Donnerstag, 29. März 2012

IND-XIX: Praktikum in Indien – Notizen (7)

* Neues aus dem Institut *

Mittlerweile haben ziemlich viele Kommilitonen kleine Zipperlein: Magen verdorben, erkältet vom Ventilator... Wieso bin ich eigentlich so ziemlich der Einzige, der noch keine Probleme in der Richtung hatte? Aber: gut so – und hoffentlich bleibt das auch so! Probleme gibt es hier nämlich genug andere: Gewitter, die einem das Badmintonspiel am frühen Abend vermiesen, zum Beispiel. Oder stundenlange Stromausfälle. Oder Ärger, weil man die Kommilitonen, die man in Halle noch richtig gut leiden konnte, jetzt mal etwas länger aushalten muss und somit auch mehr schlechte Seiten wie Klugscheißerei und Rumzickerei kennenlernt... Oder unsichere Internetverbindungen. Über dieses scheiß ShlomoAmman-Netzwerk, das aber sogar mit einem Netzwerkschlüssel gesichert ist, hatte ich mir mehrere Viren (einfach zu löschen) und eine Scareware (drei Stunden habe ich zum Reparieren des Problems gebraucht) eingefangen. Zum Glück ging das mit dieser scheiß Scareware ohne Hilfe, denn hier gibt es nur einen Typen der einem in so einer Situation helfen kann – und der war an diesem Tag gerade nicht da...

Was Anderes: Seit Anfang letzter Woche hatten die Zeitungszusteller gestreikt. In der Kommunistenhochburg Kerala muss schließlich immer jemand streiken. Und zwar jede Woche jemand anderes. Aber wenigstens nie alle gleichzeitig... Nun ja, das hatte natürlich zur Folge, dass nur ein oder zwei malayalamsprachige Zeitungen herumlagen, die einer der einheimischen Lehrenden sich irgendwie besorgen konnte. Nils ging das am Anfang dieser Woche so auf die Nerven, dass er sich einfach unten hinsetzte, eine Malayalamausgabe nahm und sich die Bilder darin anguckte. Einer der Priesteranwärter meinte dann: „Oh, you read Malayalam!“ – Er daraufhin: „Ach, I just need my newspaper every morning“... Mittlerweile gibt es aber wieder wenigstens The Hindu, die wir alle lesen können, und auch mehr Malayalamzeitungen, was wohl das Ende des Streiks bedeuten dürfte.

Dafür, dass jetzt wieder englische Zeitungen zur Verfügung stehen, steht die Waschmaschine nicht mehr zur Verfügung. Diese alte Siemensmaschine schien so wie so aus Vater Jacob seiner Studienzeit zu stammen und manchmal waren die Sachen nach dem Waschen dreckiger als vorher – aber bequemer als die Handwäsche, bei der man übrigens vor allem mehr Wasser und Seife verschwendet und die Klamotten trotzdem auch nicht immer sauber kriegt, war sie natürlich schon. Deshalb war auch der auslandserfahrene Shawn der einzige Inder, der die Maschine nutzte. Nun muss auch er, wie wir deutschen Gaststudenten auch, die Faulheit überwinden und auf dem Dach die Wäsche per Hand auf dem Waschstein und in Eimern säubern.

Montag, 26. März 2012

IND-XVIII: Diesmal ein Fußballwochenende in Kochi (Teil 3)

* Trichur und Guruvayur *

Photos and English Version:

Am Sonntag gab es dann kein Fußballspiel, doch zwei ganz interessante Orte zu besichtigen. Mittlerweile bewies zwar auch die dritte Kommilitonin, dass sie nie länger in einem Land wie Indien leben könnte, und ging den männlichen Kommilitonen, die allen Unannehmlichkeiten zum Trotz selbst in Indien gut zurechtkommen, entsprechend auf die Nerven – doch irgendwie schafften wir es das ohnehin wieder einmal ziemlich knappe Besichtigungsprogramm (in diesem Urwaldbundesstaat Kerala ist man halt stets länger unterwegs um irgendwo hinzukommen, als dass man sich dort etwas anguckt) komplett durchzuziehen.
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Trichur (Trissur) ist eine sehr hässliche aber nicht uninteressante Stadt. Es ist nicht nur interessant zu sehen, dass es in Sachen Unsauberkeit auch in Indien Unterschiede gibt – die Müllberge in Trichur sind selbst für Indien abartig: solche Szenen wie der Lotterieloseverkäufer, der seinen Kram direkt neben einem süßlich stinkenden und qualmend brennenden Müllhaufen an einem der Hauptkreisverkehre in aller Ruhe sitzend verkaufte, sind es so wie so – sondern auch interessant, wie die Christen in einer Hinduhochburg ihre Kirchen in massive Höhen bauen. Prunkvoll und enorm groß ist die Kathedrale von Trichur. Viel höher als der Hindutempel. Allerdings ist dessen Grundfläche etwas größer.

Auch in Guruvayur gibt es einen großen Hindutempel. Der ist ebenso für Nicht-Hindus tabu, wie jener in Trichur. Aber dafür kann man die im alten Zamorin-Palast am Stadtrand untergebrachten Elefanten auch als Nicht-Hindu begutachten. 5 Rupien (0,07€) kostet der Eintritt – die Fotogebühr allerdings 25 Rupien... Egal: so viele Dickhäuter wie da sieht man nicht so schnell. Auch wenn die heiligen Hindernisentferner meist angekettet sind und man die unangekettet neben ihren Führern herlaufenden Viecher nicht fotografieren sollte – wenn man so etwas wie eine Kamera hoch hält, geht der Rüssel schnell mal nach dem hochgehaltenen Gegenstand: wenn es dann nicht schmeckt, ist das Theater groß und Elefanten sind gegenüber dem Menschen gefährlicher als viele Raubtiere – Guruvayurs Palast (Kotta) ist einer der sehenswertesten Orte in Kerala. Auch wenn der eigentlich Palast ein recht simpler, niedriger Holzbau ist, der aber immerhin ganz nette Schnitzarbeiten und Symmetrie vorweisen kann.

Beim Umsteigen vom Bus Guruvayur – Trichur auf Trichur – Kottayam waren wir an der falschen Station ausgestiegen und wir trennten uns auch mehr oder weniger freiwillig auf zwei Verkehrsmittel auf. Ein typischer Inder empfahl Nils nämlich lieber den Zug statt den Bus zu nehmen. Ein typischer Inder halt... Sowohl Zug als auch Bus fuhren gleichzeitig los. Anja und ich waren mit dem 15-Uhr-Bus um 18.15 in Kottayam. Nils war mit dem 15-Uhr-Zug 19.10 in Kottayam. Die Tipps der Einheimische sind vielfach, da sie vom Reisen selbst innerhalb ihres eigenen Bundesstaates (sogar wenn sie zur Bildungsschicht gehören!) keine Ahnung haben, einfach nur absolute Scheiße. Auf einen Inder sollte man vor allem in Sachen Verkehrsmittelwahl nie hören, wenn er irgendetwas Positives über das völlig unterentwickelte, heruntergekommene, gefährliche und unbrauchbare Eisenbahnnetz sagt. Der angeblich so schnelle Zug, in dem Nils saß, stand wegen Hindernissen auf den Schienen kurz hinter Kochi für eine knappe Stunde. Laut Raju sind solche Pannen absolut normal. Warum auch er mir auch schon mehrfach diese verfluchten Dreckszüge andrehen wollte, verstehe ich nicht. Shawn hat als Einziger im Institut Ahnung vom Reisen: er hat mich gleich zum Reservieren von Busfahrkarten (und eben nicht von Zugkarten) nach Bangalore losgeschickt. Respekt übrigens auch an unseren Busfahrer: dem standen wieder so viele motorisierte Vollidioten im Weg herum – wie der die Strecke in 3 Stunden 15 Minuten (3.45 bis 4 Stunden sind normal) ohne Kollision und mit nur 15 Minuten Pause schaffte, war wirklich hervorragend!
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Statistik:
Tageskilometer: 200 (190 Bus, 10 Autorikscha)
Saisonkilometer: 42.430 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 1.140 Bahn, Bus, Tram/ 20 Schiff, Fähre)

IND-XVII: Diesmal ein Fußballwochenende in Kochi (Teil 2)

