaum Stadien mit Sponsorennamen, organisierte Stimmungsmache von „Sponsoren des Tages“ wird von den Fans meist geschlossen boykottiert und die offiziell strengen Stadionordnungen werden bei weitem nicht vollständig durchgesetzt. Nur wenn es mal Krawall gibt,
wird das ähnlich dramatisiert wie in Deutschland (das Spiel wurde aber auch abgebrochen: und das war erste Liga!).
Aber die Umsätze und Summen, mit denen die Vereine – selbst jene in der Allsvenskan – hantieren, erreichen selbst gemeinsam nicht Bayern Münchens Umsatz und nur ein Drittel von der Milliardenperversion von Real Madrid: die reichsten schwedischen Clubs haben knapp über 10 Millionen Euro Umsatz, kleinere Erstligisten nur 1,5 bis 3 Millionen.
Während in der ersten Bundesliga 12 von 18 Stadien nach Sponsoren heißen und 1 den spinnerten Namenszusatz „Arena“ gepaart mit dem regionalen Namen „Rhein-Neckar“ tragen, hören nur 2 der 14 Stadien der Allsvenskan auf Sponsorennamen und 1 trägt den Namen „Borås [der Name des Heimvereins] Arena“. Die Mehrheit der schwedischen Stadien sind auch nicht so gesichtslose Neubauten oder 0815-Sanierungen, sondern ältere oder sogar historische, d.h. mit Holztribünen von oft um die 80 Jahren Alter bestückte Stadien.
In Skandinavien ist doch einiges eine Nummer kleiner im Sport, doch wenn man die Erfolge und das Niveau – Fußball in Schweden, Dänemark; Eishockey in Schweden und Finnland, Handball in Schweden und Dänemark usw. – ansieht, ist das absolut respektabel und kombiniert mit dem Umfeld (Stadien, Fans etc.) ist der Profisport in Skandinavien auch sympathischer und angenehmer als jener in Deutschland. Meine Erfahrungen im skandinavischen Amateurbereich erinnerten mich an diejenigen deutschen Amateurligen, die weit genug weg vom Schuss (bzw. der Kommerzialisierung und Professionalisierung des Sports) sind, und somit meine sportlichen Präferenzen – Leistungen müssen nicht weltklasse sein, wenn das Umfeld halbwegs stimmt und die Spieler sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten ins Zeug legen – trifft.

7. Zusammenfassend gesagt:
Also Schweden ist wirklich ein sehr sehenswertes Land. Stockholm ist eine sehr schöne Hauptstadt und einige kleinere Orte wie Uppsala oder Karlstad lohnen einen Besuch. Mit dem Groundhopping waren wir in allen Ländern zufrieden bis sehr angetan. Allerdings kann in Sachen Sehenswürdigkeiten und Reisequalität ich weder Dänemark noch Norwegen und erstrecht nicht Finnland empfehlen. Von den vier skandinavischen Ländern ist Schweden so viel interessanter, schöner und sympathischer - dabei sogar kostengünstiger - als die anderen drei Staaten, sodass ich wirklich nur Schweden empfehlen kann und von Dänemark, Norwegen und Finnland abraten muss!

W217II: Über Dänemark zurück nach Deutschland

Photos and English Version:
Copenhagen (Capital of Denmark)
Island of Møn (Denmark)
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In Jönköping gab es erstaunlich gutes Frühstück für ein Formule 1 - Hotel. Danach ging es gleich auf die Piste und wir fuhren bis Kopenhagen durch. Auch Kopenhagen kann nicht mit Stockholm mithalten. Teurer, aber dafür weniger zu sehen und viele unfreundliche Leute. So derartig dumme Autofahrer und vor allem Lieferanten, die dauernd jedem den Weg versperrten, habe ich auch noch nirgendwo erlebt. So benehmen sich meistens nur unerfahrene Dorfdeppen, wenn sie zum ersten Mal in die Hauptstadt kommen – aber die Trottel wohnen bestimmt seit Generationen in der Innenstadt. Aber wenigstens fahren viele vernünftig Fahrrad. Und so hässlich wie Helsinki ist Kopenhagen dann natürlich auch nicht, denn schon allein das Schloss Christiansborg ist sehenswerter als alle repräsentativen Bauten der finnischen Kapitale. Die Holmenkirche ist Innen eine sehr schöne Kirche mit holzgeschnitztem Altar, während St. Nicolai zwar spektakulär hoch ist, aber nur gegen Eintritt eine Kunstsammlung zu bieten hat. Das Rathaus ist im selben Stil und derselben Größe wie das Stadthaus in Stockholm erbaut, hat aber weniger gute Fassadendetails zu bieten. So internationale und multikulturelle Details wie in Stockholm wären bei der dänischen Gesellschaft und Politik auch nicht angebracht. Ein paar schöne Privathäuser sind vor allem die oft zwischen minderwertigen Betonfassaden eingeklemmten Fachwerkhäuser.

Noch schöner als das Ziegel gedeckte Fachwerk in Kopenhagen sind die Reet gedeckten Gebäude auf Møn. Dort gibt es auch ein paar spätmittelalterliche Kirchen, so wie ein historistisches Schlösschen neben den Klippen am Ostrand der Insel. Die Landschaft ist ganz schön, da hügelig und bewaldet.

In Gedser ging es dann reibungslos auf die Fähre, wo man im Bordrestaurant hervorragend – aber extrem teuer, jedoch kostet es auf dem Land in Kopenhagen usw. mindestens genauso viel – essen kann. Als wir in Rostock von der Fähre runter waren, musste ich das Fazit ziehen, dass Dänemark deutlich weniger sehenswert ist, als ich das erwartet hatte. Was ich bei meinem Tagesausflug mit Fußballspiel 2007 gar nicht so wahrgenommen hatte – aber jetzt nach dem häufigen Hören und Sprechen von Schwedisch (aber auch etwas Norwegisch und Finnisch, was alle drei schöne und angenehm in der Aussprache anzuhörende Sprachen sind) war es mir doch sehr deutlich aufgefallen – ist, dass Dänisch grauenhaft klingt: ich dachte der Radioreporter sei besoffen, aber Dänisch wird in der normalen Aussprache genuschelt, gelispelt und gelallt, dass es nicht zum Anhören ist. Das klingt ja so was von Scheiße! Bisher hatte ich Amerikanisches und Kanadisches Englisch als schlimmste Sprachen ausmachen können, aber Dänisch hat sich jetzt an das Ende dieser Tabelle gesetzt. Selbst Schwäbisch klingt da noch besser.
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Nun gut. Aus diversen Gründen hat uns Schweden am besten gefallen. Das wird auch das einzige skandinavische Land sein, was wir noch mal besuchen werden. Eine Übersicht gibt es im oberen Post „W217III: Zusammenfassung Sehenswürdigkeiten und Tipps“.

