Dienstag, 26. November 2013

W382I-II: Ein sehenswertes 128. Derby und ein kurioses Altherrenspiel – oder: von einem islamistischen Vegetarier und einem saufenden Sahrawi...

Raja Club Athletic de Casablanca (الرجاء البيضاوي)
................................... 1:1 (0:1) ................................
Wydad Athletic Club de Casablanca -- (نادي الوداد)
- Datum: Sonntag, 24. November 2013 – Anstoß: 15.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (Erste  Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 1-1 nach 100 Min. (51/49) – Halbzeit: 1-1
- Tore: 0-1 25. Bakary Koné, 1-1 89. Coco
- Verwarnungen: Mohcen Moutaouali (RCA); Saeed Ftah, Bakary Koné (WAC)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Mohamed V (Kap. 67.000, davon 40.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 63.000 (in etwa 33.000 Rajawy und 30.000 Wydady)
- Unterhaltungswert: 8,0/10 (Tolle Atmosphäre, ordentliches Niveau und spannendes Spiel)

Tihad Ramas/ Veterans (الاتحاد رماس)
...................... 6:6 (4:5) .......................
Tihad Touaba/ Veterans - (الاتحاد توبة)
- Datum: Samstag, 23. November 2013 – Anstoß: 15.30
- Wettbewerb: Ligue Veterans de Grand Casablanca [بطولة الدار البيضاء الكبرى اكبر من 40 سنة] (Altherrenliga von Casablanca/ Stadt und Umland)
- Ergebnis: 6-6 nach 95 Min. (49/46) – Halbzeit: 4-5
- Tore: 1-0 5. (14), 1-1 10. (10), 1-2 13. (15), 2-2 23. (8), 2-3 30. (7), 3-3 33. (6), 3-4 40. (2), 3-5 43. (10), 4-5 45. (15), 4-6 56. (14), 5-6 74. (Foulelfmeter, 17), 6-6 91. (8)
- Verschossener Elfmeter: 56. Min., Nr. 9 von Ramas schießt Foulelfmeter übers Tor
- Verwarnungen: keine
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Omar Ibn Khattab [ملعب عمار ابن خطاب] (Kap. 1.500, davon 800 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 20 (darunter ca. 5 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Sehr lustiges und gnadenlos offensives Spiel, bei dem aber keinerlei technische Feinheiten wie sonst beim Altherrenfußball zu sehen waren) .الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Photos with English and Arabic Commentary:
a) RAJA CASABLANCA v WYDAD CASABLANCA: 128th DERBY 
b) Tihad Ramas v Tihad Twaba (Veterans Football at Stade Omar b. Khattab) 
c) Casablanca: Square Mohamed V and Mosque Hassan II 

Videos on MyVideo.De:
a) Raja v Wydad: support some 30 minutes prior kick-off 
b) Raja v Wydad: support during the match 
c) Raja v Wydad: smoke bombs are lit up 
d) Raja v Wydad: support in the final phase of the game 

Montag ging es im Unterricht in der marokkanischen Umgangssprache v.a. um Sprichwörter und Bräuche zum Tod. Dass dann am darauffolgenden Dienstag die 90jährige Nachbarin zwei Häuser weiter stirbt, war natürlich sehr passend… Khadija ging rüber und sprach allen ihr Beileid aus und wir beobachteten noch, wie die jüngeren Männer der Familie die zugedeckte Tote auf einer Bahre durch die engen Gassen balancierten. An einer Stelle ist es so schmal, dass ein Nachbar seine Tür öffnen musste und die Leiche halb in sein Haus getragen wurde um sie um die Spitzkehre zu bekommen… Am 2,5km langen Marsch zum Friedhof beteiligten wir uns aber nicht, da wir keine Verwandten und auch keine engeren Freunde dieser Nachbarn sind.

Ansonsten gibt es noch zu sagen, dass in einer gut funktionierenden Familie ab und zu mal der Haussegen schiefhängt: kaum war die Sache mit Zakariya geklärt, hat Muhammed Stress. Als er diese Woche zum zweiten Mal zu spät zur Arbeit erschien, meinte der Schuhmachermeister: „Du bist fast ne Stunde zu spät dran! Dir hamse wohl ins Hirn g’schissen?! Nächstes Mal biste fällig, Bub!“ Khadija hatte schnell die Ursache gefunden: sie war am Tag darauf aufgewacht, bemerkte dann das Licht aus Mohammeds Zimmer und er hockte um 2 Uhr immer noch vorm Computer – und zwar mit Hamza, obwohl beide um 7.30 Uhr raus müssen… Das gab erstmal Internetverbot bis Sonntag und die Alternative Glotze gucken bis Mitternacht konnten sie auch stecken, denn Khadija schläft jetzt immer im Fernsehzimmer…

Ohnehin wird über den Tag verteilt genug ferngesehen, wobei das zumindest für mich sehr hilfreich ist. Diese Woche gab es nicht nur die Niederlage von Maghreb Fès bei Fath Rabat im Mittwochsspiel zu sehen, sondern auch eine Parlamentssitzung, bei der u.a. die Forderung von einem in Frankreich ausgebildeten Parlamentarier, die seit den 70ern auf Hocharabisch unterrichteten naturwissenschaftlichen Fächer wieder auf Französisch zu lehren und die anderen Fächer (bis auf Hocharabischunterricht selbst) auf marokkanischem Dialekt, diskutiert wurde. Das beste Zitat war dabei jenes eines Ministers, der dem gegen diesen Vorschlag argumentierenden Bildungsminister beipflichtete: „Sie haben völlig Recht, verehrter Herr Bildungsminister. Aber Sie sind ja selber das beste Beispiel, dass wir Hocharabisch noch mehr fördern müssen! Hören sie sich doch selber ihre primitive Grammatik an!“

Khadija ist übrigens wie auch die klare Mehrheit im Parlament gegen den genannten Vorschlag: „Der Mann erzählt doch Unsinn, wir brauchen nicht noch mehr Französisch in der Schule, nur weil er besser Französisch als Arabisch kann.“
Ich daraufhin: „Der ist kein richtiger Marokkaner, diese Schwuchtel. Das ist scheiße, dass so viel Französisch hier benutzt wird. Wieso wird hier die verdammte Besatzersprache gesprochen?! Als Marokkaner würde ich lieber Englisch lernen wollen!“
Khadija lachend: „Mensch, du bist ja ein richtiger arabischer Nationalist! Bravo! Aber wo hast du die Schimpfworte gelernt? Bringen dir das die Jungs bei?“
Mohammed: „Ach was, das lernt der im Stadion!
.الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية In der Tat kann man beim Sport einiges lernen, da man dort öfter von anderen Fans nach Herkunft, Studium, Interessen etc. gefragt wird und außerdem natürlich auch tolle Begriffe bei den Gesprächen der anderen Fans oder der Spieler hört. Besonders bei Derbys kann man auch Schimpfworte lernen und das wichtigste aller Derbys stand am Sonntag in Casa an. Da die Verwandtschaft dort wieder fit war, ging es Samstagmorgen auf die Piste. Eigentlich hatten wir 5 Uhr Start ausgemacht, aber Mohammed war so aufgeregt, dass er alle schon weit vor 4 Uhr weckte und wir 4.30 starteten.

Hamza war leider schlecht, sodass sein Gequängel „ich will aber trotzdem mit“ von Khadija lautstark beendet werden musste: „Du bleibst hier! Wir halten nicht alle paar Kilometer an damit du kotzen kannst! Was ist, wenn du ins Auto kotzen musst?! Du bleibst hier und keine Wiederrede!“ Auch Zakariya blieb wegen seines Nachsitzens in der Schule in Fès.
Khadija, Mohammed und Rita passten problemlos in meinen Dacia, der allerdings aufgrund der Kälte der letzten Tage erstmal Startschwierigkeiten hatte und den Anstieg zum Sahat al-Muqawama nur mit 40 im zweiten Gang hochkam und oben dann auf 20 zurückfiel. Bis wir bei Khadijas Eltern in der Neustadt waren, war der Wagen aber warm und Fayza stieg noch hinten zu.

Aufgrund der leeren Strecke verlief die Fahrt sehr unspektakulär und wir kamen noch vor dem üblichen Verkehrschaos in Casablanca, genauer in der Arbeitersiedlung Idrissia 1, an. Dort lebt ein Teil der Verwandtschaft, Khadijas Cousin Abdellah mit seiner recht kleinen Familie in einer sehr ordentlichen aber auch sehr kleinen Wohnung. Die tischten jedenfalls ein tolles Frühstück auf und zu siebt ging es weiter nach Maarif, wo der Rest der Verwandtschaft wohnt. Die wohnen in Stadionnähe, sodass wir erstmal Karten im Vorverkauf holten: Mohammed legte schon für seinen Freund Alae aus, der mit dem Nachtbus von Fès nur fürs Spiel anreisen sollte, sodass jeder von uns dreien 40 Dirham plus 1 Dirham Vorverkaufsgebühr bezahlen musste. Insgesamt sind das nur 3,70€ und Wafae, die eine Nichte von Khadija, wunderte sich auch, warum ich nicht bessere Plätze genommen habe und nur die anderen die Billigkarten – aber erstens sind 40 Dh. für freie Platzwahl im unüberdachten Steh- und Sitzplatzbereich teuer und zweitens will ich mit meinen Kumpels nah dran sein an der Action...

