Mittwoch, 31. Dezember 2008

Montag, 29.12.08: Abreise und Zusammenfassung

Fotospezial 1; Nordtunesische Landschaften:
http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081229b%20LANDSCHAFTEN%20NORDTUNESIENS/

Fotospezial 2; Straßenverkehr in Tunesien:
http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081229a%20AUF%20DEN%20STRASSEN%20TUNESIENS/

Nachdem wir gegen 22.00 Uhr den Mietwagen voll getankt abgegeben haben - diese Hurensöhne von Hertz Tunis wollten den natürlich voll getankt wieder haben, obwohl sie ihn uns mit einem zu 90% entleerten Tank übergeben hatten - dieser korrupte Vermieter muss das Benzin abgezapft und verkauft haben -, aber der Nebensaisonrabatt war bei einem Mietpreis von 254€ für eine Woche mit 97€ so stark, dass diese Unverschämtheit auch nicht weiter störte.
Etwas störend war natürlich die sechsstündige Wartezeit auf den 4 Uhr 20 Flug, auf dem besonders störend die affigen, deutschen Prolls in der Reihe hinter uns auffielen. Fünfköpfige Familie, arroganter pubertärer Sohn, schreiendes Kleinkind, Kotzbrocken von Vater, nur am dumm rumlabern und die fünf haben doch als einzige nicht geschnallt, dass das Klatschen nach der Landung überhaupt nicht mehr üblich ist... So stellt man sich Pauschaltouristen vor, von denen es zum Glück fast gar keine zu den von uns besuchten Sehenswürdigkeiten geschafft hatten. Aber so gab es vor der Rückkehr nach Deutschland schon mal den ersten Vorgeschmack, welche Vorteile es hat, sich als Deutscher in Tunesien aufzuhalten. Man wird nämlich zum Glück nicht von vorneherein als hohlköpfiger Pauschaltourist angesehen, sondern von vielen erst einmal als willkommener Gast.
Schon eine halbe Stunde nach dem Start mit dem One-Way-Mietwagen nach Merseburg zeigte sich auch: die Deutschen können nicht einmal besser Autofahren, als die Tunesier. Was wir in 2.500km Tunesien nicht erlebt hatten, hatten wir nach 50km in Deutschland: ein schwerer Unfall, der die Autobahn von drei auf eine Spur verengte. Wir kamen zum Glück unfallfrei wieder nach Merseburg zurück.

Im Folgenden werde ich zu einer Zusammenfassung kommen. Zwei Themen klangen eben schon an. Der Verkehr in Tunesien ist chaotisch ohne Ende: überfüllte Fahrzeuge (sieben Leute in einem Renault Clio oder 15 Leute auf der Ladefläche eines Pick-up), überholen und hupen immer - bremsen nur im Notfall, Fußgängerüberwege und Kreisverkehre sind zum Parken da, in letzteren hat stets der größere Wagen Vorfahrt, Auffahrunfälle mit Blechschäden sind im Stadtverkehr, in dem man sich nur hupend bei zwei Spuren zu dritt nebeneinander vorbei schiebt, sehr häufig. Ansonsten habe ich von den laut irgendeiner Reisewebsite „extrem häufigen Unfällen“ rein gar nichts bemerkt, genauso wenig wie von den „sehr strengen tunesischen Zollbehörden“ - die deutschen waren strenger und natürlich unfreundlicher. Ohnehin war erstaunlich, wie freundlich die „Shurta“, die auch als „Bolis“ bezeichnet wird, zu Ausländern war. Schikaniert wurden nur Einheimische. Selbst die Fußballordner haben einen handschläglich begrüßt - dass will ich mal in Deutschland erleben, einem Land wo auch jeder Tourist beim Fußball ein potentieller Verbrecher ist (dass der durchschnittliche tunesische Fan noch um einiges gewaltbereiter ist, als der deutsche Fan, brauche ich glaube ich nicht erwähnen) - und die Polizei ließ einen bei jeder Verkehrskontrolle, nachdem sie die Herkunft festgestellt hatten, weiter fahren. Wobei auch die Einheimischen genauso wie wir vor den Augen der Polizei gegen die Einbahnstraße oder mit 80 durch die auf 30km/h beschränkte Baustelle fahren durften.
Ein weiteres Thema ist der Tourismus in Tunesien: man sollte sich bloß nicht von Kellnern in ein Restaurant oder von Leuten zu einer geführten Tour locken lassen. Ein Restaurant, dass Kunden locken nötig hat, ist schlecht ausgelastet und überteuert, und die Preise für Touren sind (hinterher) maßlos! Auch bei Souvenirs sind diese unverschämt. Empfohlen sind Souqs wie Sfax (kann ich auch sehr empfehlen) oder Gafsa, auf denen man auch nicht dumm angelabert wird (solange man nicht das „falsche“ Fußballtrikot trägt wie ich in Sfax einmal), wie in Tunis, Kairouane oder Bizerte. Vorsicht vor allem in Tunis und Kairouane, wo es leider einige Leute gibt, die nur auf das Geld der Touristen aus sind. Aber selbst da sollte man auf jeden Fall zurückgrüßen, wenn „Welcome to Tunisia“ oder „Guten Morgen, Monsieur“ oder so etwas gesagt wird, denn überall gibt es Leute (junge wie alte) die einen Fremden aus Anstand und Höflichkeit grüßen. Diese wollen weder geführte Touren leiten noch Andenken verramschen. Störend ist aber übrigens auch, dass fast alle Ruinenstädte gesichert sind und nur gegen teils sehr hohen Eintritt (bis zu 4,50€ pro Person und dann immer 0,50€ Fotografiergebühr) zu besichtigen sind.
Vom traditionellen Leben hat man zwar auch etwas mitbekommen, doch in den mittleren und großen Städten laufen zumindest die jüngeren Generationen sehr westlich-modern umher und moderne Kleidung ist auch, wenn eine Frau zu Jeans und Bluse ein Kopftuch trägt. Viele trugen allerdings nicht einmal eines, obwohl knapp 99% der Tunesier Muslime sind - ob gläubig oder nur Karteileiche, spielt hier keine Rolle. Also wer etwas davon labert, seine Tunesienreise sei ein „Kulturschock“ gewesen, kann nur aus einem Dorf im bayrischen Wald oder einer Kleinstadt an der Mecklenburgischen Seenplatte stammen. Also jeder Besuch in Berlin-Neukölln oder Offenbach bei Frankfurt/ Main ist „kulturell schockierender“.
Noch weniger mitbekommen hat man etwas von dem „Aufschrei in der gesamten Arabischen Welt“ über die Angriffe Israels auf den Gazastreifen. Demonstrationen gab es keine und in den Nachrichten wurde auch nicht aufhetzend darüber berichtet, was man den Medien aber nicht hätte verdenken können.

Um einmal zu den von uns besuchten Orten zu kommen, von denen sich fast alle gelohnt haben: die Altstadt von Tunis ist sehr sehenswert, wenn auch (NOCH) dreckiger als andere - wer ein Problem mit Staub und Dreck hat, sollte sowieso lieber im klinisch reinen Deutschland bleiben; Nordafrika ist nichts für kälteempfindliche Stauballergiker - nur sollte man vor den Guides aufpassen, die dort besonders unverschämt sind. 3,5/5 Sternen für Tunis. Sousse ist noch eine ganze Spur schöner als Tunis und die Leute sind auch noch hilfsbereiter und weniger aufdringlich. 4/5 für Sousse. Karthago hat ein halbwegs lohnendes Museum, ein mittelmäßiges Theater, ein eindrucksvolles Aquädukt, herausragende Thermen und schöne Parks zu bieten. Lohnt sich auf jeden Fall sehr, wobei man am besten auf dem Hügel Byrsa bei der Kathedrale anfängt, da das Museum eigentlich mehr zum Aufwärmen ist. 4,5/5 für Karthago. Absolut malerisch in wunderbarer Landschaft gelegen mit den grell-weißen Häusern mit den blauen Akzentuierungen (blaue Fensterläden, Balkone, Türrahmen etc.) ein tolles Postkartenmotiv, ist Sidi Bou Said. 4/5 für Sidi Bou Said. Kairouane ist ein Touristenort mit höchst interessanten historischen Bauten. So aufdringlich wie hier sind Guides und Händler allerdings nirgendwo! Ein „Ksssssssssss Khalas!“ hilft da aber oft, auch wenn es eigentlich wegen des „Schlangenzischens“ sehr unhöflich ist. Aber „ibn ush-sharmuta“ wäre unhöflicher, obgleich ebenfalls bei so manchem Touristenfänger angebracht. Die sandfarbene Stadtmauer, die Sidi Oqba Moschee (Eintritt lohnt sich aber sicherlich nicht) und die Wasserversorgung der Aghlebiden sind wirklich ansehnlich. Letztere am besten gleich durchs Westtor betreten; ist ein kostenloser öffentlicher Park. 3/5 für Kairouane. Mahdia ist ein wirklich schöner, kleinerer Ort auf einer Landzunge. Eine ordentliche Festung, ein paar historische Hafenmauern, ein Leuchtturm und schöne Landschaft. Alles sehenswerte ballt sich am Kap Afrika. Ziemlich wenig alles in allem, die Bewertung von lexorient, als wohl schönste Stadt Tunesiens ist auch unverständlich, aber der Ort ist schon schön. 3/5 für Mahdia. El Djem ist das Amphitheater schlecht hin. Eigentlich braucht man da gar nicht nach Rom zu fahren. El Jem ist eh billiger... Also wirklich sehr eindrucksvoll und deshalb geteilter 1. Platz bei den Römerruinen: 5/5 für El Jem. Der 1. Platz in dieser Kategorie teilt sich El Jem mit Dougga, was aufgrund seiner Ausdehnung, seines Theaters und seines Kapitols genauso hoch veranschlagt werden muss. 5/5 für Dougga. Sfax ist eine recht funktionale aber sehr chaotische Stadt, zweitgrößte Stadt des Landes, wirtschaftliches und bildungstechnisches Zentrum. Es gibt nicht viel altes und sehenswertes, aber die Stadtmauer ist höchst beeindruckend. Die Leute sind hier besonders freundlich und wenig aufdringlich. 3/5 für Sfax. Gafsa hat eine ganz nette Festung und eine etwas struppige Oase, und vor allem tolle, wenn auch beinahe gänzlich vegetationslose Berge um sich herum. Die Leute sind auch erfreulich höflich und unaufdringlich. 3/5 wegen der tollen Landschaft für Gafsa. Sbeitla ist fast so hoch zu veranschlagen wie Dougga; das Kapitol ist noch größer, der Rest der Anlage allerdings nicht. Alles in allem aber eine der Top-5 Ruinenstädten, eigentlich noch knapp vor Karthago. 4,5/5 für Sbeitla. Cillium ist keine Topp-Ruinenstadt, genauso wenig, wie Kasserine eine topp moderne Stadt ist. Der Erhaltungszustand ist schlecht, aber man bekommt einen Eindruck, wie Archäologen arbeiten müssen. Wenigstens ist der Eintritt frei. Wenn ein Hirte was will, einfach: „inta madshnun?“ fragen... 2/5 für Cillium. Das Tableau de Jugurtha ist landschaftlich eindrucksvoll ohnegleichen, doch die Überreste der Festung sind - bis auf die Kirche - schwach. Die Moschee auf dem Felsplateau ist aber ganz interessant, wenn auch unzugänglich. Wenn die Hunde vom Schäfer kommen: Stein aufheben, bei Bedarf auch nach den Tieren werfen. Ist so Sitte... 4,5/5 für Tableau de Jugurtha. Musti ist zwar nahe bei Dougga gelegen, aber nicht annähernd so eindrucksvoll. Aber ein paar Details der Gebäude lohnen sich wirklich. 2,5/5 für Musti. Anbei: Agbia kann man vergessen, da noch von irgendwelchem Pack bewohnt. Daher: keine Wertung. Die byzantinischen und römischen Ruinen von Thiganica machen aber wirklich etwas daher. Leider aber etwas schlecht erhalten, dafür sehr anständiger, bescheidener und unaufdringlicher Wächter. 3/5 für Thiganica. In Zaghouane befinden sich die Ruinen in einem öffentlichen Park. Es ist wenig übrig aber vor einer landschaftlich schönen Kulisse, die allerdings nicht annährend an das Tableau de Jugurtha heran kommt. 2/5 für Zaghouane. Thuburbo Majus ist herrlich weitläufig - merkt bestimmt keiner, - genauso wenig wie in Dougga - wenn man hinten herum ohne Eintritt zu zahlen hineingeht. Die Mosaike sind etwas aufwendig abgesperrt, aber ansonsten sehr schön zu besichtigen. 3/5 für Thuburbo Majus. Das Hadrians Aquädukt ist ein tolles Beispiel für Römische Sanitärbaukunst... Ebenfalls 3/5 für das Hadrians Aquädukt. Ghar El Melh ist das mediterrane Touristennest schlechthin. Im Winter kommt zum Glück keine Sau, doch bekommt man dann kein Essen und die Festungen sind geschlossen. Trotzdem ein sehr schönes Dorf. 3/5 für Ghar El-Melh, die Satzgrotte. Bizerte hat am Rande schöne Landschaft zu bieten, eine geographisch interessante Lage aufzuweisen und ein bisschen Altstadt. Aber alles in allem nur 2,5/5 für Bizerte. Utica war dann die am wenigsten lohnende Sehenswürdigkeit. Unfreundliche Leute, ein paar Mosaike, ein Skelett und minimale Mauerreste für unverschämte 4+1 Dinar pro Person + Kamera. Trinkgeld für den Kasper, der die Mosaike, die mit Holzplatten vor der Sonne geschützt werden, aufdeckt, nicht vergessen... Wenn er wieder mehr als 3 Dinar will: „inta madschnun?“ 1,5/5 für Utica. Monastir hat mir von allen mittelalterlichen und modernen Städten am besten gefallen. Vor allem das Wehrkloster (Ribat) ist ein Muss, die Meerlage sehr schön, das Mausoleum des berühmtesten Sohn dieser Stadt, also dem verstorbenen Präsidenten Habib Bourgiba, sehr sehenswert und sogar kostenlos, die nach selbigem Staatschef benannte Moschee ebenfalls ein Besuch wert und auch der Souq mit der geschlossenen Stadtmauer ist sehr schön. Die Leute sind eigentlich alle höflich und hilfsbereit, aber selbst Französisch hapert bei denen manchmal. Was Arabisch angeht, sprechen die auch nur diesen Dialekt und Englisch und Deutsch ist meist nur im Sinne von „Guten Tag, Willkommen - Hello, Sir. How are you?“ vorhanden. Oder auch „Sieg!“ auf den Tribünen beim örtlichen Profifußballverein. Dafür bekommt man billig hervorragende Hotels in der Nebensaison und bei Betreten mancher Restaurants mit einem tunesischen Fußballtrikot gratis Vorspeise und Tee. Also 5/5 für Monastir.
Apropos Fußball: Selbst der Besuch des Spiels in La Marsa war lohnend. Monastir war sehr cool und Tunis und Sousse waren echt Hammer! Also wer sich für Fußball interessiert und einen Tunesienurlaub vorbereitet: nutzt die Chance, eine Liga zu sehen, in der die Stadien noch nach Personen aus Sport und Politik heißen und nicht nach Banken oder Waschmittelherstellern, man von Sicherheitskräften noch respektvoll behandelt wird, selbst mit den wildesten Fans noch gut auskommt und auch sonstige Kommerzialisierungserscheinungen und Probleme des modernen Fußballs (Randale mal ausgenommen; wer Action haben will, nur die richtigen Spiele aussuchen und sich ins Getümmel stürzen!) noch gar nicht angekommen sind. Und trotzdem erlebt man Mannschaften, die hervorragende Technik besitzen und begeisternde Spiele abliefern können.

