Montag, 28. Oktober 2013

W378III: Typisches Spitzenspiel in Tetouan mit den typischen Rif-Problemen

---- Mogreb Atlético Tetuán (المغرب التطواني) ---
.............................. 0:0 (0:0) ...............................
Difaâ Hassani d’El Jadida (الدفاع الحسني الجديدي)
- Datum: Sonntag, 27. Oktober 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [ لبطولة الوطنية الاحترافية] (erste Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 0-0 nach 95 Min. (47/48) – Halbzeit: 0-0
- Tore: keine
- Verwarnungen: Nr. 4, Nr. ? (MAT)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Saniat Rmel, Estadio de Varela [ملعب سانية الرمل] (Kap. 10.000, davon 2.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 8.000 (darunter ca. 300 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 4,0/10 (Enttäuschendes Spitzenspiel mit ganz guter Stimmung) قمة الدوري بين المغربي التطواني و الدفاع الحسني الجديدي Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Football League: Mogreb Atlético Tetuán v Difaa Hassani El-Jedida
b) Rif Mountains: Tetouán Old Town

Die Hinweise des Auswärtigen Amtes zu Marokko sind zwar hysterisch, teils wirr und an mehreren Stellen schlichtweg unzutreffend (wie so oft beim AA), aber das Rif-Gebirge alleine zu bereisen birgt ein kleines Risiko von versuchten Erpressungen durch Drogendealer und ihre nicht minder kriminellen Kollegen von der Polizei. So war es mir sehr recht, dass wenigstens Driss und Zakariya Zeit fanden, mich zu begleiten. Chefchaouen (wo ich vorher schon mit meinem Vater war) ist nämlich so ziemlich die einzige Stadt im Rif, die angenehm zu bereisen ist – alles von Tetouan bis Berkane nördlich der Autobahn ist nicht ganz unproblematisch – und heute stand eine Hoppingtour nach Tetouan an.

Nach recht zügiger Fahrt über die Landstraßen durch die Berge, hatten wir die südliche Ortseinfahrt von Tetouan, dem bis 1956 vom faschistischen Spanien besetzte Tetuán, erreicht. Es grüßte uns eine Müllkippe, die teils auf die Straße gerutscht war… In der Altstadt sah es ähnlich chaotisch aus: die steilen und sehr engen Straßen waren extrem überlaufen, voller Marktstände (ob Obst, Elektroartikel, Unterwäsche oder Bohrmaschinen – jeder Scheiß wurde erster, zweiter oder dritter Hand angeboten) aber weder Taschendiebe noch Drogenhändler machten Ärger. Wir drei konnten ganz in Ruhe die alten arabischen und nicht ganz so alten spanischen Gebäude, die Moscheen, Kirchen und den Königspalast anschauen. Architektonisch ist Tetouan definitiv eine der besten Ecken Marokkos!

Erst nach dem sehr preisgünstigen Mittagessen in stadionnähe ging der Ärger los, der für das Rif-Gebirge mit seiner als asozial verrufenen kabylischen Bevölkerung so typisch ist. المشور يعني القصر الملكي في تطوان Driss hatte keinen Bock ins Stadion zu gehen und ging in ein Kaffehaus, da er sich von mir den Eintritt hätte bezahlen lassen müssen. Die Karten kosteten statt wie meistens 20 Dh. ganze 30 – und kaum hatten Zakariya und ich uns angestellt, gab es Ärger mit der Polizei. Dumme Menschen in Deutschland und anderswo meinen ja, dass das Verhalten der Polizei (vom rauen Ton bis zur schieren Gewalt) in Marokko und anderen Ländern so seien muss, da man sonst keine Ordnung reinbringen könnte. So dumme Menschen wissen aber nicht, dass die marokkanische Polizei nicht nur landesweit völlig korrupt ist, sondern speziell im Rif tief in den Drogensumpf verstrickt ist und dort semi-anarchistische Zustände bewusst zulässt. Die Ordnungsdurchsetzung ist also für den Arsch und das asoziale Verhalten noch lange nicht gerechtfertigt!

Jedenfalls meinten zwei Bullen: „Sie können durch, aber der Junge da bleibt draußen.“ Als ich noch ruhig sagte, dass das der Sohn von meinem Freund und Kollegen (man muss immer übertreiben: die dummen Bullen wissen eh nicht, was ne Gastfamilie ist, also waren Driss und ich nun „Lehrer“) ist und überhaupt kein Problem bestünde, meinte der jüngere, dass er das nicht so glauben könne. Nun wurde ich langsam lauter, was er eigentlich wolle (Shnu bghiti?). Als Zakariya leicht eingeschüchtert unsere Story beteuerte, schubste ihn der alte mit der Mütze (diese sagt aus, dass er mehr zu sagen hat als andere) zur Seite in eine Gruppe Fans. Da ich mir als Ausländer das leisten kann, stieß ich dem alten Hurensohn in den Rücken und brüllte ihn an, was die Scheiße soll (Shnu had l-khara‘?). Das motivierte die Fans, in die Zakariya geschubst wurde, und es gab ein ordentliches Handgemenge, das wir beide nutzten um die zweite der drei Kontrollen zu erreichen. Dort warteten die nächsten Idioten: einer hielt mich für einen Berber (es gibt einen Volksstamm der ist so blond wie ich: so einer von denen saß dann sogar schräg vor uns auf der Tribüne) und meinte nach Blick in meine Kameratasche: „Wehe du fotografierst uns! … Du musst aber auch reich sein, arbeitest du im Ausland?“ – „Ich bin Deutscher! Was willst du eigentlich?! (Zu einem Kollegen): Was will der Esel denn von mir?!“ – und der Kollege daraufhin: „¡Vale, vale - Entrar!“ (Spanisch für: „ist ja gut, geh rein“). Zakariya musste ich wieder bei der Hand nehmen und drei Mal laut sagen, dass das seine Richtigkeit hat. Die Hackfresse, die dann die Karten einsammelte guckte mich unfreundlich an, obwohl ich ihn wie es sich gehörte, mit einem „salamu aleykum“ die Karte hin hielt. Ich meinte zu ihm: „Inta Spanyoli“ (biste Spanier?). Er: „Ah?“ (Hä?) Ich: „Ah, ma titkellemsch l-‘arabiyya?!“ (na, du sprichst ja nicht Arabisch). Aber bevor es noch Streit gab, zog mich Zakariya in den Block, wo wir uns an den Rand setzten.

Auch er meinte mit seinen Erfahrungen mit Spielen und anderen Veranstaltungen in Fès, Meknés u.a., dass er noch nie solchen Abschaum in Uniform erlebt hat wie dieses asoziale Pack, das hier als Polizei und Ordnungsdienst von Maghreb Tetouan fungierte. Aber es war typisch, dass man unter den Sicherheitsleuten nur teilweise Araber erkennen konnte und mehr Kabylen und Berber (man achte auf Haut- und Haarfarbe). So abfällig und vorurteilsbeladen das jetzt klingen mag und so sehr mir viele Araber (auch meine ganze Gastfamilie) aus Respekt vor ihren Mitbürgern anderer ethnischer Herkunft wiedersprechen würden, aber der Abschaum Marokkos lebt definitiv im Norden, im Rif. Gerade in Chefchaouen habe ich viele nette Leute erlebt, aber das ist hier die Ausnahme in dieser Region. Heute in Tetouan hat nicht einer Notiz genommen, nicht einer gegrüßt und selbst im Stadion kam kein Gespräch mit einem Fan zustande, was Zakariya auch wunderte.
Hinterher wurde ich nur einmal angesprochen – und warum: der Wichser meinte, wenn ich Lust hätte, könnte ich mitkommen zu einem Freund, denn „der baut was Gutes an!“ Zu Zakariyas Belustigung schnauzte ich den Kabylen an:
Du Gauner, du bist doch kein Muslim, du hast doch keinen Glauben?!
Er: OK, ok. Du bist echt Muslim? … und verheiratet?
Ich: Hamdulillah (Gelobt sei der Herr).
Der Dreckskabyle: "Wie heißen du und deine Frau?"
Ich dachte mir, scheiße was sagste dem jetzt und tat so als hätte ich ihn nicht verstanden, woraufhin Zakariya meinte: „ah Karim, ajy“ (Karim komm jetzt).
Der Kifferkabyle: Karim, ja? Und deine Frau?
Ich: Fayza [eine Verwandte von meiner Gastfamilie], und jetzt lass mich in Ruhe, Alter!
Ob der Zakariyas unterdrücktes Lachen bemerkt oder mir das jetzt abgekauft hat oder nicht – den Spitznamen „Karim (Edler)“ hab ich jetzt weg bei meiner Gastfamilie und wenn Fayza das nächste Mal da ist oder Zakariyas und meine Facebooknachricht liest, gibt es auf jeden Fall was zu lachen… قمة الدوري بين المغربي التطواني و الدفاع الحسني الجديدي Zurück ins Stadion: schon über eine Stunde vor Anpfiff wurde es langsam voll im schicken, natürlich spanisch geprägten Stadion Saniat Rmel (Wasserrad an der Sandbank: ein entsprechender Fluss fließt hinter der Gästekurve entlang). Drei Seiten sind mit je 10 Steinstufen bestückt, hinter der einen Längsseite sind Arkaden mit Ziegeln errichtet, gegenüber gibt es eine modernisierte und überdachte Sitztribüne. Zwischen dieser und dem Gästeblock befindet sich noch eine ungewöhnliche Logenkonstruktion in einer Art Klubhaus.