* Lang lebe der Fußballclub des Landes der Kokospalmen! *

„Chirag“ United Club Kerala 3:2 Shillong Lajong F.C.
Datum: Samstag, 24. März 2011 – Anstoß: 15.00
Wettbewerb: I-League (1. indische Fußballliga/ Profiliga)
Ergebnis: 3:2 nach 95 Min. (46/49) – Halbzeit: 1:0
Tore: 1-0 45. Vineeth C. K., 1-1 60. John D. Menyongar, 2-1 60. David Sunday, 3-1 75. Vineeth C. K., 3-2 83. Boithang Haokip
Verwarnungen: Sukhwinder Singh, Sherin Sam (Kerala), John Lalramluaha (Shillong)
Platzverweise: keine
Spielort: Jawaharlal Nehru International Stadium Kochi/ Cochin (Kap. 60.000, davon 30.000 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 150 (davon ca. 10 Gästefans)
Unterhaltungswert: 4,0/10 (Viel Leerlauf, wenige Höhepunkte – toll wie einfach man in Indien Geld mit Fußball verdienen kann...)
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Photos and English Version:

Der Vormittag war zum Abgrasen der Sights auf Vypeen Island gedacht. Man könnte natürlich auch auf Fort Kochi ein Fahrrad mieten und das mit der Fähre rüberbringen, aber wir nahmen doch lieber eine Rikscha, deren Fahrer Edward seine Karre "Jerusalem" getauft hatte und uns erst einmal nach Norden zur portugiesischen Festung brachte. Die kannte er selbst noch gar nicht, sodass er sich den kleinen sechseckigen Bau mit uns zusammen anguckte. Für Strandimpressionen fuhr er uns an eine Stelle, wo nur Einheimische unterwegs waren. Für die war es dann ganz lustig, mal Ausländer zu sehen. Ein paar Jugendliche machten Fotos mit uns zusammen... Als Christ konnte Edward uns natürlich noch zu zwei bedeutenden Kirchen lotsen. Die erste war nahe der portugiesischen Festung gelegen und mit den Engelsfiguren am Eingang schon unheimlich kitschig, aber gut gelungen neben eine historische kleine portugiesische Kirche aus dem 16. Jahrhundert gesetzt. Die zweite befindet sich auf dem benachbarten Vallarpadam Island und schießt in Sachen Kitsch natürlich den Vogel ab. Der Rosary Park, der vor der protzigen lateinischen Our Lady of Ransom Church den Lebensweg Jesu nachzeichnet, ist eine ausgefallene und interessante Idee – so albern auch die Ausgestaltung mit den Kunststofffiguren in den Plaste-Baumstämmen ist...

Wenn man die Anzahl und vor allem Pracht der Kirchen in Kerala ins Verhältnis zur fast ebenso hohen Anzahl aber geringen Pracht der Moscheen und eher geringen Anzahl und (wenn überhaupt) alten Pracht der Hindutempel setzt, und zudem in Erfahrung bringen konnte, wie viel Geld davon aus den USA, England, Österreich usw. stammt, weiß man was hier die Stunde geschlagen hat: diverse christliche Gemeinden in Indien stellen arrogant ihren Reichtum und ihre Connections zu teilweise höchst zweifelhaften Gemeinden in Europa und Amerika zur Schau und meinen, sie müssten krampfhaft – obwohl sie nach Muslimen und deutlich nach Hindus nur die drittgrößte Religion in Kerala sind – immer neue und immer schönere Kirchen bauen. Nur damit sie präsenter sind. Scheiß egal ob man die Kirchen nun braucht und voll kriegt bei den Gottesdiensten oder nicht. So eine Bereicherung das ganze aus architektonischer Sicht ist: eine Kirche ist nun mal nicht einfach irgendein architektonisches Bauwerk. Es steht auch eine religiöse Botschaft dahinter und – gerade auch Indien – nicht zuletzt auch ein politischer Inhalt. Dieses penetrante Zuschaustellen beherrschen in Kerala übrigens zwei politisch-religiöse Gruppen ganz besonders: die Christen und die Kommunisten...

Wir ließen uns wieder nach Ernakulam per Fähre übersetzten und latschten in den Nachbarstadtteil Kaloor. Dort sind die Leute keine Touris gewohnt und außerdem noch weitestgehend muslimisch. Interessant, wie dann die Inder – die meistens trotz der Temperaturen reichlich kühl sind – plötzlich doch arabische (also einfach herzliche) Gastfreundschaft kennen! In einem kleinen muslimischen Restaurant, wo man ein Tagesgericht mit gebratenem Fisch, Gemüse und Reis auf einem Bananenblatt statt einem Teller serviert bekam, bediente uns ’Isa aus Calicut. Der war als Muslim ganz begeistert, dass ich Arabisch spreche. Dass wir auf dem Weg zum Fußball waren, fand er auch klasse. Das mehrheitlich muslimische Calicut (Kozhikode) ist ja auch die Fußballhochburg im Bundesstaat Kerala! Wobei er ja lieber Bayern München (indisch englisch natürlich „Baiyaan Mjuunikk“ gesprochen guckt – kein Wunder bei dem Niveau in Indien...

Im riesigen und architektonisch richtig schönen Kaloor International Stadium – bzw. Jawharlal Nehru Stadium – fand ein Erstligaspiel zwischen United Kerala und Shillong Lajong statt. Wir nahmen die mittlere Preiskategorie: 50 Rupien (0,80€) für einen Sitz im Unterrang. Der Oberrang kostet nur 20 und VIP-Sitze 100 Rupien. Man kriegt nicht einmal 7 Liter Mineralwasser oder 2,5l Fruchtsaft für den niedrigen Preis dieser VIP-Logen Plätze! Die Sicht ist natürlich, da das Stadion in erster Linie für Cricket gebaut wurde, nicht so toll, da man sehr weit weg vom Spielfeld sitzt, aber das Stadion ist dadurch regelmäßig oval. Die bunten Sitze, die ihre Farbe je nach Sektor wechseln, befinden sich zumeist im Unterrang. Auf nackten Beton-Stehstufen hält man sich im Mittel- und Oberrang (Gallery) auf. Gerade diese Gestaltung mit drei Rängen ist sehr beeindruckend. Größtes Highlight ist aber die Flutlichtanlage: so filigran geschwungene Flutlichtmasten sind mir bisher in den weit über 500 besuchten Fußballstadien noch nie untergekommen!
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Ärgerlicherweise war das Stadion das Beste am ganzen Spielbesuch. Wie Nils schon anmerkte: „Also Action wird’s hier keine geben auf der Tribüne... Hooligans haben’s hier ja echt schwer! Wie willste denn hier ne Schlägerei anfangen?! Über 30 Meter Entfernung ,Ey was guggste mich so blede an? Paar offs Maul?!’ rufen klappt doch sicher nicht...“ Keine Fans und keine Stimmung, also wäre Action auf dem Spielfeld zu erhoffen. Die I-League ist ja schließlich die indienweite oberste Spielklasse, eine Profiliga. Doch viel verdienen kann man da meist nicht und erschreckend ist die Dominanz ausländischer Spieler in Sachen Leistung. Die Torschützenliste liest sich nach 21 Spieltagen so: 1. Soleye von Dempo Goa, Nigerianer (25 Treffer); 2. Okolie von Mohun Bagan, Nigerianer (19); 3. Ozbey, East Bengals, Australier, (14); 4. Moja, SC Goa, Südsudanese (13). Es folgen weitere Kicker aus Nigeria oder auch Mali, Gabun und Brasilien. Der erste indische Torschütze befindet sich auf Rang 12, spielt für Air India und hat 7 Treffer in 21 Spielen geschafft...

Zu den 14 besten Mannschaften Indiens zählen neben den zwei berühmten (East Bengals Club und Mohun Bagan) und den beiden nicht berühmten (Prayag United, Pailan Arrows) Clubs aus Kalkutta, vier Vereine aus Goa (Sporting Clube, Churchill Brothers, Dempo und Salgaocar Vasco da Gama), zwei Clubs aus Mumbai (Bombay) und einem aus dem nahe Mumbai gelegenen Pune sowie je einem Club aus Bangalore und Shillong, auch ein Verein aus Kerala, der die angeblich besten Spieler aus Kerala und ein paar Ausländer zu einer Mannschaft formt. Der Verein wurde auf Geheiß des neuen Sponsors „Chirag Computers“ zu dieser Saison von Viva Kerala in „Chirag United FC Kerala“ umbenannt. Der Spielort wechselt je nach Saison und ob Hinrunden- oder Rückrundenspiel zwischen Calicut, Trivandrum und Cochin. Heute wurde wie oben beschrieben in Kochi, im drittgrößten Stadion Indiens gespielt. Da es der Behörde für Stadtplanung des Großraums Kochi (Greater Cochin Development Authority) gehört, trägt es einen typischen offiziellen Namen: Jawaharlal Nehru Stadium, nach dem ersten Premierminister Indiens. Die Benennung des Stadions ist aber nur eine angemessene Respektsbekundung an einen ungewöhnlichen Politiker: kam zwar aus Allahabad (wörtlich: „Gottesstadt“), war aber Agnostiker; er hatte weder Wahlbetrug noch Kriegstreiberei nötig, was ihn von den meisten indischen Politikern am meisten auszeichnet, und trat für die blockfreien Staaten, ein Wirtschaftssystem zwischen sozialistischer Plan- und kapitalistischer Markwirtschaft und säkulare Demokratie ein. Wobei Letzteres noch das kritischste an seinen Ideen war: er strebte nämlich Atatürk enorm nach.