Die Tabelle der Sehenswürdigkeiten:
1. El Jem *****
1. Dougga *****
3. Monastir *****
4. Sbeitla *****
5. Tableau de Jugurtha *****
6. Karthago ****
7. Sousse ****
8. Sidi Bou Said ****
9. Tunis ****
10. Mahdia ***
11. Thuburbo Majus ***
12. Thiganica ***
13. Kairouane ***
14. Sfax ***
15. Gafsa ***
16. Ghar El-Melh **
17. Hadrians Aquädukt **
18. Bizerte **
19. Musti *
20. Zaghouane *-
20. Cillium *-
22. Utica -

Noch ein Nachtrag zu meinem Vorbereitungsmaterial:

Am Hilfreichsten war die Website http://lexicorient.com/e.o/tunisia.htm , die sehr viele und hilfreiche Informationen zum Land und seinen wichtigsten und auch nicht ganz so wichtigen Sehenswürdigkeiten bietet. 7,5/10 Punkten

Die Sehenswürdigkeiten findet man dann u. a. auf der Karte vom Marco Polo Verlag "Tunesien. Tunisia. Tunisie". Die Karte ist zwar besser, als die meisten Reise- und Sprachführer dieses meines Erachtens fast durchweg unzulängliche und maximal mittelmäßige Bücher anbietenden Verlages, aber 1 : 800.000 ist nur ein ausreichender Maßstab. Allerdings sind die touristischen Markierungen: landschaftliche schöne Straßen und sehenswerte Städte: 5,0/10.

Drittens, habe ich für 5€ den Bildband "Tunesien. Kulturlandschaft zwischen Meer und Wüste" von Dollhopf und Neumann (Flechsig Verlag) gekauft, der er in Bamberg von einer Buchhandlung auf der Straße angeboten wurde. 5€ sind gerade noch O.K., aber die ursprünglichen 12,95€ eine Frechheit: kaum Fakten, keine Informationen für eine Reise, nur etliche Bilder, die aber oftmals von schlechterer Qualität sind, als die, die ich fotografiert habe. 2,0/10.


In Tunesien zurückgelegte Kilometer: 2.460 per Auto, 350 mit öffentlichen Verkehrsmittel (2.960 Flug nach Tunesien)

Anzahl der Saisonkilometer derzeit: 16.300 (8.470 Auto/ 2.960 Flugzeug/ 2.590 Bahn/ 2.280 Fahrrad)!

Sonntag, 28.12.08: Ein französischer Spielmannszug, deutsche Sprechchöre und irakische Fans beim tunesischen Fußball

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081228a%20Monastir%20-%20Album%20II/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081228b%20US%20MONASTIR%202-0%20AL-QUWA%20AL-JAWIYA/

Wir standen so spät auf, wie noch nie auf dieser Reise: 7.45 Uhr. Erst 8.30 erschienen wir beim Frühstück. Vier weitere Gäste waren da und nach dem wirklich ordentlichem Frühstück mit Schokocroissant, Marmeladenbaguette und Käsestange kam die positive Überraschung: dieses 3-Sterne-Hotel kostete aufgrund des Nebensaisonrabattes nur 38€, nicht wie ausgepreist 58€.
Wir fuhren danach noch etwas die Promenade entlang. Da wir den Ribat und das Mausoleum schon kannten, die ummauerte Medina aber noch nicht gesehen hatten, parkten wir an der Habib-Bourgiba-Moschee, die wir bei der Gelegenheit gleich besichtigten. Für 2€ Trinkgeld führte uns ein freundlicher junger Mann auch in den Gebetsraum. Bald waren das kommende Spiel von USM und das vorige von EST nach den üblichen Erklärungen, was die Mihrab oder die Minbar sind, Thema. Ein wirklich sinnvoller Satz des Moscheeführers, der hoch erfreut war, dass sich Deutsche so für den einheimischen Fußball begeisterten, war übrigens: „football is money“, was uns ins Gedächtnis rief, wie teuer die Fußballkarten, teils aber auch die für Volley- und Handball für die normale tunesische Bevölkerung - die Tunesier, die mit Audi A3 und 5er BMW umherrasen, sind nicht die normale Bevölkerung - eigentlich sind. Noch schlimmer, maßloser und skandalöser überzogene Preise als in Polen!
Nachdem wir noch eine halbe Stunde an der wunderbar geschlossenen, sandfarbenen Stadtmauer mit einem vorgerückten, besonders schönen Wehrturm auf der Südseite gegangen waren, fuhren wir noch 2 Stunden in südlicher Richtung durch die fruchtbare Landschaft mit ihren engen Straßen. Dann wurden wir um 21€ erleichtert. Die besten Tribünenplätze gab man uns. Wer nicht so viel ausgeben will, muss wirklich lautstark darauf bestehen, billigere Karten zu bekommen („Virage“ gab es allerdings gar nicht bei USM), da einen als Tourist nicht aus dem Grunde „ach, der Europäer kann sich doch eh die teuersten Karten leisten“ sondern aus dem Grunde „Haupttribüne ist sicherer“, nur die besten Plätze - je nach Spiel zwischen 10,50€ wie bei diesem oder gar 26€ - verkauft werden.
Union Sportive Monastirienne 2:0 Al-Quwa Al-Jawiya Baghdad
Samstag, 27.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.00
Achtelfinale Arab Championsleague (دوري أبطا ل العرب)
Ergebnis: 2:0 nach 101 Min. (50/51) - Halbzeit 0:0, Hinspiel 1:1 (= 3:1)
Tore: 1:0 80. Hichem Essifi 2:0 82. Hichem Essifi
Verwarnungen: 1:3
Platzverweise: keine
Stadion: Stade Moustapha Ben Jannet (Kap. 15.000 freigegebene Plätze)
Zuschauer: 10.000 (15 Gästefans)
Ground Nr. 273 (diese Saison: 43 neue)
Sportveranstaltung Nr. 723 (diese Saison: 90)
Tageskilometer: 300 (Auto)
Saisonkilometer: 14.420; 8.070 Auto/ 2.590 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 2
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 126
Spielqualität: 6,5/10 (Durchschnitt bis Gut)
Tagesunterhaltungswert: 7,0/10 (hoch)

Wir sollten dann aber auch wirklich wieder etwas geboten bekommen - schon allein der Eingang ins Stadion: „Willkommen in Tunesien“ vom 1. Ordner auf Deutsch und dann durch den Logenaufgang, der holzgetäfelt und voller Fußballfotos und Poster des Präsidenten Ben Ali war, zur bequemen Bestuhlung. Apropos Ben Ali: den Durchgang schmückte übrigens ein Banner mit der arabischen Aufschrift „Shukran, ya siyada ar-ra’is - Danke, oh Eure Exzellenz (Herr) Präsident“ und über dem unterhalb der Gegengerade angebrachten Schild mit dem Stadionnamen hing ein Banner mit Ben Alis Konterfrei „Ahba’ Al-Ittihad Ar-Riyadi Al-Monastiry ma*a Ben *Ali 2009 - Die Liebenden (Fans) des SV Eintracht Münster (Monastir also natürlich) mit Ben Ali (auch im Jahre) 2009“.
Schon vor Anpfiff füllte sich das Stadion sehr zügig. Vor allem auf der Gegentribüne - die kleinen Ausbauten hinter den Tore blieben irgendwie gesperrt heute - war schon richtig was los, und nachdem ein paar Spieler der irakischen Mannschaft gebetet hatten und dann anfingen, zu filmen und zu fotografieren, wo sie ihre Auswärtsspiel bestreiten würden, kam auch noch ein Spielmannszug ins Stadion. Französische Spielmannskultur gibt es also auch in Tunesien; Blechbläser, europäische Trommeln und die allseits bekannten Büscheldinger der Cheerleader.
Für arabischen Fußball völlig untypisch - mittlerweile hatte sich unsere Tribüne so stark gefüllt, dass Dutzende Fans die Treppen sitzend blockierten, was die Ordner natürlich nicht weiter störte (wer braucht schon Fluchtwege?) - kamen schon 10 Minuten vor 14 Uhr die Mannschaften. Eine tolle Choreo der Gegentribüne - „OUR“ und das stilisierte Logo auf blauen, gelben, weißen und schwarzen Papptafeln, darunter das Banner „step by step to the final“ - begleitete den Einmarsch. Danach gab es erste Sprechchöre der Monastir-Fans „(klatsch, klatsch, klatsch-klatsch-klatsch-klatsch) Sieg!“ Nicht etwa „fauz“, sondern Deutsch: „Sieg“ skandierten die Fans!
Danach sah es aber lange nicht aus. Grobe Fehlpässe, aber viel Kampf. Viel Druck aufs Tor, aber beschissener Abschluss. Bei beiden Teams.
Bei Pause stand es 0:0 und auch nach druckvollen 10 Minuten in der zweiten Halbzeit fiel kein Treffer. Das Spiel verflachte und nach 70 Minuten traf Monastir nur einmal irregulärerweise. Erst in der 80. - durch die lange Nachspielzeit in der ersten Hälfte eigentlich schon 85. - erzielte Hichem Essefi per Kopf das 1:0. Ein wirklich sehenswerter Treffer, der das Stadion toben ließ vor Freude. Noch mehr tobten sie, als gleich darauf derselbe Spieler noch einmal traf. Diesmal volley ins lange Eck. Das war die Entscheidung!
Monastir spielte nicht herausragend, doch war diese Stadt die schönste in Tunesien für mich und dieser Stadionbesuch ebenfalls sehr schön.
Nach Abpfiff gab es noch seltsame Szenen im Klo: zwei der jungen Irakerinnen wurden von ihrem Vater an den Männern im Klo vorbei geschleust und bis zur Kabinentür begleitet. Die Männer sahen sie nicht, da sie von den hohen Ummauerungen der Pinkelbecken verdeckt waren. So kann man also ein gemischtgeschlechtliches Klo regeln.
Und Apropos Frauen im Stadion: wer ohne männliche Begleitung kam als Frau, wurde von den Ordnern in den Sektor links von uns geschickt. Ein eigener Frauensektor, zudem außer Frauen und Mädchen nur noch Jungen unter 12 Jahren Zutritt haben. Ansonsten natürlich freie Platzwahl.
Nach dem Spiel gab es noch etwas Party in der Innenstadt und wir gingen im Restaurant El Medina essen. Der Ober sprach uns gleich an, dass wir im Fernsehen zu sehen waren, denn das Spiel wurde live übertragen, im El Medina läuft immer die Glotze in einem der drei Bereiche des Restaurants und so bekamen wir gleich mal eine gratis Vorspeise serviert.
Irgendwie war es schade, dann danach gen Tunis fahren zu müssen, um sich zum Flughafen zu begeben. Die 10 Tage waren schnell rum und Tunesien zusammen mit Serbien das bisher interessanteste Reiseland für mich. Sogar leichte Vorteile für Tunesien, was die Schönheit des Landes und die Unterhaltsamkeit der Reise angeht!