30 Minuten vor Beginn gab es eine erste Schlägerei im Block, als aus unerkennbarem Grund ein Jugendlicher unter Schlagstockeinsatz aus dem Block gezogen werden sollte. Ein gut 20jähriger setzte aber einen guten Sprungtritt gegen den Oberkörper des Prügelbullen, sodass er fünf Stufen tiefer von den Kollegen aufgefangen werden musste, die nicht mehr in den „MATadores“-Block gelangten, nachdem sich locker 20 Leute einmischten… Danach blieb es weitestgehend ruhig im Stadion, nur etwa ein Viertel der Fans feuerte durchgängig an und dieses Viertel teilte sich auch in zwei Gruppen die mitunter was anderes anstimmten. Der Gästemob blieb ziemlich blass und wird sich nach spätestens 60 Minuten gedacht haben: was eine scheiß Auswärtsfahrt diesmal...

Das Spiel endete nämlich torlos und das war recht bald abzusehen: kämpfen, blockieren, Ball halten, taktieren, Schuss – abgeblockt, Schuss – gehalten, Schuss – vorbei… Hier sollte die Niederlage vermieden werden und wie so oft wenn 1. gegen 3. spielt, gingen die Zuschauer enttäuscht nach 90 torlosen Minuten Hause.

قمة الدوري بين المغربي التطواني و الدفاع الحسني الجديدي Was mich an den Spiel von MAT eigentlich mehr noch als die Tabellenkonstellation interessiert hatte, war deren Geschichte und die Spanischnutzung im Stadion. In der Tat wurden hier die Snacks mit „Bocadillos“ statt „Sandwich“ und „Zumo“ statt „‘Asîr“ (Saft) bezeichnet. Parallel zur Kolonialgeschichte verläuft auch die Vereinsgeschichte teils Spanisch teils Marokkanisch. Sogar Primera División hat der Klub schon gespielt, als Tetouan noch spanisch besetzt war wie Ceuta und Melilla bis heute! Historische Wappen und Fotos kann man sich bei der arabischen Wikipedia angucken!

Nach dem Spiel sahen wir zu in freundlichere Gefilde Marokkos zu kommen, nämlich zurück in die „arabische Hauptstadt“ Fès. Und dafür brauchten wir nicht mal dreieinhalb Stunden – 21 Uhr stand schon Khadijas prima Essen auf dem Tisch und Fußball war natürlich Thema Nummer 1: sie hatte die Spiele an der Glotze verfolgt und natürlich musste sich auch jeder von Zakariya anhören „ey, ich wurde von nem Polizisten umgeschubbt und Karim hat dann Streit gesucht und ein Typ wollte ihm Drogen verkaufen, da hat er richtig muslimisch geschimpft und übrigens ist Fayza jetzt seine Frau…“

Aber noch ein Satz was Beziehungen von Ausländern zu Marokkanern angeht: langsam wird mir klar, warum man in Marokko außer über vorherige Kontakte wie mit dem Homestay bei Khadija und Driss, so schwer Leute kennenlernt (im Gegensatz zu allen anderen arabischen Ländern, gerade auch im Gegensatz zum benachbarten Algerien) – dauernd hat man als Marokkaner Ärger mit den Bullen, wenn man mit Ausländern unterwegs ist! Von wegen „Du bist doch ein illegaler Guide, du willst doch nur an sein Geld oder an ein Visum seines Landes…“ und Widerspruch des Ausländers wird erst wahrgenommen wenn er laut und unfreundlich erfolgt! Nur in Gruppen (1, 2 Ausländer und 3 oder mehr Einheimische) scheint man von solchem Ärger verschont zu bleiben. Hier in Marokko hat mich jedenfalls noch keiner nach nem Spiel ins Kaffee oder gar zu sich heeme eingeladen wie damals in Syrien oder vor kurzem in Algerien: denn selbst in diesen Diktaturen würde es kein Polizist wagen, auf einen Einheimischen mit ausländischem Gesprächspartner zuzukommen und ihn als illegalen Guide oder sonst was anzuscheißen. Und wer meint, es ginge hier nur um das Wohl der Touris vor der realen Gefahr der illegalen Abzocker, der hat noch immer nichts kapiert: es geht einzig und allein um die Aufbesserung des polizeilichen Geldbeutels, denn die Gangster in Uniform versuchen (was ich bisher beide Male erfolgreich verhindern konnte) die Einheimischen zur Zahlung von Bestechungsgeld („gib mir 20 Dh. und ich lass euch in Ruhe“) zu erpressen! طبيعة قريب من شفشاون Statistik:
- Grounds: 1.029 (1 neuer; diese Saison: 58 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.929 (heute 1, diese Saison: 73)
- Tageskilometer: 570 (570km Auto)
- Saisonkilometer: 20.430 (19.470 Auto/ 910 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 0 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 378

W378II: Unter Ultras beim Kellerduell im Nordosten

Renaissance Sportive de Berkane
---- (نادي النهضة الرياضية البركانية) ----
...................... 0:2 (0:2) ..................
----- Chabab Rif Al-Hoceima -----
------- (نادي شباب الريف الحسيمي) ------
- Datum: Samstag, 26. Oktober 2013 – Anstoß: 15.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 0-2 nach 96 Min. (47/49) – Halbzeit: 0-2
- Tore: 0-1 17. Abdessamad al-Moubaraky (Handelfmeter), 0-2 20. Nabil Oumghar
- Verwarnungen: Nr. 10 (RSB); Nr. 23 (CRAH)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade d’Honneur d’Oujda [الملعب الشرفي] (Kap. 30.000, davon 1.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 500 (ca. 400 Berkane- und 100 Hoceima-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Der übliche Abstiegskampf, aber vom Ultrablock aus gesehen war das Spiel einfach mal klasse…) مركب الرياضي بوجدة Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Football League in Oujda: Renaissance Berkane v Chabab Rif Hoceima
b) North-East Morocco: Oujda Old Town, Msoun Kasbah

Freitag war noch unterhaltsamer als sonst. Rita hielt mir vorm Frühstück ihr Hocharabischbuch vor die Nase: „Das ist für uns in der 2. Klasse – ließ mal, Bruder!“ Ist gar nicht mal so uninteressant was da drin steht: von der Liebe zum Vaterland, das so schön ist mit seinen Bergen und Wüsten, Meeren und Seen sowie den so unterschiedlichen Bewohnern (!) oder auch Umwelterziehung mit religiösen Begründungen; „Verletze diesen Vogel nicht, mein Junge – denn Gott schuf ihn so wie er uns schuf, er atmet so wie wir atmen, fühlt Schmerzen so wie wir sie fühlen…“
Im Institut gab es dann noch das traditionelle Couscous, gratis für alle Studenten und Mitarbeiter.

Aber die Ansetzungen des Verbandes waren mal wieder scheiße: Khouribga gegen WAF am Freitag (wie sollen wir da bitte hinfahren wenn ich bis 14.30 Sprachkurs hab?!) und Samstag waren die einzigen neuen Grounds Marrakesch (7 Stunden pro Richtung und dann noch 20h) und Oujda (4h Fahrt und 15h Anstoß). Die Wahl fiel natürlich auf letzteres Spiel, das kurz vor der immer noch geschlossenen algerischen Grenze ausgetragen wurde. النهضة البركان و شباب الريف الحسيمة لعب في وجدة Am Abend vorher war noch eine Familienfeier von der mütterlichen Seite, sodass nur die Jungs übrigblieben und von denen musste heute einer arbeiten und die beiden anderen waren krank. So brach ich diesmal alleine auf. Die Autobahn kostet von Fès bis zum Streckenende in einem westlichen Vorort von Oujda ganze 92 Dirham (8,40€!). Die Hinfahrt unterbrach ich auf etwa halber Strecke in Msoun. Die Mautstation vor diesem fast völlig verlassenen Kaff war ungewöhnlicherweise mit einem Mann besetzt: normalerweise arbeiten da nur Frauen. Typischerweise musste ich den versifften Spast anweisen, auch die kompletten 55 und nicht nur 50 Dirham Wechselgeld herauszurücken. Bei den Frauen an den Mautstationen braucht man überhaupt nicht nachzählen – die sind ausnahmslos vertrauenswürdig und meistens auch sehr höflich. In der ganzen Zeit, die ich jetzt schon hier bin, wollte mich ohnehin noch nie eine Frau bescheißen und jede mit der ich hier irgendwie gesprochen habe war höflich bis sehr herzlich – aber so etwa jeder fünfte Mann versucht seine Mitmenschen (auch andere Marokkaner, aber natürlich noch mehr Ausländer) zu seinem Eigennutz zu verarschen!

