Freitag, 27. Dezember 2013

W387I: Weihnachtstour mit zwei Pannen aber einem genialen Ground

Olympique Club de Khouribga (نادي أولمبيك خريبكة)
.................................. 1:2 (0:0) .................................
------ Mogreb Atlético Tetuán (المغرب التطواني) ------
- Datum: Montag, 23. Dezember 2013 – Anstoß: 17.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (d.h. 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 1-2 nach 95 Min. (46/49) – Halbzeit: 0-0
- Tore: 0-1 65. Zaid Kourchi, 0-2 68. Hussam Eddine Assanhaji, 1-2 75. Omar Sarboute
- Verwarnungen: Nr. 27 (OCK); Zaid Kourchi (MAT)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Phosphate de Khouribga [مركب الفوسفاط بخريبكة] (Kap. 6.000, davon 4.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 1.600 (darunter ca. 250 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 6,5/10 (Gute zweite Hälfte, durchweg ordentliche Stimmung) Photos with English and Arabic Commentary:
a) OLYMPIQUE KHOURIBGA – MAGHREB TETOUAN (STADE PHOSPHATE)
b) Phosphate Plains and Zemmouri-Mountains: Maamoura Forest, Zaer Mountains, Phosphate Plain between Rommani and Khouribga
c) HIGH ATLAS: Marrakech and Surroundings

Video on My-Video.De:
Support during Match Olympique Khouribga v Maghreb Tetouan (soon!)

Zu Weihnachten 23. und 24. hatte ich zwei Tage frei, die ich gut geplant hatte, aber aus anderen Gründen am Ende nicht besonders zufriedenstellend waren… Der Montag fing aber gut an!

Die Phosphatbergbaustadt Khouribga liegt nur zwei Stunden von Casablanca aus im Landesinneren, doch da viel Zeit war bis zum Spiel fuhr ich erst mal in die schönen Maamoura-Wälder bei Rabat und durch die bewaldete sowie mit tiefen Schluchten durchzogenen Zaer-Berge. In Rommani stieß ich dann auf die Strecke, die man von Fès – oder auch von Tetuán – aus normalerweise nehmen würde, um nach Khouribga zu gelangen. Der Ort liegt in einer am Rande hügeligen Hochebene, deren Felder immer wieder von Felsformationen durchzogen sind. Die Ortschaften kommen hier stärker vereinzelt als in den angrenzenden Regionen. Architektonische Sehenswürdigkeiten gibt es hier keine. Immer wieder tauchen Industrie und Montanwesen rechts und links der Hauptstraßen auf.

Die Stadt Khouribga selbst kann man nicht als sehenswert, wohl aber als interessant bezeichnen. Man trifft zwar einige Bettler und der Stadtkern wird an einigen Stellen von heruntergekommenen kleinen Betonbauten ausgemacht, aber die Plattenbausiedlungen sehen hier besser und ordentlicher aus als anderswo in Marokko, das Bruchvolk ist merklich weniger zahlreich als in Fès oder gar Casa und Tetouan, und besonders die französische Werkssiedlung ist klasse: das sieht dort echt aus wie die Gartenstädte in Piesteritz oder Senftenberg! Für die Phosphatbergwerke im Raum Khouribga haben die Franzosen nämlich eine Arbeitersiedlung nach ihren Maßstäben hochgezogen: eingeschossige und mit Gärtchen umgebene Einfamilienhäuser mit geziegeltem und mit Schornstein versehenem Satteldach. Die Vorarbeiter und Fabrikanten konnten sich auch zwei Stockwerke mit Veranda und Balkon leisten…

Auch aus den 1920ern stammt das in dieser Siedlung befindliche Sportgelände. Die Karten für das Montagsspiel bekam man im alten Kulturhaus der Arbeiter (einem ehemaligen französischen Kino, das mit den Arbeiterbildern und dem Baustil auch in Thionville oder Profen stehen könnte). Das neue Kulturhaus ist übrigens in der ehemaligen Kirche (typisch französischer Betonbau) um die Ecke untergebracht. Ich landete dann trotz 20-Dirham-Karten auf der 40-Dirham-Tribüne, da die Polizei in Khouribga zwar angenehmer als im Norden, aber besonders doof ist: da frag ich nacheinander drei Polizisten wo ich rein muss wenn ich zu den OCK-Fans auf die Gegentribüne will und bekomme drei unterschiedliche Antworten und werde einfach auf die Tribüne geschickt trotz Karte für den anderen Bereich… Aber das fing ja auch sprachlich schon so toll an: ich frage Arabisch - die antworten Französisch… ich wieder Arabisch - die gehen darauf ein und loben meine Sprachkenntnisse, wollen aber lieber eine Fremdsprache sprechen und behaupten auch Englisch zu können… ich gebe ihnen die Chance und nachdem sie (wie 90% ihrer Landsleute halt auch) keinen einzigen Satz auf Englisch rauskriegen, reden wir doch wieder Arabisch… Auf der besagten Haupttribüne hat man zwar nicht die beste Sicht, aber sie macht das Stade de Phosphate zum schönsten Stadion der 1. Liga: neun große Betonstufen überdacht mit einer absolut symmetrischen Stahlkonstruktion die Messingverzierungen mit Mustern hat, flankiert von verbauten Logen für die Presse und VIPs die jeweils mit Polstersitzen bestückt sind. Rechts der herrlichen Haupttribüne gibt es einen auf zwei Tribünen verteilten Gästesektor mit 500 überdachten Sitzplätzen und ebenso vielen unüberdachten Stehplätzen. Daran schließt der schon sehr gut aussehende Rohbau einer neuen Hintertortribüne an. Hinter dem Tor gegenüber steht zwischen den Nadelbäumen eine kleine manuelle Anzeigetafel und daneben zwei Stehtribünen. Die Gegentribüne ist ein sehr ordentlicher 16reihiger Betonstufenbau.

Die Anlage ist leider sehr selten voll, auch heute kamen nicht einmal 2.000 Zuschauer von denen auch immerhin gut 250 Gästefans waren (die kamen übrigens größtenteils mit dem Zug), doch die Stimmung ist gar nicht so schlecht. 200 bis 300 Jugendliche supporten im Ultra-Style auf der Gegentribüne (diese „Green Ghost“ haben auch ganz nette Melodien auf Lager!) und eine Gruppe von Musikern mit Schlaginstrumenten sitzt neben der Ehrentribüne unter dem Dach und musiziert kräftig zum Spiel. Tetouan ist aber natürlich immer stimmgewaltig, sodass die Kiffer aus der Taubenstadt recht oft zu hören waren.

Die Rif-Kabylen hatten auch aufgrund des Spielverlaufs mehr zu feiern. Der Phosphat-Club war zwar in der ersten Hälfte leicht überlegen, doch nach dem 0:0 Pausenstand war es Tetouan die in einem immer besser werdenden Spiel mit einem Doppelschlag in Führung gingen: erst ein Lattenknaller der im zweiten Nachschuss aus 15m in den Winkel gezimmert wurde und dann ein Sturmlauf mit Schuss aus 15m ins lange Eck. Einige Minuten darauf konnte Khouribga nach einer Mehrfachgelegenheit aus Nahdistanz einschieben, doch es reichte nicht zu mehr, da Tetouan ungewohnt viel nach vorne drückte. Das 1:2 geht auch in Ordnung so.

Nach dem Spiel stellte ich dann fest, dass Khouribga eine beschissene Beherbergungssituation hat: zwei sautere Hotels und zwei billige – die letzten beiden ausgebucht mit Inlandstouristen. Ich fuhr also weiter und entdeckte auf der ganzen Strecke (80km Landstraße) nach Beni Mellal nicht eine Tankstelle mit Motel (gibt es auch einfach zu wenig in Marokko, aber einige Dutzend aufs Land verteilte gibt es schon). In Beni Mellal selbst steuerte ich das nächstbeste Hotel an einer Hauptstraße an und das Atlas (klassifiziert als 2 Sterne +) bot sehr gute Zimmer für 18,50€ an. Zwar am oberen Ende meiner Preisklasse, aber für den Standard und in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit in Ordnung – nicht dass ich noch mal im Auto pennen muss, was im Dezember im Atlasgebirge nicht so lustig ist, wie an der weitaus wärmeren Küste… In der Zwischenzeit hatte sich planungstechnisch ein bisschen was getan (Panne 1). Völlig unüblich in Marokko, aber das Dienstagabendspiel wurde auf Donnerstagabend in der Folgewoche verlegt. Bekanntgegeben wurde das am Sonntagabend und erfahren habe ich es wiederum erst am Dienstagabend. Und Schuld trägt das Fettgesicht von König…

Aber der Reihe nach: In Beni Mellal war ich etwas spät losgekommen, aber zeitlich noch im Plan, sodass ich die Serpentinenstrecke am Rande des Hohen Atlas nach Afourer und Ouidane hochfuhr. Die Berglandschaft ist spektakulär – regelmäßige Bergkuppen, schroffe Felsvorsprünge, spärlicher Baumbestand, tiefe Schluchten – und die Straßenführung dementsprechend auch, aber der Zustand der Strecke ist gut.