Statistik:
Tageskilometer: 670 (610 Auto, 60 Fähre) + 400 Auto am Folgetag
Saisonkilometer: 9.470 (7.170 Auto/ 1.120 Fahrrad/ 800 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)

W217I: Das letzte Fußballspiel in Schweden

Jönköpings Södra 2:1 Väsby United
Montag 20. September 2010 – Anstoß 19.00
Superettan (2. schwedische Profiliga)
Ergebnis: 2:1 nach 96 Min. (46/50) – Halbzeit 2:1
Tore: 1:0 10. Tommy Thelin, 1:1 30. Magnus Erriksson, 2:1 40. Kristoffer Fagerkrantz
Verwarnungen: Fredric Fendrich, Dennis Östlundh (beide Jönköping)
Platzverweise: keine
Spielort: Stadsparksvallen (5.200, davon 1.413 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 3.000 (keine Gästefans)
Unterhaltungswert: 7,5/10 (Schnelles und sehr spannendes Spiel auf sehr schwer bespielbarem Boden)
Sightseeing: 7,0/10 (Schwedens bekannteste Schlösser und ein bisschen Tour über die Dörfer)
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Photos and English version:
Jönköpings Södra 2-1 Väsby United
Drottningholm & Gripsholm Royal Palaces
Swedish Countryside: Aspa

An diesem extrem ruhigen Montag – irgendwie war arbeitsfrei, denn der allmorgendliche Werktagsstau blieb diesmal aus – fuhren wir schon einen Teil der Strecke nach Hause. Es sollte auch von den Besichtigungen her der letzte Tag in Schweden sein. Ebenso war es das letzte Fußballspiel in Schweden. In dieses schöne Land kommen wir aber sicherlich einmal wieder!

Der erste Besichtigungspunkt war das Schloss Drottningholm mit seinem tollen Landschaftspark – von barocken Buchsbaumhecken bis zum chinesischen Pavillon gibt es einige Dinge zu sehen – vor den Toren Stockholms. Das Schloss ist nach wie vor bedeutsam für die Königsfamilie, kann aber trotzdem zu festgelegten Uhrzeiten fast jeden Tag für 80 Kronen (8€) besichtigt werden. Im Schlosspark und vor der Parkseite des Schlosses ist übrigens auch ein Bereich für die Königsfamilie abgesperrt.

Ein weiteres prachtvolles Schloss steht in Gripsholm, wobei ich dieses, meist hinter Drottningholm eingeordnete Schloss, noch um einiges schöner finde. Gripsholm mit seinen hohen roten Mauern und den starken runden Türmen liegt auf einer Insel in einem See der Seenplatte westlich von Stockholm. Dort kann man auch kostenlos in den Innenhof, wo man noch weitere schöne Fassadenansichten erhält und auch zwei kuriose Kanonen, die u.a. mit Wolfsköpfen und Blumen verziert sind, sieht.

Über teils sehr enge Landstraßen fuhren wir nach Nyköping – einen Zwischenhalt legten wir ein: Im Dorf Aspa (kurz hinter Björnvik) sollte man dem Hinweis zur Kirche folgen, da der Bau im Ortsteil Trollesund durch seine idyllische Lage und die architektonische Zweiteilung (gelbes Hauptschiff mit Turm und rot-weißer Rundbau mit auffälligem Turmaufsatz hinten dran) zu gefallen weiß – und von dort weiter die Autobahn nach Jönköping.
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In Jönköping checkten wir für die Nacht im F1 ein – das erste Mal, dass wir jemand wirklich freundliches an der Rezeption eines Formule 1 haben: war aber auch offensichtlich eine Assyrerin – und fuhren dann zum Stadion. Dort war dann alles ganz anders als beim Spiel derselben Liga gestern. Angemessene Eintrittspreise (10€ bzw. Kinder, Schüler, Studenten, Rentner 6€ für überdachten Stehplatz), aber total schwule Softpop-Mucke aus den Lautsprechern. Keine Fahnen, keine Choreo, keine Ultras – dafür ganz klassischer Amateursupport: lautstark und emotional oder resigniert und still auf den Spielverlauf reagierend (heute war es zum Glück meistens die lautstarke Variante). Auch anders als gestern: nur die Heimfans unterhielten das Stadion, denn es waren keine Gästefans zugegen. Weniger klar aufgrund des Wochentages, sondern bei diesem Scheißverein aus Väsby ist das einfach immer so.

Das Stadion heißt nach dem Stadtpark in dem es steht. Der Park erhebt sich meterhoch über die unattraktive Industriestadt. Der Eingangsbereich ist recht gelungen mit einem etwas albern wirkenden Fortähnlichen Eingang und einer aus Holz geschnitzten Fußballerfigur. Links vom Eingang ist der Hintertorbereich ausbautenlos, die Längsseite jedoch mit der Sitztribüne belegt. Diese hat 1.413 Sitzplätze auf Holzbänken und eine geschwungene Überdachung zu bieten. VIP- und Presselogen wirken sehr bodenständig und wären in Deutschland in jedem Oberligastadion (unnötigerweise!) komfortabler. Hinter dem anderen Tor befindet sich die aus Holz und Stahl zusammen gebastelte Stehtribüne für Gästefans, die als einzige nicht überdacht ist – echt gastfreundlich, Leute! – und wir platzierten uns auf der anderen Längsseite, wo es überdachte Stehplätze auf steilen Holzstufen gibt.

Auf den Stehplätzen wurde recht eng gestanden – man hatte keine Karten für die Stehplätze gedruckt, weswegen die Zuschauerzahl so völlig unsinnig angegeben wurden – und ganz gut für die oben beschriebene Stimmung gesorgt. Jönköping braucht auch Unterstützung, da sie als 13. auf dem ersten der zwei Relegationsplätze stehen. Der Gegner aus dem industrialisierten Kuhdorf bei Stockholm ist allerdings als 15. nur Vorletzter und würde damit so direkt wie Trollhättan absteigen.

Jönköping hatte den besseren Start und eröffnete ein rasantes Spiel. Nach nur 10 Minuten hatten sie auch schon das erste Tor gemacht, nachdem sie die Gästeabwehr schwindlig gespielt hatten. Nach 20 Minuten kam Väsby etwas ins Spiel und schoss den Ball nach einer halben Stunde spektakulär ins Eck. Allerdings sah es aus, als habe er den Pfosten und nicht die Toraufhängung getroffen. Jönköping ließ sich nicht schocken und erzielte nur 10 Minuten später mit einem tollen Außenristschuss aus vollem Lauf und spitzem Winkel 25m vorm Tor den Ausgleich. Der Torschütze Fagerkrantz, der den Ball so genial über den Torwart schoss, sodass sich der Ball erst unerreichbar hoch befand und dann doch noch ins Tor tropfte, zog jetzt ein Halstuch hervor, das er in Wildwestmanier vor Mund und Nase zog, einen bestimmten Zuschauer mit seinen zu Pistolen geformten Fingern beschoss woraufhin der Fan mit seinem Schirm zurück schoss. Fagerkrantz ließ sich daraufhin nach hinten fallen, sodass alle möglichen Mitspieler auf in drauf springen konnten.