Warum auch immer, aber Abdellah kann seinen Bruder nicht leiden und dessen Frau erstrecht nicht (komisch, denn alle in der Verwandtschaft machten einen sehr netten Eindruck und dass sich Geschwister hier nicht verstehen ist selten), sodass Abdellah mit seinem Sohn und mir in ein Kaffeehaus ging, während die anderen dort zu Besuch waren. Abdellah war Ingenieur und Techniker bei der Marine, jetzt ist er Taxifahrer, weswegen er meinen Fahrstil in Casablanca sehr wohlwollend kommentierte: „Falls du keinen Job findest, mach es wie ich: fahr Taxi oder Kurierdienste – du hast mit 24 schon so eine fahrerische Sicherheit, da nimmt dich jeder Fahrdienst!“ الاتحاد رماس و الاتحاد توبة - كرة القدم الهواة في الدار البيضاء Das Mittagessen bei Abdellahs Familie wurde mir dann aufbewahrt, weil ich zu einem Spiel in Bernoussi wollte. Dort angekommen wurde nur auf dem Nebenplatz gekickt da der Hauptplatz für das Sonntagsspiel der Halbprofimannschaft vorbereitet wurde, sodass ich zurück nach Idrissia fuhr und da nach zigmal abbiegen auf der Straße zwischen Idrissia 4 und Derb Milan parkte. Im Stadtteil Derb Milan steht nämlich direkt zwischen Stadtautobahn und dem Idrissia-Boulevard ein nettes kleines Stadion in der Siedlung Hay Omar Ibn Khattab und entsprechend heißt auch das Stadion nach dem zweiten rechtgeleiteten Kalifen Omar (Regierungszeit 634-44).

Die Sportanlage ist sehr platzsparend angelegt: ein 90x50m kurzer Kunstrasenplatz, der fast an die hohe Böschung hinter dem einen Tor aneckt und auf einer Längsseite mit einer zehnreihigen, roten Betontribüne begrenzt ist; hinter dem anderen Tor eine Sporthalle und Wildwuchs, und schließlich auf der anderen Längsseite die Wechselbänke, Gestrüpp, Palmen und ein angrenzender Basketballplatz, der nur von einer Mauer von der stets vollen Stadtautobahn getrennt ist. Sogar Flutlicht hat die Anlage, also was will man mehr? OK, Tornetze ohne Löcher wäre nicht schlecht und Eckfahnen gibt es auch keine, aber für Alte Herren, Frauenfußball und die Stadtligen reicht das. Höherklassiges spielt hier nicht.

Die in den Stadtteilen Idrissia und Beni M’sick liegenden Siedlungen Ramas und Touaba (deren Ü40-Teams, die sich beide „Ittihad“ bzw. im Dialekt „Tihad“ d.h. „Eintracht“ oder „Union“ nennen, heute aufeinandertrafen) sind nicht unbedingt die besten Viertel der Stadt, aber 1. nicht so schlimm wie Sidi Moumen und 2. waren die Spieler fair, meckerten nicht, foulten wenig und machten keinen Stress. Sie spielten einfach mit Elan und Spaß Fußball, während um sie herum fast nur Bekloppte waren.

Da gab es Wänster, die andere Wänster mit Steinen bewarfen und sich auf dem Streetballplatz kloppten. Jugendliche liefen immer wieder aufs Spielfeld oder bolzten am Rand, was aber keinen der Spieler aufregte. Als ein Ball über den Zaun geschossen wurde, wollte ihn ein junger Mann klauen, aber ein Zuschauer lief ihm die Straße bis Idrissia 1 hinterher und brachte die Pille wieder zurück (vier Minuten Nachspielzeit wegen der Aktion!) und der Knaller war Amin, der Depperte aus ad-Dakhla, der mir zwar schön die Namen der Teams aufschrieb, aber während seiner Erzählungen, wie es ihn 2.000km nach Norden verschlagen hat, andauernd eine Plasteflasche unter der Jacke hervorholte, in der sich nicht die Zitronenlimo befand, die laut Etikett drin sein sollte… Ich stellte mich nach einer Weile zu zwei älteren Männern, da der Sahraoui anfing dumme Sprüche zu klopfen: „Siehste den mit der 10 von Touaba? Dem seine Schwester kenn ich! Meine Nachbarn ham nämlich nen Puff! Da arbeitet die… Stimmt’s Zehner?! Und sein Bruder geht da auch arbeiten… Richtig Zehner?!“

Der Zehner ließ sich nicht beirren, nur ein Wechselspieler rief mal ein freundliches „shidd khalqak“ (Mach’n Kopp zu), und es ging munter hin und her und rauf und runter auf dem Feld. Technik Fehlanzeige, es wurde einfach locker nach vorne geflankt und kreuz und quer gebolzt, aber die Abwehrreihen wurden im Minutentakt durch die schnellen Stürmer durchbrochen, die mit erfreulich vielen langen Flanken und blinden Pässen etwas anfangen konnten: schon nach fünf Minuten traf der Gast zum 0:1, dann drehte Ramas mal kurzzeitig das Spiel, ehe Touaba wieder in Front ging. Kurz vor der Pause stand es durch den bepöbelten 10er 3:5, wobei fast mit dem Pausenpfiff noch ein Heber zum 4:5 versenkt wurde.

Nach dem Seitenwechsel wurde das Match etwas ruhiger und Touaba kam nach dem 4:6 lange nicht heran. Einen Elfmeter verschossen sie auch noch und brauchten einen zweiten um auf 5:6 aufzuschließen. Erst in der allerletzten Spielminute war es wieder ein Heber, der zum 6:6 im Kasten versenkt wurde. Shake-Hands der Kicker und die Bescheuerten – der besoffene Sahraoui, die steinewerfenden Dreckwänster, die Jugendlichen am Spielfeldrand… – gingen langsam in ihre Siedlungen zurück, da es dunkel wurde. الاتحاد رماس و الاتحاد توبة - كرة القدم الهواة في الدار البيضاء Nach diesem sehr unterhaltsamen Match machte ich mich auch in die Siedlung zu Abdellah und den anderen zurück, bekam dort ein prima Essen aufgetischt und schaute mit ihnen das Dortmund-Bayern-Spiel im Fernsehen und die Zusammenfassung von RB Leipzig gegen Hansa Rostock auf MDR online.

Danach folgte die übliche wort- und gestenreiche Verabschiedung und wir fünf fuhren nochmal nach Maarif, wo uns der andere Teil der Familie beherbergte. Deren Bude ist wirklich groß, topp eingerichtet, auch von außen OK und dazu noch in Stadionnähe, sodass schon vorher klar war, dass wir noch mal das Quartier wechseln würden. Was nicht klar war, war dass sie um 21 Uhr noch mal voll auftischen mit gefüllten Hähnchen, riesigen Salaten, Suppen und Obst. Aber die haben es halt ganz gut geschafft, denn Familienoberhaupt Amar konnte von Reisen nach Griechenland, Deutschland, Italien und den Emiraten erzählen und auf seine geräumige Bude und sein Auto (der Renault ist allerdings 20 Jahre und 300.000km alt, sodass eigentlich jedes Einzelteil schon mal ausgetauscht wurde) ist er natürlich auch stolz. Wer in Maarif wohnt, gehört auch wenigstens zur oberen Mittelschicht.

Am nächsten Morgen verpennten alle, sodass Mohammed und ich auf das Reserveligaspiel auf dem ohnehin hässlichen Oasis-Ground verzichteten und uns statt dort direkt im Stadion Mohamed V mit Alae trafen. Bevor es aber so weit war, gab es erstmal ein tolles Frühstück und eine kleine Stadtrundfahrt – denn Mohammed und Rita waren noch nie in Casa. An der Moschee Hassan II kamen wir gerade zu den Touristenzeiten an. Erst wollten wir alle rein, aber ich winkte aufgrund der hohen Preise für Nicht-Muslime ab. Mohammeds Vorschlag „spiel doch wieder den guten Muslim“ scheiterte dann daran, dass selbst von Muslimen während der Touristenzeiten 30-60 Dirham verlangt werden. So einen Schwachsinn gibt es in der gesamten arabischen Welt doch echt nur in Marokko: das müssen die von Spanien und Frankreich aus den Kirchgemeinden, die v.a. in Spanien sehr aufdringlich Geld verlangen, übernommen haben!