Als größte Sehenswürdigkeit dieser Landesecke steuerte ich die 120m hohen Wasserfälle von Ouzoud an. Die Bevölkerung dort ist zu 90% berberisch und zu 85% ungebildet und finanzschwach. Logisch, dass man dort ohne Ende Abzocker trifft. Auch die Gemeindeverwaltung macht kräftig mit, indem sie auf Beschilderung verzichtet. Ich hörte mit, wie Fremdenführer bis zu 300 Dirham für eine einstündige Führung verlangten. Dem Berber namens Driss war ich aber aufgrund der Arabischkenntnisse sympathisch, sodass ich für 100 dabei war. Das ist aber immer noch zu viel. Der Besuch der Wasserfälle ist jedoch sehr lohnend: in mehreren Sturzbächen fällt das Wasser über drei Stufen in eine tiefe Schlucht die eng von Bergen umstanden ist. Man kann überall dicht herantreten, auch an den 120m hohen Klippenrand. Es gibt in Marokko einige Dutzend Wasserfälle im Atlasgebirge und wenige im Rif, aber der von Ouzoud ist der größte und schönste.

Ich nahm noch drei französische Backpacker mit, die in ein malerisch gelegenes Dorf in der Gegend, das man nur über Schotterwege erreicht, wollten. Hier konnte man auch noch mal nette Bilder von Lehmbauten in bunten Berglandschaften (roter Lehm, grüne Pflanzen, braune Felsen) machen.

Dann dachte ich mir: auf nach Casa, sonst komm ich nicht bis 19 Uhr dort an. Die wilde Fahrweise hätte ich mir aber auch sparen können, doch das erfuhr ich erst kurz nach 19 Uhr. Zuerst erfuhr ich aber, dass man bei Wendemanövern in kleinen Atlaskäffern besser auf die Bordsteine achtet: einer war so spitzkantig, dass sich auch der Rempler mit 15 km/h (ließ sich aufgrund der abstehenden Kanten nicht vermeiden, da im toten Winkel des Spiegels gelegen) ungesund auf den Reifen vorne rechts auswirkte. 10km weiter war jedenfalls die Luft draußen und ich konnte im nächsten Kaff das Notrad aufziehen. Zwei Berber wollten mir sofort helfen, was mich zurecht misstrauisch machte. Es sind halt marokkanische und nicht algerische Berber – im Nachbarland von Marokko wäre das Folgende nicht passiert:

Der Reifen war in weniger als 30 Minuten gewechselt und wie ich befürchtet hatte, wollte der eine Geld sehen. Laut Malika geben die Hälfte der Einheimischen dort bis zu 50 Dirham oder kleine Geschenke, laut Khadija sind es noch weniger die etwas geben. Jedenfalls entwickelte sich eine Diskussion auf Amazight zwischen den beiden, denn einer war offensichtlich nicht begeistert, was sein Kumpel vorhatte. Jedenfalls ging es Arabisch weiter.
Ich: „Danke, Brüder für eure Hilfe! Komme ich geradeaus nach Bzou?“
Das Arschloch: „Ja, geradeaus. Aber lass uns erstmal den Geldbetrag klären!“
Der Andere: „Schluss Abdelhadi, lass ihn!“
Das Arschloch: „Wieso? Er hat Geld, er ist aus Deutschland. Also Kumpel, sagen wir 200!“
Ich: „Hör mal Bruder, wäre ich Marokkaner, würdest du nichts verlangen!“
Das Arschloch: „Ich habe dir aber geholfen und du bist kein Marokkaner.“
Ich: „Ich habe nicht gesagt ,hilf mir bitte‘ und ich lebe hier in Marokko. Ich bin kein Tourist, ich bin so gut wie Marokkaner…“
Das Arschloch: „Du sprichst Arabisch, ja. Aber trotzdem: du hast Geld, also sei nicht geizig – und nur weil du hier lebst bist du noch kein Marokkaner!“
Ich: „Ich habe viele marokkanische Freunde und auch meine Frau ist Marokkanerin!“
Beide: „Echt? Deine Frau ist Marokkanerin?“ und das Arschloch: „Wo ist die, du bist doch alleine?!“
Ich: „Ich habe Ferien, sie muss leider arbeiten.“
Das Arschloch [will mich testen]: „Sag das Glaubensbekenntnis!“
Ich: „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet.“
Das Arschloch: „Ich glaube dir nicht, du bist alleine und trägst keinen Ring. Erzähl mir von deiner Frau!“
Ich: „Du glaubst deinem muslimischen Bruder nicht?! [Ich hole die Kamera raus auf der sich alle Fotos des Marokkoaufenthaltes befinden: auch Fotos von Fayza bei der Tour nach Tanger] Guck her: das ist meine Frau.“
Das Arschloch: „Hmm, oh… Tschuldige!“
Der Andere [nachdem er auch das Foto von Fayza im Stadion von Tanger gesehen hat]: „Entschuldige uns und eine gute Reise im Schutze Gottes!“
… Fazit also: echt praktisch in so einer Situation das Foto einer Marokkanerin auf der eigenen Kamera zu haben, da sich solche Deppen nicht vorstellen können, dass sich eine Muslima (gerade eine, die Kopftuch trägt) von einem anderen als einem nahen Verwandten oder eben dem Ehemann fotografieren lässt…

Die zweite Panne zeigte sich erst vier Stunden später nach wilder Fahrt über Fikh Ben Saleh, Khouribga und Berrechid. Im Verkehrschaos in Stadionnähe sah ich Feuerwerk. Und das dauerte immer länger! 19.30 hatte ich einen Parkplatz gefunden und das Feuerwerk war vorbei. Doch anstatt dass das Spiel anfängt, strömten Tausende raus. Ich fragte dann mal eine junge Frau im Raja-Trikot ganz neutral tuend: „Spielt Raja heute?“ – was sie so, vom Arabischen ins Englische abrutschend, beantwortet: „Nein, nein. Aber Donnerstag geht es gegen Maghreb Fès. Heute war der Empfang für die Mannschaft wegen der Club-WM. Der König hat alle geehrt. Aber die Feierlichkeiten sind jetzt vorbei. Komm doch Donnerstag 19 Uhr wieder zum Stadion, da spielen wir gegen Maghreb Fès!“ Ich gab zur Abwechslung mal eine ehrliche Antwort: „Danke für die Infos, aber Donnerstag habe ich keine Zeit“ und verabschiedete mich. Meine Meinung über den König kann ich hier nicht mal auf Englisch äußern… Aber noch ein Grund mehr gegen den Monarchen, der wirklich dumm wie fett ist, zu sein… Sagt der einfach mal: ich mach nen Empfang weil Raja Zweiter bei der Club-WM geworden ist und zack ist die Planung des Verbandes hinfällig!

Naja, vielleicht das nächste Auswärtsspiel von Maghreb Fès in Rabat… ansonsten plante ich schon nach der Rückkehr in Fès um Mitternacht, wo es nächste Woche hingeht, wenn ich einen neuen Reifen besorgt und einen Ölwechsel vorgenommen habe! Statistik:
- Grounds: 1.050 (1 neuer; diese Saison: 79 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.959 (heute 1, diese Saison: 103)
- Tageskilometer: 1.220 (Mo: 460km, Di: 760 Auto)
- Saisonkilometer: 29.550 (28.510 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 17 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 387

W386III: Ein Elfmeter der Nummer Elf in der elften Minute ebnet Bernoussi den Weg zum Erfolg

Club Rachad Bernoussi (نادي الرشاد البرنوصي)
............................ 2:1 (1:0) ............................
-- Union Sportive Municipale Ait Melloul -
--------- (الاتحاد الرياضي البلدي لآيت ملول) ----------
- Datum: Sonntag, 22. Dezember 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Botola 2/ GNF 2 [2 البطولة الوطنية المغربية] (d.h. 2. Marokkanische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 2-1 nach 97 Min. (48/49) – Halbzeit: 1-0
- Tore: 1-0 11. Ayoub Nunah (Elfmeter), 1-1 49. Mansouf El Omri, 2-1 62. Ayoub Nunah
- Verwarnungen: Ayoub Nunah (RB); Nr. 2, Nr. 5, Nr. 31, Mansouf El Omri (USMAM)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Complexe Sportif Sidi Bernoussi, Casablanca [ملعب البرنوصي بالبيضاء] (Kap. 6.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 750 (darunter ca. 10 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 4,0/10 (Streckenweise langweiliger Kick mit ein paar aufs Spiel verteilten Höhepunkten) Photos with English and Arabic Commentary:
a) Rachad Bernoussi v USM Ait Melloul
b) Casablanca: Morocco’s Biggest City