Msoun besuchte ich wegen der Kasbah die an der Autobahn ausgewiesen ist. Vom Hügel aus sieht man das recht verfallene Teil schon sehr eindrucksvoll. Die Seitenlänge der quadratischen Umfassungsmauern beträgt je 250m, ursprünglich war die Anlage aber rechteckig (500m x 250m). Sie sind außerdem bis zu sechs, sieben Meter hoch mit Zinnen und Turmspitzen. In der Kasbah selbst stehen größtenteils verfallene aber teilweise noch bewohnte Häuser. Als ich die Anlage besichtigte, tobten nur ein paar Kinder herum, die in keiner Form aufdringlich waren, sondern nur zurückhaltend winkten.

Wieder dieselbe Auffahrt genutzt und ab nach Oujda. Denn das Spiel von Berkane gegen Hoceima wurde nicht im Stadion von Berkane, die alte kleine Bruchbude darf nur noch für Jugend-, Reserveliga und unterklassigen Fußball genutzt werden, sondern in Oujda (beide Orte liegen 60km auseinander) ausgetragen. Oujda ist die größte Stadt in Nordost-Marokko. Entsprechend überwiegen bei 700.000 Einwohnern die Neubauten. Aber auch einige Neubauten sind sehenswert: vor allem die Moscheen am Westrand der Stadt. Die Altstadt ist durchsetzt und von einer teilweise unterbrochenen mittelalterlichen Stadtmauer umgeben. Insbesondere die Mauer zur Hauptmoschee hin ist sehr gut erhalten. Zwischen den beiden Stadttoren liegen meist einfache Häuser, vereinzelte Moscheen und ein überdachter Markt. Außerdem gibt es einen recht ordentlichen Park. Insgesamt fühlte ich mich wie in Algerien: kein einziger Tourist außer mir zu sehen, ab und an grüßten Leute freundlich und niemand wollte einem irgendwelche Scheiße andrehen…

Insbesondere in der Gegend am Rand der Innenstadt wo ich kostenfrei parkte und kostengünstig in einem kleinen Restaurant aß, fiel mir wieder ein, was ich letzte Woche mal mit Fayza und Khadija im Fernsehen über Oujda gesehen hatte: die Flüchtlingsproblematik in der Region Orientale, wo sich 10.000 Senegalesen, Nigerer u.a. ohne Papiere aufhalten. Die beiden waren, als gute Musliminnen die auf die Pflicht der Reicheren Arme zu unterstützen pochen, wirklich entsetzt, als ein Marokkaner der vom Staatsfernsehen interviewt wurde, in etwa meinte: „de depperten Neescher solln wieder innen Urwald zurückgehen, hier jibts keene Arbeit – nich ma für Marokkaner – und Diebe und Bettler wolln wir ooch nich!“ Ist doch echt toll, dass die Asyldiskussionen in Marokko genauso niveauvoll geführt werden wie in Deutschland… وجدة Eine Stunde vor Anpfiff war ich am Sportkomplex: ein großer Parkplatz, eine große futuristische Sporthalle und ein großes, etwas veraltetes Stadion. Bis auf den mittleren Teil der überdachten Längsseiten mit seinen Bänken und Sitzen gibt es nur Stehplätze. Von denen sind jene links von der Haupttribüne in schwarz-weiß (USM Oujda) bzw. rechts davon in grün-weiß (Moloudia Oujda) gehalten. In der grün-weißen Kurve („Curva Taliban“ genannt) gab es heute schwarz und orange zu sehen: Renaissance (Nahda, die arabische Wiedergeburt) Berkane war Gastgeber. In der anderen Kurve standen die blau-weißen von Chabab Rif (Kabylische Jugend) aus Al-Hoceima vom Mittelmeer.

Als mich der freundliche Polizist am Eingang auf Deutsch fragte ob ich zu den Fans von Berkane oder von Hoceima will, konnte ich mir noch verkneifen, dem „zu den Fans von Berkane“ noch ein „denn die Asis aus Hoceima haben doch bestimmt Gras am Start“ hinterherzuschicken… Also der Gästemob war höchst dürftig und wenig stimmgewaltig – wahrscheinlich haben die wirklich bei ein paar Joints gechillt, so wie im Ultra-Block von Berkane gewitzelt wurde…

In den wollte ich eigentlich auch erst gar nicht, aber einer der älteren Ultras (der hatte wenigstens nur den Spitznamen „Simo“, andere nannten sich „Jamaikawy“, „Hashishi“ oder „Oldschool“), mit dem ich mich nach der deutschen Begrüßung aber auf Arabisch weiter unterhielt, bat mich, bei der Choreo mitzumachen. Und da blieb ich auch nach dem Entrollen der schwarzen und orangen Handflaggen und Spruchbänder die minutenlang unter herrlichen Gesängen präsentiert wurden. Trotz der schlechten Leistung von RSB wurde, von einzelnen Unmutsbekundungen abgesehen, durchgängig gefeiert, gesungen und gepogt. Auffällig war dabei, wie beim Pogen auf die drei Mädchen im Blog (selbst auf die, die ihre Kumpels immer provozierte und kräftig schubste) und auf mich Rücksicht genommen wurde. Niemand rempelte einen von uns vier auch nur leicht an, während sich andere mehrere Stufen runterstießen oder voll auf die Stehränge tackelten.

Interessant war auch das Liedgut, das nie gegen den König aber regelmäßig gegen den demokratisch gewählten Benkirane („Politik von gestern“), gegen seine Regierung („wir nehmen uns unsere Freiheiten“) und die korrupte Polizei („grüne Mafia“, „ACAB“, „puta policía“ und besonders gut: „nehmt uns fest, wir sind Fußball-Taliban“) ging. Ansonsten wurde natürlich für die Mannschaft gesungen und auch mal der Gegner (freundlich und ernst gemeint!) gegrüßt (tahiyyat Berkaniyya Jamahir ar-Rifiyya). Aber von den Kiffer-Kabylen kam kein Gruß zurück…

Die Gäste konnten aber sehr zufrieden sein mit ihrer Elf, denn in einem mittelmäßigen, da sehr vom üblichen Abstiegsk(r)ampf geprägten Spiel, legten sie nach der Anfangsoffensive von RSB zwei Tore vor – eins per Handelfmeter und ein anderes nach einer Ecke nur drei Minuten später – die sie bis zum Ende verteidigen konnte. Somit hat auch Chabab Rif Hoceima nun einen Sieg auf dem Konto (sie waren nach 5 Spieltagen die einzige Mannschaft ohne 3er) und ist punktgleich mit Berkane und Wydad Fès am Tabellenende.

Ich ging gleich zum Auto, tankte noch vor der Autobahn voll (aber auch auf der Autobahn wäre OK gewesen, denn der Sprit kostet überall gleich: Normalbenzin 12,60, Super 12,80 (nur bei Shell und wenigen anderen erhältlich), d.h. 1,145 bzw. 1,16), und fuhr in einer prima Zeit nach Fès zurück: 20.30 war ich heeme, wo blöderweise Khadija noch nicht da war, sodass Driss das Essen aufwärmen musste – und wie Malika schon anmerkte: noch nicht mal das bekommen marokkanische Männer in der Küche hin... Aber ordentlichen Tee kann er immerhin kochen, was gar nicht so einfach ist bei dem aufwendigen Vorgang! النهضة البركان و شباب الريف الحسيمة لعب في وجدة Statistik:
- Grounds: 1.028 (1 neuer; diese Saison: 57 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.928 (heute 1, diese Saison: 72)
- Tageskilometer: 710 (710km Auto)
- Saisonkilometer: 19.860 (18.900 Auto/ 910 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 13 [letzte Serie: 178, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 378

Mittwoch, 23. Oktober 2013

W378I: Pokalhalbfinals in Fès

Raja Club Athletic de Casablanca
----------- (الرجاء البيضاوي) -------------
.......................... 1:0 .........................
----- Olympique Club de Safi ------
------------- (أولمبيك آسفي) --------------
- Datum: Dienstag, 22. Oktober 2013 – Anstoß: 17.00
- Wettbewerb: Coupe du Trône [كأس العرش] (Halbfinale des Marokkanischen Fußballpokals, Pokal des Thrones; beide Teams Botola 1, 1. Profiliga)
- Ergebnis: 1-0 nach 98 Min. (47/51) – Halbzeit: 0-0
- Tor: 1-0 53. Mohsen Iajour
- Verwarnungen: Abdelghani Maâoui (OCS)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Complexe sportif de Fès [لفاس الرياضي المركب] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 15.000 (darunter ca. 6.000 Raja- und 2.500 OCS-Fans)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Raja überzeugte in einem allenfalls mittelmäßigen Spiel trotz Sieg nicht wirklich, nur der Anhang beeindruckte wieder einmal)