Wir fuhren dann zum Place Mohammed V, der von Tauben völlig überfüllt ist. Dieser von Bäumen und französischen Gebäuden gesäumte Platz ist einer der wenigen schönen in der Stadt. Hier halten sich aber natürlich unheimlich viele Kleingewerbetreiber auf: der Parkplatzwächter wollte von mir 5 Dirham statt nur 2 wie von Amar, doch Wafae und Fayza wiesen ihn gleich zurecht und am Ende zahlte Amar für uns beide. Der Preis für die Maiskörner zum Taubenanlocken musste auch verhandelt werden und besonders dreist war die eine Oma, die Rita zulaberte, sie hätte ein Geschenk für sie – doch natürlich verlangte sie dann von Khadija Geld für das Henna, wobei die Verhandlungen gute fünf Minuten dauerten…

Jedenfalls ist Taubenfüttern – meist hält man die Maiskörner so in der Hand, dass die Viecher einem direkt aus der Hand fressen – recht beliebt in Marokko und die Vögel haben auch einen viel besseren Ruf als in Deutschland oder vielen anderen europäischen Ländern. .الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Mohammed und ich hetzten beim Mittagessen, während alle anderen gemütlich aßen und dann die Glotze schon mal auf den Sportsender justierten. Denn alle wollten das Derby sehen, was ich mir natürlich im Stadion Mohamed V ansah. Man merkte, dass Mohammed nicht derbyerfahren ist und sehr aufgeregt war. Besonders beim Gedränge am Einlass zeigte sich, dass er kein so Draufgänger wie Hamza ist, der uns vor der Abfahrt allen Ernstes vorschlug, Böller und Rauchbomben, die ein Kumpel von ihm (Ultra von Maghreb Fes) zuhause hortet, mitzunehmen. Er: „Göran ist Ausländer, den kontrolliert keiner!“ Mohammed: „Bist du bekloppt, zieh ihn nicht mit rein. Außerdem: Ich zünde kein Feuerwerk, Mann! Ist mir zu gefährlich! Du weißt doch, dass man sich da die Hand übelst verbrennen kann?!“ Ich: „Du redest wie Fayza [die guckt Fußball nur im Fernsehen weil sie vor Pyro Angst hat]. Sei ein Mann! Nach dem Spiel machen wir Randale!“ Hamza feiert sich: „Genau! Du bist ein richtiger Fan! Aber sag im Stadion bloß nicht, dass du eigentlich für Maghreb Fès bist, sonst gibt’s von allen Seiten was auf die Gusche…“

Jedenfalls: Alae gabelten wir im vollen Block 10 auf und wechselten dann in den Block 13 in die oberste Reihe. Nicht weil Wafae mich darum gebeten hat, in die letzte Reihe zu gehen um nicht Gegenstände von hinten abzukriegen, sondern weil die Übersicht topp ist. Außerdem war ohnehin kaum noch was frei, weil wir nur 90 Minuten vor Anpfiff aufgekreuzt waren.

Die Fans sangen sich aber schon seit mehreren Stunden für das 128. Aufeinandertreffen dieser beiden Teams (das 115. in der Liga) warm. Wenn wir schon bei der Statistik zum Spiel sind: das höchste Ergebnis und torreichste Spiel war 1996 ein 5:1 für Raja, von den 128 Spielen konnten die Grünen auch 40 gewinnen, während Wydad nur 32 Mal siegte. Das sagt uns, dass die anderen 55 Spiele unentschieden ausgingen, was ich fürs heutige Duell auch korrekt vorhersagte. Der Zuschauerrekord ist übrigens etwas unklar, aber auf jeden Fall war die Hütte (auf 67.000 zugelassen) immer mal mit mehr als 80.000 überfüllt. Heute waren es leider „nur“ etwas mehr als 60.000, aber das reichte auch schon...

Diesmal gab es keine Komplett-Stadion-Choreo, aber die Kurven von Eckfahne zu Eckfahne hantierten mit guten Papptafelmotiven, Fahnen und Folien. Beide Kurven wechselten sogar ihre Tafeln auf Kommando von Vorder- auf Rückseite. Spruchbänder in Arabisch und Französisch – teils anfeuernd, teils beleidigend, teils einfach unverständlich (inhaltlich nicht sprachlich, da man kein Insider ist) – wurden das ganze Spiel über gezeigt. Die Gesänge waren auf der Seite von Raja noch besser, aber auch Wydad agierte sehr eindrucksvoll. Allerdings sangen nur die Kurven ununterbrochen durch, die Gegen- und Haupttribünenseiten stimmten nur immer wieder mit ein und reagierten auf Wechselgesänge.

Hervorragend war die Pyroshow mit viel buntem Rauch der Wydad Ultras. Auch Bengalos und dutzende Böller gab es zu bewundern. Raja hantierte mit weniger Rauch, gleichvielen Bengalos und schoss mehrere Raketen in den Himmel. Nach der Pause war das Spielfeld einmal völlig eingenebelt, wobei es keine Unterbrechung gab und selbst zum Derby funktionierten weder Sprecheranlage noch Anzeigetafel.

Das Spiel war auf ordentlichem aber nicht gerade überragendem Niveau. Für ein solches Derby wurde aber noch relativ offensiv gespielt. Die Anzahl der Fouls war recht hoch, da im hohen Tempo in die Laufduelle gegangen wurde. Aber Karten gab es kaum. Es führte dann jedoch ein Freistoß nach nur 24 Minuten zum ersten Treffer der Partie: Wydad verwandelte aus 20m direkt hoch ins kurze Eck. In einem ausgeglichenen Spiel mit Chancen auf beiden Seiten, aber mehr Chancen und Spielanteilen für Wydad, gelang dann kurz vor dem Ende ein Kopfballtreffer für Raja. Es flogen bereits die ersten Flaschen in Richtung Spielfeld, sodass man sagen muss, dass dieser Ausgleich größere Auseinandersetzungen verhinderte. Einige Wydadspieler tobten nach Abpfiff zwar rum und einige der Fans ärgerten sich ziemlich, aber außer etwas Vandalismus und dem vereinzelten Werfen von Stöcken und Flaschen in Richtung Polizei war nichts los nach Abpfiff. Hätte Raja verloren, hätte es schlimmer ausgesehen…

Eine Zusammenfassung des Spiels inklusive Tifo-Video kann man sich unter Sport-Maroc.Com angucken! .الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Nach dem Spiel gab es Kaffee und Kuchen (naja, marokkanische Teigwaren, aber so ähnlich wie Kuchen…) und wir brachen mit Alae als sechsten Mitfahrer gen Fès auf. Eigentlich wollte er nur zum Busbahnhof gebracht werden und von dort nach Fès fahren, aber Mohammed und ich schlugen ihm vor mitzufahren. Hinten wurde es dann eng, sodass Fayza auf den Beifahrersitz wechselte. Das ist mir ja auch recht, da sie eine wunderbare Gesprächspartnerin ist, aber da sie auch eine typische marokkanische Autofahrerin ist, gab es unablässig lustige Dialoge:
* Auf der Stadtautobahn von Casa; ich überhole dauernd rechts und wechsle die Spuren so rücksichtlos wie ein Dacia aus Rabat vor mir:
Sie: „Entschuldige, dass ich die Unterhaltung unterbreche, aber wieso überholst du rechts?“
Ich: „Die links fahren nur 70, hier darf man aber 80 fahren“
Khadija: „Siehst du, er kennt die Regeln!“
Sie: „Aber rechts überholen ist auch verboten und wir fahren 90!“
Ich: „Ich kenne die Regeln, aber wir sind hier in Casa, da muss man so fahren! Und die da vorne fahren schon wieder nur 70 links, diese Bauern vom Dorf…“
* Die einzige Tanke direkt an der Rochade de Rabat; nach dem Tanken fahr ich (wie ein anderer Kunde kurz zuvor auch) entgegen einer Einbahnstraße raus um zum Kreisverkehr auf der Rochade zu kommen, da ich sonst 1km + eine Ampel Umweg fahren müsste um wieder in Richtung Fès zu gelangen:
Sie: „Hhhhhh, Göran! Da ist Einfahrt verboten!“
Ich: „Ich weiß, ich will nur zum Kreisverkehr…“
Sie: „Aber das ist gefährlich gegen die Fahrtrichtung zu fahren!“
Alae: „Lass ihn, der fährt wie ein marokkanischer Taxifahrer, der weiß Bescheid!“
* Bundesstraße Meknés – Fès: ich fahr die erlaubten 100 und überhole einen LKW (erlaubt, aber eng):
Sie: „Fahr bitte langsamer, Khadija und ich haben Angst.“
Ich: „Kein Problem, keine Angst! Ich fahr nur 100.“
Sie: „Kennst du die Strecke gut? Also wirklich gut?!“
Ich: „Drei Mal gefahren, das reicht. Außerdem hab ich viel Fahrerfahrung.“
Sie: „Ich hab auch Erfahrung und hier gibt es viele Unfälle. Also sei bitte vorsichtig! Khadija will nach Hause und nicht erst ins Krankenhaus…“
Alae: „Hör nicht auf sie, Kumpel! Sie fährt viel seltener als du und vertraut dir deswegen nicht!“
Sie: „Klar vertraue ich ihm! Aber ich fahr zurückhaltender und rücksichtsvoller. … Und ich hab die Fahrprüfung mit voller Punktzahl bestanden!“
Mohammed: „Yooohoho… Und Karim hat volle Punktzahl im Verkehrsregister!“

Das hab ich natürlich nicht und bisher auch nur 750 Dirham bezahlen müssen – OK, wären regulär 1.900 gewesen zusammengenommen, aber egal: im Ausland wird man einfach schneller erwischt aber mitunter freundlicher behandelt – und Fayza und Khadija wurden zum Ende hin auch ruhiger.