Samstag, 27.12.08: Der nördlichste Punkt Afrikas und ein Spiel der Arabischen Championsleague

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081227a%20Bizerte%20-%20Noerdlichster%20Punkt%20Afrikas/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081227b%20Utica%20-%20Roemische%20Mauern%20und%20Mosaike/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081227c%20ESPERANCE%206-1%20AL-HILAL%20AL-HODAYDA/

Wieder einmal ersetzte der Ruf zum Morgengebet den Wecker. Frühstück gab es keines im Hotel, also fuhren wir gleich an die Küste, in deren Hinterland sich dichter Nebel gebildet hatte. Am Kap sah es dann besser aus. Zwischen Cap H’mam und Cap Angela liegt der nördlichste Punkt des afrikanischen Festlandes in wirklich schöner Landschaft; Steilküsten, Sandstrände und grüne Berge. Wir fuhren dann die engen Straßen entlang wieder in die Innenstadt von Bizerte und kauften uns wirklich gute Croissants und Rosinenschnecken, die zusammen mit Apfelsinen und Mandarinen unser Frühstück bildeten. Den Hafen und die Festung entlang ging es zum Auto und dann zügig nach Utica.
Utica, bzw. Utique, war von allen tunesischen Ruinenstädten, noch hinter Musti, die unspektakulärste. So wirklich empfehlen kann ich die Mauerüberreste mit nervigen Guides, aber auch immerhin einigen wirklich schönen Mosaiken von bis zu 2.800 Jahren Alter und als Highlight einem irgendwie etwas unecht wirkenden menschlichen Skelett in der punischen Necropolis, nicht.
Das Museum, was im Preis inbegriffen war, schenkten wir uns. Wir sorgten dafür, auf dem schnellsten Weg nach Tunis zu kommen, wo wir gleich zur Geschäftsstelle von Espérance fuhren und uns Karten fürs Championsleague Spiel besorgten. 7,50€ für einen Tribünenplatz im Stade Radés ist wirklich nicht viel. 50m weg vom Kartenschalter hatte sich ein älterer Mann seinen Imbisstand, der mit Fotos von Espérance Fans und Spielern ausgeschmückt war, aufgebaut. Wir holten uns ein paar Baguettes mit Käse und scharfer Paprikasoße zu je 0,35€. Bei der Gelegenheit kaufte ich gleich ein 30x20cm großes Foto vom tunesischen Nationalspieler Dos Santos, wie er zu Zeiten bei Espérance vor der überfüllten Virage (Fankurve) jubelt. Eine weitere Collage bekam ich sogar geschenkt, da der Mann hoch erfreut über den Besuch der deutschen „Espérantistes“ war.
Nun noch schnell zum Hotel Tej und die dort zwei Tage zuvor vergessene Jacke samt Portemonnaie inklusive Studentenausweis, Führerschein etc. abholen - erfreulicherweise sind die Leute vom Zimmerservice wirklich ehrlich und aufmerksam - und dann zügig zum Stadion. Das eigentlich von Espérance (Taraji) und Club Africain (Nady Al-Afriky) genutzte Stade Menzah ist nicht für internationale Spiele ausgelegt, sodass das Championsleague Spiel zwischen Taraji Tunisiy und Al-Hilal As-Sahely Al-Hodayda, aus der jemenitischen Hafenstadt Al-Hodayda, im Stade de 7 November 1987, also dem Stade de Radés ausgetragen wurde. Das Hinspiel wurde schon nicht bei Al-Hodayda ausgetragen, sondern im 150km entfernten Sana, der Hauptstadt des ärmsten Landes der arabischen Halbinsel.

Espérance Sportive de Tunis 6:1 Al-Hilal As-Sahely Al-Hodayda
الهلال الساحلي الحديدة 6:1 الترجي الرياضي التونسي
Samstag, 27.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.00
Achtelfinale Arab Championsleague (دوري أبطا ل العرب)
Ergebnis: 6:1 nach 94 Min. (46/48) - Halbzeit 2:1, Hinspiel 2:1 (= 8:2)
Tore: 1:0 4. Khelil Chammam, 2:0 30. Henri Bienvenu, 2:1 33. Aboud As-Safa, 3:1 66. Wadi Tayyib, 4:1 75. Larbi Jabeur, 5:1 77. Henri Bienvenu, 6:1 84. Wajdi Bouassi
Verwarnungen: 1:1
Platzverweise: keine
Stadion: Stade 7 Novembre 1987 Radés (Kap. 60.000 überdachte Sitzplätze)
Zuschauer: 10.000 (20 Gästefans)
Ground Nr. 272 (diese Saison: 42 neue)
Sportveranstaltung Nr. 722 (diese Saison: 89)
Tageskilometer: 360 (Auto)
Saisonkilometer: 14.120; 7.770 Auto/ 2.590 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 1
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 126
Spielqualität: 9,5/10 (Hervorragend!!!)
Tagesunterhaltungswert: 7,0/10 (hoch)

Wir verfuhren uns etwas auf dem Weg dahin, doch als wir nach der Feststellung „scheiße, das war mindestens eine Ausfahrt zu früh“ von der Stadtautobahn gefahren waren, kurz entschlossen wieder durch einen gesperrten Weg und via einer Tankstelle auf die Stadtautobahn auffuhren, sahen wir auf der linken Spur einen Pick-up, der mit 12 Personen auf der Ladefläche und drei besetzten Kabinensitzen warnblinkend und wild hupend herumfuhr. Die Leute hatten gelb-rote Flaggen dabei und feierten Taraji Tunis ab. Also einfach mal von der dritten auf die erste Spur rüber gezogen und dran gehängt. In der Abfahrt zum Stadion kippte der Lieferwagen dann fast um, da die Fans auf der rechten Seite heftiger hüpften als die auf der linken Seite der Ladefläche, doch diese Szene ging dann doch genauso gut wie unsere Parkplatzsuche. Viele freie Stellflächen. Das Sportgelände von Radés ist wirklich toppmodern und braucht sich vor diesen ganzen Bundesliga,,arenen“ nicht zu verstecken. In der Schüssel nach Passieren der Kontrollen, d.h. die Sicherheitskräfte haben mal wieder nach Gesichtskontrolle kontrolliert kontrolliert: Touristen wurden gar nicht abgesucht, verstärkte sich dann der Eindruck, dass die Hütte wirklich sehr modern ist: es gibt nur Sitzplätze, diese sind alle überdacht, die Platzwahl ist aber kaum eingeschränkt, da recht wenige Fans ins Stadion kamen, was nicht zuletzt mit der sportlich weniger hohen Attraktivität der arabischen Meisterliga zu tun hat. Da spielen zwar nur Spitzenmannschaften aber meist nicht die Landesmeister - der jemenitische Verein „Halbmond der Küste“ war da eher die Ausnahme - und so ist es für viele interessanter, den Club in der tunesischen Liga bzw. der afrikanischen Championsleague anzuschauen, denn die arabische existiert nur zusätzlich zur afrikanischen bzw. asiatischen.
Aber auch die nur etwa 10.000 Zuschauer, von denen schräg hinter uns in der Loge auch die 20 mitgereisten Jemeniten erwähnt werden müssen, die übrigens jeder Tunesierin hinterher pfiffen, was bei diesen nur für müdes Lächeln sorgte - die stehen mehr auf blonde Europäer, nicht auf primitive, qat-kauende Südaraber -, machten gut Stimmung. Vor allem als kurz nach Anpfiff gleich das 1:0 für Taraji fiel - erzielt mit einem wunderbaren Freistoß unter die Querlatte - und ein Blocksturm auf den Oberrang der Virage einsetzte. Die Polizei verhinderte es allerdings keineswegs, dass tausende Fans in den Oberrang der Kurve strömten, der eigentlich gesperrt war.
Es dauerte dann eine ganze Weile, ehe das 2:0 fiel. Obwohl das Spiel sehr einseitig war, war es wirklich gut. Wie immer bei Spielen in der arabischen Welt: tolle Zweikämpfe, die man in Europa oft wegen Foulspiels abpfeifen würde, und starke Technik. Kurz nach dem 2:0 erzielten die Gäste aus dem Jemen allerdings mit einer schönen Bogenlampe den Anschlusstreffer.
2:1 war der Pausenstand. In selbiger Pause verabschiedete sich dann einer meiner Kameraakkus. Alt, hunderte von Malen wieder aufgeladen, schon deutlich an Kapazität eingebüßt und nun ziemlich warm geworden. Als ich ihn aus der Kamera herausholte, war er am auslaufen, sodass ich ihn - ganz die feine tunesische Art - ein paar Reihe nach vorne schoss. Gestört hat es mal wieder keinen...
Nach der Pause begann Al-Hilal As-Sahely ziemlich Druck zu machen, doch Taraji glänzte mit unglaublich gutem, technisch wirklich hervorragendem Fußball. Nach und nach spielten sie die Mannschaft aus Al-Hodayda regelrecht schwindlig, was zu vier weiteren Toren führte. Es hätte auch noch locker mindestens ein weiteres fallen können. Zwei Freistöße von Al-Hilal waren wirklich gefährlich knapp über die Latte des Tores der Heimmannschaft gegangen und eine Szene war ein klarer Elfmeter für Taraji. Die Tunesier bekamen diesen auch vom Schiedsrichter zugesprochen, doch nachdem er auf den Punkt zeigte, suchten die Spieler der Jemeniten Streit und ein maximal 16jähriger Espérance Fan stürmte den Platz. Drei Spieler der Gelb-Roten schickten ihn freundlich zurück, während Al-Hilal As-Sahely die Spielleiter bedrängte. Der Serienmeister aus Tunis reagierte aber wirklich sehr professionell, als der Blindgänger in Schwarz auf Schiedsrichterball an der Strafraumgrenze entschied. Also was sollte das bitte??? Wie kann man so einen klaren Elfmeter nur zurücknehmen?!
Dass der Platzsturm des Jungen nicht ganz ohne Folgen bleiben sollte, war klar. Als die Polizei ihn verhaftete gab es eine ziemliche Rennerei und die Polizei wurde am Ausgang mit Gegenständen beworfen, doch die Szene beruhigte sich schnell wieder. Schließlich war Espérance de Tunis klar auf der Siegerstraße. 6:1 war der vielleicht doch etwas zu hoch ausgefallene Endstand des Spiels. Respekt, dieses Spiel hatte wirklich gute Qualität!!!
Hinterher fuhren wir den Wagen gen Süden, gen Monastir, wo wir eine Ausfahrt zu spät abfuhren, da die Bauarbeiter in ganzen vier Tagen einen mehreren Kilometer umfassenden Bauabschnitt fertig bekommen haben. Also bis die Autobahn bis zur tunesisch-libyschen Grenze durchgebaut ist, kann es nicht mehr so lange dauern.
In Monastir wurde wieder einmal hervorragend gegessen und dann das beste Hotel der ganzen Reise aufgesucht. Es sollte auch die letzte Übernachtung sein, also konnte man sich ausnahmsweise ein 3-Sterne-Hotel zu fast 40€ pro Nacht im Doppelzimmer mit Frühstück leisten. Hotel Cristal Monastir machte auf jeden Fall einen wirklich guten Eindruck auf uns, obwohl wir den Eindruck nicht loswurden, die einzigen Gäste in der Nacht gewesen zu sein...