Ich nutzte das verlängerte Wochenende für eine ausgedehnte Groundhoppingtour, die ich Sonntagvormittag begann. Für das Jugendspiel in Roche Noirs war ich zu spät losgefahren, andere Spiele lagen zeitlich zu knapp – die Stadtautobahn A3, die fast alle Sportstätten der Stadt im weitesten Sinne miteinander verbindet, ist halt mal wieder eine einzige Baustelle. Also fuhr ich gleich nach Sidi Bernoussi, einen allenfalls mittelmäßigen (also für Casablanca noch ganz ordentlichen) Stadtteil. Der ortsansässige Club Rachad Bernoussi spielt dort vor einer dürftigen Kulisse von meist unter 1.000 emotionsarmen Zuschauern zweite Liga. Heute reiste einer der Clubs aus dem Raum Agadir, der Städtische Sportverein USM Ait Melloul, an. Auch die machten keine Stimmung. Aber Hauptsache ein Ultra-Banner für die 10 Leute aufhängen und noch eine Palästina-Flagge daneben: dabei ist kein arabisches Volk politisch so ungebildet und desinteressiert wie das marokkanische…

Das Highlight war das Stadion: völlig asymmetrische Betontribünen die rund um den unebenen, struppigen und löchrig umzäunten Rasenplatz verteilt sind! In deren Rücken befinden sich noch Kleinfeld- und Basketballplätze, die ebenfalls zum Großteil von kuriosen Betontribünen mit großen Zwischenräumen und Ritzen umgeben sind. Die Gegentribüne ist mit ihren Zwischenräumen, gewagt wirkenden Pfeilern und dem asymmetrischen Aufgang schon klasse – aber die Haupttribüne hat mehrere Ränge, die man auf das Dach des Vereinsheims gebaut hat – aber alles nur halbfertig mit parallel führenden Treppen ohne Geländer und der Möglichkeit aufs Dach des Sportsaals zu klettern! Außerdem gibt es noch zwei kleine Tribünen hinter jedem Tor. Die Begrünung der Anlage ist auch nicht schlecht und geht im Niveau mit der am Stadion vorbeiführenden, sehr sauberen Hauptstraße mit. Die Sauberkeit des Stadions selbst ist aber nur auf dem Niveau des hinter der anderen Stadionmauer angrenzenden Bauernmarktes…

Das Spiel fing gut an: in der elften Minute ebnete der Elfer von Bernoussi mit einem sicher gegen die Laufrichtung des Torhüters verwandelten Elfer den Weg zum Erfolg für die Blauen. Nach der Pause kassierten sie zwar schnell den Ausgleich, doch das teilweise ruppige und über weite Strecken niveauarme Spiel wurde durch den Elfer entschieden, der einen Konter zum 2:1 abschloss.

Da alle Deutschen in Richtung weihnachtliche Heimat ausgeflogen waren und Khadijas Verwandte bei anderen Verwandten weilten, stieg ich noch mal im Funduq Cluny ab. Statistik:
- Grounds: 1.049 (1 neuer; diese Saison: 78 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.958 (heute 1, diese Saison: 102)
- Tageskilometer: 360 (360km Auto)
- Saisonkilometer: 28.330 (27.290 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 16 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 386

W386II: Groundhopping im Rif

--- Chabab Rif Al-Hoceima (نادي شباب الريف الحسيمي) ---
....................................... 0:1 (0:1) ...................................
Kawkab Athlétique Club Marrakech (الكوكب المراكشي)
- Datum: Samstag, 21. Dezember 2013 – Anstoß: 14.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (d.h. 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 0-1 nach 97 Min. (48/49) – Halbzeit: 0-1
- Tor: 0-1 33. Sofiane al-Bahja
- Verwarnungen: NN (CRA); NN (KACM)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Mimoun Al Arsi „Estadio Chipula“ [ملعب ميمون العرصي بالحسيمة] (Kap. 7.000, davon 6.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 3.500 (darunter ca. 150 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Hoceima spielte richtig schlecht, aber durch Kawkab und die Atmosphäre war der Spielbesuch OK) Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Professional Football League: Chabab Rif 0:1 Kawkab Marrakesh
b) Rif Mountain Range: Al Hoceima Coast and Landscape near Taounate
c) Meknés Old Town and Volubilis Roman Ruins & Zerhoun Mountains and Kasbah Nasrani

Diese Woche gab es ein paar Erziehungsmaßnahmen von Khadija bezüglich der Internetsucht ihrer Kinder, also hauptsächlich jener der beiden älteren Jungs: das Modem liegt jetzt bei Jim, sodass sie nur noch bei Freunden on gehen können, die sie auch schnell rausschmeißen würden wenn sie stundenlang den Computer blockieren und ich nutze das Internet der Nachbarn mit, da ich keinen teuren Surfstick für die neun Wochen die ich noch hier bin kaufe. Dadurch kommen die Berichte und Bilder jetzt meist später als zuvor. Da ich der große Bruder bin, wagt es auch keiner ungefragt an den Laptop zu gehen und wenn Khadija laut wird, hören selbst die älteren Jungs auf sie…

Im Institut wird seit dieser Woche hingegen noch mehr auf Multimedia gesetzt, aber die Lehrkräfte und Studenten gehen auch vernünftig damit um, was man von Mohammed und Hamza nicht behaupten konnte… Jedenfalls wurde diese Woche im Unterricht fast nur Fernsehen geguckt und dann über die Sendungen diskutiert. Und man kann selbst aus Trickfilmen noch einiges herausholen, v.a. solchen wie diesem ägyptischen Comic zu Koran-Geschichten, der die an sich im Koran nur knapp gehaltene Geschichte mit König Salomon und der Königin von Saba mit diversen Gags wie dem doofen Ehepaar Hausfrau + Polizist (der Bulle lässt sich von Spionen verarschen und seine Frau setzt ihm seine eigenen Brieftauben zum Essen vor) anreichert, aber ohne Grenzen zu überschreiten: Salomon wird als Prophet nicht ein einziges Mal auch nur angedeutet gezeigt und sein Text von einem externen Sprecher zitiert.

Noch gerade rechtzeitig bekam ich die Mail von zwei Groundhoppingkollegen aus Wuppertal, Timo und Jonny die für ein verlängertes Wochenende nach Fès reisten. So konnte ich sie Donnerstag am Flughafen abholen: für die Benzinkosten des Abholservices bekam ich ein ordentliches Essen ausgegeben. Freitag fuhren wir zusammen nach Meknés und besichtigten die Altstadt, dann weiter zu den römischen Ruinen nach Volubilis und nach Kasbah Nasrani im Zerhoun-Massiv. Letzteres war nur für den angehenden Sportlehrer unter den beiden lässig zu meistern… Durch meinen Umweg um ohne Polizeikontrolle in die Stadt zu kommen habe ich noch einen brauchbaren Atacadao gefunden – der in Bensouda hat 7-22 Uhr offen – und wir sind dann noch zu den Merinidengräbern, der besten Stelle für Fotos von der abendlichen Altstadt, hoch. Am Samstag stand dann die nächste Tour an. Wir trafen uns schon um 6 Uhr vor dem Ibis und brachen gen Norden auf. Drei deutsche Groundhopper nach Al Hoceima – bei dem schlechten Ruf des Rifgebirges und den Erfahrungen in Tetouan und Umgebung dachte ich eigentlich, das kann nicht gut gehen, aber die Fahrt sollte erstaunlich stressfrei verlaufen: kein Gangster „willst du Gras mein Freund“ und kein Polizist „Sie haben das und das gemacht, gib mir einfach 100 Dirham und wir vergessen das Ganze“… Nur der ab Taounate einsetzende Dauerregen und immer wieder auftretende Nebel nervte mit der Zeit, da nur wenige Landschaftsfotos nördlich von Taounate möglich waren. Und in diesem Bereich Marokkos, nördlich von Fès und zwischen Tetouan und Oujda, gibt es fast nur Landschaft zu sehen.