In Meknés waren wir übrigens zum Abendessen bei Maryam und Abdelghani eingeladen, die gefüllte Tauben mit Salat und Pommes auftischten. Der einzige, der nur die Beilagen futterte, war Alae, was sehr seltsam ist, da man einen Vegetarier eher in der weltlichen und gemäßigten Oberschicht in Marokko erwarten kann, und nicht im Bereich der Mittelschicht-Islamisten zu denen er gehört. Wie der andere Islamist, den ich hier kennengelernt habe, ist Alae auch sehr höflich im Umgang und nicht aggressiv oder missionierend, aber er eckte eigentlich nicht wegen dem „sorry, ich esse kein Fleisch“ an, sondern weil er meinen Spitznamen Karim verbessern wollte. Nach Auffassung etlicher Strenggläubiger ist es nämlich unverschämt, Kurzformen der Diener-Gottes-Namen zu nutzen: Karim heißt eigentlich Abd al-Karim (Diener des Gütigen (Gottes)). Doch so ein Klugscheißerhinweis kommt bei vielen nicht gut an: Fayza - die tolerant und moderat aber sehr gläubig ist, sich z.B. nie ohne Kopftuch zeigt und während der Übertragung des Gebetsrufes im Radio nie den Sender wechselt sondern erst wenn dieser vorbei ist - wies ihn gleich schroff zurecht, dass er nicht übertreiben und mir keinen Unsinn einreden solle – und Khadija kommentierte einfach lässig: „Lass meinen Jungen in Ruhe, der heißt Karim! Iss die gefüllte Taube, dann erzählst du nicht so viel Mist!“ الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Statistik:
- Grounds: 1.036 (1 neuer; diese Saison: 65 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.943 (2 dieses Wochenende, diese Saison: 87)
- Tageskilometer: 720 (Samstag: 380km Auto, Sonntag: 340km Auto)
- Saisonkilometer: 23.930 (22.890 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 2 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 382

Montag, 18. November 2013

W381III: Keine Tore im Derby zwischen Hauptstadt und Hafenstadt

----- Kénitra Athlétic Club (النادي الرياضي القنيطري) ----
.................................... 0:0 (0:0) ....................................
Forces Armeés Royales de Rabat (الجيش الملكي الرباطي)
- Datum: Sonntag, 17. November 2013 – Anstoß: 17.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 0-0 nach 94 Min. (47/47) – Halbzeit: 0-0
- Tore: keine
- Verwarnungen: 7, 36 (KAC); 24, NN (FAR)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Kénitra [الملعب البلدي بقنيطرة] (Kap. 8.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 8.000 (darunter ca. 1.500 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 6,0/10 (Spielerisch gar nicht schlecht, aber zu schwacher Abschluss: Stimmung durchgängig spitze!) بطولة المغربية - نادي القنيطري و الجيش الملكي الرباطي Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Pro League: Kénitra Athletic Club v Royal Army Rabat
b) Kénitra Town Centra, Mehdia Kasbah (Fort), Thamusida Roman Ruins

Video on MyVideo.De:
Kénitra Support during the match with FAR de Rabat

Von Casablanca aus ging es zuerst nach Verlassen der Autobahn in Kénitra Nord rechts ab und die Straße nach Tanger entlang. Im ersten Dorf (kein Ortsschild) weisen Bauschilder (Eisenbahnprojekt) links in unbefestigte Wege. Dort fragt man sich dann durch, die Bauern, die hier unter armseligen Bedingungen hausen und ihrer Arbeit nachgehen, sind freundlich und wissen Bescheid, dass auf dem Hügel hinter den Feldern am Fluss römische Ruinen ausgegraben werden. Die Anlage heißt Thamusida und ist noch nicht gut erschlossen. Der Erhaltungszustand ist auch ziemlich dürftig, aber man kann einen Tempel oder Forum erkennen sowie Wasserleitungen und Stadtmauern. Oberhalb der Anlage thront ein islamischer Heiligenschrein (Zawiya, Marabout).

Im westlich an Kénitra angrenzenden Mehdia befindet sich eine große Festung aus portugiesischer Zeit (16. Jh.) die von Moulay Ismail (18. Jh.) verändert wurde. Hauptsächlich der obere Teil mit dem eindrucksvollen Portal geht auf Moulay Ismail zurück. Der untere Teil der Festung, durch den auch die Küstenstraße nach Mehdia Plage führt, ist eher Französisch.

Kénitra heißt wie das syrische Qunaytra auch übersetzt „Brücklein“, wobei die normale Form Qantara (Kantara) lautet und eine Brücke mit mindestens einem Ponton oder Pfeiler bezeichnet, während eine Brücke, die ohne Pfeiler von einem Ufer zum anderen geht als jisr (dschisr) bezeichnet wird. Der Ort wuchert gewaltig, ist extrem unübersichtlich und vor allem an den Rändern (von einzelnen reicheren Vororten abgesehen) sehr heruntergekommen (teilweise heftige Slumbildung). Die Innenstadt liegt direkt am Industriehafen, ist durchsetzt und hat einige Gebäude aus französischer Zeit, die aber oft verfallen sind, zu bieten. قصبة المهدية في قنيطرة Auch das Stadion wirkt recht französisch, da es viel mit Betonhalbschalen arbeitet: Die Eingangsbereiche sind entsprechend „schwungvoll“ überdacht und vor allem oberhalb der 20-reihigen Gegentribüne wurden solche Betonhalbschalen angebracht. Ungewöhnlich auch die Haupttribüne mit ihren 13 Reihen Holzbänke und Betonüberdachung. Hinter den Toren befindet sich allerdings kein Ausbau, was bei Spielen wie diesem schon problematisch sein kann. Über das Stadtstadion hat sich übrigens kürzlich die Sportzeitung Mountakhab ausgelassen, denn der Vereinspräsident ließ die zu groß angelegte Pressetribüne kurzerhand zu Scheißhäusern umbauen, da der Verein aufgrund der hohen Besucherzahlen eher Sanitäreinrichtungen als Presseeinrichtungen braucht…

Die Besucherzahl war heute natürlich wieder besonders gut, da ein bekannter Gegner kam. Die brachten auch feiernde Fans (etwa 1.500) mit, die den Gästesektor (für 1.200 ausgelegt) aus allen Nähten platzen ließen. Da ich schon zwei Stunden vorher da war, war ich zwar bei weitem nicht der erste, aber bekam noch einen sehr guten Platz auf den Holzbänken der Haupttribüne. Eine Stunde vorher wurde es nämlich eng, es wurden die Gänge zugestellt und die Treppen besetzt. Kurz nach Beginn des Spiels wurden dann die Türen der Kassenhäuschen geöffnet, da diese die einzige Verbindung zwischen den beiden Tribünen darstellen (wenn man nicht raus aus dem Stadion und wieder rein laufen kann) und auf der Gegentribüne noch Platz war. Die Karten waren übrigens mit 20 und 40 Dh. ziemlich günstig.

Das Spiel war gar nicht schlecht, aber es fehlten die Tore. Beide bemühten sich offensiv zu spielen und erspielten sich einige Torchancen, doch der Abschluss war schlecht. Zweikämpfe gab es auch einige gute, aber nicht sonderlich viele Fouls. Auf der Gegentribüne gab es schon vor der Pause von den dauersingenden Helala Boys Kénitra und auch den Ultras Askari FAR Pyro mit Bengalos und Leuchtfeuern. Nach der Pause wurde die Stimmung unruhiger, da man Tore sehen wollte. Irgendein Bekloppter schoss dann mal aus dem Bereich links der Helala Boys eine Leuchtrakete gegen das Dach der Haupttribüne oberhalb der Ultras Askari. Aber selbst das zog keine Durchsage nach sich und auch der Platzsturm zweier Jugendlicher – wobei einer davon noch mal der Festnahme entkam und ein zweites Mal auf dem Platz herumlief – sorgte nicht für Entrüstung. 
بطولة المغربية - نادي القنيطري و الجيش الملكي الرباطي
Das ist ja eigentlich auch normal für Marokko, aber der Stadionsprecher wirkte hier recht professionell: Aufstellungen durchgegeben, Wechsel angesagt, vor dem Spiel und in der Halbzeit eigenproduzierte Musik eingespielt – wobei die Musik sich grundlegend von der Stadionmucke in Deutschland unterschied: „Ma nesma7 fik“ (Link: Youtube)  soll wohl „was ich dir erlaube“ heißen, verherrlicht das Ultratum („m3ak fidelli vida ultras na3ichouha“: Mit den Fidellis leben wir das Ultraleben) und Hooliganismus („Nostra parcour tarikh fl hool“: Auf dem Weg zum Hooligan-Sein) und ist provokativ politisch: „ACAB wmankhafo ghir rabbi“ (All Cops Are Bastards, wir fürchten nur den Herrn) oder „Ya l ministre jinak b9adiya“ (Hey Minister, wir kommen zu dir als dein Schicksal *= deutliche Drohung)…

Nach dem Spiel bekam ich einen Anruf von Khadija, die das Match mit den anderen in der Glotze gesehen hatte, ob alles in Ordnung sei und die Rakete jemanden getroffen hätte. War aber keinem was passiert und ich sparte mir durchzugeben, dass sich gerade 10m vor mir eine Schlägerei auf offener Straße entwickelte. Etliche Jugendliche waren nämlich ziemlich geladen nach dem 0:0 und selbst die Bessersituierten, sehr europäisch wirkenden Leute die auf der Haupttribüne gesessen hatten, waren teilweise auf Stress aus. Bei KAC waren auch überdurchschnittlich viele Mädchen und Frauen zugegen und eine davon erkämpfte sich im wahrsten Sinne des Wortes Respekt: die etwa 15jährige wurde von einem Gleichaltrigen beleidigt und geschubst und schlug dem daraufhin voll ins Gesicht. Als der nochmal was in Richtung „Nutte“ meinte, rastete die eher harmlos aussehende Jugendliche richtig aus, stieß den Jungen zu Boden und prügelte auf ihn ein, bis sie von einem anderen Mädchen und einem Jungen weggezogen wurde. Völlig unvermittelt mischten sich ein paar kleinere Jungs ein und traten leicht auf den am Boden liegenden ein, was ein Kumpel des Jungen so nicht hinnehmen konnte und auf die beiden kleinen Scheißer losging und einen volle Bude über einen Handkarren stieß. Schnell beteiligten sich etwa 20 Jugendliche an der Keilerei, was sogar mehrere Polizisten auf den Plan rief. Und plötzlich waren sich alle 20 einig: „yallah, sirr, l-bolis“ (los weg, die Bullen)…