Freitag, 26.12.08: Von antiken römische Orten bei Tunis, mediterranem Flair im äußersten Norden und arabischer Hilfsbereitschaft

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081226a%20Zaghouane%20-%20Roemische%20Quelle%20in%20den%20Bergen/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081226b%20Thuburbo%20Majus%20-%20Roemische%20Stadt/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081226c%20Hadrians%20Aquaedukt%20bei%20Tunis/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081226d%20Ghar%20El-Melh%20-%20Fischerort%20im%20Norden/

Das schon mehrfach in den ersten Tagen der Reise gegessene „kleine Frühstück“ im Hotel Tej gab es auch an diesem Morgen, der uns zuerst gen Süden führte. Mal wieder etwas chaotisch der Verkehr in Tunis, doch wir kämpften uns bis Oudna durch, wo ich nach dem Blick aufs Schild „mamnu*a as-sourah“ dem Wächter gerne noch ein „inta madshnoun, ibn ush-sharmuta?“ mitgegeben hätte. Fotografierverbot, aber 4 Dinar fürs Amphitheater verlangen...
Wir wendeten und fuhren einfach weiter nach Zaghouane. Dort befindet sich die Hauptsehenswürdigkeit frei zugänglich in einem öffentlichen Park. Kein Wächter und kein Guide wird aufdringlich. Ein kleiner Junge räumte für uns sogar die Absperrung, auf der kaum leserlich auf Arabisch „betreten verboten“ stand, weg, sodass wir direkt in die Quelle gucken konnten, die von einem beachtlichen römischen Tempel umgeben ist.
Weiter ging es dann nach einem Tankstopp - der Fiat Punto verbraucht wirklich sehr wenig und beim Tankstopp ist immer wieder interessant, wie die Bezahlung ohne Quittung beim Tankwart, der einen den Wagen betankt, abläuft - nach Thuburbo Majus. Diese Römerstadt ist noch von einem ganz anderen Kaliber als der Wassertempel in Zaghouane und ihre 4 Dinar + 1 Dinar Fotogebühr wirklich wert. Drei Stadttore, ein halbwegs erhaltenes Kapitol, Thermen, Aquäduktüberreste, ein schlecht erhaltenes Amphitheater, Bäder, etliche Tempel und Grundmauern von Profanbauten. Zwischen den Gebäuden finden sich etliche Mosaiken, die abgesperrt wurden, damit niemand darauf herumläuft.
Die Stadt liegt im Übrigen zwischen bewirtschafteten Hügeln und recht hohen Bergen. Besonders der Blick vom Amphitheater oder dem einen Tempel daneben auf den Hauptbereich mit dem Kapitol und dem Eingangsbereich ist sehr eindrucksvoll.
Weiter ging es gen Norden auf Tunis zu. Die Landstraße im Governorat Ben Arous säumt auf drei Kilometern das bis zu 10m hohe Aquädukt. Immer wieder toll, wie viele römische Ruinen in Tunesien stehen. Das mediterrane Klima verlangsamt den Verfall doch erheblich.
Wir fuhren immer weiter nördlich, bis wir in Ghar El-Melh, der Salzgrotte, ankamen. Dieser Fischerort steht für Mittelmeerfeeling schlechthin. Hohe, grüne Berge mit ein paar kahlen Stellen, blaues Wasser, bunte Boote darin, blauer Himmel und mit Palmen und Zypressen gesäumte, enge Straßen. Drei arabische Forts - perfekt restauriert, mit einem ungesicherten 10m tiefen Brunnenschacht und Burggräben, die als improvisierte Fußballplätze für die Dorfjugend genutzt werden - gibt es in Ghar El-Melh, aber in der Nebensaison ist das Dorf doch sehr lahm.
Wir fuhren via El Alia, wo ich den genialsten Hauseingang Tunesiens entdeckte: das Haus noch im Bau und ein einfacher Flachdach Betonbau, doch ein mit bunten arabischen Kacheln verzierter Hauseingang, eine gelb-rot karierte Tür, darüber ein großes Schild, das auf den Espérance Fanclub El Alia hinweist, zur linken ein großen Vereinswappen von Espérance de Tunis, zur rechten etliche weitere Embleme, ua. von den Kollegen von AS Roma und der Ultragruppe „Ultras L’emkachkhine“ und natürlich das gesamte Erdgeschoss in gelb und rot gestrichen - so muss das Haus eines echten Fans aussehen! -, in die nördlichste Stadt Tunesiens: Bizerte. Dort reichte es nur noch zu einem guten Hähnchenessen bis Sonnenuntergang. Wir brauchten dann geschlagenen zwei Stunden um ein Hotel zu finden. Nachdem wir bis Menzel Bourguiba gefahren waren, fragten wir in dieser nach Habib Bourguiba benannten Kleinstadt in einem der wenigen Supermärkte die Kassierer, die uns sagen konnten, dass es nur in Bizerte selbst Hotels gibt und wir für billige Hotels den Platz mit dem Uhrturm aufsuchen sollten. Den fanden wir nicht auf Anhieb, also fragten wir im Restaurant, in dem wir zuvor gegessen hatten, nach. Der Küchenchef fackelte nicht lange, setzte sich zu uns ins Auto und dirigierte meinen Vater, welchen Weg er nehmen musste. Sicher am Hotel El-Fatah angekommen, wartete er, bis der Hotelbesitzer auftauchte und verabschiedete sich von uns. Er lief sogar den Weg zum Restaurant zurück, anstatt sich von uns noch zurückfahren zu lassen und Trinkgeld wollte er auch nicht, sodass man hier von einen typischen Fall der arabischen Gastfreundschaft bzw. Hilfsbereitschaft sprechen muss: da mag es noch so viele Guides und Händler geben, die nur auf das auch nicht immer so reichliche Geld der Touristen aus sein mögen und einen Mist andrehen zu völlig überhöhten Preisen, doch die meisten Leute sind sehr darauf aus einen helfend zur Seite stehen zu können und sind ehrlich freundlich.

Donnerstag, 25.12.08: Morgens Blick nach Algerien, mittags Essen mit Blick auf Plattenbauten, nachmittags Römerruinen, abends Tunis

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081225a%20TABLEAU%20DE%20JUGURTHA/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081225b%20Musti%20-%20Kleine%20Roemerstadt/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081225c%20DOUGGA-%20GROESSTE%20ROEMERSTADT%20TUNESIENS/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081225d%20Thiganica%20-%20Roemer%20und%20Byzantiner/

Wieder einmal wurden wir durch den 6.00Uhr Gebetsruf wach. Um 7.00 hieß es auf zum Felstisch Tableau de Jugurtha. Erst einmal musste aber die Windschutzscheibe von Eis befreit werden. Ja: Eis! Nachtfrost ist nicht ungewöhnlich zu der Zeit in Nordtunesien.
Wir jagten unseren Fiat Mietwagen bis kurz unter den Felstisch, also bis der unbefestigte Weg einfach zu matschig wurde. Die Sonne ging gerade auf und mit ihr machten wir uns auf den Weg um den 1.251m hohen und 20-50m aus der Landschaft herausragenden Tisch herum. Am Aufstieg, von den Byzantinern in den Fels gehauene Treppen, trafen wir eine italienische Offroad-Touristengruppe. Die war aber schon oben, zelten auf dem Felstisch war da Programm, also gingen wir alleine hoch, obwohl uns beinahe ein Stein erschlug, den eine Ziege losgetreten hatte.
Diese unangenehmen Tiere gingen uns nicht weiter auf die Nerven, wobei es überhaupt schon unverschämt ist, dass irgend so ein ungebildeter Bauer seine dreckigen Tiere in historischen Gemäuern unterbringen kann. Auf dem absolut spektakulär gelegenen Felstisch befinden sich nämlich noch Mauerreste der byzantinischen Festung. Der sehenswerteste Mauerrest ist die Kirche, in der noch ein paar verzierte Säulen stehen. Interessant sind auch die Zisternen und die Unterkellerungen, sowie einige der natürlichen Gesteinsstrukturen. Wir umrundeten den Felstisch noch komplett auf dem Feldweg und fuhren 10.30 weiter.
In El Kef, einer recht interessanten Stadt mit einer Burg in der Ortsmitte und vielen blankweißen Plattenbauten und sozialistischen Monumenten, holten wir uns Hähnchen mit Gewürzen und Fladenbrot und aßen das ganze in einem Park in dessen Mitte natürlich ein solches oben angesprochenes Monument stand.
Den Abzweig nach Bulla Regia verpassten wir, sodass wir geradewegs nach Musti fuhren. Im Eintritt war gleich eine Führung inbegriffen, sodass wir sachkundig durch die römische Stadt, die zu einer byzantinischen Festung ausgebaut wurde, geführt wurden. Highlights: der Triumphbogen und der Puff.
Weiter gen Dougga, ein Ort, der schon 10km hinter Musti kommt. Dazwischen liegt noch ein dritter Ort; Agbia, danach fährt man noch mal 10km bis Thiganica, aber dazu später mehr. Erst einmal stand die ausgedehnteste römische Stadt Tunesiens auf dem Plan. Wirklich hervorragend erhalten sind das libysch-punische Grabmonument, das Theater, ein Triumphbogen, ein öffentliches Scheißhaus - um mal im Jargon des einen Fremdenführers zu bleiben - und das Kapitol.
Dazwischen stehen massenhaft Mauerreste von teils 10m Höhe, die eine absolut beeindruckende Kulisse in den mit Olivenbäumen übersäten Bergen bilden.
2km westlich steht von der Festung Agbia nicht mehr viel. Da auch noch irgendeine verblödete Bauernfamilie ihr hässliches Haus direkt an die byzantinischen Ruinen gestellt hat, lohnt es sich nicht, diese Ruinen bei einem Besuch in Dougga noch anzuschauen.
Im 10km östlich liegenden Ain Tounga lohnt es sich aber auf jeden Fall Tunesiens besterhaltenstes Byzantiner-Fort, errichtet auf der Römerstadt Thiganica, zu besichtigen. Zwei Türmen sind noch erkennbar, die quadratische Form auch, die dahinter liegenden Thermen und das römische Theater sind ebenfalls sehenswert.
Es wurde nun dunkel, sodass man wieder auf die unbeleuchteten Dreckschleudern aufpassen musste und immer mal wieder von der Polizei gestoppt wurde. Diese allgemeinen Verkehrskontrollen sind für Ausländer aber spätesten nach der ersten Frage, nämlich der nach der Nationalität, vorbei. Dann wird man nämlich sofort zum weiterfahren aufgefordert. Allerdings ist die Anzahl der Polizisten in diesem Land erstaunlich. Für manche - für engstirnig-strenge Muslime genauso wie für wenig gebildete Europäer - ist es sicherlich erstaunlich, dass es auch etliche Polizistinnen gibt, die meist mit männlichen Kollegen unterwegs sind.
Wir fuhren, da kein Hotel auf dem Weg lag, bis nach Tunis, wobei 1. anzumerken ist, dass die Mautautobahn unerfindlicherweise kostenlos zu benutzen war, und 2. der Verkehr in Tunis mal wieder völlig chaotisch war, sodass man ständig am hupen war und auch noch aufpassen musste, dass keiner der Mopedfahrer, der ohne Licht auf der Gegenfahrbahn fuhr - teilweise gleich mit zwei Mitfahrern beladen - in einen herein krachte.