---- Raja Beni Mellal ----
------ (رجاء بني ملال) --------
.............. 5:6 n.E. ............
Difaa Hassani El-Jadida
--- (الدفاع الحسني الجديدي) ---
- Datum: Dienstag, 22. Oktober 2013 – Anstoß: 20.00
- Wettbewerb: Coupe du Trône [كأس العرش] (Halbfinale des Marokkanischen Fußballpokals, Pokal des Thrones; Botola 2, Halbprofiliga gegen Botola 1, 1. Profiliga)
- Ergebnis: 5-6 nach 128 Min. (45/50; 16/17) und Elfmeterschießen – Halbzeit: 0-0, Reguläre Spielzeit: 2-2, Verlängerung: 0-0, Elfmeterschießen: 3-4
- Tore: 1-0 46. (NN), 1-1 53. Naby Soumah, 2-1 60. (NN), 2-2 66. Zakariya Hadraf
- Elfmeterschießen: 3-2 (33), 3-3 (14), 4-3 (10), 4-4 (30), 5-4 (61), 5-5 (29), 1 hält 11m von 9, 5-6 (26), NN trifft die Latte
- Verwarnungen: 2x Nr. 14 (RBM)
- Platzverweise: Nr. 14 von RBM (8. Min. d. Verl.; gelb-rot wg. wdh. Fouls)
- Spielort: Complexe sportif de Fès [لفاس الرياضي المركب] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 7.000 (darunter ca. 2.500 RBM- und 2.000 DHJ-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Schwache erste Hälfte, doch sehr gute zweite, spannende Verlängerung und als Krönung Elfmeterschießen) نفص نهائي كاس العرش - رجاء البيضاوي مع اوليمبيك اسفي Photos with English and Arabic Commentary:
Semi-Finals of the Moroccan Football Cup: Raja Casablanca v OC Safi and DHJ El-Jadida v Raja Beni Mellal (Played at Fès)

Video:
a) Raja Supporters Chanting during Match
b) RBM and DHJ supporters chanting, and DHJ score their second goal

Ums Internet steht es in Marokko nicht so schlecht, wie mir einige vorher erzählt haben. In Fès geht es durchweg besser und schneller als z.B. in Merseburg. Auch der tschechische Kommilitone Vojtech meinte, es sei besser als in der Heimat in Plzen. Nur manchmal gibt es Schwierigkeiten mit den (oft sehr billigen) technischen Geräten: jetzt ist irgendwas am Router im Arsch, sodass wir uns tagelang bei einem Nachbarn einloggten. Aber das ist ja kein Dauerzustand und da die LAN-Verbindung sehr gut geht, schickte ich Muhammad los, dass er mir nach dem Unterricht diesen Dienstag ein zweites LAN-Kabel kauft. Von den 100 Dh. die ich ihm mitgab kamen nur 25 zurück, aber immerhin funktioniert es und mit 7,30€ für ein 20m-Teil war es auch billiger als in Deutschland. Ach so: nicht dass sich einer wundert, dass ich hier Leute herumschicke, aber das ist in Marokko so üblich; jüngere holen für ältere das Essen aus der Küche oder Sachen aus einem Laden oder was auch immer…

Die Benutzung des Internets ist in Marokko übrigens teilweise anders als in Deutschland: denn arabische Tastaturen sind selten und die meisten Leute zu faul Tools wie dieses hier von Al-Maany  zu benutzen. Also wird in einem arabisch-französisch-englisch Slang gechattet und anderweitig kommuniziert, der sich mit lateinischen Buchstaben schreibt und unheimlich viele Abkürzungen nutzt. Zum Beispiel: „cv“ – und die Antwort: „hmd“ (ca voir/ wie geht’s – al-hamdu li-llah/ Gottseidank gut).

Nach dem erwähnten Arabischunterricht war ich diesen Dienstag auch noch beim Fußball. Zum ersten Mal besuchte ich ein Spiel in Marokko mit dem Fahrrad – denn zum Stadion von Fès ist es zwar voll durch die ganze Stadt, aber mit dem Auto ist man kaum schneller und so lang ist die Strecke wirklich nicht… نفص نهائي كاس العرش - رجاء البيضاوي مع اوليمبيك اسفي Die Halbfinals des marokkanischen Pokals werden (ebenso wie natürlich das Finalspiel) auf einem neutralen Platz ausgetragen. Praktischerweise dieses Jahr in Fès. Wie ich befürchtet hatte, sollte sich das Stadion als etwas überdimensioniert herausstellen – aber die Sicherheitskräfte konnten so große Pufferzonen zwischen den Fanblöcken aufbauen. Ich holte mir die billigste Kategorie (30 Dh. = 2,75€ für beide Spiele). Ich landete irgendwie im Asfi-Block (zu den Fischköppen wollte ich eigentlich überhaupt nicht hin, aber ich hatte die Schilder nicht gelesen), saß dort keine fünf Minuten und schaute den Rajawy und den OCS-Fans rechts von mir beim Pogen zu, und schon kamen die Teams.

Das erste Halbfinale bestritten Raja Casablanca und Olympique Asfi. Die Rollen waren klar verteilt, die Stimmung ging auch stärker von Raja aus (mehr Liedgut, Dauersupport und mehr Pyrotechnik) und die marokkanische Starmannschaft von Raja spielten gemächlich nach vorne und ließen hinten kaum etwas zu. Es dauerte aber bis kurz nach der Pause ehe ein Abpraller unter die Latte gedonnert wurde. Nach dem 1:0 für Raja lief das Spiel genau so weiter wie vorher. Wer die im Finale stoppen soll, weiß ich nicht…

Stoppen wollen sie die Spieler von Difaa al-Hassani aus El-Jedida. Diese hatten die Überraschungsmannschaft aus Liga 2, Raja Beni Mellal, vor der Brust. Der Zweitligist war lange aktiver und hatte die besseren Chancen, aber es passierte vor der Pause eh nicht so viel. Nach dem Seitenwechsel mit dem ersten Angriff dann aber ein geniales Tor: 1-0 für Raja BM! Kurz darauf jedoch der Ausgleich. Nun ging es Schlag auf Schlag: Raja erzielte wieder ein klasse Tor und daraufhin glich El-Jedida erneut aus. Mittlerweile auch gute Stimmung mit Pogo und Pyro auf beiden Seiten.

In der Verlängerung flog einer von Beni Mellal wegen wiederholtem Foul vom Feld, was zu massiver Zeitschinderei führte. Schließlich ging es ins Elfmeterschießen. Nach je drei sicher verwandelten Schüssen, trat ein RBM-Kicker zu ungenau auf und der DHJ-Keeper blockte ab. Nach dem 3:4 dann eine kritische Entscheidung des sehr guten Schiris: Ein Schuss gegen die Unterkante der Latte, der Ball springt auf oder hinter die Linie und keiner ist sich sicher ob die Pille drin war oder nicht, aber der Schiri erkennt nach einigem Zögern auf „kein Tor“. نفص نهائي كاس العرش - رجاء البيضاوي مع اوليمبيك اسفي Meine Gesprächspartner, die zu fünft in einem Kleinwagen gekommen waren und (da geldsparend über Landstraßen gurkend) mit einer Rückkehr in El Jedida um 7 Uhr morgens rechneten – Bemerkung von Amin: „Nur Abderrazzaq der faule Affe arbeitet nicht, aber wir vier müssen alle gegen 8 auf dem Posten sein und Überstunden machen, da wir heute den halben Tag freigenommen haben für das Spiel. Hoffentlich ist der Chef nicht da, da kann man im Büro ausschlafen…“ – waren natürlich sehr zufrieden.

Das Stadion wurde übertrieben schnell von der wie üblich dumm und aggressiv auftretenden Polizei geräumt und ich kam bis zum Saha al-Muqawamah problemlos so wie ich gekommen war. Dann bemerkte ich den starken Druckabfall im Hinterrad und konnte die restlichen 2,5km heeme nur noch schieben. Die Scherben und Metallteile auf der Hauptstraße sind halt für die neue Decke vorne kein Problem, aber der alte Reifen hinten konnte einfach nicht mehr lange halten. Also vorm Unterricht am Mittwoch schnell mal zu Hassan und den Mist reparieren lassen…
Ich kam durch das lange Spiele und die Panne erst kurz vor Mitternacht zurück ins Haus, wo aber fast alle noch wach waren. Khadija stellte gleich unaufgefordert Essen für mich auf den Tisch. Bei mir heeme in Merseburg hätte ich mir um die Zeit selber etwas machen müssen... نفص نهائي كاس العرش - رجاء بني ملال و الدفاع الحسني الجديدة Statistik:
- Grounds: 1.027 (0 neue; diese Saison: 56 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.927 (heute 2, diese Saison: 71)
- Tageskilometer: 40 (40km Fahrrad)
- Saisonkilometer: 19.050 (18.190 Auto/ 910 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 12 [letzte Serie: 178, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 378