Gegner für United Kerala war heute ein Club aus Meghalaya, der bereits seit 1983 besteht (das ist lange für Indien!) und in der Landeshauptstadt Meghalayas, Shillong, spielt. Den Vereinsnamen sollte man in einem Rutsch lesen: in der regionalen Sprache Khasi (eine der wenigen Austro-Asiatischen Sprachen Indiens) heißt „Shillong Lajong“ dann „Unser eigener Berggott“. Der Bundesstaat Meghalaya liegt übrigens in dem gebirgigen Zipfel Indiens, der fast vom eigentlichen Land durch Bangladesh im Süden und Bhutan im Norden abgetrennt ist. Schlappe 2.700 Flugkilometer mussten sie und ihre 10 Edelfans zu diesem Spiel zurücklegen. Und noch mal 2.700 zurück...
Den früheren Namen des Heimvereins sollte man übrigens auch als einen Satz lesen: „Viva Kerala Football Club“ bedeutet in der Mischung aus Malayalam, Latein und Englisch „Lang lebe der Fußballclub des Landes der Kokospalmen“!

OK. Nachdem er die Mannschaftsaufstellungen auf schönem Indian-Englisch verlas, hatte der Stadionsprecher lange nichts mehr zu tun. 35 Minuten nur Leerlauf, dann griff Kerala mal das Tor an und verfehlte das Dreieck nur knapp. Plötzlich gab es nicht mehr nur grauenhafte Direktschüsse aus 20 Metern, die 30 Meter daneben gingen, sondern beide Teams brachten die Torhüter ins Schwitzen. Nach je zwei Chancen pro Mannschaften gelang Kerala mit einem schönen Kopfball der Führungstreffer. Gleich darauf hieß es Halbzeit.

Nach der Pause gab es wieder 15 Minuten Leerlauf, ehe Shillong den Ausgleich erzielte. Postwendend kämpfte sich Kerala zur erneuten Führung durch. Nach dieser starken 60. Minute mit zwei Toren in 15 Sekunden dauerte es aber wieder etliche Minuten, ehe sich eine sehenswerte Schlussphase entwickelte. Kerala brachte mit chaotischem Kombinationsspiel den Ball irgendwie noch zum 3:1 im halbleeren Shillong-Tor unter und die Gäste mussten sich mit dem Anschlusstreffer aus knapp 20m ins lange Eck kurz vor Spielende zufrieden geben. Also 20 Minuten ganz sehenswerter Fußball sind für eine solche Profiliga doch sehr wenig und arg dürftig. Ob ich jemals ein gutes Fußballspiel in Indien sehen werde? Ein paar Chancen gibt es noch! Aber ich fürchte, sie werden alle vergeben werden wie die Möglichkeit zum 4:1, als einer der Afrikaner von United Kerala aus 17 Metern mittig vorm Tor einen Fallrückzieher gegen die linke Eckfahne schoss...
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Statistik:
Grounds: 717 (heute 1 neuer; diese Saison: 123 neue)
Sportveranstaltungen: 1.487 (heute 1, diese Saison: 173)
Tageskilometer: 50 (40 Autorikscha, 10 Fähre)
Saisonkilometer: 42.230 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 940 Bahn, Bus, Tram/ 20 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 40
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 295

IND-XVI: Diesmal ein Fußballwochenende in Kochi (Teil 1)

* Beim Amateurfußball im Maharaja-Stadium *

Cochin Port Trust 2:1 Golden Threads FC Kochi
Datum: Freitag, 23. März 2011 – Anstoß: 16.45
Wettbewerb: „Wayna“ Cochin Premier League (1. Kreisliga Kochi: 4. indische Fußballliga/ 2. Amateurliga)
Ergebnis: 2:1 nach 78 Min. (39/39) – Halbzeit: 2:1
Tore: 1-0 16. Nr. 11 (Foulelfmeter), 1-1 22. (Nr. 13), 2-1 35. (Nr. 15)
Verwarnungen: Nr. 9, 15 (Port Trust), Nr. 11 (Golden Threads)
Platzverweise: keine
Spielort: Maharaja’s College Ground (Kap. 8.000, davon 6.500 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 30 Neutrale
Unterhaltungswert: 2,0/10 (Unglaublich schlechtes Spielniveau; aber wenigstens sind ein paar Tore gefallen)
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Photos and English Version:
b) More Pictures of the Stadium: See Album "Kerala; Kochi"

Nach dem aufgrund der unmöglichen Busfahrt und den kleinen Reibereien mit zwei Kommilitoninnen (die die Reiseplanung nie einhalten konnten, da ihnen das alles zu viel war) stressigen letzten Wochenende, schloss sich Nils diesmal Anja und mir an. Auch mit uns ging es natürlich nicht stressfrei, aber schon mal viel besser als im Wildtierpark in Munnar...

Die Busstrecke nach Kochi kennen Anja und ich ja mittlerweile ganz gut. Nun schafften wir es auch, den richtigen Bus von Kochi-Vyttila nach Kochi/ MG-Road zu nehmen. Wir probierten diesmal das „Sapphire Tourist Home“ aus. Für ein Dreibettzimmer (etwas anderes hatten die gerade nicht frei) verlangte diese bekannte wie auch einfache Herberge 650 Rupien (etwa 10,50€) pro Nacht. Die Doppelzimmer im gegenüberliegenden „Maple Recidency“ waren in der gleichen Preislage wie das „Sapphire“ und etwas besser. Warum das „Sapphire“ oft gelobt wird, weiß ich - nachdem ich diesen Vergleich habe - nicht.
Loben kann ich nach wie vor das Halal-Food Family Restaurant in der South Over Bridge Road, gleich nach dem Kreisverkehr wo sich SOB Rd., MG Road und Church Landing Road treffen. Die hatten wieder hervorragendes indisches Essen zu sehr niedrigen Preisen: Hauptgerichte fast alle unter 1,50€ und Säfte zwischen 0,15€ und 0,50€ pro 0,3l-Glas. Nach dem langweiligen veganen Essen im SEERI ist das eine wahre Wohltat in diesem muslimischen Restaurant Fleisch und gekochte Eier (eine beliebte Beilage zu Chicken Biriyani) zu kriegen.

Da es kurz nach 16 Uhr war, schauten wir dann im nahe gelegenen Maharaja’s College Ground vorbei. In der Zeitung stand zwar keine Ansetzung, doch als wir um 16.15 durchs nett gestaltete Portal, dass einen den Weg in eine Art Vorgarten des Stadions öffnet, traten, zogen sich gerade zwei Mannschaften auf der Tribüne um. Ja: auf der Tribüne. Umkleidekabinen gibt es entweder nicht oder jemand hat den einzigen Schlüssel verloren. Da sich selbst während des Spiels auf der für 6.500 Zuschauer ausgelegten rot-weißen Betontribüne, die in drei Sektoren eingeteilt ist, von denen der mittlere überdacht ist und die beiden äußeren teilweise von Bäumen beschattet sind, nur 30 Zuschauer (davon 2 Frauen – Anja eingerechnet) verloren, war diese etwas ungewohnte Art des Umziehens aber auch nicht so problematisch. Problematischer war, dass man schon vorm Anpfiff das Niveau abschätzen konnte: es sollte ja eigentlich 16.30 losgehen, aber da waren beide Teams noch gar nicht vollzählig. Kurz nach 16.45, nachdem sich beide Mannschaften keine fünf Minuten mit je einem Ball eingespielt hatten, deuteten die Unparteiischen zum Anstoßkreis. Der Spielball war eine bei jeder Berührung hohl dröhnende Lederkugel mit seltsamen Sprungverhalten. Letzteres konnte aber auch noch am Rasen, der an vielen Stellen unebenen weggetreten war, gelegen haben...