Mittwoch, 24.12.08: Der abenteuerlichste Teil der Reise: im nordwestlichen Hinterland

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081224a%20Gafsa%20-%20Oasenstadt%20in%20Zentraltunesien/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081224b%20IM%20SAHARA-ATLAS/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081224c%20Sbeitla%20-%20Hauptstadt%20fuer%20ein%20Jahr/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081224d%20Cillium%20bei%20Kasserine/

Am nächsten Morgen bemerkten wir, nachdem wir durch den Gebetsruf geweckt wurden, dass Wasser in unser Zimmer gelaufen war, was dem Rucksack meines Vaters nicht besonders gut bekam. Zum Frühstück gab es Milchkaffee und Schoko-Croissants, wobei der Hotelier extra dafür zum nächsten Bäcker gelaufen war.
Danach brachen wir zum mit einer interessanten Stadtmauer begrenzten Stadtrand auf und fuhren dann zum anderen Ende um dort auf die nächstbeste Anhöhe zu steigen. Von dort aus hatte man einen tollen Überblick über die Stadt. Weiter zum Zentrum. Und wieder ein Souq, auf dem man nicht angequatscht wird! Die Festung sah auch ganz gut aus, die Oase wirkte etwas struppig. Noch ein Zwischenstopp am Stadion und dann tief in die Berge. Die Landschaft im Sahara-Atlas wurde immer kahler doch trotzdem immer schöner, denn die Felswände stürzten nun wirklich spektakulär ab. Es gab nun auch erste Warnschilder „Achtung Kamele“ und Ortschaften gab es nur noch vereinzelt. Die Straßen waren erstaunlich gut und wir verfuhren uns nur einmal.
Gen Norden fahrend war unsere nächste Station Sbeitla. Die Hauptsehenswürdigkeit ist dort die römische Stadt, die eine erstaunliche Ausdehnung besitzt. Der Anfangspunkt ist der Triumphbogen, rechter Hand ein Theater und geradeaus eine gepflasterte Straße, gesäumt von wenig erhaltenen Gebäuden, die geradewegs aufs Forum zuführt. Dies ist der sehenswerteste und eindrucksvollste Bereich, die dahinter folgenden Gebäude, also vor allem der Tempel, welcher noch am besten erhalten ist, sind schlecht erhalten. Vom Amphitheater erkennt man nur noch den Wall.
Weiter ging es nach Kasserine, wo wir einmal eine ungesicherte Römerstadt betreten konnten. Kein Wächter, kein Kassierer und kein Fremdenführer. Sehr schön! Viel erhalten ist natürlich nicht, sonst hätte man das schon längst vermarktet, aber der Triumphbogen am Rande des Wadis ist wirklich sehenswert. Ansonsten liegen dort eigentlich nur Steine verstreut herum, die einem aber immerhin einen Eindruck vermitteln, unter welchen Vorraussetzungen die Archäologen arbeiten.
Als wir in Thala, dem Heimatort einer Kommilitonin, ankamen, war es schon dunkel. Zwei Teller Hähnchen mit Salat und Spaghetti bekamen wir natürlich trotzdem noch. Ganze 3€ machte das zusammen!
Nachdem wir die Fahrt nach Kalaat As-Senan trotz unbeleuchteter Autos, plötzlich auftretender und nur mit faust- bis kopfgroßen Steinen abgesperrten Baustellen und ähnlichen Schikanen unbeschadet überstanden hatten, standen wir vor einem verschlossenen Hotel. Ein Einheimischer zeigte uns den Weg zum zweiten Hotel, dass einen zwei durchgedrückte Metallrahmenbetten mit drei Decken darüber in einer 3x2 Meter kleinen Zelle mit Fenster und Tür zum unüberdachten Innenhof für 3€ pro Person anbot.
Wir waren übrigens das Highlight in der tunesischen Grenzstadt zur Algerien, denn nach und nach kamen doch etliche Leute vorbei - ua. ein tunesischer Italiener auf Heimaturlaub und der Dorfpolizist - die uns handschläglich begrüßten. Für 50 Cent Trinkgeld passte der eine Opa auch die ganze Nacht auf unser Auto auf.

Dienstag, 23.12.08: Vom Kap Afrika zum größten Amphitheater Afrikas und via Sfax in die Wüste

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http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081223b%20EL%20JEM%20-%20AMPHITHEATER%20THYSDRUS/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081223c%20Sfax%20-%20Zweitgroesste%20Stadt%20Tunesiens/

Nach einem wirklich kleinen Frühstück verabschiedeten wir uns aus dem Hotel Corniche, wobei auffiel, dass der ältere Mann mein „ma*a s-salameh“ sehr erfreut zur Kenntnis nahm: mal endlich ein Europäer, der nicht „au revoir“ sagt...
Es ging sofort die enge Straße am Rande der Medina zum Matrosenfriedhof unterhalb des Leuchtturmes. Am Kap Afrika, also Cap Afrique, befindet sich ein fatimidischer Hafen, von dem noch ein paar Mauerreste stehen, ein kleiner Leuchtturm und ein riesiger Friedhof. Dazwischen liegt malerisch ein Kleinfeldfußballplatz mit Sandbelag und Holztoren. In Sichtweite ist die klotzige Festung zu finden. Wir fuhren noch zum einzigen erhaltenen Stadttor und bewegten dann den Wagen gen Südwesten.
Erstaunlich schnell kamen wir in El Jem, römisch: Thysdrus, an. Dort waren wir schnell knapp 8€ für Eintritts- und Fotografiergebühren los, aber dieses Geld lohnt sich wirklich anzulegen. El Jem besitzt als einzige Sehenswürdigkeit das größte Amphitheater Afrikas und das zweitgrößte der Welt nach dem Coliseum in Rom. Zwar nicht so perfekt erhalten wie Bosra in Syrien oder die Arena in Verona, doch schon allein wegen seiner Größe ein Muss für Kulturreisende. Aber auch die bierbäuchigen Pauschaltouristen in Unterhemd und Shorts fanden sich im Oval ein. Nicht zuletzt auch wieder einmal arabische Schülergruppen - einige der Jungen bewegten sich auf abgesperrte Vorsprünge, was man nur als leichtsinnig bezeichnen kann, denn diese befanden sich 15m überm Arena-Umgang - sorgten schon am Morgen für Auftrieb. Ehe ich dieses unbeschreiblich eindrucksvolle Gebäude großartig beschreibe, verweise ich lieber auf die unten verlinkten Bilder und beschreibe Sfax, die zweitgrößte Stadt Tunesiens nach Tunis.
Je mehr wir uns nach etlichen Kilometern auf gut asphaltierten Landstraßen und einem kurzen Stopp am Stadtrand zum Obst kaufen in Richtung Innenstadt bewegten, desto chaotischer wurde es. Unbehelmte Mopedfahrer überholten einem im Kreisverkehr rechts und links, die Vorfahrtsregeln „links vor rechts“ und „das größere Fahrzeug hat Vorrang“ wurden streng eingehalten, hupend und die Ampelfarbe ignorierend wurde jede Kreuzung passiert. Wir fanden unbeschadet einen Parkplatz vorm SRS Stadion und guckten, da gerade die Spieler des Drittligisten Sfax Railway Service trainierten, einmal hinein. Nach fünf Minuten gingen wir wieder aus dem beengten, zwischen Güterbahnhof und Altstadt gebauten Stadion heraus, da die Spieler immer noch beim Aufwärmen und nicht bei der Torschuss- oder Spieleinheit waren und wir außerdem anderes vorhatten. Als erstes gingen wir in die mit einer 100% geschlossenen und auffällig hohen Stadtmauer umringten Altstadt. Die Kasbah hob sich nicht wirklich von den Wehrmauern ab und die Privathäuser waren größtenteils sehr heruntergekommen, doch was hier auffiel war 1. einige grüßten anerkennend wegen meinem Trikot der tunesischen Nationalmannschaft und 2. es wurde niemand aufdringlich. Keiner laberte einen zu „Nice Price!“ oder „Taxi, Taxi!“ Selbst auf dem dichtesten Teil des Souqs wurde nur die Ware ausgerufen, ohne direkt jemanden anzusprechen. Im Gegenteil musste ich den Händler ansprechen, um das Trikot von Espérance anprobieren zu können. Original gefälscht, ziemlich ausgewaschen, also wahrscheinlich Second- oder Third-Hand, aber Espérance und nur 10 Dinar (5,30€ - für ein Fußballtrikot!!!). Nach fünf gelaufenen Metern zog ich es aber schon wieder aus um es zusammengeknüllt unterm Arm zu tragen, da die ersten beiden Händler stichelten „CSS alléz“ und „Ssssssss Taraji“. Als auf dem Fischmarkt dann mehrere Händler anfingen pro CS Sfaxien und anti Espérance Sprüche zu skandieren, packte ich das Trikot bei nächster Gelegenheit in die Fototasche. Besser die Kamera offen um den Hals tragen, als das Trikot des falschen Vereins. Der in Sfax ansässige Club CS Sfaxien hegt nämlich eine heftige Feindschaft zu Espérance de Tunis.
Nach einem recht teuren Restaurantbesuch - das Preisverhältnis in Sfax ist wegen der vielen Geschäftsleute verdorben, wobei 16€ für zwei Leute; Merguez, Salat und Fisch nicht so der Wahnsinn ist und das Essen auch echt gut war - ging es stur West/ Südwest.
Die Landschaft wurde kahler, die Straßen immer schlechter. Nach 100km und einem Stopp wegen der tollen Berglandschaft wurde der Asphalt allerdings schlagartig besser. Wir waren im Governorat Gafsa angekommen. Die 70.000 Einwohner Oasenstadt, dessen Fußballverein wir zwei Tage zuvor in Tunis haben Spielen sehen, war dann nicht mehr weit entfernt. Es war schon längst dunkel, als wir dort ankamen und die Straßen waren erschreckend verstopft, doch wir hatten keine großen Probleme ein Hotel zu finden. Nur 14€ für uns beide im Doppelzimmer mit Frühstück.
Ein Restaurant zu finden war schon schwieriger. Die Speisekarte des Schnellimbisses, den wir schließlich aufsuchten, zu verstehen, noch schwieriger. Schon seltsam, wenn Worte, die man eigentlich nur auf Deutsch oder Englisch kennt, auf Arabisch umgeschrieben sind, denn „Coca Cola“ kann man als „Kuka Kula“, „Kauka Kola“ oder sonstewas lesen und auch „Friykassiy“ muss man erstmal als „Frikassee“ entziffern. Es wurden dann schließlich zwei „Sentwitch Shauwarma“ bei uns. Sehr gut mit „Friyds“ und „Salata“.
Im Hotel gingen wir noch die Route für morgen durch und ich bearbeitete noch die Bilder.


Montag, 22.12.08: Von der ältesten Moschee Afrikas, Habib Bourguibas Mausoleum und einem Hotel mit Meerblick

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081222a%20Kairouane%20-%20ua%20aelteste%20Moschee%20Afrikas/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081222b%20MONASTIR%20-%20RIBAT%20UND%20BOURGUIBA/