Dienstag, 22. Oktober 2013

W377III: Familienausflug zum Frauenfußball

--- Chabab Atlas Khénifra/ Dames ----
--------- (شباب اطلس خنيفرة - نساء) ----------
.............................. 9:0 ...........................
Association Najah Azrou 2008/ Dames
------- (نادي الرياضي نجاح ازرو - نساء) -------
- Datum: Sonntag, 20. Oktober 2013 – Anstoß: 16.00
- Wettbewerb: Coupe du Trône de Football Féminin [كأس العرش لالكرة القدم نساوي] (Frauenfußball-Pokal des Thrones; 1. Runde, Gruppe Nord/ Mitte – 1. Liga Nord gegen 2. Liga Nord)
- Ergebnis: 9-0 nach 92 Min. (45/47) – Halbzeit: 5-0
- Tore: 1-0 (?), 2-0 (?), 3-0 19. (8), 4-0 22. (9), 5-0 45. (10), 6-0 50. (8), 7-0 65. (9), 8-0 69. (13), 9-0 71. (10)
- Verwarnungen: Nr. 8, 13 (CAKH); Nr. 9 (ANA)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Khénifra [ملعب البلدي بخنيفرة] (Kap. 5.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 100 (darunter ca. 20 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Mittelmäßiges und sehr einseitiges Spiel) كاس العرش لالكرة القدم النسوي - شباب اطلس خنيفرة و نجاح ازرو Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Women’s Football Cup: Chabab Atlas Khenifra eliminate Najah Azrou
b) Middle Atlas: Ain Leuh, Ayoun Oum er-Rabia, Khenifra

„Hey Göran, Mutti hat gesagt, du willst morgen mit uns allen nach Khénifra fahren! Ich hab die Ansetzungen auf FRMF gesehen, vielleicht können wir Frauenfußball gucken?!“ – „Ey Zakariya, was meinst du, warum ich die Fahrt nach Khénifra vorgeschlagen habe…“
Also dass meine Gastfamilie bei der Wochenendgestaltung mitdenkt und Sportveranstaltungen vorschlägt, wundert mich nicht – aber das bei normalen marokkanischen Familien selbst Frauenfußball mittlerweile so akzeptiert ist, dass man es völlig selbstverständlich in Erwägung zieht, bei völlig unbekannten Mannschaften zuzugucken, wunderte mich schon. Aber etwas anderes als Frauenfußball gab es auch komischerweise nicht an diesem letzten Ferientag…

Das Frühstück mitsamt Picknickkram inklusive Campingkocher im Kofferraum (im marokkanischen Dialekt vom Deutschen abgeleitet „Koffer“ genannt) verstaut und schon ging es um 7.30 Uhr gen Süden. Mal wieder sechs Leute im Fünfsitzer: bis auf Mohammed, der sich mit Freunden verabredet hatte, kamen alle mit. Bis zum Nordeingang von Azrou war alles längst bekannt, nach dem Tankstopp dort wurde es aber interessant. Auf erstaunlich gut beschilderten aber mäßig geteerten und extrem engen Straßen ging es durch schöne Berglandschaft mit zumeist dichtem Nadelwald und Hochweiden oder Almen an Tioumline vorbei nach Ain Leuh. Irgendwo auf einer steinigen Hochebene hinter Ajabo frühstückten wir auf einem von Bäumen beschatteten Felsen. In Sichtweite befanden sich die ersten Nomadenzelte der verarmten Almbauern die hier umherziehen.

In diesem Höhenzug des Mittleren Atlas, der zwischen den reichsten Orten Marokkos (Ifrane, Azrou) und einigen Atlas-Arbeitszentren (Khénifra, Kasba-Tedla) liegt, siedeln kaum Menschen. Zwischen Ifrane und Ain Leuh sind sogar einige Ansiedlungen aufgegeben und bis zu unserem Sightseeingziel, den Quellen (Ayoun, Sources) des Oum er-Rabia sind so gut wie keine festen Behausungen sondern nur vereinzelte Zelte zu sehen.

Die Ayoun Oum er-Rabia sind (mittlerweile, wie Driss und Khadija etwas verärgert feststellten) touristisch voll erschlossen. 5 Dh. fürs Parken, 50 Dh. für die Miete einer Picknickhütte, 3 Dh. für die Besichtigung der Hauptquelle mit ihrem Wasserfall, überteuerte Preise im kleinen Laden… Aber was natürlich noch nicht auf den neusten Stand gebracht wurde, waren die Zufahrtsbrücke (unbefestigt und einspurig) und die Telekommunikationsmöglichkeiten: in der Umgebung gibt es überhaupt keinen Radioempfang und der Versuch von Fayza mich anzurufen, scheiterte am Handy-Empfang. Die Ayoun er-Rabia sind übrigens so bekannt und überlaufen, dass man mitunter Bekannte trifft: als irgendwann eine Gruppe von vier Asiaten und einer Marokkanerin an uns beim Picknick vorbei lief, musste ich zwei Mal hingucken, ob das wirklich meine Lehrerin Fatima aus dem Institut war. Als ich Khadija darauf aufmerksam machen wollte, kreischte sie aber auch schon in der hier üblichen Art los: „Aaaaah, Fatiiiiiiiimmaaa! Shnou kandiri hna?! Was machst du denn hier?!“ Wie üblich folgte erst mal ein 15minütiges Gespräch beim süßen Minztee, ehe sie ihre asiatischen Gäste weiter rumführen konnte… وادى ام الربية Danach beeindruckte ich mal wieder mit meiner Fahrweise – Driss: „Wie oft bist du diese enge Bergstraße schon gefahren?“ Ich: „Das ist das erste Mal“ Driss: „Und da fährst du hier mehr als 80?!“ Ich: „Na, hier ist doch keine Verkehrspolizei…“ Driss: „Hehe, so denkt ein richtiger Marokkaner!“ – aber wir hatten zu lange an den Quellen beim Picknicken gebummelt, sodass wir das Stadion von Khénifra erst in der 10. Spielminute betraten.

Wie zu befürchten war, war der Favorit schon in Führung gegangen: Chabab Atlas (Atlasjugend) ist eine der besten Mannschaften im marokkanischen Frauenfußball und auch wenn sie heute mit ihrer zweiten Mannschaft (oder U18) dieses Pokalspiel bestritten – der Zweitligist aus Azrou war völlig unterlegen! Und da heißt der Vereinsname auch noch „Erfolg“ (Najah) – nicht einmal einen einzigen Torerfolg hatten sie in dem Duell…

Chabab Atlas spielte ohne zu glänzen die Abwehr ein ums andere Mal aus. Das Spiel war recht langsam und bei Azrou stimmte gar nichts: nur weite Pässe auf die Stürmerinnen führten ab und an zu gefährlichen Situationen im Strafraum der Heimelf. Bei Chabab Atlas sah das selbst in dieser Zweitbesetzung sehr viel besser aus: hier lief der Ball immer wieder über fünf Stationen, ehe abgeschlossen wurde. Und teilweise wurde sogar richtig gut abgeschlossen: zwei Tore wurden aus mehr als 20m Entfernung mit hohen Schüssen erzielt. Dass es „nur“ 9:0 und nicht wie von mir und Driss getippt 10:0 ausging, lag am komischen Schiri, der den Ball bei der direkt verwandelten Ecke im Aus gesehen haben will. Da schafft es mal eine, die Ecke herrlich direkt in den langen Winkel zu verwandeln und dann wird das fragwürdigerweise abgepfiffen! Das war aber auch die einzige Szene, nach der es Ärger unter den rund 100 Zuschauern gab: ansonsten wurde nur wohlwollend applaudiert und selten etwas angefeuert.

Nach dem Spiel guckten wir noch das direkt am Stadion gelegene, ähhh sagen wir mal „historische Stadtzentrum“ an: Vorm Stadioneingang neben dem Parkplatz befindet sich eine verfallene und teils neu bebaute Kasbah mit drei erhaltenen Türmen und dahinter spannt sich eine von den Portugiesen im 17. Jh. erbaute Brücke über den Oum er-Rabia…

Bei Dunkelheit über die Straßen zu brettern war natürlich etwas schwierig, aber wir kamen schon kurz nach 21 Uhr wieder zurück nach Fès. Mal schauen, wie es nächstes WE mit der Tour zum Spiel von Khouribga und Wydad Fès klappt… كاس العرش لالكرة القدم النسوي - شباب اطلس خنيفرة و نجاح ازرو Statistik:
- Grounds: 1.027 (1 neuer; diese Saison: 56 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.925 (heute 1, diese Saison: 69)
- Tageskilometer: 380 (380km Auto)
- Saisonkilometer: 19.010 (18.190 Auto/ 870 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 10 [letzte Serie: 178, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 377

Sonntag, 20. Oktober 2013

W377II: Aïd al-Adha in Fès – vom Hammel im Innenhof, ruhigen Tagen, korrupten Polizisten udn der dreistündigen Wanderung zur Kasbah Nesrani...