Aber na ja: was soll man von der 4. indischen Liga auch erwarten. Wobei: die 3. Liga wird im Bundesstaat Kerala nicht immer ausgetragen, sodass eigentliche Drittligisten aus Kochi auch an dieser sogenannten „Wayna Cochin Premier League“ teilnehmen. Die hat aber auch wiederum eher Turnierform: wie so oft in Indien anstelle von Ligen. Und so wirklich erklären kann einem das auch kein Inder: wie so oft hier, egal um welches Thema es sich handelt und egal ob man nun Gebildete etwas fragt oder einfache Leute. Also fest steht nur, dass es sich um ein Spiel besserer Amateurmannschaften handelte, das sich auf Niveau Landesliga, Landesklasse befinden sollte – doch auf dieses Niveau kommen in Indien meist nicht einmal die Profimannschaften der 1. Liga. Also vergleichen wir mal wieder Indien mit Marokko, wobei das auch eigentlich unfair ist, da Marokko in wirklich jeder Beziehung so viel weiter entwickelt ist als Indien –scheiß auf diesen IT-Wahn: 99,9% der Inder können einen Computer kaum bedienen, geschweige denn programmieren; und die, die das können sind fast alle in Europa oder Nordamerika aufgewachsen – dass das nordafrikanische Königreich auch hier nur gewinnen kann. Mit Erschrecken musste ich feststellen, dass die 1. indische Liga nicht einmal das Niveau der 4. marokkanischen hatte und die 4. indische Männerliga wiederum nicht einmal an das Spielniveau der 1. marokkanischen Frauen-Liga heranreichte!

Nach über einer Stunde Badminton in Kottayam kann ich mit Sicherheit sagen, dass es nicht unmenschlich viel verlangt ist, sich mit mehr als leicht zügiger Laufgeschwindigkeit über einen Sportplatz zu bewegen. Was die Hafenbehörde (Port Trust) und die Goldenen Fäden (Golden Threads) – beide aus Kochi (Cochin) – da anboten, war läuferisch erschreckend und bezeichnend für die Fitness der zum größten Teil mangel- und fehlernährten Inder. Technisch unter aller Sau – verständlich und muss man nicht so tragisch nehmen. Aber auch in Sachen Schüsse war das gar nichts. Dass war selbst für 2. Kreisklasse Saalekreis ziemlich schwach. So verwunderte es auch nicht, dass man tatsächlich eine Spielzeit von 2x35 Minuten – wie bei den Alten Herren und der C-Jugend – festgelegt hatte. Die allermeisten Altherrenspiele die ich bisher gesehen habe (an die 100 sind es mittlerweile) waren aber auch besser als dieses Cochin Premier League-Spiel zwischen Port Trust und Golden Threads, das ein erstes Tor nach 16 Minuten in Form eines sicher verwandelten Foulelfmeters erlebte. Der Ausgleich wurde halbwegs geschickt am Torwart vorbei gestolpert. Richtig schön gemacht war der volley hoch ins lange Eck gedonnerte Siegtreffer für Port Trust Kochi! Diese Szene war natürlich das mit Abstand Beste im gesamten Spiel, dass mit Nachspielzeit 78 Minuten dauerte.

Während auf dem Rasen gekickt wurde, was das Publikum neutral verfolgte – ein und dieselben Fans die bei Toren von Port Trust applaudierten, applaudierten auch für die Golden Threads, deren Name im übertragenen Sinne übrigens „roter Faden“ (im Englischen ist das halt ein goldener Faden, der sich durch z.B. einen Text zieht) bedeutet – trainierten übrigens wieder junge Frauen und Männer auf streckenweise dilettantische Art für Leichtathletikdisziplinen. Besonders bei den Frauen war die Erwärmung (Treppenlauf, Dehnungen etc.) viel besser und sinnvoller als die Übungen der richtigen Disziplinen wie Hürdenlauf und Hochsprung. Auf dem angrenzenden kleinen Cricketfeld war auch wieder ganz schön Betrieb. Während auf dem Basketballplatz noch Körbe geworfen wurden, verließen die Fußballer das Feld und wir drei gingen wieder ins Hotel zurück. Fazit: das Stadion war interessanter als das Spiel...
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Statistik:
Grounds: 716 (heute 1 neuer; diese Saison: 122 neue)
Sportveranstaltungen: 1.486 (heute 1, diese Saison: 172)
Tageskilometer: 90 (90 Bus)
Saisonkilometer: 42.180 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 900 Bahn, Bus, Tram/ 10 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 39
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 295

Donnerstag, 22. März 2012

IND-XV: Praktikum in Indien – Notizen (6)

* Vom hinduistischen Tempelfest, dem Ärger ums ewig selbe Essen und einer Anekdote von einer Horrorbusfahrt... *


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Dieser Montag war interessanter als andere Montage hier am Institut. Beim Frühstück gaben Alex und Nils Anekdoten von der fünfstündigen Busfahrt von einem Wildtierreservat bei Munnar zurück nach Kottayam zum Besten. Sie hatten noch den 21-Uhr-Bus – den für mehrere Stunden letzten Bus nach Kottayam also – erwischt. Der brachte sie auch bis 2 Uhr nachts in die Stadt, doch die Fahrt war ein Indien-Abenteuer übelster Sorte: die 60 Sitze alle voll und noch mal mindestens genauso viele Menschen im Gang stehend und hockend. Unter den Fahrgästen einige besoffene Asoziale: auch hackedichte Mütter die ihre kleinen Kinder schlugen und anderen Fahrgästen auf die Hose kotzten. Man konnte im Stehen schlafen, da die Fahrgäste so derartig gedrängt im Gang standen. Bei Kurven fuhr der Bus mitunter auf zwei Rädern – irgendwie kam die Schrottkarre aber ohne Unfall durch. Da einige besoffene Fahrgäste stritten und einen Typen während der Fahrt aus dem Busfenster werfen wollten, drehte sich der Fahrer selbst bei über 60km/h auf einer engen kurvenreichen Strecke immer wieder nach hinten um und schnauzte die Asis voll – sekundenlang ohne Blick nach vorne.

Beim Unterricht war nach dem Wochenende entsprechend wenig mit uns anzufangen. So ging auch viel Zeit dafür drauf, dass Rajou uns diverse Anekdoten über die Besonderheiten in Kerala erzählte. Darunter fallen auch Ehekurse, in denen die Kirchgemeinden junge Paare auf die Ehe vorbereiten: welche Rechte und Pflichten man als Ehepartner so hat, wie man mit Geld wirtschaftet, wie Konflikte zu lösen sind, usw. Auch die Problemlösung bei Liebesheiraten fällt darunter. Die große Mehrheit der Ehen in Kerala (und sicherlich auch in anderen Teilen Indiens) sind nämlich – völlig unabhängig von Religionszugehörigkeit – arrangierte Ehen. Suchen Eltern den Ehepartner aus (wirtschaftliche Gesichtspunkte spielen dabei die größte Rolle), gibt es laut Rajou weit weniger Ärger, als wenn die jungen Leute so zueinander finden. Meist passt den Eltern nämlich der jeweils andere Ehepartner nicht – ganz besonders, wenn er nicht derselben sozialen Schicht angehört – und die Eltern und andere Verwandte versuchen die Beziehung zu zerstören.
Ganz kompliziert sind Fälle wie ein solcher, der Rajou aber in vielen Jahren auch erst einmal untergekommen ist: ein Hindu will eine Christin heiraten. Die Frau (bzw. vielmehr ihre Familie) darf in diesem Fall die Regeln festlegen. Der Hindu musste also konvertieren und dazu erstmal monatelang Unterricht im christlichen Glauben nehmen. Dabei lernt man übrigens erstmal, was die zehn Gebote (ten commandments) sind, was gerne mit der folgenden Eröffnungsfrage eingeleitet wird: „How many are the ten commandments?“ Der (Ex-)Hindu soll nach ein paar Sekunden dann auf die fragende Antwort „errrr, ähhhhh... hmm... ten?“ gekommen sein.

Im Laufe des Morgens erzählte uns dann Sister Josy, dass der eine kleine Papagei beim Füttern weggeflogen ist und von einem größeren Raubvogel gefressen wurde. Also nur noch drei offizielle Tiere im Institut: ein Schäferhund, ein mittelgroßer Papagei und ein kleiner Affe...

Essen wurde so wie so im Laufe dieser Woche immer mehr zum Thema, da immer mehr ausländischen Studenten (und auch den ganz wenigen international erfahrenen Indern am Institut – also hauptsächlich Shawn) das immer gleiche veganische Essen auf den Sack geht. Und die scheiß Fastenzeit ist erst im April vorbei...
Mir reicht es aber, wenn ich am Wochenende zwei, drei Mal was richtiges esse. Also meistens was Indisches in einem muslimischen Restaurant. Andere gehen jetzt ein, zwei Mal unter der Woche in ein italienisches Restaurant. So etwas ist natürlich typisch dekadente indische Oberschicht: 50 Rupien für die Rikscha um die drei Kilometer zum Restaurant zurückzulegen, dann dort 300 Rupien für eine Pizza und 50 Rp. für Getränke und noch mal 50 oder 100 für einen Nachtisch oder eine Vorsuppe ausgeben, dann wieder für 50 Rupien zurück. Selbst wenn man den Fahrtpreis z.B. durch drei Personen teilen kann, zahlt man mit etwa 450 Rupien (7,50€) pro Person viel zu viel für die hiesigen Verhältnisse. Dafür bekommt man ein mittelmäßiges Doppelzimmer in einem Hotel...
Das Tollste war natürlich, dass es am Mittwoch – wo alle Gaststudenten außer Nils und mir zum Italiener gingen – mit einem süßen Curry mal etwas Neues und Besonderes gab. Das süße Curry schmeckt wie süßer Senf, nur besser.