Nach der Pause regnete es noch stärker, der Boden wurde noch tiefer und rutschiger und in Deutschland hätte man das Spiel aufgrund der Tatsache, dass immer wieder Bälle liegen blieben wegen der Pfützen auf dem Rasen und den aus der Nässe resultierenden wilden Grätschen der Spieler, die unkontrolliert in den Gegner reinrutschten (machten die aber auch mit Absicht!), wahrscheinlich abgebrochen. Aber in Schweden ist das nicht so unnormal – auch wenn der Regen heute stärker als meist war –, sodass das Spiel weiter ging und das Schiedsrichtergespann immer wieder mit fragwürdigen Entscheidungen zugunsten der Gäste negativ auffallen konnte. Aber auch durch leichte Mithilfe der „Un“parteiischen schaffte Väsby zum Glück nicht mehr den Ausgleich. Damit dürften sie endlich abgestiegen sein und der Abstiegskampf ist für Jönköping nun auch wieder weniger aussichtslos.
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Statistik:
Ground Nr. 475 (ein neuer Ground; diese Saison: 25 neue)
Sportveranstaltung Nr. 1.069 (diese Saison: 31)
Tageskilometer: 400 (Auto)
Saisonkilometer: 8.400 (6.160 Auto/ 1.120 Fahrrad/ 740 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 58
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 217

W216VII: Schweden zwischen Uppsala und Syrien

Assyriska FF Södertälje 2:0 Syrianska FC (Södertälje)
Sonntag 19. September 2010 – Anstoß 18.00
Superettan (2. schwedische Profifußballliga)
Ergebnis: 2:0 nach 97 Min. (46/51) – Halbzeit 1:0
Tore: 1:0 24. Göran Marklund, 2:0 86. Andreas Haddad
Verwarnungen: Magnus Bahne, Fredrik Samuelson (Assyriska); Ivan Ristič, Denis Velič, Dwayne Miller, Dinko Felic (Syrianska)
Platzverweise: keine
Spielort: Södertälje fotbollsarena (= Jalla-Vallen; Kap. 8.000, davon 4.200 Sitzplätze)
Zuschauer: 3.423 (davon ca. 1.500 Gästefans)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Hartes und spannendes Spiel mit toller Stimmung aber wenig verdientem Sieger)
Sightseeing: 9,0/10 (Uppsala ist eine der sehenswertesten Städte Skandinaviens, in Södertälje erlebt man dann die Kultur der syrischen Christenheit)
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Photos and English version:
ASSYRISKA 2-0 SYRIANSKA (THE ASSYRIAN - SYRIAC DERBY)
Södertälje (Centre of Assyrian community in Sweden)
UPPSALA – (OLD TOWN, BOTANICAL GARDEN)

Videos:
Assyriska Support During Match
Pitch Invasion Assyriska Fans
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Als erster Programmpunkt stand Uppsala auf dem Zettel. Dieser Ort mit dem lustigen Namen ist durch seine traditionsreiche und gute Universität bekannt. Zudem ist Uppsala seit etwa 2.000 Jahren besiedelt, wovon im äußersten Norden der Stadt auch Hügelgräber enormer Größe zeugen. Neben den Hügelgräbern befinden sich ein mittelalterlicher Bauernhof und eine sehr schöne Kirche, die ebenfalls bis ins Mittelalter datiert. Auch bei dieser Kirche steht der Glockenstuhl als Holzbau neben dem steinernen Kirchenschiff.

Auf dem Weg in die Innenstadt fällt eine Moschee mit türkisgrüner Kuppel und schlankem, kleinen Minarett auf. Der Dom bildet den einen Hauptanziehungspunkt der Innenstadt und hat einen 118 Meter hohen Doppelturm zu bieten. Dadurch ist der Dom das höchste Sakralgebäude Skandinaviens. Das Unigebäude gegenüber hat eine spektakuläre Kuppel. Das Schloss ist in einem etwas dämlichen Farbton gestrichen, aber ein sehr gut erhaltener Barocker Festungsbau mit vier enormen Wehrtürmen. Einige der Kanonen sind auf den unterhalb der langen Schlosstreppe gelegenen Barockgarten des botanischen Gartens, auch als Linné-Garten nach dem berühmten Botaniker genannt und mit 355 Jahren Alter der älteste botanische Garten Schwedens, gerichtet. Im Barockgarten findet man die üblichen Buchsbaumformationen um gepflegte Rasenflächen und den ein oder anderen Baum zwischen Palme und Pinie. Im Teil links von der Straße gibt es neben alten oder kuriosen Gemüsearten (zweifarbige Gurken, riesiger Rosenkohl usw.) auch Seidelbast, schwarze Hagebutten und ein tropisches Gewächshaus. Das kostet skandinavientypisch 4€ Eintritt – typisch deshalb, da man Sehenswürdigkeiten wie Burgen, aber auch botanische Gärten oft zu 85% kostenlos besichtigen kann, bis man in den kleinen Kern (15%) kommt, wo unverhältnismäßig viel verlangt wird – aber da es noch geschlossen war, gingen wir weiter, schauten uns noch ein paar historische Gebäude in der Innenstadt an und fuhren dann nach Södertälje weiter.
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Södertälje ist eine Industriestadt mit drei oder vier sehenswerten Gebäuden, doch für einen am Nahen Osten oder dem Orientchristentum Interessierten ein interessanter Ort. Die Industrie (Scania, AstraZeneca u.a.) lockte nämlich Assyrer, Araber und andere aus diesem Raum an, integrierte sie in die Arbeit ebenso wie mit verpflichtenden kostenlosen Sprachkursen in das schwedische Leben, und bildet damit ein positives Beispiel für gelungene Integration von Angehörigen einer fremden Kultur in einem europäischen Einwanderungsland.
Von den zwei sehr gegensätzlich gestalteten Kirchen gehört die eine zur syrischen Gemeinde. Die ältere Kirche im Zentrum fällt vor allem wegen ihrer unheimlich hohen Anzahl von Schädel- und Knochendarstellungen – v.a. über Türen und Fenstern – auf. Die neue syrische Kirche – der Bischofssitz der gesamt-skandinavischen Gemeinde der Assyrer, die sich aus Arbeitssuchenden und politischen Flüchtlingen aus Syrien und dem Libanon, vor religiöser oder politischer Verfolgung aus der Türkei Geflohenen und - in besonders großer Zahl - dem Krieg im Irak Entkommenen zusammensetzt – ist ein moderner, weißer Bau, der Innen schön ausgestaltet ist mit Fresken und einem hohen Altarraum. Der Hausmeister, ein syrischer Chemiker, führt einen gerne durch und unterhält sich mit den Gästen. Nachdem ich ihm auf Nachfrage von meinem Studium erzählte, gab er gleich mal für die Arabischkenntnisse Kaffe und Puddingbrezeln aus. Nach einer ganzen Weile verabschiedeten wir uns gen Stadtzentrum, wo einen immer klarer wurde, dass der Anteil von Nicht-Schweden an der Bevölkerung bei 40% (davon sind wiederum 90% Assyrer) liegt – selbst die, die nicht gleich als Assyrer oder Araber erkennbar waren, stellten sich im Gespräch als Russen oder Ukrainer heraus. Stilecht für diese Stadt aßen wir in einem arabischen Imbiss. Der war richtig gut frequentiert und hatte gutes Essen im Angebot. Bei den Besuchern handelte es sich um eine Mischung aus Schweden und Afrikanern, Japanern und Arabern: vom dicken schwedischen Bauarbeiter in verschlissener Arbeitskleidung mit greller Warnweste bis zur hübschen, in engen Ledersachen und mit hohen Schuhen bestückten Syrerin war alles mögliche dabei.
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Die Eintrittskarten für das Spiel der zweiten Liga – dem Duell schlechthin in Södertälje – hatten wir schon vor der Kirchenbesichtigung besorgt. Wahnsinn, dass da 20 bis 25€ durch Toppzuschlag und Spieltags- (statt Vorveraufs-)gebühr verlangt wurden! So eine asoziale Auspreisung ist selbst in Schweden selten! Dabei haben die Leute, ob sie nun gut ausgebildete Facharbeiter oder einfachere Kräfte in der Industrie Södertäljes sind, hier nicht so viel Geld zum Ausgeben. Wir begaben uns nach der für Schweden sehr strengen, aber nicht übertriebenen Kontrolle zu den Syrianska Fans auf Stehplätze auf der steinernen Gegentribüne. Erste Reihe, rechts von uns die zusammen gezimmerten Holztribünen auf Strafraumhöhe bzw. hinter dem Tor, links von uns dasselbe Bild und gegenüber die recht eindrucksvolle Sitztribüne; überdacht mit roten und gelben Schalensitzen in 30 Reihen.