عيض الاضحى في فاس Photos with English and Arabic Commentary:
a) Eid el-Adha, the Islamic Festival of the Sacrifice (in Fès)
b) JEBEL ZERHOUN: KASBAH NESRANI AND SURROUNDING VILLAGES

Derzeit ruht das Leben in Fès und anderen Orten Marokkos und der islamischen Welt etwas. Viele Leute sind im Urlaub bei Verwandten, öffentliche Einrichtungen (auch Unis, Schulen) etc. haben bis einschließlich Sonntag 20.10. geschlossen, es werden zwar Ausflüge in die Umgebung unternommen, aber kaum einer verreist in andere Regionen des Landes, wenn er dort keine Verwandtschaft hat, oder gar ins Ausland. Es ist die Zeit des Aid al-Adha (Opferfest) oder auch Aid al-Kabir (Großes Fest) genannt.

Beim Opferfest ist der zentrale Teil die Schlachtung eines Hammels oder anderen zum Verzehr gedachten Tieres – arme Leute müssen z.B. auf Hühner zurückgreifen, wobei es dazu Karikaturen gibt, wie diese die mir ein algerischer Freund geschickt hat (in der Sprechblase steht „mach määääh!“) Diese rituelle Schlachtung in Form der althergebrachten Schächtung (ein Interview mit einem Tierarzt der wirklich Ahnung zu haben scheint und sich zur Schächtung äußert findet sich hier bei der „Zeit“) wird des Propheten Ibrahim (Abraham) gedacht, der nach muslimischer Überlieferung eine Probe Gottes zu bestehen hatte: er war bereit seinen Sohn Ismael Gott zu opfern. Gott sah darin die enorme Liebe Ibrahims zu Gott und meinte dann in etwa: „lass die Scheiße mit deinem Sohn und nimm nen Widder oder Hammel!“ Ibrahim und Ismail opferten also einen Widder, dessen Fleisch Freunden und Bedürftigen zu Gute kam.

Im Koran steht dazu in etwa Folgendes (finde ich auch mit Kontext drumherum auf Deutsch oder Englisch fast so schwer verständlich wie im Arabischen):
Als dieser das Alter erreichte, daß er mit ihm laufen konnte, sagte er: „O mein lieber Sohn, ich sehe im Schlaf, daß ich dich schlachte. Schau jetzt, was du (dazu) meinst.“ Er sagte: „O mein lieber Vater, tu, was dir befohlen wird. Du wirst mich, wenn Gott will, als einen der Standhaften finden.“ Als sie sich beide ergeben gezeigt hatten und er ihn auf die Seite der Stirn niedergeworfen hatte, riefen Wir [= Gott] ihm zu: „O Ibrāhīm, du hast das Traumgesicht bereits wahr gemacht.“ Gewiß, so vergelten Wir den Gutes Tuenden. Das ist wahrlich die deutliche Prüfung. Und Wir lösten ihn mit einem großartigen Schlachtopfer aus. Und Wir ließen für ihn (den Ruf) unter den späteren (Geschlechtern lauten): Friede sei auf Ibrāhīm!“ So vergelten Wir den Gutes Tuenden. Er gehört ja zu Unseren gläubigen Dienern. Und Wir verkündeten ihm Isḥāq als einen Propheten von den Rechtschaffenen. Und Wir segneten ihn und Isḥāq. Unter ihrer Nachkommenschaft gibt es manche, die Gutes tun, und manche, die sich selbst offenkundig Unrecht zufügen.

Die Bibel ist nicht so schwer verständlich und die Personen sind fast dieselben:
Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: … Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. … Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. … Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! … Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. … Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen. عيض الاضحى في فاس Bei meiner Gastfamilie kam dann mal ein Bekannter, der Metzger ist und zum Freundschaftspreis den Hammel am Vormittag nach dem Gebet und der Fernsehansprache des Königs schlachtete. Nur Rita guckte anfangs noch mitleidig, für die anderen war das schon normal, dass man einmal im Jahr direkt dabei zuguckt, wie das Tier in zwei Minuten ausblutet und dann gehäutet wird. Der Fleischer half noch beim Ausnehmen der Innereien und Gedärme die alle in Schüsseln sortiert worden. Die Teile, die unbrauchbar sind, werden weggeworfen – fast alle Innereien und das komplette Fleisch werden aber nach und nach in den nächsten Tagen gegessen. Da das ganze Vieh nicht in den Kühlschrank passt und nicht einfach auf dem Küchentisch liegen darf, wurde es an einem Seil von meinem Balkon zum Innenhof hin aufgehängt und erst mal auf Lufttrocknung geschickt. Sieht dann halt erst mal aus wie in einer kleinen Fleischerei hier und im Innenhof darf auch derzeit niemand mehr Fußball spielen, da es Ärger mit den Eltern gibt, wenn der Hammel abgeschossen würde…

Dass man dauernd diesen Schlachthofblick hat, wenn man im Innenhof isst, stört hier keinen. Wir haben uns noch gegenseitig mit dem hängenden Hammel fotografiert. Ich kenne aber auch Muslime (v.a. junge Frauen wie Khadijas jüngste Schwester Fayza) die nicht so begeistert sind vom Opferfest, da sie einfach so tierlieb sind, dass sie sich immer in einem anderen Raum aufhalten, bis der Hammel fertig ausgenommen ist und dann auch immer diesen Anblick des Viehs am Fleischerhaken versuchen zu meiden… سد مكاس Donnerstag hatte ich mit Muhammad ausgemacht, ins Zerhoungebirge (zwischen Fès und Meknés) zu fahren. Schließlich schlossen sich noch Zakariya und Driss, der Sohn vom befreundeten Metzgermeister, an. Zu viert fuhren wir die N4 gen Tetouan entlang. Die Landschaft wurde mit jedem Kilometer schöner und bergiger. Besonders spektakulär war dann der Blick auf den Sidi Chahed Stausee beim Dorf Mikkes. Kurz darauf verließen wir die Hauptstraße und fuhren schlechte, teils abgerutschte Bergstraßen ins Gebirge (Jebel) Zerhoun. Schroffe Felsformationen oben, darunter mit Olivenbäumen und anderen Nutzpflanzen übersäte Hügel, prägen das Bild. Es gibt auch immer wieder Waldstücke, meist ist das Nadelgehölz.

Im dritten Anlauf klappte es dann auch die Festung Kasbah Nesrani (der Name bedeutet „Christenburg“, da sie wohl von den Portugiesen erbaut wurde) zu finden. Kein moderner Reiseführer scheint sie zu verzeichnen, aber flüchtig erwähnt sie einer von 1924. Die Beschreibung reichte, um nach 15 Minuten Suche die Koordinaten auf GoogleMaps festzustellen: 34.006984,-5.384644 – aber selbst gefunden hatte ich sie dann nach dem Spiel in Meknés vor zwei Wochen nicht. Das ist auch kein Wunder, denn erst der zweite Bauer den wir fragten, wusste Bescheid. Dem Herrn Ibrahim war zum Glück langweilig und er übernahm kostenlos (!) die Führung bei unserer dreistündigen (!!!) Bergwanderung.

Die Kasbah Nesrani ist sicherlich eine der schönsten Burgen Marokkos, einer der schönsten Plätze des Landes überhaupt! Durch Olivenhaine, über Ziegenpfade, quer an Kakteenfeldern vorbei, bei steilen Stücken sich stets an Bäumen festhaltend kletterten wir immer höher direkt vom Dorf Bilia, das auf keiner Karte verzeichnet ist (aber auch die Kasbah ist nirgendwo vernünftig verzeichnet) auf die Kasbah zu. Unterhalb des Bergkammes mussten wir Geröllfelder passieren, ein letzter Anstieg war nur im Klettern über teils beinahe senkrechte Felsen zu meistern. Dann öffnete sich ein winziges Tal zwischen zwei Bergkämmen des einen Höhenzuges, das man 100m bequem entlang gehen konnte, ehe wieder leichtes Klettern anstand, um auf den Bergkamm zu kommen auf dem der obere Teil der Festung, die den Weg zwischen den Königsstädten Meknés und Fès überwachen sollte, ansteht.

Die Kasbah selbst ist durch ihre unheimlich abgeschiedene Lage (das nächste Kaff ist 5km auf Trampelpfaden entfernt bzw. 2km auf gefährlichen Ziegenpfaden, Moulay Idriss 20km und Meknès 40km) sehr gut erhalten geblieben. Die Seitenlängen der noch bis fünf Meter hohen Mauern mit Türmen betragen von einem Eckturm zum anderen je knapp 500m. Die ganze Anlage ist schräg in den Hang gebaut bis in die Talsenke, wo sich gegenüber ein anderer schroffer Bergzug aufbaut und unterhalb der Festungsmauer mehrere Quellen hervorsprudeln aus denen wir tranken. Ein Bauernjunge der im kahlen und leicht überwachsenen Innenhof Ziegen und Schafe weidete gab uns noch ein paar Trauben.