Einzige architektonische Sehenswürdigkeit war die spanische Burgruine in Torres de Alcalá. Der Ortsname wird auch im Arabischen so verwendet und ist eh ein Sprachmischmasch aus dem spanischen Torres und dem Arabischen Alcalá (al-qal’a) was dann zusammen „Türme der Burg“ heißt. Und diese Türme sind insgesamt drei verfallene die auf einem Bergkegel direkt an einer kiesigen, ruhigen Bucht am Mittelmeer thronen. Eine Bucht weiter aber kaum erreichbar befindet sich die spanisch besetzte und militärisch gesicherte (aber von Marokko aus auf Distanz zu besichtigende) Halbinsel Badis. Durch den Nebel konnten wir auch die zweite spanische Militäreinrichtung, den Peñon de Alhucemas – eine Felsinsel vor der Küste Al Hoceimas – nicht sehen. Wenn wir schon beim spanischen Schwachsinn sind, kann ich auch gleich noch erklären, warum Al Hoceima der einzige Ort im ehemaligen Spanisch-Marokko ist, in dem mehr Französisch als Spanisch als Zweisprache genutzt wird: die Spanier haben den Ort nämlich im 3. Rifkrieg 1926 mit Senfgas verseucht, nachdem die Rifeños über 10.000 Besatzer liquidiert hatten.

Noch heute ist Al Hoceima mit einer weit überdurchschnittlichen Lungenkrebsrate geschlagen und 2004 wurden sie auch noch von einem Erdbeben heimgesucht und musste größtenteils neu aufgebaut werden was dem Stadtbild nicht geholfen hat. Also warum die Regierung gerade in diesem 250.000-Einwohner-Ort mit diesen Problemen und am Arsch des Landes, den Tourismus vorantreiben will, weiß ich nicht so genau. Auch was der König da mit seiner x-ten Sommerresidenz – für seine Verhältnisse keiner seiner prunkvollen Paläste mit üppiger Grünanlage sondern mehr eine Datsche in einem Schrebergarten – will… Hier gibt es außer einer aufgehübschten Corniche mit Strand und spektakulärer Klippenlandschaft nichts Touristisches. Und jegliche Infrastruktur fehlt oder ist mehr als dürftig: das Preis-Leistungs-Verhältnis der Hotels darf in Zweifel gezogen werden und das einzige Restaurant was wir vor dem Spiel auftreiben konnte war das ganz gute aber zu teure (Tajine 80 Dh., Pizza ab 65 Dh., Fischgerichte teilweise deutlich über 100 Dh.) im Drei-Sterne-Hotel gegenüber des Stadions. Das besagte Stadion heißt nach Mimoune Al Arsi über den ich auf die Schnelle keine Infos finden konnte (wahrscheinlich ein ehemaliger Spieler). Außen wie innen dominieren die Vereinsfarben Blau und Weiß. Heute gab es freien Eintritt, sodass wir einfach so in das weite Rund, äh… enge Rechteck eintreten konnten. Dass nur zwei Seiten ausgebaut sind ist ebenso ungewöhnlich für ein Stadion der oberen marokkanischen Ligen wie die Innenstadtlage. Aber an letzterem erkennt man das hohe Alter des Stadions: die meisten Städten sind nämlich erst in den letzten 30 Jahren so gewuchert. Besonders alt ist die steinerne Gartenhütte hinter dem einen Tor, in der mal die Umkleiden untergebracht waren. Natürlich ist auch die blau-weiß gestrichen. Die blauen Sitzschalen sind auf einer Seite überdacht, auf der anderen Längsseite nicht. Oberhalb des unüberdachten Bereiches gibt es aber noch eine überdachte Loge mit orangen Sitzen.

Der Besuch war für Al Hoceima eher deutlich unterm Durchschnitt, wobei 150 Gästefans ganz gut waren. Die Anhänger von Kawkab Marrakesch waren auch öfter mal mit ihrem melodischen Gesang zu hören und setzten sich zum Ende hin mit buntem Rauch in Szene. Der Heimanhang ging etwas wenig mit für marokkanische Verhältnisse. Vor allem in unserer Ecke wurde wie in Deutschland rumgemeckert – von wegen „die können noch 100 Minuten spielen und schießen kein Tor“ – wobei auch der Altersschnitt in diesem Bereich recht hoch war.

Das Spiel war weder langweilig noch gut. Die erste Hälfte war noch ziemlich ansehnlich. Aber was Hoceima da zeigte war durchweg ziemlich scheiße: kaum ein Angriff aufs Tor, v.a. in der zweiten Hälfte nicht, und hinten in der Abwehr das letzte Chaos. So fiel aber wenigstens ein Tor, als die Abwehr nicht entschlossen genug dazwischen ging und ein Schuss ins lange Eck gesetzt wurde. Kawkab machte in der zweiten Hälfte dann nicht viel mehr als nötig um den Vorsprung zu verteidigen, was dem Spiel erstrecht nicht gut tat.

Die Rückfahrt verlief zügiger als gedacht, obwohl die engen und kurvenreichen Bergstraßen nicht leicht zu fahren sind. Die erste Hälfte des Finalspiels der Klub-WM hörten wir dann auf Capradio. Die Zusammenfassung von Raja gegen Bayern guckte ich nach dem Abendessen bei Khadija. Trotz der 0:2 Niederlage waren die marokkanischen Fans gut drauf – es freuten sich halt alle, dass Raja mit dem Erreichen des Finales solche Werbung für das Land machen konnte. Wie sich die beiden Ausrichterstädte den ausländischen Fans präsentierten kann ich nicht beurteilen, aber der Zusammenhalt der marokkanischen Fans (selbst Wydad und FAR-Anhänger unterstützten Raja für die Zeit der Club-WM) hat die Fans, die Ahnung haben und auf so was achten, definitiv beeindruckt. Dass wir in Deutschland diesen Zusammenhalt in diesem Maße nicht haben, musste ich meiner Gastfamilie dann noch zur allgemeinen Erheiterung beweisen:
Fayza hatte ihre Schwester Khadija angerufen und wollte dann auch mich sprechen um mir schon mal frohe Weihnachten zu wünschen und zum Sieg „meiner Bayern“ zu gratulieren. Ich meinte zum letzten Punkt nur „ich halte nicht auf Bayern“ – Sie: „Ja, nicht in der Bundesliga. Aber international doch schon, oder?“ – Ich: „Nein, ich erkenne ihre Leistung an, aber gewinnen sehen will ich sie eigentlich nicht.“ – Sie: „Auch nicht in der Champions League oder der Klub-WM? Aber das ist doch eine deutsche Mannschaft!“ – Ich: „Naja, Bayern und Deutschland… Bayern ist nicht so richtig Deutschland, das ist wie die Kabylei in Algerien wo die Leute nicht mal richtig Arabisch können…“ – Sie [lachend]: „Also wirklich! Du diskriminierst die armen Leute aus Bayern…“ Statistik:
- Grounds: 1.048 (1 neuer; diese Saison: 77 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.957 (heute 1, diese Saison: 101)
- Tageskilometer: 550 (550km Auto)
- Saisonkilometer: 27.970 (26.930 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 15 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 386

Dienstag, 17. Dezember 2013

W386I: Neuer Trainingsanzug – neuer Erfolg…

Maghreb Association Sportive de Fès (المغرب الفاسي)
.................................. 3:1 (2:1) ...................................
Olympique Club de Khouribga - (نادي أولمبيك خريبكة)
- Datum: Montag, 16. Dezember 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (d.h. 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 3-1 nach 99 Min. (47/52) – Halbzeit: 2-1
- Tore: 1-0 4. Mohammed el Naciri, 1-1 33. Maghnan Diouf, 2-1 43. Gerard Mandisou, 3-1 79. Moussa Tighana
- Verwarnungen: Nr. 17 (MAS); Nr. 14, 30 (OCK)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Complexe sportif de Fès [لفاس الرياضي المركب] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 2.000 (darunter ca. 40 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes Spiel mit besserer erster Hälfte und gute Stimmung) منظر على فاس من برج الجنوب Photos with English and Arabic Commentary:
a) Maghreb Association Sportive de Fès defeat Olympique de Khouribga in Moroccan Pro League
b) Fès: The City As Seen From Borj Sud (Southern Defense Tower)

Videos on My-Video.De:
a) Support of Maghreb Fès Ultras (Fatal Tigers) No. 1
b) Support of Maghreb Fès Ultras (Fatal Tigers) No. 2