Die Rückfahrt gestaltete sich bis zur Autobahn eher zäh, doch dann kam ich enorm schnell durch. In Fès angekommen fiel dort übrigens der erste Regen – nicht nur der erste seit Beginn meines Aufenthaltes, sondern der erste seit Mai in dieser Region, sodass er schon lange herbeigesehnt wurde. بطولة المغربية - نادي القنيطري و الجيش الملكي الرباطي Statistik:
- Grounds: 1.035 (1 neuer; diese Saison: 64 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.941 (heute 1, diese Saison: 85)
- Tageskilometer: 470 (470km Auto)
- Saisonkilometer: 23.210 (22.170 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 0 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 381

W381II: Marokkanisch-Senegalesische Fanfreundschaft und Schöner Amateurfußball in Sebata

--------- Senegal / Senegal / السنغال ----------
........................... 1:1 (0:0) ..........................
Elfenbeinküste / Côte d’Ivoire / ساحل العاج
- Datum: Samstag, 16. November 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: Rückspiel der Play-off-Runde des Afrikanischen Fußballverbandes CAF zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien
- Ergebnis: 1-1 nach 98 Min. (47/51), Halbzeit: 0-0 – Hinspiel: 3-1 für Elfenbeinküste, Gesamtresultat somit: 4-2 für Elfenbeinküste
- Tore: 1-0 77. Moussa Sow (Foulelfmeter), 1-1 95. Salomon Armand Magloire Kalou
- Verwarnungen: Gnégnéri Yaya Toure, Jean-Jacques Gosso Gosso, Gervais Lombe Yao Kouassi „Gervinho“ (alle Elfenbeinküste)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Mohamed V [مركب محمد الخامس] (Kap. 67.000, davon 40.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 30.000 (ca. 12.000 Senegalesen, 12.000 Ivorer und 6.000 Marokkaner u.a.)
- Unterhaltungswert: 9,0/10 (Hervorragendes Spielniveau, interessante Atmosphäre, aber ein anderes Resultat wäre bei dem Spielverlauf schöner gewesen)

Club Chabab Fath Athletic Casablancais (شباب فتح البيضاء)
........................................ 2:2 (0:2) ........................................
Hassania Athletique Sidi Slimane ........ (حسنية سيدي سليمان)
- Datum: Samstag, 16. November 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Amateur 2, Groupe Nord-Ouest [بطولة القسم الوطني الثاني هواة] (= 4. Marokkanische Liga; 2. Amateurliga, Gruppe Nord-West)
- Ergebnis: 2-2 nach 97 Min. (48/49) – Halbzeit: 0-2
- Tore: 0-1 27. (3), 0-2 36. (11), 1-2 57. (5), 2-2 60. (NN)
- Verwarnungen: 2, 24 (CCFAC); 5, 8 (HASS)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Casablanca-Sebata, Terrain Ba Mohamed [مركب با محمد = ملعب البلدي بسباتة البيضاء] (Kap. 1.500, davon 1.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 400 (darunter ca. 10 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Wirklich guter Amateurfußball mit guter Stimmung) . Photos with English and Arabic Commentary:
a) World Cup 2014, Final Qualifying: Senegal v Ivory Coast at Stade Mohamed V, Casablanca (Morocco)
b) Moroccan Amateur League, 2nd Level: Chabab Fath Casablanca v Hassania Sidi Slimane, Sebata Stadium

Video on MyVideo.De:
Moroccan Fans supporting Senegal

Irgendwie komm ich doch dauernd nach Casanoir – es sind halt einfach immer interessante Sportveranstaltungen dort! Nächste Woche wieder, denn einige aus meiner Gastfamilie wollen das Große Derby mit mir live sehen und der Rest Verwandte besuchen… Doch dieses Wochenende waren blöderweise alle unpässlich: Khadijas Verwandtschaft in Casa nicht da, Hamza hatte Schule, Zaki und Mohammed Arbeit, Fayza Besuch von anderen Verwandten und Khadija mit dem neuen Gast aus den USA sowie alten Bekannten, ebenfalls Amerikanern, zu tun. Und damit ich mal wieder Geld für ein Hotel ausgebe (hatte ich in den letzten 7 Wochen ja nur einmal tun müssen), waren alle drei deutschen Kontakte in Casa übers Wochenende verreist. Fredi besuchte sogar jemanden in Fès, während ich weg von Fès nach Casa fahre – super Timing…

Bevor ich mich richtig auf die Piste machte, fuhr ich bei der Total am Royal Mirage Hotel vor. Wartungen übernehmen hier neben den Autohändlern auch die größeren Tankstellen, wobei letzteres billiger ist. Ölwechsel, Bremsflüssigkeit und Luftfilter und so was durchgesehen, mal unterm Auto geguckt und Scheibenwaschmittel nachgefüllt. Der Typ war lustig: studierter Ingenieur und seit Jahren Mechaniker, da keine Stelle gefunden. Der sprach richtig gutes Hocharabisch, brachte mir Begriffe bei, die ich an der Tanke und in der Werkstatt gebrauchen kann, und freute sich nicht nur über meine Arabischkenntnisse: „Hervorragend! Du kannst nicht nur gut Arabisch, sondern fährst auch ein typisch-marokkanisches Auto [sehr viele fahren Dacia], hörst marokkanische Musik [er hatte das Radio während der Wartung angemacht und ich hatte einen Sender mit nur arabischsprachiger Musik], hast marokkanische Freunde… Bist du verheiratet?“ – „Nein“ – „Dann wirst du, so Gott will, mal eine Marokkanerin heiraten…“ – „Inshallah…“ الشباب الفتح الدار البيضاء و الحسنية سيدي سليمان - دوري الهواة القسم الثاني Nach Ende der Autobahn vor Salé fuhr ich die Rochade nur bis Temara und zweigte dort auf die erbärmlich schlechte Bundesstraße nach Casablanca ab: staubig, dreckig, schlechter Asphalt, überfüllt – aber landschaftlich phasenweise ganz reizvoll und eine spektakuläre Brückenpassage mit dabei. Und insgesamt spart es knapp 30 Dh. Maut. In Ain Sebaa holte ich mir was in dem riesigen Marjan – topp sortiert, sehr gut, aber viele Produkte kosten fast oder genauso viel wie in Deutschland.

Irgendwie fand ich ohne großes Verfahren und nur nach meiner Ortskenntnis von diesem Drecksmoloch Casablanca vom Ortsteil Ain Sebaa nach Sebata. In der Nähe vom Stade Tessema in Beni Msick liegt dort ein weiteres schönes Amateurstadion im Arbeiterviertel: das auch als Terrain Ba Mohammed bezeichnete Stadtstadion von Sebata. Der Eintritt zum Viertligaspiel war wie gewohnt frei. Es fanden sich trotzdem nur 400 Zuschauer ein, was für diese im Spielniveau mit den deutschen Landesklassen aber in der Ausdehnung eher mit den Oberligen vergleichbaren Division, eher wenig ist. Die 200km von Sidi Slimane (in gutem Arabisch: Sayyid Sulayman, könnte man mit St. Salomon übersetzen) ist kaum jemand mitgekommen – ich parkte übrigens direkt hinter deren Mannschaftsbus… Und ansonsten waren überwiegend Kinder und Jugendliche aus der Arbeitersiedlung da. Entsprechend ging es auch ab: emotionale Anfeuerungen, Pöbeleien, Kassenrollenwürfe, Fahnen und Banner und sogar Rauchbomben und Böller gab es zu bestaunen! Diese Ultras „Devils“ waren gar nicht mal schlecht!

Geparkt wird auf der Straße vor der unspektakulären Stadionmauer. Innen sieht es gut aus: das Kunstrasenspielfeld ist von alten, hohen Maschendrahtzäunen umgeben, doch in den oberen Reihen der sechsreihigen Sitztribüne kann man gut drüber gucken. Zwischen der Sporthalle und der Tribünenrückwand wuchert gewaltig das Grünzeug. Gegenüber werden Häuser neu gebaut, während sich links bereits dicht am Platz primitive Wohnblocks befinden, stehen rechts vom Platz mehrere Wellblechhütten, die auch bewohnt sind. Neben mir saß ein freundlicher älterer Bäcker, der von Ain Sebaa mit dem Moped gekommen war: „Ich fahr auch immer mal zu anderen Vereinen“ meinte der. Das lobte ich und erwähnte natürlich, dass ich vor allem alle Vereine der Botola 1 und 2 besuchen will, was er wiederum sehr gut fand aber für seine Verhältnisse als zu teuer bedauerte: „Wenn ich auch nur die Hälfte aller Auswärtsspiele von Raja mitfahren würde, ist meine Familie bankrott…“ Er klopfte mir zwar lachend auf den Rücken, aber übertrieben klang das nicht!