Am frühen Abend habe ich mich dann – nachdem ich den Sport vier Jahre lang nicht mehr gespielt habe – beim Badminton beteiligt. Jeden Abend wird im Institutsinnenhof ein Netz gespannt. Das Feld ist immer gut sichtbar und auch von den Abmessungen her korrekt auf den Platten mit weißer Farbe aufgemalt. Die Spielqualität ist auch nicht schlecht.
Beim zweiten Doppel spielten Anja und ich mit Rajou bzw. Timothy. Mein Mitspieler und ich gewannen 15:9, was trotz der extremen Luftfeuchtigkeit gar nicht so anstrengend erschien. Als ich jedoch beim fünften Doppelspiel wieder ran durfte und mit einem der Studenten gegen Diakon Shawn und Clint antrat, wurde die viele Bewegung in der feuchten Hitze langsam anstrengend. Dieses Spiel ging 8:15 an Clint und Shawn.
Die Inder wollten dann unbedingt das internationale Spiel „Germany vs USA“ – also Clint gegen mich – sehen. Wir beide spielten über eine halbe Stunde. Da ich ständig führte, wollte ich – obwohl das unangenehme Klima mich langsam fertig machte – nicht aufgeben. Ich habe mich dann auch auf einen 15:13 Sieg gerettet. Doch so durchgeschwitzt und fertig wie hier nach einer Stunde Badminton ist man in Deutschland nicht mal nach drei Stunden Badminton...

Am Mittwoch und Donnerstag gab es auch noch kulturelle Ereignisse zu bestaunen. Meistens bleiben Hindus ja lieber unter sich, aber die Festivals die sie wie eine Musicalshow zelebrieren, sind auch oft für Nicht-Hindus offen. In Kottayams größten Hindutempel Thirunakkara gab es diese Woche ein Festival namens Pakalpooram. Dorthin gingen Anja, Alex, Nils und ich am Mittwochabend zum ersten Mal. Sieben Elefanten, einige dutzend Leute in offizieller Funktion wie Musiker, Tänzer und Elefantenbetreuer, und mehrere Tausend Gläubige und Schaulustige drängten sich im Tempelkomplex. Alles schön bunt mit Lichtern und Fackeln, ständig eintönig hämmernde Trommel- und Trompetenmusik, ein Tänzer war mit Federn geschmückt und trug ein Kranichkostüm und bewegte sich auch wie ein Kranich. Alles sehr interessant anzusehen, nur von den Storys (die die Musiker und Tänzer mit ihren Darbietungen erzählen) hat man natürlich nichts verstanden. Wenn man sich mit den im Hinduismus vorkommenden Mythen befasst, hat man aber auch recht viel zu tun: sie sind nicht nur völlig abstrus, sondern auch sehr ausführlich. Dass Elefanten im Hinduismus – so auch heute bei diesem Fest zu sehen – so eine große Rolle spielen, lässt sich leicht dadurch erklären, dass sie schon seit Menschengedenken in Indien leben und entsprechend respekteinflößende Viecher sind. Eine der wichtigsten Darstellungen des Göttlichen ist Ganesha, ein dicker Mensch mit Elefantenkopf und vier Armen, der auch als „Entferner der Hindernisse“ – und genau das machen ja auch Arbeitselefanten, die man in Indien schon seit langer Zeit nutzt – bezeichnet wird. Sieben solcher Hindernisentferner waren geschmückt und in voller Größe am Mittwochabend bei diesem Fest zu sehen. Donnerstagnachmittag waren es sogar 22. Da sind dann aber auch doppelt so viele Menschen da gewesen. Wegen des zweiten Besuchs, wurde am Institut sogar extra der Deutschunterricht auf 20.15 Uhr verschoben. Indische Flexibilität halt: 15.00-16.15 hatte ich Arabisch gehalten – bis zu den Themen grammatisches Geschlecht (al-djins) und Nunation (tanwîn) bin ich zwar immer noch nicht gekommen, aber langsam können die Studenten mehrere Buchstaben, also manchmal sogar ganze Worte, hintereinander lesen. Mittlerweile geht sogar das harte „kha“ (gesprochen wie im deutschen Wort „Bach“). Dieser Laut kommt nämlich komischerweise in Malayalam gar nicht vor...
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Montag, 19. März 2012

IND-XIV: Basketballwochenende in Kochi (Teil 3)

* Für Ausländer verboten – Cricket in der Raffinerie *

Photos and English Version:

Heute war das Auswählen einer Sportveranstaltung in Kochin etwas schwierig, denn wir wollten nicht erst nachts nach Kottayam zurückkehren. Basketball konnte man also vergessen. Fußball war ja nur unter der Woche, also blieb noch Cricket. Klar: in der Zeitung stand ja immer was vom Coromandel Cement Cup im Refinery Cricket Oval im Vorort Ambalamugal. Also hin da. Dass das Oval kein Ort zum entspannten sonntäglichen Cricketgucken, sondern vielmehr zum Erfahren indischer Bürokratie, Rassismus und Dummheit ist, kann man ja vorher nicht wissen...

Der Weg dahin war erwartet schwierig. Nachdem wir fünf Leute am Busbahnhof hinterm Ambedkar Cricketstadion (wo leider nur Training stattfand) gefragt hatten, hatten wir dann den richtigen Bus gefunden. Von dort ging es mit einem ehrlichen Rikschafahrer – der verwies gleich auf den bei den meisten Fahrern angeblich defekten Taxameter – 8km zur Raffinerie von Ambalamugal hinaus. Womit auch unser Fahrer nicht gerechnet hatte: vorm Cricketstadion befindet sich ein Checkpoint, denn selbst die Cricketanlage, die auch so schön Refinery Oval heißt, befindet sich im Gelände der Bharat Petroleum Raffinerie. Ja: IM Gelände! Will man beim vom Zementwerk gesponserten und von der Raffinerie ausgerichteten Turnier zugucken, muss man seinen Pass hinterlegen und einen Zettel ausfüllen. Die Erfassung gilt auch für Spieler und Trainer. Ausländer sind von dieser Regel allerdings ausgenommen, denn in Indien darf man als Nicht-Inder unter keinen Umständen ein Industriegelände betreten. Als unser Fahrer anfing zu diskutieren, ob man da mal eine Ausnahme machen konnte, meinten die Wächter zu uns: „Tut mir leid, so sind die Regularien der Raffinerie“. Am Haupttor sollten wir noch mal Fragen, aber erwartungsgemäß gab es auch dort nur den Hinweis, dass diese Sportveranstaltung besonderen Regeln unterliegt und wir uns, wenn wir denn schon hier im Vorort Ambalamugal gelandet sind, lieber den Hill Palace angucken sollten.

Auf die hirnverbrannte Idee, eine offizielle Sportveranstaltung, über die in jeder Zeitung Keralas täglich berichtet und annonciert wird, in einem Firmengelände, dass zudem ein sicherheitstechnisch hochrelevantes Gebiet ist, auszutragen, kann man wohl auch nur in Indien kommen. Wenn man über diese Meisterschaft nur in den Malayalamausgaben lesen würde, hätte ich noch ein bisschen Verständnis für diese Dummheit – aber wer ließt den Bitteschön „The Hindu“ und „The Indian Times“? Die englischsprachigen Zeitungen werden meist nur von Touristen und anderen im Land weilenden Ausländern gelesen. Da kann man auch von einem indischen Sportorganisator dieses Minimum an Intelligenz erwarten, ein solches Turnier entweder nicht im Refinery Oval auszutragen – oder eben auf die Regularien hinzuweisen. Leider lernt man in Indien Leute nicht so einfach wie in Syrien oder Marokko persönlich kennen. Hätten wir einen am Turnier beteiligten Cricketspieler vorher getroffen, wäre es für die Sicherheitsleute schwerer geworden uns wegzuschicken...