Kaum hat die neue Woche begonnen, schon gibt es wieder Fußball! Zur Abwechslung mal ein Montagsspiel – das habe ich in Marokko noch nie im Stadion besucht. Da so viele Leute Interesse anmeldeten – Derek und die anderen Amis sprangen zwar ab, Khadija wollte nachdem sie letzte Woche bei dem WAF-Spiel waren nicht noch mal zu einem Spiel und für Rita galt dasselbe denn 2 Stunden im Stadion zu sitzen sind zu lang für sie; aber Simo, Zaki und Hamza waren mit von der Partie – ging es diesmal statt mit dem Fahrrad mit dem Auto in die Südvorstadt. Vor der Partie besorgte mir Simo in der Stadt einen kompletten Trainingsanzug von Maghreb Fès (vom Hersteller Lotto mit M.A.S-Originalaufdruck für 28,50€): er ging alleine und dem Händler sagte er, er sei für ihn selber, da das dumme Schwein derartig unehrlich ist, dass es das Doppelte verlangt hätte und nicht runtergegangen wäre wenn ich dabei gewesen wäre und wenn er gewusst hätte, dass Simo die Jacke für einen Ausländer mitbringt, wäre es auch teurer geworden…

Durch den Einkauf wurde es etwas knapp und Hamza musste noch von der Schule abgeholt werden. Als ich vorfuhr hielt er die Hand raus und bläkte „Taksi lel-melaâb“ (Taxi zum Stadion) – denn viele Taxis in Fès sind rote Dacias… So ging es jedenfalls gut ausgestattet mit dem neuen Trainingsanzug und der passenden Vorhersage der Jungs „heute gewinnt MAS wieder, da du den neuen Trainingsanzug hast“ zu viert zum Complexe Sportif, den wir durch meine Taxifahrerfahrweise noch 10 Minuten vorm Anstoß erreichten… نادي المغرب الفاسي و اوليمبيك خريبكة Während bei WAF nur eine Kerze das Kassenhäuschen ausleuchtet, hat sich der Kassenwart von MAS zwei Neonlampen mitgebracht. 50 und 30 Dirham kosten die Karten, wir vier nahmen natürlich die billigere Kategorie, die zum Sitzen auf der Gegentribüne und in der Kurve berechtigt. Zaki, Hamza und ich überstimmten Mohammed: da wollte doch das Weichei erst nicht zu den Ultras in die Kurve!

Dort war der Einlass erwartungsgemäß ein Problem: die Bullen glotzten mich erst komisch an – eine der Situationen wo ich das Denkvermögen der Einheimischen auf eine harte Probe stelle: ich sehe durch die Sport-Klamotten so einheimisch aus, dass ich auch ein Berber oder Halbfranzose sein könnte – und brüllten dann Zaki ohne Grund an, er solle abhauen da er noch zu klein sei. Anstatt dass der uniformierte Abschaum mal einfach ruhig fragt wo der gesetzlich vorgeschriebene Begleiter ist – es gibt sofort abfälliges Geschrei. Ich passte mich in der Lautstärke wie üblich an und fuchtelte mit der typischen Handbewegung für „shnu hada/ was soll das“ vor den Bullen rum: „Was soll das? Warum? Ich bin für ihn verantwortlich! Wo ist das Problem?“ Als Mohammed noch sagte, dass er sein Bruder ist, sollte ich das noch bestätigen und als ich ungehalten meinte „natürlich, er ist doch kein Lügner“ wurden wir alle durchgelassen.

Trotz absolutem Minusrekord für MAS – nur 2.000 Zuschauer, davon 50% in der Ultras-Kurve – war die Stimmung durchgängig gut: tolle Melodien, prima Rhythmen und viel derbes und lustiges Liedgut. So ging es die vollen 99 Minuten ohne nennenswerte Unterbrechungen in der Kurve zu.

Das Spiel wurde anfangs überraschend offensiv geführt. Maghreb Fès kam durch einen Abstauber nach Abpraller zur frühen Führung. Nach Chancen auf beiden Seiten glich die BSG Phosphat Khouribga in der 33. Minute aus. Nur zehn Minuten später knackten die MAS-Stürmer die OCK-Abwehr erneut und schoben zum 2:1 ein. Nach der Pause setzte MAS mehr auf die Verteidigung und das Spiel verlor an Attraktivität, doch als Khouribga zwei sehr gefährliche Gelegenheiten hatte, konterte Fès und schloss souverän ab – ein Kopfball in den Winkel zum 3:1 Endstand und dem ersten Sieg seit Ende September! Laut den Jungs besteht natürlich ein klarer Zusammenhang damit, dass ich mit neuer Ausstattung ins Stadion bin und in diesem Original Maghreb-Fès-Trainingsanzug wie deren schweizerischer Trainer aussehe… نادي المغرب الفاسي و اوليمبيك خريبكة Nach dem Spiel ging es entsprechend gut gelaunt zum Auto wo uns zwei Kumpels von Mohammed über den Weg liefen die mitten drin im Ultra-Pulk gewesen waren: die stiegen zu da sie auch in der Altstadt (Batha) wohnen und prinzipiell per Anhalter zum und weg vom Stadion kommen. Die gute Laune nach dem Sieg zeigte sich dann bei Zaki in Form von Übermut: ein Mitschüler der für WAF hält lief uns vor der Mohamed-Korri-Grundschule über den Weg, woraufhin er ihn mit einer Grätschte zu Fall brachte und auf die Ergebnisse vom Wochenende (3:1 Sieg für MAS, 1:4 Niederlage für WAF) aufmerksam machen musste.

Die Steigerung des Übermutes war dann der Klingelstreich bei den bescheuerten Nachbarn am Anfang unserer Gasse: ein Klingelstreich ist in der Medina eher ein Türklopferstreich – der scheppernde Türklopfer ist auch schön durchdringend! – doch die zügige Flucht ist immer die gleiche; egal ob Klingel oder Türklopfer…

Und die Krönung war dann, als wir nachhause kamen und mit einem Vier-Mann-Wechselgesang „Curva / Savanna – Dima, dima, dima / Massawi“ unseren nervigen deutsch-irischen Gast der schon 21 Uhr schlafen gegangen war, weckten – das „silence, please“ haben selbst die Jungs mit ihren sehr schlechten Englischkenntnissen verstanden… نادي المغرب الفاسي و اوليمبيك خريبكة Statistik:
- Grounds: 1.047 (kein neuer; diese Saison: 76 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.956 (heute 1, diese Saison: 100)
- Tageskilometer: 30 (30km Auto)
- Saisonkilometer: 27.420 (26.380 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 14 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 386

W385III: Zweite Liga im Schafzuchtzentrum Kasbah Tadla

Jeunesse sportive de Kasbat Tadla (نادي شباب قصبة تادلة)
..................................... 2:1 (2:0) ......................................
------ Club Rachad Bernoussi (نادي الرشاد البرنوصي) ------
- Datum: Sonntag, 15. Dezember 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Botola 2/ GNF 2 [2 البطولة الوطنية المغربية] (d.h. 2. Marokkanische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 2-1 nach 94 Min. (45/49) – Halbzeit: 2-0
- Tore: 1-0 24. Jaouad al-Qaous, 2-0 29. Wadiâ Karam, 2-1 65. El-Mehdy Ârashy (Foulelfmeter)
- Verwarnungen: Nr. 6, 10, 15 (JSKT); Nr. 26 (RB)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Kasba Tadla [ملعب البلدي القصبة التادلة] (Kap. 5.300 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 1.500 (keine Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 6,5/10 (Sehr gute erste Hälfte und mäßige zweite) شباب قصبة تادلة و الرشاد البرنوصي Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan 2nd Division: Chabab Riadi Kasbah Tadla defeat Rachad Bernoussi of Casablanca
b) Kasbah Tadla Castle Ruin and Mischliffen Landscape

Letzten Sonntag hatte ich schon ein Spiel von Kasbah Tadla in Tanger gesehen, heute stand ein Heimspiel auf dem Programm. Als ich um 7.30 Uhr im Innenhof stand, sprang mein Mitfahrer Zaki ab, da er nicht aus dem Bett kam. Khadija kommentierte trocken: „Mit ihm brauchst du keine Tour mehr abzumachen. Das ist halt der Unterschied zwischen Marokkanern und Marokkanerinnen: War ich jemals zu spät oder habe die Pläne kurzfristig geändert? Oder Fayza oder Malika? Nein. Aber mein Sohn ist ein typischer Marokkaner und kommt genau nach seinem Vater und den großen Brüdern: dauernd Wünsch, freie Zeiteinteilung und Faulenzerei als sei er ein Gast in einem Hotel und ich die Hotelangestellte…“

Dieses Wochenende also doch nur alleine etwas unternommen, aber die Fahrt lohnte sich auch so. Zwischen Ifrane und Azrou nahm ich nicht den direkten Weg sondern fuhr über Mischliffen, wo es tolle bewaldete Berge mit Hochalmen gibt. In Azrou stieß ich wieder auf die altbekannte Strecke gen Marrakesch, wo ich nur in El Borj mal kurz anhielt. Die Ruinen des Wohnturms (El Borj = Der Turm) hatte ich bei keiner der Fahrten in der Gegend fotografiert.