Um 8 Uhr bewegten wir den Mietwagen - ein Fiat Punto mit ein paar Mängeln - aus der tunesischen Hauptstadt heraus und fuhren für 2€ Mautgebühr ganze 150km weit bis Sousse. Radfahrer und Fußgänger auf dem Seitenstreifen, ein liegen gebliebener LKW auf der linken Spur, erst tolle Berge und dann karge Olivenhaine und Felder rechts und links der Strecke: das ist Autobahnfahren in Tunesien!
Um kurz nach 10.00 Uhr schon waren wir in Kairouane. Es fiel bald auf, dass die Leute hier besonders wild drauf aus sind, die Touristen - außer uns fast niemand an diesem Tag - in die Läden oder zu Sehenswürdigkeiten zu locken. Meist haben diese Männer auch noch Mopeds von denen aus sie einen zureden. Uns wollten nach und nach mindestens sieben Leute in die Hauptmoschee locken, doch nur zum Innenhof besichtigen zahle ich kein Bakshiesh - auch wenn die Masjid Sidi Oqba die älteste von Afrika ist und zudem äußerst eindrucksvoll mit ihren hohen sandfarbenen Mauern ist. Aber die Art der malikitischen Rechtsschule, die Ungläubigen nur in den Innenhof und nicht in den Gebetsraum zu lassen, gefällt mir nicht besonders. Da ich auch schon in den Gebetsräumen von mehreren deutschen Moscheen war, störte es mich nicht weiter, nur von außen gucken zu dürfen.
Auch die Stadtmauer der Medina ist sandfarben und beeindruckend hoch. Die Türen etlicher Häuser sind auch schön verziert, wobei ein Hausbesitzer seine Tür statt mit den üblichen Metallverzierungen in Form von Halbmonden, Davidssternen, Christuskreuzen, Fischen oder Teekannen mit einem FC Barcelona Wappen bemalt hatte.
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das Parkgelände mit den Zisternen der Aghlabiden, das am besten vom Westtor kostenlos betreten werden sollte - und nicht vom Haupteingang. Diese muslimische Dynastie hatte ein besonderes Bewässerungssystem ersonnen, von dem noch heute seltsame runde Wasserbecken zeugen.
Die Knaller-Personen waren in Kairouane folgende: der Mopedfahrer, der uns den Weg im Schritttempo neben uns herfahrend erklärte, die drei Mädchen im Park, die hinter meinem Rücken kichernd irgendwas mit „Habibiy“ tuschelten und der etwa 70jährige Araber, der zu seinem weißen Gewand eine rote Kappe und eine schwarze Fototasche mit einer digitale Spiegelreflexkamera von Canon trug. Der Kerl wäre wirklich etwas für die Journalisten gewesen, die 0815-Bilder zum Thema „Tradition trifft Moderne“ suchen...
Weiter ging es über teils mit Kakteenzäunen, also zu Zäunen um Felder und Häuser herum angeordnete Blattkakteen, gesäumte Straßen nach Monastir. In der Geburtsstadt des berühmtesten tunesischen Politikers, dem verstorbenen Präsidenten Habib Bourgiba, gibt es einiges zu sehen. Wir fingen mit der Ribat an, einem Wehrkloster. Für 2,20€ Eintritt bekam man ein herrlich verwinkeltes, großes Gebäude mir hohen Mauern, vielen Türmen und einigen Ausstellungsstücken zu sehen. Die Ribat von Monastir gilt als die schönste in ganz Tunesien.
Der nächste Punkt war dann natürlich das Mausoleum von Habib Bourgiba. Wie eine Moschee gestaltet, auf einem lang gestreckten wunderschön gepflasterten Platz gelegen, zwei Grabtürme schon vor dem eigentlichen Mausoleum, zwei „Minarette“ am Eingang, über dem Eisentor das tunesische Staatswappen in Gold, dann muss man am Arkadengang hinten hineingehen da niemand durchs eindrucksvolle Haupteingangstor gelassen wird und sieht dann im Inneren eine eindrucksvolle große Kuppel, zwei recht schmucklose kleine Kuppeln, einen Raum mit Gegenständen von Bourgiba wie seinem Pass, seinen Schulzeugnissen, Fotos, Brille und Schreibtisch und als Highlight natürlich seinen vor einem Koran stehenden Sarg. Das alles ist übrigens kostenlos zu besichtigen.
Wir liefen dann zur Hauptmoschee und zu einem nahe gelegenen Restaurant. Hervorragendes Couscous gab es dort: Hirse, Hähnchenfleisch, eine ganze Rübe und eine ganze Kartoffel. Leider nahmen die in der Küche arabische Zeitmaßstäbe - sprich: es dauerte ewig, bis die endlich mal das Essen brachten - sodass wir in Mahdia nach einer fürchterlichen Strecke mit vielen Ortsdurchfahrten erst nach Sonnenuntergang ankamen.
Auf dem Weg nach Mahdia sahen wir aber einige interessante, landestypische Szenen: vor einer Kakteenfarm stapelten sich Autowracks, Mopedfahrer fuhren ohne Helm und Licht am Straßenrand, Leute mit Eselskarren transportierten Palmblätter und Früchte umher, wobei einer in Ksar Hellal den Vogel abschoss, als er mit seinem Eselskarren einen Maultierkarren auf einem Bahnübergang überholte... Ein weiteres Highlight auch der mit 10 Personen besetzte Pick-up: drei Leute in der Kabine, sieben auf der mit Säcken beladenen Ladefläche, wobei einer von denen sogar auf dem Dach saß.
In Mahdia checkten wir noch schnell die Location, also das Cap Afrique, und entschieden uns die Nacht dort zu verbringen. Das Hotel am Rande der Medina bot uns für 30 Dinar, also 16€, ein sauberes, einfaches Zimmer ohne Heizung an. Frühstück und Meerblick inklusive, Handtücher nicht. Aber die hatten wir ja eh selber mitgebracht.
Wir gingen noch im benachbarten Restaurant etwas essen und schliefen dann in den recht bequemen Betten im Zimmer mit Meerblick.


Sonntag, 21.12.08: Tunesiens bekannteste Ruinen, ein Ort in Blau und Weiß und das beste 0:0 was ich je gesehen habe

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http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081221c%20AVENIR%20LA%20MARSA%200-0%20GAWAFEL%20GAFSA/

Pünktlich zum Frühstück um 7.00 saßen wir im Speisesaal des Hotels. Eine Stunde später in der Metro; in Tunis eine Art S-Bahn, keineswegs eine U-Bahn. In Carthage-Byrsa stiegen wir aus und gingen, beeindruckt von den Villen des bei Tunis gelegenen Ortes Karthago auf den Hügel von Byrsa hinauf. Vor der verschlossenen Kathedrale kam uns eine typisch arabische Schulklasse entgegen, die natürlich auch ins Museum von Karthago wollte: „Hello! Bon jour monsieur!“ Besonders die Mädchen waren sehr darauf aus den „Deutscher“ anzusprechen. Am lustigsten war natürlich die etwa 14jährige Kleine mit dem rosa Kopftuch - eine der wenigen verschleierten - die mich mit: „Hi! Habibiy (mein Geliebter)“ ansprach.
Es gibt im Freilichtbereich des Museum kaum sichtbare Strukturen, sondern vielmehr nur frei herumstehende Säulen und Figuren. Im Innenbereich gibt es Mosaike, Ampullen, Teller und andere Gebrauchsgegenstände aus der Zeit der Römer und Byzantiner sowie tolle Führer, die solche Sätze bilden wie „Here is a mosaique von El Weingott. The Weingott, na*am?“ So eine Mischung aus Französisch, Englisch, Arabisch und Deutsch ist allerdings recht gut zu verstehen und lustig natürlich auch.
Die 8 Dinar (4,15€) teuren Karten gelten natürlich nicht nur für das Museum sondern auch für die 7 anderen römischen Orte in Karthago, die Eintritt kosten. Auch noch einige kleinere Überbleibsel finden sich zwischen den meist sehr teuer aussehenden modernen Privathäusern. Das interessanteste von den nicht zu besichtigenden Gebäuden ist das Aquädukt. Nach diesem gingen wir zum Theater, das mittelgroß und ganz interessant aber weder besonders schön noch besonders bedeutsam ist, und dann zu den römischen Villen. Von da ab wurde es immer besser, denn die römischen Villen, nahe einer großen modernen Moschee in Sichtweite der Kathedrale gelegen, sind zwar zerfallen aber in wirklich schöner Lage platziert und nicht so verfallen, als dass man nicht etwas erkennen könnte. Highlights waren ein Tempel im Villengelände, der samt Mosaiken rekonstruiert wurde und die römische Kopfsteinpflasterstraße.
Der nächste Punkt war dann der interessanteste. Die enorm großen Thermen, mit teilweise 10m hohen Säulen, bizarren Mauerresten, einem schönen Palmengarten am Rande und Meerblick. Die Thermen sind zwar auch nicht unbedingt hervorragend erhalten, aber wirklich spektakulär ob der Größe der Mauern und der Weitläufigkeit des Geländes. Noch weitläufiger ist die Präsidentenvilla mit angrenzendem Park. Die darf aber auf keinen Fall fotografiert oder gefilmt werden. Das Schild an der Reling am Meer an den Thermen sollte ernst genommen werden.
Als wir gen Sidi Bou Said die Hauptstraße entlangliefen, wollte ich erst gar nicht auf den Mann hören, der uns mit „Monsieur“ anredete, da ich dachte: „Wieder so ein Vollpfosten, der einem was aufschwatzen will“, doch er bat uns nur, die andere Straßenseite zu benutzen, da wir gerade auf der Seite des Präsidentenpalastes liefen. Ein eindrucksvolles Gelände mit schwer bewaffneten Patrouillen davor.
Sidi Bou Said ist auf ganz andere Art eindrucksvoll. Blitzblanke weiße Häuser mit blauen Verzierungen. Im Künstlerdorf scheint wirklich jedes Haus weiß zu sein und blaue Balkone, Fensterläden und Türen zu haben. Wir setzten uns ins nächstbeste Restaurant und aßen Merguez (so eine Art tunesische Hammelbratwurst) mit Gemüse und Fladenbrot für 1,80€ - OK! Interessant am Laden: 1. der Laden wurde nach einer Weile von einer anderen Schülergruppe gestürmt; die Zahl der Gäste vergrößerte sich somit von 5 auf 25, und 2. fünf Meter weg patrouillierte ein Bulle mit einem Maschinengewehr; eine Nobelsiedlung wurde so gesichert.
Es waren auffällig viele Touristen unterwegs. Diesmal hängten sich also keine niedlichen Mädchen an mich, sondern nervige Händler „Have a look! Nice price! Ganz billisch! Wollen nur mal schauen?!“
Nachdem wir die Klippen oberhalb des Hafens und den Dorfkern mit dem Mittelpunkt Moschee gesehen hatten, mussten wir anerkennend feststellen: ein architektonisch und landschaftlich wunderschöner Ort!
Auch wenn man dort länger bleiben könnte, nahmen wir uns in Anbetracht der Uhrzeit (13.13) ein Taxi. Der Knallkopf baute gleich nach 1km einen Auffahrunfall, der aber innerhalb von 2 Minuten geklärt wurde, da nur je eine leichte Beule an jedem der beiden Wagen zurückblieb. Wir ließen uns die 4km zum Stadion nach La Marsa bringen. 2 Dinar, 1.05€ - guter Preis!

Avenir sportive de la Marsa 0:0 El Gawafel sportives de Gafsa
القوافل الرياضية بڨفصة 0:0 المستقبل الرياضي بالمرسى
Sonntag, 21.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.30
Ligue 1 (1. tunesische Liga)
Ergebnis: 0:0 nach 94 Min. (46/48) - Halbzeit 0:0
Tore: keine
Verwarnungen: 1:3 + 2 gelbe zu gelb-rot
Platzverweise: Gelb-Rot für einen von Gafsa (Meckern und Foul)
Stadion: Stade Chitioui (Kap. 6.000 unüberdachte Sitzplätze)
Zuschauer: 700 (80 Gästefans)
Ground Nr. 271 (diese Saison: 41 neue)
Sportveranstaltung Nr. 721 (diese Saison: 88)
Tageskilometer: 30 mit öffentlichen Verkehrsmitteln
Saisonkilometer: 12.130 (5.780 Auto/ 2.590 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug)
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 125
Spielqualität: 6,0/10 (gut und sehenswert, aber keine Tore)
Tagesunterhaltungswert: 8,0/10 (sehr hoch)