Der Rikschafahrer fuhr uns also zum Hill Palace, einem schönen Maharaja-Schlösschen mit großem Garten – überall mischen sich englische und indische Stile in Architektur, Inneneinrichtung und Gartenbau –, und wir fuhren nach der 20 Rupien (0,30€) kostenden Besichtigung, bei der man leider keine Fotos in den Innenräumen machen durfte, mit zwei Bussen über Vyttila nach Kottayam zurück.

Apropos Fotos: wenn man im Internet herumsucht, findet man auch Bilder der Sportanlage in der Raffinerie. Eigentlich dürften ja auch Inder keine Fotos dort anfertigen, da man ja Anschlagspläne gegen die Raffinerie machen könnte. Mit Angst vor Industriespionage hat das wenig zu tun, da auch Bharat Petroleum weiß, dass seine Anlage veraltet und dreckig ist. Wenn man da regelmäßig Cricket spielt, gefährdet man wahrscheinlich seine Gesundheit...
Die Anschlagsgefahr ist auch recht weit hergeholt, aber nicht so abwegig wie die Regelung, das generell keine Ausländer auf die Anlage dürfen. Ich hätte denen ja auch gerne meinen Pass hinterlegt bis nach Spielschluss, wenn die das zugelassen hatten.

So viel Entgegenkommen kann man von den mehrheitlich nicht sonderlich sympathisch und gastfreundlich auftretenden Indern aber nicht erwarten. Wir sind ja hier schließlich nicht in der arabischen Welt – wobei in keinem arabischen Land jemand auf so eine hirnrissige Ansetzung gekommen wäre: im ägyptischen al-Mahalla ist das Stadion außerhalb des Chemiewerks, im syrischen Baniyas steht das Stadion auch jedem Besucher außerhalb der Werksmauern offen. Man stelle sich mal vor, das Stadion des Friedens in Leuna wäre innerhalb der Leuna Werke gelegen und nur für Zuschauer, die ihren Personalausweis am Eingang hinterlegen, zugänglich...

Also echt! Ein anvisiertes Spiel habe ich ja nicht zum ersten Mal verpasst. Ab und an passiert das halt mal, dass man ein Spiel (das auch zur angegeben Zeit ausgetragen wird) versäumt. Zu spät losgefahren und deshalb erst zur zweiten Partie aufgekreuzt, Fahrradpanne, falsche Sportanlage aufgeschrieben und entsprechend dort hingefahren... Das ist ja alles noch normal. Aber die Aktion heute war das Kurioseste und Dümmste was mir in 6 Jahren Groundhopping mit über 1.000 Spielen in 30 Ländern je untergekommen ist!

Mit so einem Tag steigt natürlich der Kuriositätsfaktor Indiens – aber in erster Linie sinkt die Sympathiekurve, die bei diesem Land in meiner Wertung ohnehin schon im unteren Drittel liegt. Aber erstens hat das Groundhopping an diesem Wochenende aufgrund der Basketballspiele Spaß gemacht – und zweitens sind es auch solche komischen Erlebnisse, die das Groundhopping interessant machen!
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Statistik:
Tageskilometer: 120 (110 Bus, 10 Autorikscha)
Saisonkilometer: 42.090 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 810 Bahn, Bus, Tram/ 10 Schiff, Fähre)

IND-XIII: Basketballwochenende in Kochi (Teil 2)

* Schweißtreibende Stadtbesichtigung und Platzsturm beim Basketball *

Kerala Women 67:70 Chhattisgarh Women
Datum: Samstag, 17. März 2011 – Beginn: 18.00
Wettbewerb: 26th Federation Cup Basketball Championship (Halbfinale des landesweiten Pokalwettbewerbs für Basketballerstligisten/ Frauen)
Ergebnis: 67:70 nach 45Min. – Viertelergebnisse: 15:11, 12:23 (= 27:34 Halbzeit), 22:14, 18:22
Punkte: PS Jeena 23, Seena Joseph 11, u.a. (Kerala); Anju Lakra 29, Kavitha 19, u.a. (Chhattisgarh)
Fouls: unbekannt
Spielort: Rajiv Gandhi Indoor Stadium, Kochi (Kap. 10.000 Sitzplätze, davon heute 3.000 Sitzplätze freigegeben)
Zuschauer: ca. 1.000 (davon Gästefans: ca. 5)
Unterhaltungswert: 6,0/10 (Spannendes und erstaunlich gutes Spiel)

Customs and Central Excise Kochi 44:47
Oil and Natural Gas Corporation Dehradun
Datum: Samstag, 17. März 2011 – Beginn: 19.30
Wettbewerb: 26th Federation Cup Basketball Championship (Halbfinale des landesweiten Pokalwettbewerbs für Basketballerstligisten/ Amateurmeisterschaft)
Ergebnis: 44:47 nach 40Min. – Viertelergebnisse: 15:14, 6:9 (= 21:23 Halbzeit), 18:14, 5:10
Punkte: Monish Wilson 14, Manoj R 14, u.a. (Kochi); Yadwinder Singh 15, Mohit Bhandari 7, u.a. (ONGC)
Fouls: unbekannt
Spielort: Rajiv Gandhi Indoor Stadium, Kochi (Kap. 10.000 Sitzplätze, davon heute 3.000 Sitzplätze freigegeben)
Zuschauer: ca. 1.100 (davon Gästefans: ca. 5)
Unterhaltungswert: 7,5/10 (Kein gutes, aber sehr körperbetontes und spannendes Spiel mit zünftigen Emotionen)
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Photos and English Version:

Video:

Am Samstag stand vormittags die Besichtigung des bekanntesten Teils der Stadt Kochi, auf einer Insel vor dem Festland (Ernakulam ist der Kernortsteil des Festlandes und dort hatten wir ein Hotel am Fähranleger bezogen) gelegen, auf dem Plan. In Fort Kochi ist zwar, wenn man für gerade einmal 2,5 Rp. (0,04€) pro Person und Richtung mit einer recht ordentlichen Fähre übergesetzt hat, nichts mehr von der Befestigung des Forts zu sehen, doch die relativ ordentlichen und vor allem von vielen Häusern in oft englischem Baustil des 19. und 18. Jahrhunderts gesäumten Straßen werten das ganze ehemalige Fort richtig auf. Es gibt auch etliche schöne Kirchen und einen niederländischen Friedhof. Auch eine befestigte Villa haben die Niederländer hinterlassen. Direkt daran haben die Hindus zwei Tempel gebaut – Betreten natürlich für Nicht-Hindus verboten. Am dreckigen Strand kann man den Fischern bei ihrer Arbeit mit den kuriosen Konstruktionen von Schöpfnetzen zuschauen.

Da es 30 Grad und etwa 90% Luftfeuchtigkeiten waren, gingen wir mittags erstmal ins Hotel. Am Nachmittag hofften wir, dass es noch ein Spiel der Kochi Premier League im Maharaja College Ground geben würde – doch die kicken dort komischerweise nur unter der Woche bis einschließlich Freitagabend. Im Schatten eines Baumes auf der Betontribüne rumzuhängen und Cricketmännern beim Bowling- und Batting-Training zuschauen und außerdem immer wieder die junge Frauenleichtathletikgruppe beim Rundenlaufen zu beobachten, ist aber für viele Inder so normal, dass es gar nicht auffällt, wenn man das als Ausländer auch macht. Man hätte auch auf dem Fußballplatz kicken können – es hätte wohl keinen gestört. Nach zwei Stunden entschieden wir uns noch mal zum Basketball zu gehen und sahen dann auch ein Frauenspiel im Rajiv Gandhi Indoor Stadium. Die Auswahlmannschaften der Bundesstaaten Kerala und Chhattisgarh (zentral im Inland Indiens gelegen) kämpften um den Einzug ins Finale.
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Dabei stellten sich beide Teams gar nicht so blöd an: in einem guten und engen Spiel zeigten wenigstens drei Spielerinnen pro Mannschaften gute Basketballfähigkeiten. Alle diese guten Spielerinnen waren mittelgroß bis ziemlich groß (max. 1,90m) und athletisch. Eine Spielerin der Gäste aus Chhattisgarh stach leider nicht durch Können sondern nur durch ihre krankhafte Größe hervor. Die 16jährige misst 2,04m (=6 feet, 7 inches) und ist extrem dünn, sodass schon Verformungen im Gesicht erkennbar sind. Würde sie von ordentlicher Ernährung und einem guten Arzt profitieren, könnte sie schon eine richtig gute Sportlerin werden – so wird sie wohl leider nicht sonderlich alt werden. Durch ein starkes letztes Viertel siegte ihre Mannschaft aber immerhin mit drei Punkten.