Kasbah Tadla liegt in einer Senke, die vom Fluss Oum er-Rabiaa durchflossen wird. An diesem Fluss liegt auch direkt die Altstadt mit der Festung (= Kasbah). Die ist innen sehr unordentlich und verfallen, doch zwei schicke Moscheen stehen in dem von hohen Lehmmauern umgebenen Gelände. Die anderen, sehr primitiven und heruntergekommenen Gebäude der Altstadt sind nicht der Rede wert – die Neustadt ist eine Ansammlung einfacher Betonbauten. Der Ort ist ein Landwirtschaftszentrum, das v.a. für Schafzucht bekannt ist und überhaupt nicht touristisch geprägt. So waren die Leute durchweg freundlicher als in den touristisch überlaufenen Orten wie Fès oder Marrakesch, aber entsprechend schwierig gestaltete sich die Restaurantsuche. Es schien nur ein einziges im ganzen Ort zu geben: an der Ausfallstraße gen Casablanca – und da gab es nur Fisch, was ich ungern esse… Aber egal, das Angebot eines gemischten Fischtellers mit Salat war zu gut: da das Besitzerehepaar so freundlich war gab es mal volle 10% Trinkgeld, doch selbst dann waren es nur glatt 3€ für eine richtige Mahlzeit. شباب قصبة تادلة و الرشاد البرنوصي Die Ultras des Vereins nennen sich „River Boys“ oder „Oulad El Oued“ und entsprechend liegt das Stadion nahe des Oum er Rabiaa. Die überdachte Haupttribüne ist über den Sozialtrakt gebaut und fasst nur 300 Zuschauer die 30 Dirham (2,70€) abdrücken müssen. Für 20 Dirham kann man sich auf den Stufen der Nebentribünen – hinter den Toren sind die nur bruchstückhaft ausgebaut – oder der Gegentribüne niederlassen. Alle Tribünen sind in den Vereinsfarben rot und weiß gestrichen. Die Lage in der gebirgigen und von Bäumen durchsetzten Weidelandschaft macht einen sehr guten Eindruck.

Was keinen so guten Eindruck machte, war die durch die Polizei verbreitete Hektik. Es gab heute kaum Support, da viele der River Boys am Zutritt gehindert wurden. Und das musste natürlich vorm Stadion ausdiskutiert werden. Nicht nur jugendliche Ultras, auch ein paar wenige Erwachsene wurden aus unverständlichen Gründen am Einlass gehindert und noch mehr wurden trotz Tribünenkarten und verfügbarer Tribünenplätze auf die billigeren Plätze geschickt. Erst in der zweiten Hälfte schien die Zuschauerzahl von 1.500 übertroffen worden zu sein und es wurden auch mal Gesänge angestimmt.

Allerdings war das Spiel in Hälfte zwei nicht mal mehr halb so gut wie in Hälfte eins. Da hatte Kasbah Tadla nämlich richtig schönen Fußball gespielt und die Gäste aus dem Casablancaer Stadtteil Bernoussi stark unter Druck gesetzt. So gab es auch einen Schuss aus spitzem Winkel und einen Kopfballtreffer zum 2:0 Pausenstand. Doch in der zweiten Hälfte stellte sich Kasbah Tadla mit ihrer üblichen Fünferreihe (hätte mich Fayza da nicht zu meiner Überraschung bei dem Spiel in Tanger drauf aufmerksam gemacht, wäre mir das gar nicht aufgefallen, dass da echt die halbe Mannschaft nur vorm eigenen Strafraum herumläuft) hinten rein und verteidigte den Vorsprung weitestgehend. Weitestgehend, das heißt dass Bernoussi immerhin ein Ehrentor per Foulelfmeter (gegen die Bewegung des Torhüters flach halbrechts eingeschoben) gelang.

Die Rückfahrt war nicht gerade schnell oder kurz, aber weder sonderlich anstrengend noch aufregend. Es war nur lustig wie man zwischen Kasbah Tadla und Azrou außer dem auf Amazight (Berber) sendenden SNRT Amazighiya keinen Sender reinbekam – aber auch arabische Marokkaner hören zumindest ab und an diese sich deutlich von normaler arabischer Mucke (ob altmodisch wie George Wassouf oder verwestlicht wie Amr Diab) unterscheidende Musik der Berber wie Aziz Bajtit (und ja, die singen in einer völlig anderen Sprache als Arabisch und ja, 9 Minuten sind für ein Amazighiya-Lied wirklich noch kurz). Und ich wüsste einige (v.a. auch marokkanische) Mitfahrer die zwar die Musikauswahl nicht gestört, aber es aufgeregt hätte, dass ich während des Fahrens (selbst während Überholvorgängen auf den engen Landstraßen) meine Sandwiches gegessen habe… قصبة تادلة Statistik:
- Grounds: 1.047 (1 neuer; diese Saison: 76 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.955 (heute 1, diese Saison: 99)
- Tageskilometer: 560 (560km Auto)
- Saisonkilometer: 27.390 (26.350 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 13 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 385

W385II: Zwei Mal 3:1 in der Westprovinz

Association Sportive Jorf El Melh (الجميعة الرياضية جرف الملح)
......................................... 3:1 (3:1) ........................................
-- Union Nasr Sportive Rabat (اتحاد النصر الرياضي الرباطي) --  Datum: Samstag, 14. Dezember 2013 – Anstoß: 12.00
- Wettbewerb: Senior 3 Division, Ligue Excellence du Gharb de Football [دوري الهواة القسم الثالث - عصبة الغرب] (Westmarokkanische Bezirksoberliga = 5. Marokkanische Liga, 3. Amateurebene)
- Ergebnis: 3-1 nach 99 Min. (49/50) – Halbzeit: 3-1
- Tore: 1-0 19. (Nr. 18), 2-0 23. (Nr. 12), 2-1 34. (Nr. 9), 3-1 36. (Nr. 10)
- Verwarnungen: 2x Nr. 12, Nr. 8, 18 (ASJM); Nr. 2 (UNSR)
- Platzverweise: Nr. 12 von Jorf Melha (80. Min. wg. wdh. Fouls)
- Spielort: Terrain Municipal Jorf El Melha [ملعب البلدي جرف الملحة] (Kap. 1.000 Stehplätze)
- Zuschauer: ca. 250 (keine Gästefans)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Durchschnittliches Spiel)

Association Athlétique Dar Gueddari 
------- (الجميعة الرياضية دار الكداري) ---------
........................ 3:1 (3:0) .......................
Amal El Zaouia Moulay Bousselham 
-------- (امل الزاوية مولاي بوسلهام) ----------
- Datum: Samstag, 14. Dezember 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Senior 4 Division, Ligue 1 du Gharb de Football/ Groupe C [عصبة الغرب - بطولة الهواة القسم الرابع, مجموعة ج] (d.h. 1. Westmarokkanische Regionalklasse/ Gruppe C = 6. Marokkanische Liga, 4. Amateurebene)
- Ergebnis: 3-1 nach 101 Min. (49/52) – Halbzeit: 3-0
- Tore: 1-0 NN, 2-0 NN, 3-0 33. (11), 3-1 94. (11)
- Verwarnungen: Nr. 8 (AZMB)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Sidi Kacem; Terrain de Jaouhara [ملعب الجوهرة بحي الجوهرة القاسم] (Kap. 1.000 Stehplätze)
- Zuschauer: ca. 50 (davon ca. 25 aus Dar Gueddari und 25 aus der Siedlung)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Durchschnittliches Spiel) نادي جرف الملحة و اتحاد النصر الرباطي - دوري الهواة القسم الثالث Photos with English and Arabic Commentary:
a) Amateur League 3: Association Sportive Jorf El Melha v Union Nasr Sportive de Rabat
b) Amateur League 4: AA Dar Gueddari v Amal El Zaouia Moulay Bousselham (in Sidi Kacem)
c) Rif Mountains Between Karia Ba Mohamed and Jorf Melha

Wie auch letzten Samstag ging es in die Provinz um Sidi Kacem für unterklassigen Fußball. In Fès fuhr ich die Nordumfahrung der Altstadt über den Zalagh-Berg. Die Gebirgszüge im Norden von Fès sind Ausläufer des Rif-Gebirges. Insbesondere der Pass über den Zalagh ist landschaftlich sehr schön und spektakulär. In Karia Ba Mohamed sollte man nach dem Weg fragen, da diese hässliche Landstadt in schöner Landschaft sehr unübersichtlich ist – aber gerade in solchen Orten sind die Leute am höflichsten wenn ein Ausländer etwas wissen muss.