Auf der Haupttribüne breitete sich die Fans von Assyriska, dem 1974 von assyrischen Einwanderern gegründeten Club, der 2003 im Pokalfinale an Elfsborg scheiterte und 2005 ein Jahr lang 1. Liga spielte, aus. Der Rest des Stadions gehörte dem nominell Gast, dem FC Syrianska, der sich als Auswahl der Syrer versteht. Übrigens ist das „Syrer“ ein total dummer Begriff im Deutschen, da man das mit den Einwohnern Syriens vermischt, wobei die Syrer, die hier gemeint sind, auch aus anderen Ländern wie Irak oder Libanon stammen und deshalb auf Englisch auch nicht als „Syrians“ sondern als „Syriacs“ bezeichnet werden – deswegen schreibe ich ab jetzt auch „Syriaken“.

Das Stadion ist eine syrische Enklave in Schweden: da dröhnt arabische Musik durch die Lautsprecher und ein großer Teil der Anfeuerungen wird in Arabisch (also dem syrisch-arabischen Dialekt, in dem ich mich auch in der Kirche unterhalten habe; der Dialekt ist in den Abweichungen von der Hochsprache mit Sächsisch vergleichbar) oder Syrisch (einer aramäischen Sprache, die zwar mit Arabisch verwandt ist, aber für einen Araber wie Niederländisch für einen Deutschen klingt und deshalb schlecht zu verstehen ist) geäußert. Die Assyriska-Fans, deren 1999 gegründete Ultragruppe „Zelge Boyz“ mit rot brennenden Bengalos und laut krachenden Böllern zum Stadion zogen, waren größtenteils in weiß mit blauen und roten Akzenten – der Farbe der assyrischen Flagge – gekleidet. Der Syrianska-Anhang um uns herum, die durch die „Gefe Fans“ – 2002 gegründet und auch Ultra orientiert sowie mit Feuerwerk (Handfackeln und Batteriefeuerwerk) hantierend – trug rot mit goldenem Aramäischen Adler.

Eigentlich treten die Vertreter beider Gruppierungen – also der Assyrer und Syriaken – gemeinsam für gleiche Ziele ein und oftmals wird gar nicht zwischen Assyrern und Syriaken unterschieden. Aber die beiden Vereine kämpfen um die Vormachtsstellung in Södertälje. Ohnehin ist es Wahnsinn, dass sich gleich zwei Migrantenvereine, deren Kader aber mittlerweile nur zu maximal 30% aus Assyrern/ Syriaken bestehen und sonst aus Schweden ohne Migrationshintergrund, Schwarzafrikanern, Südosteuropäern usw. zusammengesetzt sind, in der zweiten Profiliga aufhalten, aber jetzt hat zumindest Syrianska sogar die Chance, das Abenteuer Allsvenskan zu wagen, das Assyriska mal ein Jahr lang durchlebte. Denn Syrianska war vor dem Spiel Zweiter, was den Direktaufstieg (der Dritte muss in die Relegation gegen den 12. der Allsvenskan) und Assyriska Fünfter (sechs Punkte hinter dem 3. und 2. bzw. 12 hinter dem 1.).

Zurück zum Kampf um die Vormachtsstellung: der spielte sich nämlich auf den Rängen und auf dem Feld ab. Zum Einlaufen Kreppbandrollenwürfe, Schwenkfahnen und Handfahnenmeer in rot und gelb (die Farben der Syriaken/ Aramäer) bei Syrianska und eine riesige assyrische Überziehflagge mit den üblichen Symbolen (der assyrische Reichsgott Ashshur und einem Zeichen für den assyrischen Sonnengott Shamash) und Schwenkfahnen bei Assyriska, dann viele rhythmische Anfeuerungen kombiniert mit Pöbeleien und Mittelfingergesten. Im Spiel wurde munter geholzt und es spielte keine Rolle, ob der Spieler nun Assyrer, Aramäer, Kroate oder Senegalese war: die gaben alle sehr viel. Leider war das Spiel aber dadurch hektisch und fehlerhaft. Syrianska war die ganze Zeit über besser, doch hatte eine derart grauenhafte Chancenverwertung, dass sich schnell abzeichnete, dass sie nicht treffen würden. Stattdessen legte Göran Marklund für Assyriska los. Nach der Pause sah das leider auch nicht anders aus. Assyriska konterte die unfähigen Angriffe Syrianskas aus. Das 2:0 fiel kurz vor Schluss durch Andreas Haddad.

Bei Syrianska brach die Stimmung etwas ein und solche Leute wie der Businesstyp im Sakko mit seiner Frau, die wie eine libanesische Popsängerin aufgestylt war, verließen jetzt enttäuscht das Stadion. Die jungen Ultras in ihrer Einheitskleidung pöbelten noch ganz gut rum. Assyriska feierte natürlich überschwänglich bis zur letzte Sekunde des Spiels. Nach Abpfiff stürmten auch einige Ultras und andere Fans den Platz um ihren Spielern näher zu sein. Zu den Ultras beider Fanlager zählen übrigens auch ein paar Frauen, die ohnehin bei beiden Vereinen eher stärker vertreten waren als bei den anderen schwedischen Vereinen mit Ausnahme von Hammarby und Djurgården. Ungeachtet dessen, dass Fußball in Deutschland als hippes Modeprodukt „in“ ist und deshalb auch viele pubertierende Mädchen und ahnungslose Frauen, die sich nie mit dem Sport beschäftigt haben, den winzigen harten Kern der sachkundigen und erfahrenen Stadiongängerinnen ergänzt, schauen in Skandinavien so wie so mehr Frauen als in Deutschland beim Fußball zu bzw. spielen selber. In Syrien ist aber auch auffällig, dass der höchste Prozentsatz von weiblichen Zuschauern beim generell sehr gut frequentierten Erstligisten Al-Jazeera Al-Hasakeh erzielt wird. Und wer macht da 50% der Spieler und Fans aus? Richtig: Assyrer!