Was folgte war ein Halbfinalspiel der Männer, bei dem richtig was los war. Die Costums Kochi trafen auf ONGC. Die Frauen von Kerala wurden schon sehr regelmäßig angefeuert, aber beim Spiel der Männer gingen die 1.000 bis 1.100 Fans noch mehr mit. Das Spiel war auch spannend, doch leider nicht besonders gut. Zum einen gab es durch die körperbetonte Spielweise beider Teams wenige Treffer – zum anderen war die Wurfquote auch einfach schlecht. Manchmal kämpften Spieler beider Teams noch am Boden liegend um einen Ball. Ab Mitte des zweiten Viertels regten sich beide Seiten über angebliche Fehlentscheidungen der Unparteiischen auf. Mit einem lächerlichen Ergebnis von 21:23 ging es in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel schien Kochi das Spiel zu drehen, doch die knappe Führung sollte nur bis Mitte des letzten Viertels bestand haben. Nun wurde die Trefferquote wieder richtig schlecht und die Stimmung hitziger. Die Jugendspieler und der Alte mit der Halbglatze wurden langsam aggressiv. Als dann die Gäste aus Utterakhand mit drei Punkten in Front gingen und nur noch 30 Sekunden auf der Uhr standen, wurde es sehr packend. Ein Dreierversuch scheitert und Kochi will Freiwürfe erzwingen. Nach einem Stürmerfoul gegen Kochi fangen die ersten an mit den Plastestühlen zu winken. Den Ballbesitz kann ONGC aber nicht ausnutzen und Kochi greift noch mal an. Der Versuch, einen Freiwurf zu schinden, scheitert wieder und es gibt nur Einwurf von der Seite. Bei 7 Sekunden auf der Uhr wird der Ball wieder ins Spiel gebracht und der Sikh von ONGC klaut einem der Zollbeamten den Ball nicht ganz regelkonform. Es gibt ein persönliches Foul, aber keine Freiwürfe. Dass es wieder nur Einwurf von der Seite gibt, führt dann zu der ersten umgetretenen Werbebande. Während der Trainer von Customs den Wiederanpfiff durch Diskutieren verhindert, geht der erste Fan aufs Parkett und schnauzt den Schiri an. Der Dreierversuch scheitert, da der Werfer von zwei Spielern zugestellt wird. Als dann die Schlusssirene ertönt, kommt es auch zu einem Platzsturm bei dem einige Fans und Spieler der Heimmannschaft die Schiedsrichter und das Kampfgericht beschimpfen und bedrohen. Außer ein paar zertretenen Plastestühlen und einer umgeworfenen Werbebande ist nichts kaputt gegangen. Richtigerweise holte man aber gleich mal ein paar Polizisten in die Halle.

Tumulte beim Sport in Indien sind übrigens ziemlich selten. Schlägereien zwischen Amateurspielern beim Fußball, Cricket und Basketball gibt es ab und an – Stress mit Zuschauern ist außerhalb der Fußballszene von Kalkutta weitestgehend unbekannt. Somit war es schon das höchste an Emotionen, was man heute so erleben konnte. Ohnehin war der Basketballpokal richtig gut: gutes Niveau, tolle Halle, ganz ordentlich Stimmung und ein paar interessante Szenen am Rande. Als Musikeinspielungen (stets nur in Pausen zwischen Vierteln und Spielen – nie bei anderen Unterbrechungen wie Auszeiten) gab es zensierte amerikanische Rap- und Dancemucke. Über jugendgefährdende Inhalte werden in Indien einfach unverfängliche Liedtexte gelegt. Das Wischen des Spielfeldes erledigte übrigens natürlich keine junge Frau in kurzen Sportklamotten, sondern eine ältere Frau im Sari. Die Kleidung der Putzfrau stand allerdings im scharfen Kontrast zu der Kleidung der wenigen weiblichen Zuschauer und der der Spielerinnen, die sich nach dem Umziehen zum Zugucken auf die Tribüne hockten: durchgängig westliche Kleidung, damit man sofort erkennt, dass die Damen einer zahlungskräftigen Elite angehören...

Im angrenzenden Sportlerrestaurant gingen wir beide dann bei erwartungsgemäß etwas höheren Preisen (also zwei große Fleischgerichte und Getränke für zwei Personen kosteten 6,30€ - normal kostet das 3,50€-4,50€) gut Essen.
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Statistik:
Grounds: 715 (heute kein neuer; diese Saison: 121 neue)
Sportveranstaltungen: 1.485 (heute 2, diese Saison: 171)
Tageskilometer: 10 (10 Fähre)
Saisonkilometer: 41.970 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 690 Bahn, Bus, Tram/ 10 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 38
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 294

IND-XII: Basketballwochenende in Kochi (Teil 1)

* Zum Basketballpokal nach Kochi *

Customs and Central Excise Kochi
72:75 (n.V.) Indian Overseas Bank Chennai
Datum: Freitag, 16. März 2011 – Beginn: 17.30
Wettbewerb: 26th Federation Cup Basketball Championship (Vorrunde des landesweiten Pokalwettbewerbs für Basketballerstligisten/ Amateurmeisterschaft)
Ergebnis: 72:75 nach 45Min. – Viertelergebnisse: ?:?, ?:? (= 27:25 Halbzeit), 17:26, 19:12 (= 63:63 Endstand); Verlängerung 9:12
Punkte: unbekannt, Fouls: unbekannt
Spielort: Rajiv Gandhi Indoor Stadium, Kochi (Kap. 10.000 Sitzplätze, davon heute 3.000 Sitzplätze freigegeben)
Zuschauer: ca. 800 (Gästefans: ca. 20)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Spannendes und gutes Spiel – viel besser als zu erwarten war!)

Punjab Police Jalandhar 71:82
Oil and Natural Gas Corporation Dehradun
Datum: Freitag, 16. März 2011 – Beginn: 19.15
Wettbewerb: 26th Federation Cup Basketball Championship (Vorrunde des landesweiten Pokalwettbewerbs für Basketballerstligisten/ Amateurmeisterschaft)
Ergebnis: 71:82 nach 40Min. – Viertelergebnisse: 15:35, 20:13 (= 35:48 Halbzeit), 17:21, 19:13
Punkte: unbekannt, Fouls: unbekannt
Spielort: Rajiv Gandhi Indoor Stadium, Kochi (Kap. 10.000 Sitzplätze, davon heute 3.000 Sitzplätze freigegeben)
Zuschauer: ca. 500 (davon ca. 5 Punjabi und ca. 5 ONGC-Leute)
Unterhaltungswert: 5,0/10 (Anfangs tolle Leistung von ONGC, doch je mehr die Sieger nachließen, desto schwächer wurde das Spiel)
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Photos and English Version:

Freitagmorgen: erstmal einen Blick in die „Hindu“ und die „Indian Times“ werfen. Anhand von Artikeln zu gestrigen Sportwettbewerben und den wenigen Zeilen, die unter „Engagements“ (also „Ansetzungen“) stehen – und übrigens immer nur auf Ansetzungen vom selben Tag hinweisen – kann man sich die Spiele zusammenreimen, die es in bestimmten Sportanlagen im Laufe des Tages geben wird. Da viel zum Basketballpokal stand (sogar Uhrzeiten genannt wurden), entschieden wir uns sofort nach dem Unterricht um 12.30 nach Kochi, einer der größten Städte des Bundesstaates Kerala (Kochi bedeutet übrigens „Kleine Lagune“ oder „Hafen“ und zählt mit allen Vororten etwa 1,1 Mio. Einwohner), zu fahren.

Der Bus fuhr leider eine lange Strecke außen herum und hielt dann am nördlichen Busbahnhof Vyttila. Der liegt 6km entfernt von der berühmten Canon Shed Road – der wichtigsten Straße für alle Rucksacktouristen und die Leute, die sonst noch darauf aus sind, möglichst wenig Geld auszugeben. Es fand sich mal wieder kein Schaffner oder Busfahrer, der einem auf Englisch erklären konnte, wie man zu dieser Straße kommt, sodass man sich auf einen Rikschafahrer einlassen musste. 1,50€ klingt wenig – ist in Indien aber zu viel: als Inder zahlt man die Hälfte, als Tourist ist man mit diesem Betrag aber noch gut bedient. Gegenüber vom Fähranleger (Jetty) fingen dann auch schon die Hotels an. Wir probierten das „Marple Regency“, dessen günstigste Zimmerkategorie bei 485 Rp. (7,90€) pro Nacht/ DZ lag. Die Zimmer waren absolut OK – auf jeden Fall besser als die ameisenverseuchten Studentenzimmer im SEERI Institut mit den klemmenden Türschlössern, wacklige Klobrillen und ollen Betten – aber nicht so gut wie in Calicut in dem Hotel, in dem wir letzte Woche waren. Das kostete aber auch 15 Rupien mehr...