Auch in Jorf El Melh (oder Jorf el-Melha, heißt beides Salzklippe) waren die Leute trotz durchweg geringer Bildung sehr angenehm. Dass das Königshaus großkotzig neue Schulen baut ohne dafür die Lehrer einzustellen und ohne Beamte, die den Kindern die Schulpflicht aufdrängen, einzuberufen – nur um nach außen vorzugaukeln, dass sie etwas gegen den Analphabetismus und die generelle Unbildung vieler Marokkaner (wären Marokkaner im Schnitt so gebildet wie z.B. Syrer wäre es hier unruhiger und diese Lachnummer von Monarch schon längst nicht mehr fest im Sattel) tun würden, kann man in einem Dorf wie Jorf El Melh ganz gut ablesen. Alle wollten mir erklären wer gegen wen kickt und welche Liga und welcher Tabellenplatz, aber als ich bat mal die Vereinsnamen (Arabisch, da ich nur die französischen Versionen im Netz gefunden hatte) aufzuschreiben wurde es schwierig:
Älterer Berber: „Lahcen, kannst du schreiben?“
Lahcen: „Pffff hmmm…“
Junger Mann: „Amin hat Ahnung, ey Amin mach dich hierher und schreib dem Deutschen mal die Teams auf!“
Amin: „OK, also Djamiâ ar-Riadhiya Djorf Melha gegen äh… wie heißen die? Trainer, wie heißt die Gastmannschaft?“
Trainer: „Ittihad Nasr Ribaty“
Amin: „[schreibt so falsch wie er spricht] Tihad… ähm… Nasr mit sîn oder sâd?“ [zwei ähnlich klingenden S-Lauten, als ob einer im Deutschen fragt „s oder ß“]

Jorf El-Melh ist ein Kaff mit kaum mehr als 20.000 Einwohnern und nicht einem sehenswerten Gebäude. Ganz am Ostrand der Landstadt befinden sich ein Wochenmarkt (Montag ist dort Markttag) und ein Fußballplatz. Die Anlage ist weiträumig ummauert und von Hügeln umgeben. In der Mitte der struppigen Wiese ist ein eingezäunter Bereich, der wohl mal eine Wiese war aber völlig weggetreten ist. Hier wird auf staubigem Lehm gekickt. Leider ausbautenlos, aber immerhin 250 Zuschauer fanden sich trotzdem ein. Die waren aber erstaunlich zurückhaltend und in keiner Weise aggressiv. Es ist nur interessant gewesen, dass eine Gruppe Jugendlicher in Sichtweite einer Polizeistreife Gras rauchte während einer von ihnen laut aufgedreht Berbermusik auf seiner Taschendisko abspielte…

Das Spiel lud auch nicht so zu Aggressionen oder großen Supporteinlagen ein: es war allenfalls durchschnittlich, eher einseitig zugunsten der Heimelf und von beiden Seiten ab und an etwas unsauber geführt. Jorf Melha ging mit zwei Kontern in Führung. Ein Weitschuss ins Eck sorgte für den Anschlusstreffer, ehe ein Kopfball bereits nach 36 Minuten den Endstand herstellte. Die zweite Hälfte sah dann – genau konträr zur ersten – mehr Chancen für die Gäste, doch sie kriegten nicht einen weiteren Treffer unter, auch als sie ab der 80. mit 11 gegen 10 weitermachten. دار الكداري مع امل الزاوية مولاي بوسلهام Die Zeitplanung erschien mir schon sehr gewagt: vom Gemeindesportplatz von Jorf El Melh aus sind es 50km bis Sidi Kacem, aber es waren nur 35 Minuten Zeit. In Sidi Kacem gibt es zwei Sportstätten: das große Stadion in der Stadtmitte und ein Fußballplatz im Viertel El-Jawhara (Edelstein). Warum das so heißt würde ich schon mal gerne wissen: die Straßen sind löchrig und dreckig, einiges Bauland liegt brach, die Häuser sind einfach gebaut und oft noch gar nicht bezugsfertig und der Platz liegt von Häusern umgeben, ausbautenlos und eingezäunt irgendwo mittendrin in der Kleinstadtlangeweile. Die Wiese ist uneben und staubig, aber immerhin mehr grün als erdfarben. Die Tore sind aber etwas krumm und schief und warum es nur für zwei Eckfahnen gereicht hat und nicht für vier, weiß ich auch nicht…

Hier standen sich jedenfalls die Truppen aus Dar Gueddari, einem Dorf ohne Großfeldplatz (6.000 Einwohner, 50km Anfahrtsweg für ein „Heimspiel“), und Moulay Boussalem, einem anderen Kaff von nicht mehr als 10.000 Leuten, das auch keinen Großfeldplatz hat und daher immer im 20km entfernten Lella Mimoune die Heimpartien kickt. Der Vereinsname der Gäste, also der nominellen Gäste, zielt wohl darauf ab, dass man sich an einer Zaouia (Zawiya, Schrein eines verstorbenen weisen Mannes oder weisen Frau) Segen (Baraka) oder Hoffnung (Amal) abholen kann.

Erwartungsgemäß waren nur wenige Anhänger gekommen und die Hälfte der knapp 50 Fans aus der Siedlung. Außer Applaudieren tat hier keiner was um die Teams zu unterstützen. Selbst wenn es auf dem Feld mal Gemecker und Gepöbel gab, verhielten sich die Zuschauer sehr fair. Vielleicht ist in Sidi Kacem und Dar Gueddari auch der Bildungsstand höher, denn hier waren die Leute nicht nur fair im Umgang mit den Sportlern sondern es konnte mir gleich der erste aufschreiben, wie die Teams mit vollem Namen heißen. Er musste mir auch leider gleich sagen, dass es bereits nach 5 und 10 Minuten die ersten Treffer gab.

Ich war in der 15. Minute gekommen und musste dann einige Chancen auf beiden Seiten abwarten, ehe Dar Gueddari nach einem Freistoß der quer durch den Strafraum gesegelt kam, per Kopf zum 3:0 einnetzte. Erst in der zweiten Halbzeit gelang Moulay Bousselham ein Ehrentor: ein strammer halbhoher Schuss aus 15m aus dem Lauf heraus ins Eck. Kurz zuvor hatte Dar Gueddari noch eine Serie von vier Ecken knapp vergeben (Kopfballabwehr auf der Linie, Torwartparaden etc.). Zwar nur zwei Treffer gesehen, aber ein lohnender Spielbesuch.

Ich nahm nach dem Spiel bewusst einen längeren Weg über die Kreisstraße P5003 und die paar Gehöft im Umfeld von Moulay Yacoub, da ich jetzt immer die Polizeikontrolle auf der Bundesstraße N6 aus Richtung Meknés meide. Dort stehen nämlich die größten Arschlöcher und Abzocker. Am Ortseingang Avenue Loudaya im Schneider-Viertel Belkhayat stehen komischerweise gar keine Bullen...
Zuhause angekommen wurde ich gleich mit einem Hühnerfleischgericht versorgt und nachdem Zakariya und ich noch die Planung für den Sonntag ausdiskutiert hatten, kam noch ein Gast, eine deutsch-irische Kunsthistorikerin um die 70, der für die nächsten Tagen bleiben wird aber sicherlich der nervigste Besuch seit Beginn meines Aufenthalts ist: langweilige dauerlabernde Rentner sind immer noch stressiger als laute Ami-Familien deren lustige Sprüche Khadijas Kinder zu noch mehr Blödsinn animieren… طبيعة بالقرب قرية با محمد Statistik:
- Grounds: 1.046 (2 neue; diese Saison: 75 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.954 (heute 2, diese Saison: 98)
- Tageskilometer: 290 (290km Auto)
- Saisonkilometer: 26.830 (25.790 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 12 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 385

W385I: Immer wieder Derbyzeit in Kénitra

---- Kénitra Athlétic Club (النادي الرياضي القنيطري) ----
................................... 1:1 (0:0) ...................................
Association Sportive de Salé (السلاوية الرياضية الجمعية)
- Datum: Freitag, 13. Dezember 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (d.h. 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 1-1 nach 96 Min. (47/49) – Halbzeit: 0-0
- Tore: 0-1 71. Rafik El-Mimouni, 1-1 89. Alpa Sow (Foulelfmeter)
- Verwarnungen: mind. Nr. 18 von ASS
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Kénitra [الملعب البلدي بقنيطرة] (Kap. 8.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 7.500 (darunter ca. 750 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes und spannendes Spiel) نادي القنيطري و جميعة سلا Photos with English and Arabic Commentary:
a) KÉNITRA ATHLÉTIC CLUB – ASSOCIATION SPORTIVE SALÉ
b) Kénitra Town Centre and Roman Ruins of Banasa

Am Mittwoch hat die Club-WM in Marokko (also Agadir und Marrakech) begonnen. Die FIFA kann mich aber mal am Arsch lecken: billige Karten nur für Marokkaner, im Stadion dann dadurch eine entsprechende Trennung der Nationalitäten, die Karten nur über Internet bestellbar was nach weniger Aufwand klingt, aber mit meiner VISA-Karte der DKB verweigert wurde und mit der Maestro der Sparkasse genauso wenig ging (wahrscheinlich, da ich von Marokko aus zugegriffen habe), TV-Übertragungen gibt es nur im Bezahlfernsehen und nicht auf einem einzigen marokkanischen Kanal oder den normalen Jazeera-Sport-Kanälen und die Live-Streams im Netz werden von der FIFA-Mafia immer wieder sabotiert.