6 Dinar war dann der Preis für eine Karte, wobei freie Platzwahl herrschte und die Karten an einem in der Stadionmauer eingelassenen Häuschen, dessen Schalterfenster in nur 1m Höhe angebracht war, geholt werden mussten. Die Kontrolle fand nicht wirklich statt, da wir als Touristen einfach durchgelassen wurden. Die beiden mit Banner aufhängen beschäftigten Ultras von Al-Mustaqbal, also Avenir bzw. Zukunft, aus La Marsa erkannten auch sofort die ungewöhnlichen Gäste und begrüßten uns auf Deutsch „Willkommen in Tunesien.“ Eine Hundertschaft Polizei stand auch schon bereit. Völlig unverständlich, aber der Polizeistaat Tunesien musste seinem Namen wieder mal alle Ehre machen... Aber auch diese hielten uns nicht vom Betreten des Gästesektors ab. Da die Vereine beide die gleichen Farben haben, also grün und gelb, fiel uns nicht gleich auf, dass die fünf jungen Männer auf der Gegentribüne aus Gafsa angereist waren und nicht aus La Marsa kamen. Aber es war uns sowieso relativ egal, wer hier gewinnt, wobei La Marsa aufgrund seines genialen Wappens - ein Fußballspielendes und Trikottragendes Dromedar - gewisse Sympathien genießt.
Das Stadion ist auch ganz cool. Um die Ecke liegen ein paar Villen, doch im Bereich des Stadions fängt die etwas heruntergekommenere Bebauung an. Die Nebenplätze sind staubig, der Hauptplatz in annehmbarem Zustand. Hinter dem Tor gibt es nur Zäune, die Haupttribüne ist nur halb so groß wie die Gegentribüne und beide sind klotzige Betonkonstruktionen, wobei die Gegentribüne mit einer welligen Mauer, die dem Baustil alter arabischer Befestigungsmauern nachempfunden ist, glänzen kann.
Es gab zwar keinen Stadionsprecher, aber per Lautsprecher wurde moderne tunesische Musik, libanesischer Pop, ägyptische Schnulzen und syrische Klassik - George Wassouf natürlich - eingespielt. Rechtzeitig zu Beginn machten die Fans ihre eigene Musik. Trommeln, Tamburine und Flöten kamen zum Einsatz und dafür, dass in dem 6.000er Stadion gerade einmal 700 Leute herumsaßen und standen (großer Respekt übrigens an die 80 Leute aus Gafsa; 6 Stunden Auto-, 8 Stunden Bahn- oder 9 Stunden Busfahrt für so ein Spiel des Tabellenletzten beim Neunten von 14), herrschte ganz gute und wirklich authentisch arabische Stimmung. Einige Zuschauer tanzten sogar immer wieder nach dem Klatsch-, Trommel- und Flötenrhythmus.
Das Spiel war schnell, hart und sehenswert. Immer wieder katastrophale Fehlpässe und lächerlichst vergebene Torchancen, doch eben auch vor allem tolle Zweikämpfe, Kopfballduelle und Laufduelle.
Die Spieler gaben wirklich alles. Emotionen gab es auch (besonders als der eine schwarzafrikanische Gästespieler vom Feld gestellt wurde: „Laaaaaa! (Nein!)“ schreien, auf den Boden fallen lassen und sich unter Tränen von zwei Mitspieler und dem Trainer vom Feld schieben lassen). Dass es am Ende immer noch 0:0 stand, konnte man nicht so recht verstehen. Wirklich ärgerlich, dass es hier kein 1:1 oder so gab, da es wirklich ein sehenswertes Spiel war. Einige Zuschauer waren auch recht sauer und warfen mit Flaschen und bedrohten die Gästespieler, die kurz zuvor, also sofort nach Abpfiff, auch schon von La Marsa Spielern angegangen wurden, wobei für die Gäste der Punktgewinn positiv zu vermerken war. Ein Sieg wäre ihnen natürlich lieber gewesen - das wird wohl auch der Grund gewesen sein, warum einige der Gawafel Fans im Tribünengang mit der Polizei rauften und versuchten, vom Parkplatz auf die Seite der Avenir Fans zu kommen - aber dafür waren sie einfach zu unbedarft. Als wir gingen war es schon wieder ruhig geworden - wir guckten mal lieber nicht auf die andere Seite des Stadions, ob die Al-Mustaqbal Fans randalierten - und so konnten wir uns locker gen Metrostation aufmachen. Die S-Bahn war 12 Minuten zu spät, aber egal. Wir kamen ja noch rechtzeitig zum Shauwarma essen in Hotelnähe an. Während ich noch die Fotos auf den Laptop zog, holte mein Vater den Mietwagen, der über Nacht in Hotelnähe abgestellt wurde, um am nächsten Tag gleich gen Süden loszufahren.

Samstag, 20.12.08: Mit dem D-Zug zu den beiden tunesischen Volkssportarten: Fußball und Steinewerfen

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220a%20Sousse%20-%20Weltkulturerbe%20Altstadt/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220b%20ETOILE%20DU%20SAHEL%200-1%20ESPERANCE%20DE%20TUNIS/

Es war mal wieder richtig frühes Aufstehen angesagt: 4.30 Uhr. Eine Stunde später waren wir am Hauptbahnhof und kauften uns Karten für eine Zugfahrt Tunis - Sousse - Tunis. Zwei Personen, Direkt-Zug, 2. Klasse, 2x150km: 13€. Absolut pünktlich um 6.00 ging es gen Süden. Bis 7.00 erkannte man beim Blick aus dem Fenster nichts, doch um 7.15 war es schon angenehm hell. Irgendwann kam auch mal der Schaffner rein und brüllte „tadhkiyr!“ Begleitet wurde er von zwei Polizisten. Bahnsteigvorsteher, die einen ohne Ticket nicht auf den Bahnsteig lassen, gibt es in Tunesien übrigens auch noch.
Um 8.00 war der mickrige Hauptbahnhof von Sousse erreicht. Wenige Hundert Meter nach rechts beginnt schon die Altstadt mit ihrer beeindruckenden und völlig geschlossenen sandfarbenen Stadtmauer. Noch war ziemlich wenig los und als erstes fielen uns innerhalb der Stadtmauer die vielen weißen Fassaden auf, die stets mit Farbtupfern wie blauen Türeinfassungen versehen waren. Gegenüber des größten Stadttores, dem Westtor, also Bab Al-Gharby, befindet sich eine Militärakademie, deren Eingangsportal eigentlich nicht fotografiert werden darf. Da ich nur „madrasa,“ also Schule auf dem Schild gelesen hatte, nahm ich es trotzdem auf. Patrouilliert hatte niemand. Auch die Baustelle Festung konnte man besichtigen - es stand ja nicht „betreten verboten“. Herzstück der Festung: der Leuchtturm, billiger Kitsch: das unterhalb liegende Theater.
Am nächsten Stadttor hatten sich Ultras von Étoile du Sahel verewigt. Ohnehin krass, wie viele Graffitis die angebracht haben!
Danach gingen wir zum tollsten Gebäude der Medina; dem Wehrkloster, also Ribat. Dort wurden wir auch zum ersten Mal angequatscht, aber keineswegs aufdringlich oder unfreundlich.
Um kurz nach 10Uhr brachen wir zum Stadion auf. 2,5km vom Bab Al-Gharby gen Westen. Ganz am Rande der vor allem von Nord nach Süd gebauten Stadt Sousse. An einem Institut lungerten massenhaft Schüler, kaum jünger als ich, also wohl Oberstufe, herum. Ich wollte mich noch einmal absichern wo die Hütte liegt und fragte einen Jungen „Ayna at-tariq ila l-istad?“ - die Antwort kam mal wieder auf Französisch (ich sollte während der ganzen Reise immer wieder bemerken, dass die Leute meine arabischen Fragen verstehen, aber Antworten auf Französisch geben). Eine Warnung auf Englisch, nicht auf die Bettler einzugehen, kam gleich hinterher. Auf jeden Fall hilfsbereite junge Leute! Wie sinnvoll die Warnung war, sahen wir drei Minuten später, als irgendein Vollidiot uns zu einem Geldwechsel überreden wollte. Streng verboten in Tunesien, so ein Schwarzhandel!
Weiter ging es die staubigen Straßen entlang bis zum Stadion und so begann die kleine Eintrittskartenodyssee... 4 Stunden vorher keine Karten am Stadion, aber hunderte Polizisten. Den nächst besten Offiziellen gefragt, nachdem wir halb ums Stadion herum sind: „gehen Sie zum Bushof und dann links vor der Moschee und dann ist da die Geschäftsstelle“. Also erst einmal rechts ums Stadion herum, ein paar Fotos von den Tribünen vom Berg an der Schule aus gemacht und durch ein paar Grundschüler gelernt, dass in Tunesien „Getränke“ nicht wie im Hocharabisch vorgeschrieben „mashroubaat“ , sondern „mashroubääät“ ausgesprochen werden. Nachdem wir „eine Limone“ gekauft hatten - gemeint ist eine Zitronenlimonade namens „Boga Limon“ - gingen wir bis zum Institut zurück. Noch mal einen anderen jungen Mann nach der Geschäftsstelle gefragt, eine Schülergruppe abgewimmelt, aus der ein Mädchen meine Nummer haben wollte und zusammen mit einer weiteren Gruppe über einen anderen Schüler gelacht, der seinen Ranzen hochhob und zu uns meinte: „Look hier! Gut Price!“ und dann ein paar Schritte weiter waren wir an der Geschäftsstelle, wo es nur noch Karten für ganze 20,000 (also 20; die drei Nullen hinterm Komma sollen nur darauf hinweisen, dass der Dinar nicht in 100stel sondern in 1000stel unterteilt ist) Dinar gab, also 10,30€. Aber Hauptsache Karten und zügig am „geheimnisvollen Felsen“ vorbei, etwas Obst kaufen und zum Stadion zurück, wo wir ein paar Kinder beim kostenlos reinkommen durch übern Zaun klettern beobachteten... Wir kamen dann auch schon sehr früh rein. Eigentlich war noch gar nicht geöffnet, aber für die deutschen Gäste machte man auch Eingang Enceinte B auf, damit wir, 2 Stunden und 15 Minuten vor Anpfiff, schon mal im Olympiastadion Platz nehmen konnten.

Étoile Sportive du Sahel 0:1 Espérance Sportive de Tunis
لنـجـم الرياضي الساحلي 1:0 الترجي الرياضي التونسي
Samstag, 20.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.30
Ligue 1 (1. tunesische Liga)
Ergebnis: 0:1 nach 96 Min. (48/48) - Halbzeit 0:0
Tor: 47. Eneramo
Verwarnungen: 3:3
Platzverweise: keine
Stadion: Stade Olympique de Sousse (Kap. 25.000, davon 18.000 Sitzplätze (3.500 überdacht))
Zuschauer: 23.000 (3.000 Gästefans)
Ground Nr. 270 (diese Saison: 40 neue)
Sportveranstaltung Nr. 720 (diese Saison: 87)
Tageskilometer: 300 (Bahn)
Saisonkilometer: 12.100 (5.780 Auto/ 2.560 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 15
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 125
Spielqualität: 7,5/10 (gut bis sehr gut)
Tagesunterhaltungswert: 9,0/10 (äußerst hoch)