Das Spiel war bester Amateurfußball: mal ein bisschen Leerlauf zwischendrin und manchmal zu viel Gemecker, aber hier wurde gut um die Pille gekämpft und technische Mängel mit Laufarbeit und offensiver Spielweise ausgeglichen. Obwohl Chabab Fath (die Jugend der Eroberung) mehr Bälle aufs Tor brachte, ging der Gast in Führung. Die rissen daraufhin auch das Spiel an sich und erzielten per Kopf das 0:2. Nach der Pause kam Chabab Fath unerwartet zurück. Eine weitere Bogenlampe aus 20m wie beim 0:1 führte zum 1:2 und nachdem nur drei weitere Minuten gespielt waren, netzte Chabab Fath mit einem tollen Weitschuss aus 30m ins lange Eck zum Ausgleich ein. Der hatte trotz zahlreicher Torchancen auf beiden Seiten bis zum zeitigen Abpfiff (nur 3 bzw. 4 Minuten Nachspielzeit? Beim letzten Spiel, das ich in dieser Liga gesehen hatte, wurde angemessene 15 Minuten nachgespielt!) Bestand… الشباب الفتح الدار البيضاء و الحسنية سيدي سليمان - دوري الهواة القسم الثاني Es ging gleich weiter ins Stadion Mohamed V. wo ein internationales Spiel, ein entscheidendes Match um die Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien, anstand. Leider ohne marokkanische Beteiligung, aber Hauptsache Länderspiel!

Aufgrund baulicher Mängel am Nationalstadion von Dakar und dem Nichtvorhandensein anderer FIFA-tauglicher Anlagen im Senegal, muss die Nationalelf gegen den scheinbar übermächtigen Gegner aus der Elfenbeinküste (ja, das heißt Elfenbeinküste und nicht Cote d’Ivoire, wie mir in Deutschland schon mal irgendwelche gehirnamputierten Hyperkorrekten erklären wollten, die aber wahrscheinlich nicht wissen, dass Cote d’Ivoire auch nur „Küste des Elfenbeins“ heißt) ins Ausland ausweichen. Aufgrund der hohen Zahl von senegalesischen Migranten in Marokko entschied man sich für das Stadion in Casablanca.

Heute war ich anfangs so was von neutral wie lange nicht: die großkotzige Startruppe der Elfenbeinküste geht mir auf den Sack und die Senegalesen dürften gar nicht dabei sein, denn sie hatten in der Vorrunde gegen Mauretanien sensationell verloren wobei leider deren scheiß Regierung nicht die nötige Kohle für die Hauptrundenspiele rausrücken konnte oder wollte sodass sie sich vom Wettbewerb zurückziehen mussten.

Nach einer Weile stiegen meine Sympathien für Senegal aber etwas, was weniger damit zu tun hatte, dass ich Pelouse-Karten für nur 20 DH (1,80€) im senegalesischen Sektor hatte, sondern vielmehr wie gut die Mannschaft spielte und wie die Atmosphäre im Stadion war. Es war nämlich sehr interessant zu beobachten, wie die Tausenden marokkanischen Fans in ihrer Mehrzahl verteilt waren und wie sie auftraten: 90% mischten sich unter die Senegalesen und heizten die Stimmung mit „Sinighal olè/ Senegal whoop-whoop“-Sprechchören oder Beschimpfungen wie „Drogba, Drogba – vaffanculo“ an. Dabei kamen eher wenige mit Senegalesen gemeinsam ins Stadion: ein paar Freundesgruppen gab es schon, auch Paare mit schwarzer Frau und arabischem Mann oder Berberin und Senegalese, aber die Mehrheit kam einzeln, in Gruppen oder gar als Familie und supportete einfach unter den Senegalesen mit. Es wurde auch fleißig mit den Landesflaggen posiert, ein paar Raja-Ultras fotografierten sich zigmal mit einem Oberfan der Senegalesen: sehr dunkel, sehr groß, sehr schlank, bunte Klamotten, Neonturnschuhe, enorme Rastalocken und dann noch so eine alberne, zu kleine Strickmütze in Landesfarben auf dem Kopf – klar, dass der Interesse auf sich zieht…

Als Motiv für die Unterstützung der Marokkaner für den Senegal kommt übrigens einiges zusammen: Mohammed und Abdelhadi meinten, dass die Mehrheit aus Ärger über das Scheitern Marokkos an der Elfenbeinküste in der Hauptrunde der Quali Senegal unterstützten, andererseits halten auch etliche (übrigens auch Khadija vor der Glotze) aus Prinzip zum Underdog und manche empfinden Senegal als geographischen Nachbarn der somit näher liegt als die Elfenbeinküste – und bei Freundschaften ist sowieso klar für wen man hält. Doch letzteres ist leider eher die Seltenheit: es ist allgemein bekannt, dass schwarze Marokkaner und Zuwanderer aus Senegal, Mali etc. kaum integriert werden und meist sehr für sich leben (was z.B. auch wieder im benachbarten Algerien besser funktioniert). Und bei weitem nicht alle Marokkaner kommentieren die neuen Finanzhilfen des Königshauses für Flüchtlinge und Auswanderer aus Senegal usw. (soll v.a. deren gesundheitliche Lage und die Wohnsituation verbessern) so wohlwollend und als richtig und wichtig wie Fayza und Khadija…

Das Spiel war dann ein wirklich hochwertiges beider Teams: Senegal drängte auf den frühen Treffer und die Ivorer konterten. Lange Zeit blieben jegliche Torschüsse erfolglos, wurden abgewehrt, abgeblockt, verfehlten den Kasten oder landeten sonst irgendwie wieder vor dem Strafraum wo sie nicht selten von einem Verteidiger per Fallrückzieher in den Mittelkreis befördert wurden. Hier wurde technisch auf hohem Niveau gespielt und trotzdem enorme Laufarbeit geleistet. In erster Linie ging das alles von den unter Zugzwang stehenden Senegalesen aus: die Feldüberlegenheit war drückend und die Chancenverteilung eindeutig einseitig. In der Schlussphase wurde der Druck der Senegalesen doch zu hoch für die großkotzigen Elefanten und sie verursachten einen Elfmeter, der sicher verwandelt wurde. Eine Riesenchance später und die Ivorer konterten wie das solche Startruppen halt immer machen: drei gegen eins und den Torwart, umkurvt, quer gepasst, sicher abgeschlossen und der Ball zappelt im langen Eck. Das 1:1 war völlig unverdient, aber wenn man bedenkt, dass Senegal eigentlich gar nicht so weit hätte kommen dürfen, ist das Resultat nicht mehr ganz so schlimm.

Die Ivorer führten Jubeltänze auf dem Feld und vor der Tribüne auf, während aus dem senegalesischen Block einzelne Gegenstände flogen und gepöbelt wurde – toll wie sich auch hier wieder die Marokkaner mit ihren senegalesischen Fanfreunden einig waren: von schräg hinter mir kamen zwei Plasteflaschen geflogen, die eine von einem Senegalesen und die andere von einem Marokkaner geworfen…

An der Ausfallstraße Richtung Autobahn, gleich hinter dem Brückentunnel stadteinwärts habe ich dann ein günstiges Hotel aufgetrieben: gute, ordentliche, einfache aber nicht völlig spartanische Einzelzimmer mit kleinem, absolut funktionsfähigem Badezimmer gibt es im „Funduq/ Hotel Cluny“ für rund 18,50€, Doppelzimmer für rund 27€. . Statistik:
- Grounds: 1.034 (1 neuer; diese Saison: 63 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.940 (heute 2, diese Saison: 84)
- Tageskilometer: 330 (330km Auto)
- Saisonkilometer: 22.740 (21.700 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 2 [letzte Serie: 8, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 381

W381I: Torloses Unentschieden bei den Islamisten

Wydad Athletic de Fès (نادي الوداد الرياضي الفاسي)
................................ 0:0 (0:0) ..............................
Chabab Rif Al-Hoceima (نادي شباب الريف الحسيمي)
- Datum: Freitag, 15. November 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (= 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 0-0 nach 97 Min. (47/50) – Halbzeit: 0-0
- Tore: keine
- Verwarnungen: 14, 17, 20 (WAF); 4, 14 (CRH)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Complexe sportif de Fès [لفاس الرياضي المركب] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 450 (darunter ca. 35 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 2,0/10 (Zwei scheiß Vereine lieferten eine scheiß Leistung ab) البطولة المغربية - وداد الفاسي و الشباب الريف الحسيمي Photos with English and Arabic Commentary:
Wydad Athletic Fès v Chabab Rif Hoceima (Moroccan Professional League)

Video on MyVideo.De:
Supporters’ Songs and Islamists’ Chants during Wydad v Chabab Rif

Mit meiner Gastfamilie Nachrichten zu gucken gehört seit Beginn des Aufenthaltes zum Standard – das schult ja auch die Sprachkenntnisse und führt oft zu interessanten Unterhaltungen. Anfang der Woche war es besonders interessant, denn in den Sportnachrichten ging es u.a. um das Trainerchaos bei Maghreb Fès: Rössli ist schon der neue Trainer, aber Skitioui darf nun doch bleiben, da das die Spieler so verlangt haben und daher macht Rössli eigentlich nur den Co. Und wie auch immer; alle wollen Banani, den Präsidenten der wohl so dämlich ist wie sein Nachname, weg haben, da er den Verein nicht mehr führen kann. Überall in der Stadt sind Graffitis „Inqadhu Maghreb al-Fasy“ (Rettet Maghreb Fès) und „Irhal Banani“ (Banani raus)angebracht worden in den letzten Tagen. Das Hauptproblem des Clubs: die Spielergehälter wurden seit fünf Monaten nicht mehr vollständig gezahlt, nur der Trainerstab kassiert normal, es gibt Streit mit Sponsoren und mit den Fans so wie so.