Vernünftig wie die Polizei in Schweden ist, sorgte sie beim Platzsturm nur dafür, dass keiner von Assyriska übers Feld rennt und die Gegner angeht: hier wurde niemand für den Platzsturm verhaftet und es wird auch niemand Stadionverbot dafür kriegen. In Deutschland ist das leider selbst weit nach einem Spiel strafbar. Die Polizei übertrieb es danach aber etwas: das waren ja schon fast deutsches Gebaren, sich mit Hundert Ordnern und Polizisten vor der Syrianska-Tribüne zu positionieren und dann auch noch den Verkehr mit der Fantrennung dienenden Absperrungen zu behindern.

Alles in Allem ist dieses Derby von Södertälje ein echt tolles Erlebnis gewesen, auch wenn die Zuschauerzahl ein Minusrekord (hing wohl mit der Preiserhöhung zusammen) war. Diese Begegnung kann ich jedem Groundhopper nur empfehlen, wobei zum vollen Programm auch vor dem Spiel der Besuch der Bischofskirche und das Essen in einem der typischen Imbisse gehört. Wer ohne sich zu den Besonderheiten der beiden Vereine informiert zu haben zum Derby geht, ist ein unterbelichteter Banause!
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Statistik:
Ground Nr. 474 (ein neuer Ground; diese Saison: 24 neue)
Sportveranstaltung Nr. 1.068 (diese Saison: 30)
Tageskilometer: 240 (Auto)
Saisonkilometer: 8.000 (5.760 Auto/ 1.120 Fahrrad/ 740 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 57
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 216

W216VI: Endlich wieder in Schweden – oder: Fahrt durch die Schärenwelt

Photos and English Version:
By Ferry through the Skerries (from Turku to Stockholm).
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Nach zwei Tagen Finnland freuten wir uns schon auf die Rückkehr ins viel sehenswertere Schweden, wobei der Abschied von Finnland mit der Fahrt durch die Inselwelt vor Turku und die autonomen finnischen (jedoch schwedischsprachigen) Ǻland-Inseln recht positiv ausfiel. Den ersten Schauer gab es auch erst kurz vor Stockholm, sodass ich gut fotografieren konnte. Natürlich sehen die Schären ziemlich gleich aus, aber man kann immerhin zwischen den nur wenige Zentimeter oder bis zu 6 oder 7 Meter aus dem Wasser ragenden Schären unterscheiden, manche sind eigentlich nur Felsen, die einen Meter lang und 30 Zentimeter breit so wie völlig vegetationslos sind und höchstens von Seevögeln angesteuert werden, die anderen sind zehn mal fünf Kilometer mit etlichen Buchten und zwischen den dichten Nadelbäumen finden sich auch mal die ein oder anderen Wochenend- oder Einfamilienhäuser in der typischen Bauweise. Vor Stockholm werden die Inseln höher, felsiger und dadurch auch schöner, jedoch auch dichter besiedelt. Bei dieser Route fährt man übrigens kaum mal übers offene Meer, was die Fahrt (unbedingt einen Decksitzplatz statt einer Tageskabine – man hat nur diese zwei Optionen – nehmen!) gar nicht mal langweilig macht.

Auch über das Aufhalten auf dem Schiff konnten wir nicht klagen, da es z.B. Mittagsbüffet mit vier Gängen für 10€ gab, was schon recht anständig im Preis und auch der Qualität war. Auffällig an den Passagieren war nur wieder, dass etliche der Glücksspieler und Schreihälse, so wie alle der ganz wenigen Besoffenen und auch die einzigen verblödeten Dreckwänster, die ihre Coladosen statt in den drei Meter entfernten Papierkorb zu werfen, auf den Boden vors Fenster schmissen, finnisch sprachen. Die dümmsten Passagiere also – wie auch auf der Hinfahrt schon – mal wieder Finnen! Die Bildungsschicht, die mit dem hoch gelobten Schulsystem etwas anfangen kann, muss sehr dünn sein...

Durchgeknallt, aber wenigstens nicht unfreundlich wie die Finnen, waren die Schweden im abgedrehten 60er-Jahre Look, die auch ihre beiden Rocker-Kumpels in einer 1960er-Jahre US-Straßenlimousine – so eine, die zwei bis drei Parkplätze braucht, weil sie sich quer hineinstellen muss – mitnahmen. Apropos Rocker: Rockmusiksender sind ja in Skandinavien oft die besten Musikstationen (z.B. Bandit Rock in weiten Teilen Schwedens), doch in Stockholm kann man mal auch auf den Sender „Azeri“ umschalten, der mehrmals wöchentlich von der Frequenz „Stochholm 1“ aserbaidschanische Musik sendet. Wird wohl vor allem die Iran-Azeri ansprechen – für einen in der Richtung unerfahrenen Europäer (ausgenommen Serben, Albaner usw.) natürlich kaum anhörbar, da extreme Zwischentöne dominieren oder quietschende Flöten zu hören sind – aber auch mal eine Abwechslung zur Mischung von Bandit Rock oder dem noch besseren finnischen Radio Rock, die von Liedern wie „Highway to Hell“ über moderne Gruppen wie „Rammstein“ und „Linkin Park“ bis zu skandinavischen Heavy-Metal-Bands, die wild zu hämmernden Schlagzeugrhythmen und schrillen E-Gitarren grölen und in den allein akustisch kaum verständlichen Texten z.B. mittelalterliche Burgerstürmungen beschreiben oder die Wikingerzeit verherrlichen, etliches interessantes spielen.

Eine weitere Nacht im Formule 1 Stockholm Syd und ein sehr interessanter folgender Tag standen an.
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Statistik:
Tageskilometer: 370 (340 Fähre, 30 Auto)
Saisonkilometer: 7.760 (5.520 Auto/ 1.120 Fahrrad/ 740 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)

W216V: Ein Lichtblick in Finnlands Einöde – Rauma!