Also dieses Touristenevent Club-WM ist wirklich die letzte Scheiße: sicherlich wird kein Groundhopper so bescheuert sein wie viele normale Fans die für Bayern oder wen auch immer anreisen und nach dem Besuch der Club-WM (auch wenn sie Raja gesehen haben sollten) behaupten: „Ich habe marokkanischen Fußball gesehen“. Den Idioten, die meinen sie hätten mit der Club-WM marokkanischen Fußball erlebt, kann ich nur sagen: Netter Länderpunkt, aber wenn ihr diesen Länderpunkt richtig machen wollt (also was von der einheimischen Fußballkultur mitkriegen wollt und nicht nur die internationale Kommerzkacke auf marokkanischem Boden) dann guckt erst mal ein Erstligaspiel in Casablanca und danach 4. Liga in Sidi Slimane oder so. Das ist Fußball und nicht nur reiner Kommerz!

Es muss aber nicht immer Casablanca oder Sidi Slimane sein, es geht auch wie dieses Wochenende mit Kénitra und Kasbah Tadla sowie Jorf Melha und Sidi Kacem. Da kann man auch einige interessante Dinge erleben! مدينة اثارية بناصة Durch den derzeit nur morgens stattfindenden Arabischunterricht konnte ich mir erlauben, noch mal nach Kénitra zu fahren. Dort gab es mal wieder ein Derby, was diesmal zum Freitagabendspiel der 1. Liga erklärt wurde. Den Freitag den 13. wiederum haben die Kénitra-Fans auf ihrer Facebookseite zum „ACAB DAY“ erklärt, aber so wild war es dann auch wieder nicht…

Bevor ich das Stadion oder überhaupt erstmal Kénitra ansteuerte, machte ich einen Umweg: über Sidi Kacem ging es gen Ben Ksiri nach Banasa. Erstaunlicherweise steht dort sogar ein Schild zur archäologischen Stätte. Die Ruinen einer römischen Veteranen-Kolonie von ca. 30 v. Chr. sind auch sehr gut erschlossen. Die Anlage wird als Iulia Valentia Banasa bezeichnet und hat neben einem eindrucksvollen Forum auch noch mehrere Thermen, Grundmauern von Privathäusern und einen Tempel zu bieten. Man wird von zwei Aufsehern, die wirklich gut Bescheid wissen, für zusammen 20 Dh. herumgeführt. Einer der beiden spricht prima Hocharabisch – und dem machte es richtig Spaß mal jemandem die Ruinenstadt so zu erklären: denn meistens kommen nur Marokkaner vorbei und die wenigen Touristen die sich hierher verirren brauchen eine französischsprachige Führung. Interessanterweise bat mich der langbärtige Aufseher namens Mohammed bevor ich mich verabschiedete, dass ich wenn immer möglich mit mindestens einem meiner marokkanischen Freunde herumreise: „Dir als Deutschem wird noch mehr Respekt als einem Ami oder Franzosen oder Spanier entgegengebracht, aber es gibt einfach zu viele aggressive und unehrliche Idioten in Marokko, die kein anständiges Benehmen gegenüber Ausländern an den Tag legen.“

So schlimm ist es allerdings zumindest in der Küstenregion um Kénitra dann doch nicht: zwei Wänster bettelten mich vorm Stadion wegen Karten an, aber einmal deutlich „Safi“ (Schluss jetzt) reichte schon und auch der Schwarzmarkthändler dem ich nur den regulären Kartenpreis (an der Kasse gab es Tumulte, deshalb holte ich einige Meter entfernt unter der Hand die Pelouse-Tickets) bezahlte, gab sofort Ruhe mit seinem „gib mir 30“ als ich knapp und wenig höflich meinte „da steht 20 Dirham drauf, nur 20!“ نادي القنيطري و جميعة سلا Nicht nur an der Kasse gab es etwas Stress, die Fans neben mir warnten mich schon zu recht, hier immer wieder nach rechts zu den Helala Boys zu schauen, ob die grade mit Pyro hantieren. Aber wegen denen war der Anreiz überhaupt erst da, zu diesem Spiel zu fahren, obwohl ich dieses Stadion bereits besucht hatte. Im November hatte ich ein anderes Derby – und zwar das wichtigere gegen FAR Rabat – in Kénitra gesehen. Stimmungsmäßig standen v.a. die Helala Boys deutlich hinter dem größeren Derby zurück, da die Gesangspausen ziemlich lange waren. Die Banner die vom Dach baumeln sind mittlerweile auch bekannt. Nur die Pyroshow mit Bengalos und sofort darauf Handfackeln wusste zu überzeugen. Durch Gedränge auf der Treppe mussten mehrere Jugendliche aus dem Block humpeln und von der Ambulanz behandelt werden: auch die Krankenwagenbesatzung wurde daraufhin angefeuert… Der Gegner aus Salé bot optisch nicht viel, aber akustisch dafür umso mehr. Einige neue Melodien und sehr ausdauernder Gesang.

Das Spiel selbst lohnte dann erfreulicherweise auch das Kommen, denn hier wurde ganz schön offensiv gespielt. Salé war in der ersten Hälfte die klar bessere Mannschaft und ließ die Heimelf nur zu wenigen Torgelegenheiten kommen. Diese wenigen versiebten sie auch. Salé ging allerdings noch schlechter mit ihren Chancen um: vom kläglich versemmelten Distanzschuss bis zum Pfostentreffer und vom aus Nahdistanz über den Querbalken gelupften Schuss bis zum Fallrückzieher in die Arme des Torwarts war da alles dabei. Nach der Pause waren die Chancen besser verteilt und endlich fiel auch mal ein Treffer: mit erstaunlich gutem Kombinationsspiel nahm der Tabellenletzte die KAC-Abwehr auseinander und traf mit einer Grätsche aus vier Metern. Dann wurde Kénitra wach, riss das Spiel an sich, lief aber beinahe in alles entscheidende Konter. Dann ein Foul im Strafraum von Salé in der 89. und der fällige Strafstoß wird souverän verwandelt. Mal wieder ein Unentschieden, mal wieder 1:1, mal wieder ist außer mir als neutralem Fan keiner zufrieden…

Nach dem Spiel wieder das übliche Theater in Kénitra: Rennereien, Pöbeleien und einzelne Wurfgeschosse im Stadionbereich, völlig verstopfte Straßen und Umleitungen auf dem Weg zur Autobahn. Durch den ganzen Mist kam ich erst Mitternacht in Fès an. Der eine Polizist erschreckte mich leicht, als er mich an der sonst immer so lässigen Kontrolle vorm Rondpoint Ain Sman unerwartet herauswinkte – aber er wollte keine Bestechung, sondern nur wissen wofür meine SK-Nummer steht (bei der Beschreibung dass Merseburg im Saalekreis in Ostdeutschland liegt, dachte er immerhin gleich an Dresden) und ob ich in Fès arbeite. Für so Fragen lass ich mich dann doch gerne mal anhalten – das hat ein ganz anderes Niveau als bei den Arschlöchern an der N6 Douyet-Fès, die mir schon zwei Mal was anhängen wollten…
Meine späte Rückkunft nach Hause bewegte Mohammed dann zu der Frage: „Sag mal willst du morgen immer noch um 7.30 Uhr aufstehen und um 9 nach Jorf El-Melha zu dem Kick auf dem Dorf?“ Da konnte ich als echter Groundhopper natürlich nur antworten: „Mitternacht ist doch nicht so spät, natürlich geht es morgen früh los!“ نادي القنيطري و جميعة سلا Statistik:
- Grounds: 1.044 (kein neuer; diese Saison: 73 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.952 (heute 1, diese Saison: 96)
- Tageskilometer: 470 (470km Auto)
- Saisonkilometer: 26.540 (25.500 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 10 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 385