Ums Geld ging es dann auch im Gespräch mit Khadija und Zakariya. Viele Araber sind ja sehr offen im Umgang mit diesem Gesprächsthema, aber in der Gastfamilie wird wohl aufgrund ihrer Erfahrung mit Ausländern etwas zurückhaltender über Geld geredet. Nur Zakariya fing laut an zu erzählen, denn er ist jetzt ganz stolz, dass er einen dreistelligen Dirham-Betrag pro Woche verdient. Er hat mit seinen 14 Jahren die Schule geschmissen und den Verkäuferjob im Großmarkt in der Neustadt angenommen, den ein Kumpel zugunsten einer anderen Stelle aufgegeben hatte. Malika fand das unmöglich – „Mit 14 die Schule abbrechen? Der Junge hat doch keine Zukunft! Der wird wie mein Neffe sein bisschen Geld für Kaffeehausbesuche und Zigaretten ausgeben…“

Als Ende der Woche noch mal das Thema aufkam, wartete Khadija ehe die fleißig lernende Rita aus dem Raum war, und meinte dann merklich leiser zu mir: „Weißt du, eigentlich finde ich es ja nicht schön, dass Zaki die Schule geschmissen hat. Aber er verdient Geld. Nicht viel, aber er kann jetzt ein Konto eröffnen und er lernt bei dem Verkäuferjob auch etwas für später. Das Schlimme ist nämlich, dass man hier in Marokko oft jahrelang zur Schule und zur Uni geht, die Prüfungen besteht, die Zeugnisse sammelt und dann doch in der Arbeitslosigkeit landet oder Berufe weit unter seinem Niveau ausübt. Du kennst doch Amin? Der ist studierter Pharmazeut und arbeitet seit kurz nach seinem Studienabschluss in der Stadtbibliothek! Und du hast doch gestern wieder so lange mit Fayza gechattet? Sie hat dir doch bestimmt gesagt, dass ihre Bewerbung in Meknes abgelehnt wurde. Jetzt hat sie den Master und schon parallel zum MA-Studium nach BA-Abschluss hat sie drei Jahre lang einen Job in ihrem Ingenieursbereich gesucht – vergeblich. Und jetzt sieht es auch nicht besser aus! Oh Herr (Ya Rabb)… Ich weiß manchmal echt nicht, warum ich Rita zum Lernen dränge… vielleicht weil sie es, wenn sie mal in 10 Jahren ein Studium anfängt, so Gott will, einfacher hat und es dann mehr Möglichkeiten gibt, in dem mühsam erlernten Berufsfeld zu arbeiten. Aber Gott weiß es am besten, was die Zukunft bringt – wir können nur hoffen, dass sich die wirtschaftliche und Bildungs-Lage verbessert…“

Also nicht, dass es solche Probleme in Deutschland nicht auch (in weitaus schwächerer Form allerdings) gäbe, aber dass die einheimischen Firmen zum Beispiel nur 10% der Ingenieurswesen-Absolventen übernehmen, so wie das in Marokko der Fall ist - und so selbst die Hälfte der im Ausland studierten marokkanischen Ingenieure nicht ihren gelernten Beruf ausüben können - ist bei uns nun wirklich nicht der Fall.

Der Oberknaller war dann allerdings am Montag, als ihm der Chef auf die Schliche gekommen ist, dass er falsche Angaben zu Alter und Schulausbildung gemacht hat: „du beendest die Schule [vorgesehen mit 16] sonst gibt’s was auf de Goschn!“ Und schon war das Thema Job erledigt und Zakariya am Dienstag wieder in der Schule… البطولة المغربية - وداد الفاسي و الشباب الريف الحسيمي Zurück zum Freitag: dort ging es zum anderen von Finanzproblemen gebeutelten Verein aus Fès. Wydad ist der kleinere Club, der eher die bürgerlichen Schichten anlockt, aber auch da klemmt es bei den Finanzen. Letzte Saison hätten sie ja fast zurückziehen müssen, wenn nicht ein weiterer Sponsor eingesprungen wäre und diese Saison sind mehrere Spieler aus Finanzgründen gegangen und mit dem schwachen Kader mit vielen unerfahrenen Jugendspielern steht WAF auf dem letzten Platz mit nur 2 Punkten aus 8 Spielen.

Für 30 Dirham holte ich mir eine Karte für die Pelouse: im Kassenhäuschen ging das Licht nicht, sodass der Kassenwart eine Kerze auf dem Tisch stehen hatte. Das Stadion war gähnend leer. Irgendwie war der Gästeblock heute auf der Mitte der Gegentribüne und zuerst ging die Stimmung auch nur von den Kabylen aus. Neben mir setzte sich ein sehr freundlicher junger Mann namens Mohcen, der sich auch nur auf Arabisch mit mir unterhielt. Wir wechselten dann nach einer halben Stunde, da die Ultras von WAF in die Hintertorkurve unter der Anzeigetafel stürmten, in diesen Sektor, denn Mohcen ist WAF-Fan und hatte nur den falschen Eingang genommen. Das Wechseln hatte den Vorteil, dass ich nun im Stadion einmal rum bin und in jedem Sektor gesessen habe… Und außerdem konnte ich dann aus nächster Nähe erfahren, was bei WAF für Typen unterwegs sind.

Im WAF-Block angekommen wurde ein Banner hochgehalten: „WAF li-r-ridjâl faqat“ (WAF nur für Männer) – erst als mir wieder einfiel, dass marokkanische Vereine Fördergelder bekommen, wenn sie Frauensport unter ihrem Dach fördern, wusste ich wieder, dass das auf die Pläne der Vereinsführung, wie Maghreb und Wyfaq Fès halt auch, eine Frauenfußballmannschaft aufzubauen, abzielt. Mohcen ist wie die Vereinsführung moderat islamistisch. Also einfach religiös konservativ. Aber unter den Ultras sind, obwohl sie durchweg westlich gekleidet und teilweise „unislamisch“ gestylt sind, einige Hardliner und unter den Normalos auch. Also dass das Glaubensbekenntnis durchs Stadion hallt oder Allahu Akbar gerufen wird ist ja gar kein Problem, aber Forderungen nach einem islamischen Staat und Parolen gegen Israel (Judenstaat) müssen nun wirklich nicht sein. Wie Khadija schon richtig meinte, als ich ihr vom Spiel erzählte: „Darf doch nicht wahr sein, so was! Das ist doch kein politischer Debattierklub so ein Stadion – die sollen die Mannschaft anfeuern!“

Das Spiel war sehr dürftig: beide Mannschaft versuchten alles aber konnten nichts. Torchancen wurde kläglich vergeben, Abspielfehler, technische Unsicherheiten, billige Fouls – dass die beiden da erste Liga sind, ist eine Schande! Hoffentlich steigen die beide ab, denn die anderen Abstiegskandidaten sind allesamt besser als die zwei Scheißmannschaften!

Bei der Rückfahrt stellte ich durch den Rückenwind einen neuen Zeitrekord auf: 28 Minuten vom Stadion zur Wohnungstür mit dem Fahrrad…
Dort angekommen war der Besuch aus den USA schon da und neben ihren Reiseberichten sorgten auch meine Erzählungen vom Spiel für gute Unterhaltung. Die größten Lacher erntete aber Rita: als Hamza mir eine grammatikalisch völlig verquere Frage zu meinen Reiseplänen stellte („ila aina mal’ab turid safarta ghada?“), meinte Fayza: „Mein Gott, soll das Fusha sein?! Göran, hast du ihn verstanden? Weißt du was er falsch gemacht hat?“ Ich schaffte es in der Tat den Satz richtig zu formulieren (ila ayya mal’ab turîdu an tusâfira ghadan?) und während mich Fayza lobte und meinte „Super! Du kannst wirklich schon richtig gut Arabisch“, fing Rita an Hamza auszulachen und meinte: „Hamza, du Depp! Göran ist Deutscher und kann besseres Arabisch als du als Marokkaner…“ البطولة المغربية - وداد الفاسي و الشباب الريف الحسيمي Statistik:
- Grounds: 1.033 (kein neuer; diese Saison: 62 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.938 (heute 1, diese Saison: 82)
- Tageskilometer: 40 (40km Fahrrad)
- Saisonkilometer: 22.410 (21.370 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 0 [letzte Serie: 8, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 381

Montag, 11. November 2013

W380III: Ein würdiges Spitzenspiel – hohes Niveau und schöne Tore auf dem Feld sowie Gesänge, Pyro und Tumulte auf den Rängen

Union de Mohammédia - (نادي اتحاد المحمدية الرياضي)
.................................. 0:2 (0:1) ..................................
Club Omnisport De Meknès (النادي الرياضي المكناسي)
- Datum: Sonntag, 10. November 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Botola 2/ GNF 2 [2 البطولة الوطنية المغربية] (Zweite Marokkanische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 0-2 nach 96 Min. (46/50) – Halbzeit: 0-1
- Tore: 0-1 32. (NN), 0-2 87. (NN)
- Verwarnungen: NN (USM); NN, 13 (CODM)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade El Bachir [ملعب البشير] (Kap. 15.000, davon 150 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 2.000 (darunter ca. 500 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Siehe Überschrift…) بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Photos with English and Arabic Commentary:
Moroccan 2nd Level: Union de Mohammédia v Club Omisport de Meknes (Stade El Bachir)

Video on Myvideo.De:
Union de Mohammédia v Club Omisport de Meknes: Visiting Support

Am Vorabend rief mich einer der Lehrer vom Institut an: es ging natürlich nicht um die Kursgebühren die ich noch nicht gezahlt habe, sondern um eine Mitfahrgelegenheit. Abdelhadis Schwiegermutter wohnt nämlich in Mohammédia und so fragte er höflich an, ob ich den Familienausflug unterstützen könnte. Da ich vorher die Karre waschen ließ, tanken musste und das mit dem Kreisverkehr falsch verstanden hatte und zu weit gefahren war (eigentlich ist es mittlerweile weder ein Problem für mich, auf Arabisch zu telefonieren, noch mich in Fès zurechtzufinden – aber die Beschreibung mit dem Weg zur Autobahn war nicht so nachvollziehbar) kamen wir erst um 9.30 los.