Nur noch eine Einlasskontrolle trennte uns vom ersten Groundpunkt in Afrika, dem 11. Länderpunkt und unserem ersten Spiel außerhalb Europas. Und diese Kontrolle war sehr locker: „Welcome to Tunisia“, dann mal kurz in den Rucksack schauen und viel Spaß beim Spiel wünschen. Normalerweise werden auch in Tunesien Besucher abgetastet.
Die Zeit ging erst nicht so schnell herum, doch als sich das Stadion richtig füllte, begann die Party der Gästefans. Mit melodischen Gesängen und viel Bewegung beherrschten sie stimmungstechnisch immer wieder das Stadion. Die 3.000 wurden aber natürlich immer wieder von den 20.000 Heimfans übertönt.
Nachdem wir unser Obst aufgegessen, mehrere Begrüßungen durch Polizisten und Fans erfreut zur Kenntnis genommen haben und auch das völlig verdreckte und verschimmelte Klo aufgesucht hatten, zeichnete sich langsam ab, dass das Stadion mit 23.000 Leuten ausverkauft sein würde. 2.000 Plätze blieben als Puffer frei. Die Rivalität zwischen diesen beiden erfolgreichsten tunesischen Klubs ist auch sehr ernst zunehmen.
Leider gab es keine Choreo, doch Fans beider Seiten taten ihr Bestes mit Stimmgewalt eine hervorragende Atmosphäre zu schaffen. Nebenbei bemerkt, waren rund 99% der Zuschauer Männer und die wenigen Frauen, die im Stadion zu sehen waren, waren alle zwischen 10 und 30 Jahren alt, unverschleiert und europäisch gekleidet. Sonnenbrillen und männliche Begleitung waren auch üblich.
Ein paar Minuten nach 14.30 kamen die Spieler aufs Feld. Kein großes Aufhebens, nur Aufstellen und Mannschaftsfotos.
Kurz nach dem Anstoß wurde aus der ESS Ecke eine Taube aufs Spielfeld losgelassen, wegen der der Schiri kurz unterbrach, denn die bewegte sich einfach nicht vom Spielfeld runter...
Hervorragende Zweikämpfe, schnelle Spielzüge und auch etliche Torchancen sollten das Spiel bestimmen. ESS hatte mehr Chancen, doch EST hatte bessere.
Zur Pause blieb es beim 0:0 zwischen dem 2. und dem 1.
Nachdem sich die kleine Rauferei zwischen Polizisten und Fans aus Sousse auf der Gegentribüne beruhigt hatte, sprach uns übrigens ein Sportlehrer an, dem es sehr gefiel, dass deutsche Touristen bei diesem Spiel zugegen waren. Es war wirklich sehr angenehm, wie freundlich die Leute - selbst die Sicherheitskräfte - beim Fußball waren.
Nach der Pause gab es einen starken Angriff von Espérance, der mit einem schönen Kopfball von Mikael Eneramo abgeschlossen wurde. 0:1 und der Gästeblock tobte. In der Folgezeit gingen eigentlich nur noch die Gäste ab. Die Heimfans waren gefrustet und warfen nun mit Plastikflaschen nach allem aus der Hauptstadt. Im Espérance Block, der immer wieder vom starken Wind, der mächtig Staub aufwirbelte, drangsaliert wurde, brannte ein einsames Bengalo, bis es gegen den Wind sehr geschickt in die Reihen der Polizei geworfen wurde.
Das Spiel hatte einen mehrminütigen Durchhänger, doch nahm wieder Fahrt ab der 70. auf. Doch auch ein paar starke Szenen der Gastgeber reichten nicht, um den Ausgleich noch zu erzielen. Großer Jubel bei den Spieler von Espérance, als nach 96 Minuten abgepfiffen wird. Sie rannten wild jubelnd vor ihre Gästekurve und ließen sich von den Mitgereisten feiern. Zwei von den Mitgereisten waren auf die Anzeigetafel geklettert und ein anderer sprang nun über den Graben in die Polizeikette. Das machten ihm einige nach, sodass es zu einem Handgemenge kam, in dem sich auch die Spieler aktiv gegen die Polizei beteiligten und dabei eine Holzbank zerlegten. Während dieser Szenen ging übrigens der komplette Heimsektor aus dem Stadion. Warum, sahen wir als wir 10 Minuten später auch gingen.
Vereinzelt herumliegende Schuhe und Schirme und aufgeregte Polizisten. Steine liegen auf der Hauptstraße. Rennerei gen Neubauviertel. Ein Polizist meint, wir sollten uns beeilen. Ein anderer schnauzt einen ESS Fan an. Ein dritter schlägt und tritt einen weiteren Heimfan aus dem Weg. Nach zwei Minuten sehen wir, was hier los war, den die nächste Welle rollt: Minderjährige rotten sich zu Dutzenden zusammen und bewerfen die Polizei mit Steinen. Diese mit Schutzschildern bewaffneten heben die Steine auf und werfen sie zurück. Die jüngsten der Randalierer sind kaum älter als 10, die ältesten 25. Immer wieder hin und her, sodass wir mit anderen Fans vor einem Laden in Deckung gehen. Als die erste Reihe aufgelöst wird, rennen wir im Schatten der Polizei zu den Randalierern. Als die Polizei plötzlich anfängt zu rennen, meint ein Tunesier neben mir: „Come on! Run!“ und wir rennen gemeinsam 100m, bis sich die nächste Randalierergruppe formiert hat und die Polizei stehen blieb. Absperrungen werden umgetreten und Steine vom Straßenrand des Neubaugebietes geholt. Wir stehen einige Meter hinter der Front. Als die Polizei wieder angreift, meint der Tunesier mit der weißen Jacke und der modischen Brille wieder „Come on!“ und weiter geht es!
Es fiel auf, dass fast alle Beteiligten lachten und die Situation offensichtlich als Spaß auslegten. Wie man, wie ein ESS-Fan, allerdings während einem Geschossaustausch gegen eine Wand pinkeln und dabei ganz locker bei der Schlacht zugucken kann, ist mir rätselhaft...
Aber auch für uns war es nicht wirklich schockierend, wusste ich doch schon unlängst, dass im Maghreb und dem Mashrek immer wieder so ein Unsinn veranstaltet wird - ob nach Fußball-, Basketball-, Handball- oder was auch immer -spielen ist egal - und dann auch noch freundlich lächelnde Leute um einen herum, die einem immer wieder mit Sprüchen wie „Willkommen in Tunesien!“ ansprachen. Nur so ein Hurensohn, der meinte, ich sei ein US-Amerikaner, und deshalb etwas Streit suchte, war eine negative Ausnahme.
Wir bewegten uns teils rennend - zwischenzeitlich aber immer wieder stehen bleibend und guckend - bis zum großen Kreisverkehr am Institut vorwärts. Viele Familien guckten neugierig aus den Fenstern, was los war. Danach gingen wir zügig aber unaufgeregt gen Medina, da sich die Auseinandersetzungen gen Neubauviertel verlagerten.
Noch etwas Obst essen, den Hafen begutachten und dann gen Bahnhof, wo wir eine Stunde warten mussten, bis der 19.00-Zug endlich fuhr.
Teils rasend, teils holpernd fuhr er wieder perfekt pünktlich ab und kam pünktlich an. Trotzdem fahren nicht viele mit dem Zug, da Preis-Leistung nicht wirklich gut ist, wenn man ein eigenes Auto in Tunesien hat. Aber gegenüber dem Mietwagen hat der Zug doch deutliche Preisvorteile.
In einem Imbiss bei unserem Hotel aßen wir noch ein „Sendwitch“ und gingen dann ins Tej.
Es war also wirklich ein Fußballkulturschock, den wir in Sousse erlebten. Sicherlich eines der zehn interessantesten Fußballspiele, was ich bisher erlebt habe: richtig gute Spielqualität und ein packendes Ambiente.

Freitag, 19.12.08: Tunis; historische Gassen und reizvolle Lage, aber dreckige Straßen und hohe Preise

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081219%20TUNIS%20-%20HAUPTSTADT%20TUNESIENS/

Schon kurz nach sieben ging es wieder aus dem Bett. Es war recht kühl und bewölkt. Etwas Regen fiel auch, doch schon um sieben war es hell. Nach einem Frühstück mit Croissants, heißer Milch, Eiern, Feigenmarmelade, Weißbrot und Grapefruitsaft marschierten wir gegen 9.00 in die Habib Bourguiba Straße. Erstaunlich, wie Verkehr ohne Verkehrsregeln funktioniert, erstaunlich, wie viele Polizisten, teils mit Maschinengewehren bewaffnet, herumstanden, und erstaunlich, wie präsent der Staatschef Ben Ali ist: Plakate, Wimpel, Flaggen, Wandmalereien... Noch präsenter als islamische Symbole auf Autos: v.a. die Hand der Fatima und kalligraphierte Koranverse. Was islamische Kleidung angeht, war es so 50/50: vor allem jüngere Frauen trugen Jeans und andere westliche Klamotten, wobei manch eine Tunesierin in meinem Alter mit hohen Absätzen, Jeans, modischer Jacke und dazu Kopftuch herumlief, obwohl letzteres weder ein Zeichen für Altmodischkeit sein muss, noch gerne von den Behörden gesehen wird, in ihren sozialistischen und laizistischen Anfällen. Die älteren Frauen liefen zumeist in Röcken und langen Mänteln herum. Auffällig gekleidete Männer; langer, weiter Mantel und rote oder braune Mütze, konnte man sufistischen Bruderschaften zuordnen.
Wir fanden den Weg zum Sportzentrum von Espérance im zweiten Anlauf. Ein paar Baustellen, die man in Deutschland weiträumig abgesperrt hätte, konnten wir locker passieren, indem wir einfach mitten hindurch liefen. Am Sportzentrum angekommen warteten schon dutzende Fans aufs öffentliche Training. Wir fragten nach Karten für das Spiel am darauf folgenden Samstag zwischen Étoile du Sahel und Espérance und wurden an einen Offiziellen verwiesen, der uns auf den morgigen Tag vertröstete, da das Gästekartenkontingent erschöpft war und man nur in Sousse selbst noch an Karten kommen konnte.
Die Leute beim Fußball waren ausnahmslos freundlich, auch wenn einige der Ultras einfach nur zwielichtig aussahen und die Offiziellen mächtig in Hektik waren. Neben ein paar freundlichen Männern mittleren Alters, die uns einfach wegen unserer Herkunft auf der Straße grüßten, waren diese Leute die einzigen freundlichen an diesem Tage.

Also auf in die engen Gassen der Altstadt: die islamische Baukunst bewundernd, sich durch überfüllte Ladenstraßen quetschend. Entgegen vielfacher Behauptungen waren die Händler gar nicht aufdringlich. Kaum einer rief einem Touristen zu „Monsieur! Buy my carpets!“ Nur einige nervige Leute wollten uns herumführen. Der, der uns schließlich durch drei wirklich sehenswerte osmanische Baudenkmäler führen durfte, wollte dann von uns 20€ Trinkgeld, weil er spart, um illegal nach Europa per Schiff zu emigrieren. 5€ bekam er dann für sein Vorhaben, da er die Führung wirklich gut gemacht hatte.
Wir drängten uns durch den dichten Verkehr am Rande der Altstadt kreuz und quer hindurch. Oft teilten sich Fußgänger, Radfahrer und Autos eine Fahrbahn. Die Kreuzung von Fußgängerüberwegen läuft folgendermaßen ab: ein Schritt auf die Straße und die nächsten beiden Autos durchlassen, dann fünf Schritte bis zur Mitte, den nächsten Wagen durchlassen und wenn der Verkehr stockt oder kurz abreißt zügig auf die andere Seite und locker vor oder hinter dem Vollpfosten, der seinen versifften Citroen mitten auf dem Fußgängerüberweg geparkt hat, gehen. Als Autofahrer sollte man immer eine Hand an der Hupe lassen...
Noch mehr Geld als der illegale Touristenführer bekam der Ladenbesitzer, der von seiner Dachterrasse aus Touristen die Möglichkeit gibt, einen hervorragenden Blick auf die Altstadt zu bekommen, weil dieser ibn ush-sharmuta, wie das so schön heißt in dieser Gegend, nicht weiter runterzuhandeln war. Alles in allem trotz Blick auf die Zeitouna Moschee und Überblick bis Jellaz viel zu teuer. Auch waren in den Restaurants die Preise überzogen. Tunis erinnerte mich irgendwie an die Italienklassenfahrt, nur dass ich in Tunis auch Leute traf, die sagten: „Herzlich Willkommen in Tunesien“ - und zwar ohne uns irgendwelche Dienste aufschwatzen zu wollen. In Italien natürlich undenkbar. Zumindest im Norden. In Venedig und Verona z.B. habe ich nur nervige Nippesverkäufer, unfreundliche Bedienungen (das konnte man dem schwarzen Tunesier im kleinen Restaurant am Bab Al-Bahr aber nicht vorwerfen) und kühle, arrogante Einheimische erlebt. Alles in allem ist die tunesische Hauptstadt aber einfach zu südeuropäisch; überteuert, auf Geld aus Tourismus geil und dreckig. Aber ein paar der Moscheen, die Kathedrale St. Vincent de Paul sowie einige mittelalterliche Straßenzüge in der Medina sind den Besuch wert.
Nicht vergessen werden sollte aber, dass es nicht nur unehrliche und geldgierige Dienstleister gibt, denn als mein Vater einem Ober 1,40€ Trinkgeld gab, kamen 0,80€ gleich darauf zurück, da er meinte, das sei zu hoch gewesen.
Zurück im Hotel ließ ich mich von einer nicht funktionierenden Steckdose schocken. Als ich das Kameraakkuladegerät dann in die andere Dose steckte, merkte ich dann aber zum Glück, wie unwichtig der Hinweis war: „einfache Hotels haben einen dreipoligen Anschluss, der mit einem Zwischenstecker benutzt werden muss“. Der Zimmerfernseher hatte auch einen zweipoligen Anschluss und funktionierte genauso gut wie mein Ladegerät und der Laptop in diesen alten Steckdosen ohne Zwischenstecker.
Für den, der einen Kulturschock erleben will, lohnt sich Tunis nicht, es sei denn, ein paar Autoaufkleber „Allahu Akbar“, Frauen mit Kopftuch und überfüllte Souqs reichen dem schon. Im Vorbeigehen habe ich zwar auch eine Freitagspredigt erlebt, doch nicht einmal eindrucksvolle Gebetsrufe gab es. Und ein paar Koranrezitationen vom Band in manchen Läden sind ja nun wirklich noch kein Kulturschock...
Wir hofften also nach 8 Stunden Marsch durch die verwinkelte Altstadt und die Randbereiche mit sozialistischer- und 2000er-Jahre-Architektur, in anderen Orten Tunesiens „etwas mehr Orient“ zu erleben. Nach einem Tag in der tunesischen Hauptstadt will man dann doch lieber ins Hinterland aufbrechen. Oder erstmal zum Fußball nach Sousse. Da bekommt man dann vielleicht einen Fußballkulturschock...