Mittlerweile war es 16 Uhr durch und wir mussten erstmal was essen, sodass wir das Freitagsspiel der Kochi Premier League (einer regionalen Amateurfußballliga, die wir vielleicht nächste Woche Freitag mal angucken werden) sausen ließen und nach einem sehr günstigen, großen und leckeren Essen bei einem muslimischen Restaurant in der South Over Bridge Road nur zum Basketball gingen. Die besten Restaurants in Indien sind übrigens jene „non-veg“ muslimischen Restaurants mit „Halal food“. Die besten Sportler sind oftmals auch Muslime (bei Männern- wie Frauensportlern gleichermaßen). In diesem Punkt kann man Ernährung und Sport in einen besonders deutlichen Zusammenhang bringen. Das fleischlose Hindu-Essen schmeckt nicht nur nicht so gut – es bringt auch nicht genug Energie für den Körper eines Leistungssportlers.
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Wir kamen kurz vor der Halbzeit eines Männervorrundenspiels in der Sporthalle „Rajiv Gandhi Indoor Stadium“ an. Das Spiel hätte eigentlich laut Ansetzung in der Zeitung da schon vorbei sein müssen (bzw. in der Verlängerung) – aber es spielte ja die Mannschaft aus Kochi, also konnte man sich nicht beschweren. Die Stimmung war nämlich überdurchschnittlich gut. Auch wenn da die BSG der Zoll- und Steuerbehörde (Customs and Central Excise) spielte – Hauptsache Kerala, noch besser: Kochi. Einige Fans gingen echt gut mit. Die Jugendspieler und der Alte mit dem Haarkranz, die heute am lautesten waren, sollten aber erst am Samstag so richtig auffallen...

Was bei Betreten der Halle außer der Stimmung bei guten Aktionen der Heimmannschaft und Freiwürfen der Gäste aus Chennai, Tamil Nadu (die wurden mit Affenlauten bedacht: aber kein uh-uh-uh, sondern schrilles Gekreische und Trillern) noch auffiel, war die enorme Weitläufigkeit und dadurch geringe Auslastung. Nur das untere Drittel der rechten Hintertortribüne und die jeweils rechten Hälften der Untertribünen und ersten Galerien der Längstribüne waren geöffnet. Alle Tribünen haben drei Ebenen. Während die Längsseiten unten mit staubigen und teils beschädigten Kunststoffschalensitzen bestückt sind, hockt man hinter den Toren (bzw. beim Basketball auf den Längsseiten) auf großen, groben und noch staubigeren – teilweise von Vögeln zugeschissenen – Betonstufen. Die Deckenhöhe ist gewaltig, was man der grün angestrichenen Halle mit ihrer schiffrumpfsartigen Gestalt auch schon von außen ansieht. Richtig cool muss ja der Blick von der zweiten Galerie der Längsseite sein: vorne an der Reling guckt man knapp 20m senkrecht nach unten aufs Feld...

Auf dem Feld tat sich übrigens beim Spiel der Customs Kochi und der India Overseas Bank Chennai (früher Madras) erstaunlich viel Sehenswertes. Das war schon gutes Amateurniveau – auch wenn sehr unorthodox in die Pässe des Gegners gesprungen wurde – und vor allem sehr spannend. Bei 63:63 ging das sehr enge Spiel in die Verlängerung. Dort hatten die Gäste aus dem Bundesstaat Tamil Nadu (Südostspitze Indiens) mit drei Punkten Vorsprung die Oberhand über die Gastgeber aus Kerala (Südwestspitze Indiens).

Etliche Zuschauer hatten die Halle bereits verlassen, als die Mannschaft der Erdölgesellschaft ONGC aus Dehradun, Utterakhand auf den Polizeisportverein Jalandhar, Punjab traf. Das Spiel fand im ersten Viertel auf deutlich höherem Niveau statt. Allerdings war es relativ einseitig, da die Bullen keinen Stich gegen die Leute vom Ölkonzern sahen. Das Passspiel von ONGC war hervorragend, der Abschluss unterm Korb und vor der Dreipunktelinie sehr gut. Im zweiten Viertel kam allerdings ONGC nicht aus dem Knick und die Punjabi heran. Nach der Pause war das Spiel ziemlich ausgeglichen, wobei ONGC im letzten Viertel fünf Minuten lang gar nichts machte und somit nur von ihrer hervorragenden Leistung im ersten Viertel profitierte. Die ersten zehn Minuten hatten das Spiel bereits entschieden.

Lustig war bei diesem Spiel anzusehen, wie man bei beiden Teams die Sikhs herausfinden konnten. Als Sikh – der Mann darf sich nie ohne Kopfbedeckung zeigen – darf man in Indien trotz Turban am Sport teilnehmen. Ein einfaches, dickes, schwarzes Tuch um die Haare reicht auch schon. Bei beiden Mannschaften war je ein Spieler so erkennbar dieser Religionsgemeinschaft zuzuordnen. Die allermeisten Sportler, die sich zum Sikhismus bekennen, tragen ganz selbstverständlich auch auf dem Sportplatz einen Turban. Problematischer ist in Indien übrigens das Thema muslimische Sportlerinnen und das Kopftuch. Die derzeit beste indische Sportlerin überhaupt ist eine muslimische Tennisspielerin, die auf dieses Kleidungsstück keinen Wert legt. Ob Sportlerinnen, die auf den Hijab Wert legen, spielen dürfen, hängt in Indien oft von der Gegend und der Willkür der Verantwortlichen ab.
Entgegen der Infos in der Zeitung gab es übrigens kein Frauenbasketball am Abend, sondern nur am Morgen. Die Abkürzungen a.m. und p.m. auseinanderzuhalten, fällt wohl auch Sportredakteuren der Times of India schwer...
Das Licht in der Halle ging langsam aus – und wir gingen zügig zum Hotel zurück.
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Statistik:
Grounds: 715 (heute 1 neuer; diese Saison: 121 neue)
Sportveranstaltungen: 1.483 (heute 2, diese Saison: 169)
Tageskilometer: 90 Öffentliche Verkehrsmittel (80 Bus, 10 Autorikscha)
Saisonkilometer: 41.960 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 690 Bahn, Bus, Tram/ 0 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 38
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 294

Sonntag, 18. März 2012

IND-XI: Praktikum in Indien – Notizen (5)


* Als Arabischlehrer in Indien *

Am Dienstag, dem 13.3. März, habe ich meine erste Unterrichtsstunde am SEERI gehalten. Da Anja für den Deutschkurs angesetzt ist, darf ich eine Einführung ins Hocharabische halten. Drei Studenten habe ich, ein vierter will noch nächste Woche dazu stoßen, da er das Alphabet und ein paar Grundsachen schon kennt. Besonders die Inder haben große Probleme typisch semitische Laute auszusprechen und z.B. solche Unterschiede wie zwischen den drei H-Lauten im Arabischen (ha wie bei uns und kha wie in „Bach“ und dann halt noch einer, der zwischen diesen Lauten liegt) nachzuvollziehen. Selbst in diesem kleinen Raum ist es auch nicht immer möglich, für alle gut hörbar ein Wort auszusprechen, da der Ventilator dauernd laufen muss und bei geöffneten Fenstern die laut hupend herumfahrenden Autos zu hören sind.

Die erste Stunde kam aber bei den dreien gut an und bis zum 13. Buchstaben – dem für jeden einfachen „Shîn“: als ich erklärt habe, dass man „sîn“ wie das s in „bus“ und „shîn“ wie das sh in „bush“ spricht, hatte niemand Probleme das arabische Wort für Sonne (Shams) auszusprechen – sind wir auch immerhin gekommen.

Nach der Stunde war ziemlich lustig: mit vier indischen Kommilitonen nebenbei im Computerraum Cricket (Indien – Sri Lanka) in der Glotze geguckt. Anja und ich waren irgendwie die ersten ausländischen Gaststudenten, die mit dieser Sportart etwas anfangen konnten.

Mittwoch hab ich es dann geschafft, das restliche Alphabet bis zum 28. und letzten Buchstaben (ya) durchzupauken. Donnerstag kamen schließlich die Vokale und Sonderzeichen hinzu. Ab Montag stehenden dann Leseübungen und Personalpronomen und -suffixe auf dem Programm. Zum Glück können die Studenten alle Syrisch-Aramäisch, sodass wenigstens die Grammatik keine großen Probleme bedeuten dürfte.

Insgesamt gesehen, ist die Erfahrung, hier als Lehrer zu arbeiten viel wichtiger als der Besuch des Sprachkurses. Auch wenn man nur einen sehr kleinen Kurs hat: erklär mal als Deutscher indischen Lernenden auch nur die Grundzüge der arabischen Sprache auf Englisch...