Kurz vor Tiflet bemerkte ich zu spät den Bullen mit Kamera in den Hufen im Gebüsch im Mittelstreifen der Autobahn: 5km weiter an der Abfahrt Tiflet wurden wir also (mitsamt drei weiteren, denen ich mit fast 140 hinterher gefahren war) von seinen Kollegen rausgewunken, doch die Uniformierten von der Direktion Tiflet haben anscheinend mehr Stil als ihre Nachbarn aus Meknès. Die Meknessi hätten auf die vollen 300 Dirham bestanden, doch der Polizist aus Tiflet fragte nach der üblichen Aufforderung „Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“, wo ich Arabisch gelernt habe. Worauf das hinauslief war schnell klar, nach einem Gespräch über mein Studium, warnte er mich vor drei Radarfallen auf den nächsten 45km und meinte, dass die Kollegen dort vielleicht nicht die Strafe reduzieren wie er. Aus 300 Dirham wurden jedenfalls 100 (9,50€) – ohne Quittung natürlich aber mit vielen guten Wünschen für mein Studium und einer eventuellen Arbeit in einem arabischen Land…

In Mohammédia angekommen stellte man schnell fest, dass dieser Ort ein tolles Beispiel für die unterschiedliche Wohnqualität der Marokkaner ist: tolle Villen mit Meerblick im französischen Stil, gut sanierte Klein-Plattenbauten, angegraute Betonklötze von Mehrfamilienhäusern und übelste Wellblechhütten auf staubigen Brachflächen. Wir waren bei den Schwiegereltern eingeladen: die wohnen in einem Arbeiterviertel mit staubigen Straßen, lärmenden Kindern, versifften Gassen und grauen Plattenbauten, aber innen sieht ihr Haus ganz hervorragend aus. Sogar ein europäisches Bad und kein Abtritt! Auffällig war nur die konservative Einstellung: die Kinder und Abdelhadis Frau Amina aßen mit der Schwiegermutter (die mich aber handschläglich begrüßte) und deren Schwester in einem anderen Zimmer als Abdelhadi und ich. Da das Essen länger dauerte, nahmen wir den Hauptgang einfach in einer Tüte mit ins Stadion: fettiges Hammelfleisch mit Pfeffersoße im Fladenbrot… بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Das besagte Stadion heißt Stade El Bachir und fasst 15.000 Zuschauer. Es ist auf allen vier Seiten ausgebaut aber recht heruntergekommen. Die Anlage ist sehr symmetrisch angelegt, alle Tribünen haben 15 Reihen, aber nur die Haupttribüne ist überdacht. Unter der Mitte der Überdachung befinden sich auch die einzigen Sitzplätze. Auffällig sind die hohen aber nicht funktionsfähigen Flutlichtmasten und der Wildwuchs hinter den Kurven.

Der Wildwuchs kam einigen einheimischen Jugendlichen sehr zugute, denn sie kletterten so ohne die 20 Dirham (die Abdelhadi wie abgemacht für mich zahlte) blechen zu müssen rein. Und während wir nur Hammelfleischbrote reinschmuggelten, brachten die Chaoten Böller und Flaschen mit. Als eine Gruppe von Meknes-Anhängern 10 Minuten nach Anstoß reinging, flog auch prompt eine der Flaschen nach ihnen – unter heftigen Beschimpfungen flog diese dann zurück in die Gruppe Jugendlicher und es kam zu einer ersten Schlägerei zwischen 10 bis 15 Leuten. Abdelhadi wunderte es schon sehr, dass ich trotz der Rennerei in unserem Sektor noch ruhig sitzen blieb: das Brot in der linken und die Kamera in der rechten Hand…
Kurz darauf versuchten 30, 40 Jugendliche von Ittihad Mohammedia den Gästesektor zu stürmen, doch sofort kamen mindestens 50 Meknessi in die Pufferzone geranntt und warfen mit ein paar Flaschen und Feuerwerkskörpern nach den bescheuerten Mohammedia-Fans und bälzten auch ein paar die sich zu weit vorgewagt hatten. Als die Polizei dazwischen prügelte, ging jeder wieder in den jeweiligen Block zurück und supportete weiter als sei nichts gewesen.

Der Support von Mohammedia war recht dürftig, da nur sporadisch. Abdelhadi meinte auch, dass die Fans des Drittligistens Chabab (Jeunesse) Mohammédia zahlreicher und besser seien. Doch der Anhang aus Meknes ging genial ab: Dauergesang der besseren Sorte, viele Hüpf- und Klatscheinlagen und Pyro mit Bengalos, Böllern und Rauchfackeln.
Ein Fünftel des Anhangs hatten wir ja bereits auf der Autobahn überholt: Bei Salé fiel uns ein Konvoi von acht Kleintransportern, die insgesamt rund 100 schals- und fahnenschwenkende Fans von CODM auf den Sitzen der Fahrerkabinen und v.a. den Ladeflächen (teilweise auf Kisten sitzend) transportierten. Abdelhadi erzählte daraufhin von den finanzschwachen aber umso einfallsreicheren Fans, die viele Vereine haben: zum Auswärtsspiel per Anhalter und auf LKW-Ladeflächen… 24-Stunden-Touren: zu siebt in einem 40 Jahre alten Kleinwagen 10 Stunden auf der Landstraße unterwegs, dann in der Stadt und beim Spiel (4 Stunden) und danach 10 Stunden Heimfahrt… und wer auf der Fahrt sein Geld verpulvert hat oder gar keins dabei hat, der bettelt sich dann die Karten zusammen oder verdient sich das Geld bis zum Anstoß mit Schuhe putzen, Kram verkaufen oder Autowaschen…

Zurück nach Mohammédia: schnell wurde klar, dass das Spiel eines Spitzenspieles würdig sein würde: Tabellenführer Mohammedia wollte die erste Niederlage, die sie in der Vorwoche erlitten, wieder gut machen und der Fünfte CODM wollte den Anschluss an den Aufstiegsbereich (2 Punkte vor dem Spiel auf Rang 2) verkürzen. Der Gastgeber zeigte sich aber erstaunlich unfähig an der Gästeabwehr vorbeizukommen, sodass CODM die meisten Szenen der ersten Hälfte gehörte. Innerhalb von fünf Sekunden je einmal Latte und Pfosten, mehrfach ganz knapp vorbei und nach einer reichlichen halben Stunde dann die Führung.
Nach der Pause hatte der Gastgeber etwas mehr vom Spiel, doch mit zunehmender Zeit konterte CODM immer gefährlicher und die jugendlichen Zuschauer der Heimseite (der Opa neben uns meinte noch recht treffend: „dima mashakil maâ sh-shabâb“ = „immer Ärger mit den jungen Leuten“) wurden unruhig, warfen Gegenstände und rüttelten am Zaun. Als in der 87. dann das herrlich herausgespielte 0:2 in den langen Winkel gesetzt wurde, war das Spiel gelaufen, ging noch flott zu Ende und wurde nach Abpfiff von einem Platzsturm mehrerer jugendlicher Union-Fans gekrönt, die die eine Eckfahne klauten. Schon toll, was in Mohammédia für Leute im Stadion rumkaspern… بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Nach dem Spiel traf ich mich mit Nathalie, die die letzten zwei Wochen mal wieder in Marokko war, in Mohammedia und wir fuhren noch ins benachbarte Casablanca.
Rücksichtslos durch den dichten Verkehr gedrängelt und wieder bei Abdelhadis Schwiegereltern: dort ging es weiter mit Essen und gut gestärkt auf die Autobahn nach Rabat, die voll war und hektisch zu fahren war. Ebenso chaotisch verlief es auf der Umfahrung der Hauptstadt, wo sich alle gegenseitig mehr rechts als links überholten und die Hupe mehr als die Bremse genutzt wurde. Dem stand die gähnende Leere auf der Autobahn nach Fès entgegen.

In Fès kamen wir noch vor 23 Uhr an, wobei ich noch kurz bei Abdelhadis Familie eingeladen war. Auch hier war es wieder so: staubige Straßen, hässliche Hausfassaden, aber innen prima eingerichtet. Schließlich zurück bei Khadija wurde ich schon erwartet: auch hier um 23 Uhr noch Essen auf dem Tisch und sogar das Internet funktionierte wieder einwandfrei, da ein befreundeter Techniker laut Zaki „mal kräftig auf das Modem gekloppt hat“… بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Statistik:
- Grounds: 1.033 (1 neuer; diese Saison: 62 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.937 (heute 1, diese Saison: 81)
- Tageskilometer: 660 (660km Auto)
- Saisonkilometer: 22.370 (21.370 Auto/ 950 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 8 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 380