Pallo-Iirot Rauma 0:2 Kaarinan Pojat
Freitag 17. September 2010 – Anstoß 18.30
Kakkonen Lohko B („Die Zweite, Gruppe B“ = 3. finnische Liga, 2. Halbprofiliga)
Ergebnis: 0:2 nach 92 Min. (45/47) – Halbzeit 0:1
Tore: 0:1 35. Jussi Kosonen, 0:2 88. Eloma Ilondo
Verwarnungen: Nico Rinne, Vasile Marchis (P-Iirot); Olli Suominen, Eloma Illondo, Tommi Haukila, Sauli Tuomi (KaaPo)
Platzverweise: keine
Spielort: Äijänsuon Stadion (Kap. 600 überdachte Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 200 (keine Gästefans)
Unterhaltungswert: 6,5/10 (Amateurniveau, aber unterhaltsames und torszenenreiches Spiel)
Sightseeing: 6,0/10 (Mann, ist Finnland öde! Aber wenigstens hat man alle paar hundert Kilometer mal etwas Schönes: Rauma ist aber wohl die schönste aller Städte Finnlands)
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Photos and English version:
P-Iirot Rauma 0-2 Kaarinan Pojat
Helsinki (Capital of Finland)
Säkyle & Lappi
Rauma (City of Wooden Houses)

Am Morgen stopften wir uns in Ermangelung günstiger Alternativen das mit 5,70€ immer noch viel zu teure und dabei nicht mal gute Frühstück im Stadion Hostel rein. Einen ganz ordentlichen Abschied aus dieser beschissenen Hauptstadt bildete dann der 2€ kostende Aufzug zur Aussichtsplattform des Turms des Olympiastadions. Man sieht von dort die ganze Stadt und von oben sieht selbst so ein Drecknest wie Helsinki gut aus. Vom Olympiastadion mal ganz zu schweigen! Das kommt zwar bei weitem nicht an das in Stockholm ran, ist aber auch sehr sehenswert.

Wir mussten auf dem Weg nach Rauma und dann noch in Turku für 20€ (14l) bzw. 10€ (6l) etwas tanken, was jedes Mal zum kotzen war: in diesem unterentwickeltem Land funktioniert kein Automat auf Anhieb. Und dann haben diese Hinterwäldler, weil sie nicht als solche gelten wollen, sondern als reiche, gebildete, moderne Menschen, auch nur Automatenbetrieb an den Tankstellen. Gut, dass in dem Kaff bei Sakylä ein anderer Kunde 10 oder 20 Worte Englisch konnte und uns so zeigte, was man auf dem einsprachigen (einsprachig bei Finnisch – würde man sich in Ungarn nicht erdreisten!) Touchpad drücken muss.

Apropos Sprache: die kuriose Sprache ist ja eine der wenigen interessanten Dinge in diesem öden Land. Die Leute reden in ihrer kühlen Art, die ein Finnlandfan sowie ein gewisser Fachbuchautor in der Kulturwissenschaft, den ich mir mal in der Uni durchgelesen habe, als „freundliche Zurückhaltung“ auslegt, zwar meist nicht viel, aber wenn, dann gibt es so kuriose Worte wie „pussi“ für „Beutel“ oder „hasselpähkinätäytteinen suklaavohvelipala“ für „haselnussgefüllte Schokowaffeln“ zu hören. Programmhefte gibt’s beim Fußball oft gratis zugesteckt. Die Texte sollte man sich mal durchlesen, um die längsten Wörter zu finden: „ostoympäristösuunnittelu ... myymälävarustaminen ... ikkunaratkaisuissa ...potkupallojoukkueita“ usw. Eine seltsame Erscheinung ist die sonst v.a. in Sprachen wie Japanisch übliche, zwanghafte Einschiebung von Vokalen (ob Japaner große Probleme haben, so konsonantenreiche Sprachen wie Tschechisch zu lernen?) bei Fremdwörtern: die Japaner machen den Rucksack zum „rukkusakku“ und Diamanten (engl. „diamonds“) zu „diamonzu“ – die Finnen das Ketchup zum „Kettschappi“ oder den Hurrikan zum „hurrikani“. Man spricht Finnisch übrigens so aus, wie man es als Deutscher tun würde bei der Schreibweise. Doppelte Vokale („oo“ usw.) werden lang – nicht getrennt! – gesprochen und das „y“ klingt mehr wie ein „ü“.
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Nachdem wir uns kurz die flache, langweilige, Kiefer- und Birkenwald gesäumte Seenplatte bei Säkyle angeschaut hatten, da sie als „Sehenswürdigkeit“ markiert war und auf dem Weg lag, fanden wir noch die im Ort mit dem lustigen Namen Lappi gelegene Holzkirche. Die war ein ganz sehenswertes Gebäude mit ihrer roten Holzfassade, den schön verzierten Fensterrahmen und dem seitlich zwischen Bäumen auf einem Felsen stehenden Glockenturm. Noch viel schönere Beispiele für Holzgebäude gibt es in Rauma, der wohl schönsten aller Ortschaften in Finnland, zu sehen. Dort ist die Altstadt geschlossen in hervorragend hergerichteten Häusern mit bunten Holzfassaden, die teilweise Schnitzkunst über den Türen oder im Giebel aufweisen, erhalten. Eine kleine Kirchenruine und die prima erhaltene Kirche mit den vielen mittelalterlichen Bauelementen im Innenraum (toller Apsisausmalung, prima Heiligenbilder auf der Balustrade der Empore) sind auch sehenswert.

Das Essen beim Türken kostete hier kurioserweise kaum mehr als in Deutschland, somit also gerade halb so viel wie in den einheimischen Restaurants. Der İskender Kebab war zwar zu kalt, aber dafür gab es frisches Wasser und warmen Tee gratis und besser einen İskender Kebab für 6,50€ oder einen Döner für 4,00€, als einen stinknormalen Döner für 7,50€ bei diesem Drecksladen um die Ecke, einem Heesburger (der finnischen Fast-Food-Kette).

Für 6€ pro Karte (also pääsylippu) guckten wir uns auch noch ein Spiel der dritten finnischen Liga im schönen Äijänsuon Stadion an. Die Anlage hat zwar nur eine kleine Sitztribüne (Sitzschalen auf Holzbänken, alles überdacht und zwei Meter höher als das Spielfeld gelegen in den Felshang reingebaut), aber weiß durch die schöne Lage zwischen den mit Flechten, Moosen und Kiefern bewachsenen Felsen zu gefallen. Auf den Felsen der Gegenseite kann man zwar ebenso stehen wie hinter den Toren, aber das ist offiziell eigentlich nicht vorgesehen, weswegen die Kapazität von 600 Plätzen richtig ist.