Da der Abstieg über die Geröllfelder lebensgefährlich ist, führte uns Ibrahim den drei Kilometer langen Hirtenpfad der oberhalb von einem mittleren Dorf namens Ait Sidi Hassan herausführt, und recht gut gangbar ist, entlang. An der Baustelle fragten wir den einzigen (dort auch derzeit nur Wache haltenden) Arbeiter nach Wasser und der gab neben der einen ganzen Flasche auch noch ein paar Tomaten ab. Nun war noch ein 4km langer Weg zum Auto zu meistern, wobei nach 2km ein Kleinbus vorbeikam der uns kostenlos mitnahm. Ibrahim klaute noch bei einem Nachbarn ein paar Kaktusfeigen, teilte sie mit uns und verabschiedete sich sehr herzlich.

Da es schon 14.30 war, wollten wir in Moulay Idriss was essen, aber nirgendwo war ein Restaurant aufzutreiben. Als ich Meknés vorschlug, fiel Muhammad endlich mal ein, seine Familienmitglieder aus Meknés anzuklingen, ob die nicht was vom Festtagshammel abgeben könnten. Eine halbe Stunde später und schon gab es das nächste Gratisessen: Hammelgrillspieße mit Paprika, Gewürzkekse und Tee. Wir fuhren von der Hauptstraße kurz vorm Ortsende links in eine halbfertige Siedlung mit ungeteerten Straßen. Auch das Haus von Abdelghani und seiner Frau Maryam, die mit ihren drei kleinen Kindern und auch der jüngsten Schwester der Familie (während Khadija als älteste schon über 40 ist, geht Fayza noch in die Abschlussklasse) dort wohnen, ist erst halbfertig. Hier wurden alle besonders herzlich gegrüßt: je nach Bekanntheit mit zwei (Driss und ich) bzw. vier Küssen auf die Wangen bzw. von den Frauen per Handschlag (Driss und ich) oder eben zwei Küssen. Ich unterhielt mich übrigens am meisten mit Fayza – nicht nur weil sie besonders zuvorkommend und freundlich ist (die anderen waren auch ausgesprochen erfreut über ausländischen Besuch), sondern weil sie das beste Hocharabisch spricht, das ich bisher außerhalb des Institutes gehört habe; ohne den berüchtigten maghrebinischen Akzent, langsam und deutlich, wo es sinnvoll ist sogar mit Tanwîn und *Irâb (bestimmten Endungen, die fast alle weglassen da sehr hochgestochene Sprache).

Sehr gutes Hocharabisch sprach auch der korrupte Bulle an der stets eingerichteten Kontrolle am Westrand von Fès. Da überholt man mehrfach auf der Strecke im Gegenverkehr da die N4 so breit ist, da fährt man auf die bei Dunkelheit unsicheren Fahrer dicht auf und telefoniert auch noch mit Khadija während der Fahrt (Muhammads Bemerkung zu meiner Fahrweise: „bevor ich ab Dezember meinen Führerschein mache, will ich noch Fahrstunden bei dir nehmen!“) und wegen was wird man angehalten? Verkehrsgefährdung durch unzureichende Beleuchtung! Für das defekte rechte Abblendlicht wollte der Hurensohn erstmal 500 Dirham (47€). Ich meinte, dass das keine 500 Dh. kostet (in der Tat offizielle „nur“ 150) und ich es morgen reparieren werde (machte ich auch) und es außerdem erst jetzt kaputtgegangen sei (na gut, war es schon vor drei Wochen, nur meinte der Polizist in Chefchaouen, es sei nicht so schlimm und ließ mich weiterfahren)… Driss handelte dann mit dem Spast und schon waren es nur noch 50 Dh. (4,85€) ohne Quittung.
War zwar nicht viel, aber Khadija regte es dann beim Hammelessen am Abend (heute war der Kopf dran) ziemlich auf, dass der überhaupt erst so viel in die eigene Tasche stecken wollte, dass das System insgesamt so korrupt ist und dass ich ohnehin nur mit der Polizei in Fès und Meknés Ärger hatte… قصبة نصراني في الجبال زرهون Freitag habe ich das Abblendlicht reparieren lassen: 4,80€ inklusive Einbaugebühr! Und auf dem Rückweg noch mal Ärger mit einem Spast von der Zivilstreife, der sich grußlos und arrogant rummeckernd vor Muhammad aufbaute - aber der glaubte mir dann, dass Muhammad wirklich mein Freund und nicht mein illegaler Fremdenführer ist.

Abends kamen Fayza, Meryam und Co. zu Besuch. Was ein Chaos, wenn fünf Kinder im Alter von 3 bis 13 Fußball im Innenhof spielen und Fayza trotz ihrer hohen Absätze den Ball immer wieder in den Flur schoss, damit sich mal das Knäuel von fünf Wänstern auflöste… Wir besuchten dann zu zehnt Khadijas Eltern in einer der Neustadtsiedlungen in Richtung Stadion. In zwei Autos versteht sich, denn 10 Leute werden nicht mal in Marokko in ein Auto gepackt. Was es in Marokko entgegen der Beteuerungen, dass Muslime keinen Alkohol trinken, aber schon gibt, sind besoffene Asis, die in den Straßen herumgrölen und Sachen zerlegen. Die waren aber schnell weg von Abdelghanis Auto, als der Anfang „Harami hammok/ bekloppter Gauner“ rumzuschreien…

Wir fuhren schließlich noch vergeblich nach Moulay Yacoub, denn Fayza hatte mich gefragt, ob ich schon mal in einem arabischen Bad (Moulay Yacoub ist ein landesweit berühmtes Thermalbad, nicht nur irgendein Hamam) gewesen sei, weswegen mich die Männer alle mitnehmen wollten um mir ein noch unbekanntes Stück Landeskultur zu zeigen. Als wir dann zu zehnt die 15km in die Berglandschaft hineingefahren waren, war Muhammads trockene Bemerkung beim Anblick der zugeparkten Straßen: „Immer dieselbe Scheiße in den Ferien“. Was neu war: als Fayza dann an der Therme nachfragte ob man zweite Reihe parken dürfe, wurde ihr gesagt, dass es hier keinen 24h-Betrieb mehr gibt, sondern eine Pause von 0 bis 5 Uhr. Und es war gerade 24 Uhr geworden…

Samstag war wenig los. Wir verpennten alle und aßen so spät, dass es sich nicht mehr lohnte, nach dem Mittagessen nach Mischliffen und Sefrou zu fahren. Dafür war auf dem Stammbolzplatz von Hamza gut was los und im Innenhof gibt es mittlerweile auch einen Basketballkorb den Rita und ich eine Weile bearbeiteten.
Nur in nächster Zeit ist mal wieder Fußball mit dem Lederball im Innenhof verboten, da Hamza die Uhr von der Wand geköpft hat – aber es gibt ja noch die beiden Gummibälle…
Im Fernsehen verfolgten dann alle die Bundesligabegegnungen, auf DubaiSports2 mit einem der legendären Kommentatoren aus den VAE (der brüllte bei jedem Tor auf Deutsch „Tooooooooorrrrrrr“ und den deutschen Spielstand) und anderen internationalen Sport. قصبة نصراني في الجبال زرهون Was Sport angeht, so ist in Marokko (im Gegensatz zu fast allen anderen islamischen Ländern!) in der Festwoche sehr wenig los: die Spielpläne kommen kurzfristiger als sonst (keine 5-7 Tage, sondern 1-3 Tage vorher) und sind ausgedünnt. Man findet auch solche Hinweise wie auf der Website von Raja Casablanca: „Der Trainerstab gewährt den Spielern von Raja am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag trainingsfrei um die Feiertage zu begehen.“ oder dem Nordmarokkanischen Amateurverband: „Bekanntmachung an die Herren Vorsitzenden der Mitgliedsvereine... Auf der letzten Sitzung hat das Verwaltungskomittee beschlossen, den ersten Spieltag der 3. Amateurliga auf den 26. Oktober zu verlegen … aufgrund der Ferien zum Aid al-Adha.“

Es war also nicht leicht was zu finden am Wochenende: außer der ersten Runde im Frauenfußballpokal fanden nur Testspiele statt und das einzige von dem ich wusste wurde ein paar Stunden vorher abgesagt: bei Hamzas B-Jugend waren nicht genug Spieler anwesend, da zu viele im Urlaub… Aber wenn ich wieder sehe, wie in Deutschland wegen der völlig normalen Starkregenfälle, die es das ganze Jahr über so oft gibt, letztes Wochenende reihenweise Spiele ausgefallen sind (man braucht nur auf fussball.de zu surfen, bei den Idioten in Sachsen-Anhalt ist es mal wieder besonders schlimm), bin doch froh, hier in Marokko zu sein… جبال زرهون Statistik:
- Tageskilometer: 240 (200km Auto am Donnerstag, 40km Auto am Freitag)
- Saisonkilometer: 18.730 (17.810 Auto/ 870 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)

Dienstag, 15. Oktober 2013

W377I: Von der Atlantikküste zurück in den Mittleren Atlas

صويرة قديمة Photos with English and Arabic Commentary:
a) Central Atlantic Coast: Souira Kédima, Jbal Hadid
b) Moyenne Atlas: Cedar Woods of Azrou and Ifrane, Ito Landscape