Etwa 200, fast völlig emotionslos auftretende Zuschauer verfolgten ein ziemlich gutes und schnelles Spiel, was aber mit Fehlern gespickt war, die man in einer Halbprofiliga nicht erwarten kann. Im Amateurbereich wäre das natürlich völlig in Ordnung, wenn über den Ball gestolpert wird oder der Torwart den Ball so nach einem Rückpass erwischt, dass er einen frei vorm leeren Tor stehenden Gegner anspielt, der allerdings neben die Bude köpft. Besonders sehenswert waren da die Spieler Jere Narkko (der Rauma-Torwart) und Eloma Ilondo (Kaarina): unglaublich, dass dieser Fliegenfänger nur zwei Tore kassiert hat und er mit seiner Mannschaft auf dem vierten Platz – wenn auch abgeschlagen hinter dem Tabellenführer und so gut wie Aufsteiger Ilves – steht bzw. wie dieser Schauspieler und Komiker Ilondo noch einen tollen Treffer zum 0:2 für seine Mannschaft aus dem Plattenbauvorort von Turku, die nicht einmal Gästefans mitbrachte, erzielte, nachdem er 87 Minuten nur am Kaspern, Meckern und Chancen versemmeln war. Als bester Spieler von Kaarina wurde übrigens völlig zu Recht der Torwart, Marko Laaksonen, der mit seinen reaktionsschnellen Paraden den Sieg des fast Absteigers (KaaPo ist nur 12. von 14. und hatte auf den 11. (den ersten Nichtabstiegsplatz) vor dem Spiel vier Punkte Rückstand) festhielt. Wie gesagt; ein schönes Spiel!

Was wieder sehr an Eishockey erinnerte war die Wahl zum besten Spieler und das Ansagen von Eck- und Freistoßschützen. Jedoch sagte der Sprecher diesmal sogar zweimal Werbesprüche durch, was mich schon beim Eishockey immer nervt. Da war es doch irgendwie schön, dass die Mannschaft aus Rauma mit ihren mit Werbeschriften zugetexteten Trikots gegen die Mannschaft aus Kaarina, die in den Standard-Amateurtrikots ohne jegliche Aufschriften außer der Rückennummer spielten, verloren hat. Allerdings ist Rauma ein wirklich schöner Ort, durch dessen Besuch der Finnlandabstecher noch etwas gewann. Ansonsten kann ich keinem raten sich länger in Finnland aufzuhalten, als für den Länderpunkt nötig: mal mit der Nachtfähre von Stockholm nach Turku, sich Rauma und Turku angucken und dann ein Spiel in Rauma oder Turku oder so reinziehen um danach in dieser Stadt zu übernachten, bis die Morgenfähre fährt, reicht völlig. Helsinki ist z.B. die beschissenste Hauptstadt, die ich bisher gesehen habe. Kein Deut besser als so ein Kaff wie Vaduz und ein Scheidreck gegen Prag, Damaskus, Stockholm, Budapest, London, Tunis, Luxemburg-Stadt usw.

Ein Knaller zum Abschluss: das mäßige Hostel in Helsinki kostete uns 47€ und das hervorragende Holiday Inn in Turku nur 62€. Wie ein Dreisterne-Hotel, das wir wegen der normalerweise zwischen 80 und 140€ liegenden Nachtpreise nie nehmen, so wenig teuerer als so eine scheiß Jugendherberge sein kann, frag ich mich wirklich, wo die Zimmer vier mal so groß, mit Dusche, Klo, Glotze, großem Schreibtisch, Sessel, breiten Betten usw. ausgestattet sind. Außerdem war mal endlich etwas billiger als ein vergleichbares Angebot in Deutschland!
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Statistik:
Ground Nr. 473 (ein neuer Ground; diese Saison: 23 neue)
Sportveranstaltung Nr. 1.067 (diese Saison: 29)
Tageskilometer: 350 (Auto)
Saisonkilometer: 7.390 (5.490 Auto/ 1.120 Fahrrad/ 400 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 56
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 216

W216IV: Von Turku nach Helsinki; Übernachtung im Stadion und die Kiffer von Kronohagen

FC Kiffen Helsinki 2:0 Laajasalon Palloseura Helsinki
Donnerstag 16. September 2010 – Anstoß 18.30
Kakkonen Lohko A („Die Zweite, Gruppe A“ = 3. finnische Liga, 2. Halbprofiliga)
Ergebnis: 2:0 nach 92 Min. (45/47) – Halbzeit 1:0
Tore: 1:0 41. Templar Lokake, 2:0 92. Feras Abid
Verwarnungen: keine, Platzverweise: keine
Spielort: Töölön Pallokenttä (Kap. 4.600 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 100 (davon ca. 10 Gästefans)
Unterhaltungswert: 2,5/10 (Bes. in Hälfte 2 langweilig, aber wenigstens ab und an ein Lichtblick z.B. durch die beiden Treffer)
Sightseeing: 5,0/10 (Helsinki hat wenige Sehenswürdigkeiten inmitten hässlichster Bebauung zu bieten, Turku ist v.a. durch die tolle Burganlage lohnend)
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Photos and English version:
Kiffen Helsinki 2:0 Laajasalon Palloseura
Helsinki (Capital of Finland)
Turku (Oldest Finnish City) + Kaarina Fortress Ruin
By Ferry from Stockholm to Turku and back (Skerries, Islands etc.)

Video:
Kiffen Helsinki scores against LPS!

Endlich wieder Fußball! Nachdem wir gestern mal kein Spiel gesehen hatten, guckten wir natürlich gleich das höchstklassigste Donnerstagsspiel in Finnland. Bevor wir uns in die finnische Hauptstadt begaben, mussten wir allerdings in Turku von Bord gehen, wobei die besoffen andere Fahrgäste anmachenden Finnen ein herrliches Bild von den sozialen Problemen des eintönigen Nordlandes gaben, und schauten uns die älteste Stadt Finnlands an. Diesen Ort sollte man nicht links liegen lassen, weil es einer der ganze wenigen Orte dieses architektonisch unterentwickelten Staates ist, wo es mehr als nur Landschaft – die man aber in Schweden oft schöner hat – zu sehen gibt. Die Burg kann man nicht verfehlen, da sie direkt neben der Straße vom Hafen ins Zentrum liegt. Eine tolle Anlage, die von einem ganz ansehnlichen Park umgeben ist und zum ersten einen älteren, mit dunkler unverputzter Steinfassade versehenen Teil, und zum zweiten einen etwas jüngeren, in hellem Weiß gehaltenen Teil, zu bieten hat. Auffällig sind von außen der dicke, runde, weiße Turm und die einem Kirchturm ähnliche Frontseite zum Meer hin, innen sind schöne romanische Fensterrahmen, Holzübergänge und Verzierungen der verwinkelten Mauern auffällig.
Im Stadtzentrum Turkus – der Göteborger Groundhopper würde mich jetzt wieder bitten: „Please say ’Ǻbo’ – we Swedish don’t like the Finish names“ – finden sich noch ein Dom, mehrere repräsentative Bauten und schöne Bürgerhäuser. Allerdings gehen selbst die schönsten Jugendstilfassaden etwas unter in der Ansammlung von Plattenbauten oder minderwertiger, neuerer Wohnhäuser.
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Im nahegelegenen Kaarina – ein langweiliger Plattenbauvorort Turkus – schauten wir uns die am Rande einer Insel gelegene frei zugängliche Bischofsfestung an. Die äußeren Mauern sind typische Festungsmauern aus starken Ziegeln des 17. Jahrhunderts, der innere Bereich ist etwas älter und ziemlich verfallen.

Halbwegs zügig kamen wir in die 160km entfernte Hauptstadt Helsinki, wo man als erstes über die Minderwertigkeit der Bebauung und dann über die Preise erschrickt. In Stockholm hatten wir für 8€ fünfeinhalb Stunden geparkt, in vergleichbar guter Lage kosteten hier eineinhalb Stunden 8€. Und Helsinki ist wirklich ein Scheißdreck im Vergleich zu Stockholm! Herausragend sind nur der Platz um die strahlend weiße Domkirche – wenn man sich die Stufen hoch gequält hat, hat man Innen aber wenig zu sehen, da die Kirche sehr kahl ist – und die russische Uspenski Katedral, die außen mit verspielten Türmchen und innen mit den herrlichen orthodoxen Ikonenmalereien und Deckenausmalungen beeindrucken kann. Ein paar schöne Fassaden zwischen Barock und Historismus gibt es noch vereinzelt zu bestaunen, nicht uninteressant aber doch eher hässlich sind die Beispiele für den nordischen Monumentalbaustil, den die Nazis um Hitler so toll fanden – doch der größte Teil Helsinkis ist eine Betonwüste wie Hamburg oder Kassel. Das Leben hier kann auch recht hart sein, denn dutzende Rotkreuzmitarbeiter sammelten für Bedürftige; solche Bedürftige wie die bettelnden Alten oder der zerzauste Saxophonspieler vor den Einkaufspassagen. In Skandinavien habe ich bisher auch nicht annähernd so viel Polizei gesehen wie in Helsinki. Die Szene mit der alten Bettlerin, ein Kopftuch halb um die schmutzigen Haare geschlungen, erinnerte mich an einen Comic von Don Rosa, dem Gemäldekünstler und den Comiczeichnern, der eine finnische Sage in einen der typischen Comics von Dagobert und Donald Duck und den Neffen auf Schatzsuche, eingearbeitet hat: die Schlussszene zeigt die böse Hexe, die ihre Zauberkraft verloren hat, bettelnd vor einer Helsinkier Einkaufspassage mit dem Schild „Hexe in Not“.
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Das Navi des Mietwagens fing wieder an zu spinnen, doch wozu haben wir einen Stadtplan Helsinkis? So fanden wir durch den engen – ist aber nicht so chaotisch wie in Stockholm – Verkehr, zum Olympiastadion. In der Nordkurve befindet sich ein Hostel, was für die unmöglichen Preis-Leistungs-Verhältnisse in diesem beschissenen Land sehr billig ist. 47€ pro Nacht für ein winziges Doppelzimmer sind natürlich immer noch viel zu viel. Nicht mal Blick direkt ins Stadion und abgewohnt wie z.B. viele Hotels in Tunesien, die wir dort allerdings für 13€ bis 17€ in zwei- bis dreimal so großen Zimmern mit Bad beziehen konnten. Aber die an der Rezeption waren wenigstens einmal freundlich – sonst ist erschreckend, wie kühl und abweisend die meisten Einheimischen sind – und wussten natürlich über Sport bescheid. So konnten wir uns noch mal vergewissern, wo das Stadion „Töölön Pallokenttä“ liegt, in dem dann dieser Hauptstadtclub mit dem lustigen Namen „Kiffen“ spielt.

Kiffen oder KIF hat aber nichts mit Drogen zu tun, sondern beinhaltet die harmlose Abkürzung „Kronohagens Idrottsforening“ – vom Schwedischen ins Deutsche übertragen: „Kronenweider Fußballverein“. Der Verein wurde bereits 1908 gegründet und war 4 mal finnischer Meister (1913, 1915, 1916 und 1955)! Ab 1978 folgte allerdings ein leistungsmäßiger Absturz.

Der Gegner hieß Laajasalon Palloseura – oder kurz „LPS“ genannt – und stammt aus dem Helsinkier Stadtteil Laajasalo. Dieser Club hat keine Erfolge vorzuweisen, hat sich aber innerhalb von 20 Jahren von der untersten in die oberste Amateurliga hocharbeiten können und spielt seit sieben Jahren sogar dritte Liga.
Kiffen war vor dem Spiel 4. und LPS 5. Unter der Veikkausliiga, einer weniger bedeutenden Profiliga, gibt es zwei Halbprofiligen; die Ykkonen („Die Erste“) und die Kakkonen („Die Zweite“), dann folgen Amateurligen. Dieses Spiel hätte also mindestens auf Oberliganiveau sein müssen, doch selbst die schwachen deutschen Oberligen könnten sich gegen die Kakkonen sehen lassen. Kiffen begann zwar recht offensiv, aber nach einer Viertelstunde lief alles auf Mittelfeldgeplänkel hinaus. Der Gastgeber war vor den lächerlichen 100 Zuschauern, die sich auf der schön in den Fels gebauten Holzbänketribüne verloren – nun gut, parallel lief 300m entfernt das ausverkaufte Toppspiel der ersten Eishockeyliga (Jokerit gegen HJK Helsinki) – die bessere Mannschaft. Nach 40 Minuten wurde das Spiel dann auch wieder schwungvoller und ein Torwartfehler führte zum verdienten 1:0 für Kiffen.

In der zweiten Halbzeit schlief man unter dem schummrigen Flutlicht fast ein. Es passierte außer massenhaft Fehlpässen, Stolperern und einigen vergebenen Chancen für LPS einfach gar nichts. Der Kiffen-Torwart wurde zum besten Mann des Spiels mit seinen guten Reaktionen, die LPS-Stürmer, die oft nicht annähernd ans Tor herankamen mit ihren Schüssen, zu den Versagern. Der Araber Feras Abid erzielte dann völlig überraschend das 2:0 – schneller Antritt, Gegenspieler ausgespielt, sehr überlegt gemacht, gut abgeschlossen: Respekt! – mit der einzigen Chance für Kiffen in Halbzeit zwei, in der Nachspielzeit. Symptomatisch, dass hier nur die Migranten und nicht die Finnen die Tore erzielten. Das Niveau des Spiels war leider nicht besser zu erwarten. Wenigstens gab es ab und an ein paar schöne Szenen in den 92 Minuten.

Etwas Interessantes noch am Rande: die Musik war finnisch-jugendlich – schon eine Stunde vor Anpfiff dröhnte Heavy Metal durch die Stadionboxen – der Stadionsprecher nahm sich ein Beispiel am Eishockey und sagte auch Ecken und so was an und nach dem Spiel stellten sich die Spieler auch eishockeymäßig auf, die jeweils besten Akteure beider Mannschaften wurden ausgezeichnet und dann gaben sich noch mal alle Spieler der Reihe nach die Hände.

Statistik:
Ground Nr. 472 (ein neuer Ground; diese Saison: 22 neue)
Sportveranstaltung Nr. 1.066 (diese Saison: 28)
Tageskilometer: 210 (Auto)
Saisonkilometer: 7.040 (5.140 Auto/ 1.120 Fahrrad/ 400 Schiff, Fähre/ 380 Bahn, Bus, Tram/ 0 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 55
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 216