Von Safi aus fuhr ich nicht auf direktem Weg nach Fès zurück, sondern erstmal nach Süden. Mangels Beschilderung und brauchbarem Kartenmaterial verpasste ich eine der zwei Festungen am Meer. Aber die Kasbah Agouz in Souira Kèdima (Alt-Essouira) lohnte sich schon mal. Die Kasbah Hamidouche kannte niemand den ich fragte. Sicherlich ist der Name auf der Karte auch falsch, sonst hätte mich schon mal jemand hinschicken können, aber andererseits sind die Leute in dieser ländlichen Region ausschließlich Bauern und Fischer und entsprechend ungebildet. Etwa 70% können hier nicht mal lesen und schreiben. Auf dem Weg zur Nationalstraße Richtung El-Jadida verfuhr ich mich natürlich noch auf den Nebenstraßen, aber zwei Bauernjungen wollten eh in das eine Kaff an der Nationalstraße mitgenommen werden, also ließ ich mich von den beiden Anhaltern über die teilweise nur geschotterten Straßen leiten. Der eine ließ sich übrigens mal wieder übertrieben lobend über Deutschland und v.a. seinen Fußball aus: Borussia Dortmund sei ja die beste Mannschaft überhaupt und sein Trainingsanzug vom BVB auch fast original aus Deutschland… Sah jedenfalls ziemlich gut gefälscht und sehr gepflegt aus, das schwarz-gelbe Teil…

Die Landstraße nach El Jadida geht relativ zügig zu fahren, aber einige der Ortsdurchfahrten sind nervig: alle wollen Hammel fürs Opferfest kaufen und entsprechend wird die vierspurige Ortsdurchfahrt auf anderthalb Spuren verengt und mit Marktständen und Tiergattern zugestellt. Im Schritttempo drängelt man sich, regelmäßig hupend, durch. Ab El Jadida waren es dann 170km sehr gute Autobahn bis zur Hauptstadt-Umfahrung, die teilweise schlecht und überfüllt ist. Ab Salè lässt sich aber prima fahren und die Autobahn von Maâmoura nach Meknès Ost ist die gesamten 115km sehr gut. Dass für 285km Autobahn 89 Dirham (8,50€) zu zahlen sind, ist aber derb. Dabei ist die Autobahn Casablanca – Rabat aber doppelt so teuer wie die anderen Abschnitte. Wahrscheinlich da man dort größeren Fahrspaß hat: nirgendwo sonst wechseln Leute in dicken Autos ungestraft bei 150 (Tempolimit 120) die Spuren um rechts zu überholen. Allerdings ist auch keine Autobahn in ganz Afrika so stark befahren wie diese sechsspurige A1. علامة الدولة المغربية في مدينة الحاجب In Meknès Ost geht es auf eine gute, teils vierspurige Landstraße nach El Hajeb, das ein bisschen Pseudo-Festungs-Architektur zu bieten hat und weiter über Ito, wo man einen tollen Blick in die Berglandschaft von einem Rastplatz aus hat, nach Azrou. Azrou ist schon ein sehr ordentlicher und gepflegter Ort mit ziemlich europäischem Erscheinungsbild, aber das benachbarte Ifrane ist berühmt für europäischen Lebensstil. Blitzsauber, Häuser mit Ziegeldächern und Klinkern, bepflanzte Straßenzüge, viele Verkehrsschilder, dicke Autos, Villen und Reihenhäuser, gepflegte Parkanlagen und Kunst im öffentlichen Raum, eine schweineteure Privatuni am Rande der Stadt in einem Wäldchen… Ifrane ist bekannt für seine hohe Anzahl an Reichen (auch Millionäre) und sein europäisches Erscheinungsbild: in diesem Kurort im Gebirge zu wohnen ist sauteuer – Hotels gibt es nur im mittleren Preisbereich und aufwärts, Miet- oder Privatwohnungen sind so teuer wie in vielen Hauptstädten Europas. Das Wetter hat übrigens auch gewisse Ähnlichkeiten zu Europa: im Winter gibt es hier auf 1.600m Höhe oft Schnee, sodass viele einheimische Reiche und arabische Touris hier Ski fahren. Fotos von der Ortschaft selbst mache ich demnächst mal, da ich hier mal Fußball gucken will. Heute reichte die Zeit nur für den angrenzenden Nationalpark.

Der Nationalpark ist wiederum berühmt für seine Zedern und die darin herum kletternden Berberaffen. Die älteste der Zedern ist abgestorben und steht ziemlich zentral hinter einem Parkplatz, dessen Einfahrt mit zwei mächtigen und gesunden Zedern gesäumt ist. Der Wald drum herum ist hauptsächlich von Zedern zugestellt, die kaum Bodenvegetation zulassen. Man kann einfach mittendurch gehen und landet dann auf einer Hochebene. Weiter geradeaus die 5 Minuten auf den Berggipfel hoch und man hat einen prima Blick in die dünn besiedelte Berglandschaft.

Gegen 21 Uhr kam ich auf dem Parkplatz in Fès an, wo mich der freundliche Parkwächter in seinem üblichen Kauderwelsch begrüßte. Es gibt einige Marokkaner, die mit Ausländern gerne eine Art Kreol sprechen: da Muhammad etwas Deutsch kann, baut er einfach die deutschen Begriffe die er kennt, in seine arabischen Sätze ein. Bei meiner Gastfamilie begrüßte mich die Tochter Rita gleich an der Tür und zeigte mir den neuen Mitbewohner: den mittelgroßen Festtagshammel, der nun im Innenhof vor sich hin stinkt, Heu frisst, Leitungswasser säuft und ab und an dämlich blökt. Mittwoch ist der dann fällig und gibt ein prima Essen für mehrere Tage ab… غابة الارز بين ازرو وافران Statistik:
- Tageskilometer: 810 (810km Auto)
- Saisonkilometer: 18.490 (17.570 Auto/ 870 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)

W376III: Festtagshammel zu Verlosen und das nächste überraschende 1-0

- Olympique Club de Safi -
------- (نادي أولمبيك أسفي) ------
................... 1:0 ....................
- Mogreb Atlético Tetuán -
(المغرب التطواني / أتلتيكو تطوان)
- Datum: Sonntag, 13. Oktober 2013 – Anstoß: 16.30
- Wettbewerb: Coupe du Trône [كأس العرش] (Pokal des Thrones; Viertelfinale des Pokals des marokkanischen Fußballverbandes, beide Teams GNEF Botola 1 = 1. marokkanische Profiliga)
- Ergebnis: 1-0 nach 97 Min. (47/50) – Halbzeit: 1-0
- Tor: 1-0 27. Mouâwy
- Verwarnungen: Matthias, al-Bisaty (OCS); Istiry (MAT)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Marche Verte/ Massira al-Khadra [ملعب المسيرة الخضراء] (Kap. 10.200, davon 200 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 8.000 (darunter ca. 700 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 6,0/10 (Gute Stimmung, mittelmäßiges Spiel) ربع النهائي الكاس العرش - اليمبيك اسفي مع مغرب تطاون في الملعب المسيرة Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Football Cup Quarterfinal: Olympique Club de Safi defeat Maghreb Tetouan
b) Central Atlantic Coast: Essouira, Safi
c) Marrakech: The Red City (Pictures of the Old Town, taken in 2011)

Es gibt so einige politische Angelegenheiten in Nordafrika, die man nicht verstehen muss: Algerien kennt die Vertreter der Terrororganisation Polisario (sahrawische Rebellen, die mit Al-Qaida gemeinsame Sache machen, aber einen demokratischen Staat errichten wollen) als Regierung der sogenannten „Demokratischen Republik West-Sahara“ an und Spanien ebenfalls. Im Gegenzug erkennt Marokko das Schwachsinnskabinett von Katalonien als Regierung eines vollwertigen Staates „Katalonien“ an und organisiert auch schon mal Freundschaftsspiele zwischen den Fußballauswahlmannschaften Kataloniens und Marokkos. Dafür dürfen dann die östlich des Walles lebenden Sahrawis ihre Nationalmannschaft in Algerien kicken lassen und Algerien boykottiert auch noch Sportevents mit Teams aus der West-Sahara, die vom marokkanischen Staat kontrolliert werden. Da Wydad Samara im Handball ziemlich gut ist und sie sich erstmals für die Championsleague qualifizierte, trat für die CAHB dann das Problem auf, je eine Mannschaft weniger zu haben: den algerischen Meister im Männerhandball und jenen im Frauenhandball. So wurde letztendlich auch das ganze Championsleagueturnier in Marrakesch um einen Tag kürzer: um den Tag, den ich mir eigentlich angucken wollte.

Also gleich nach Essouira, die „Bildschöne“ oder „Wie Gemalte“ Stadt am Atlantik. Der Stadtname verspricht nicht mal zu viel: die massiv ummauerte Altstadt ist wirklich schön mit ihren bunten Häusern, die Festungsanlagen zum Meer hin sind sehr eindrucksvoll und die vorgelagerten Inseln auch sehr schick. Dass man für nur 2 Dh. (0,18€) vor dem einen Stadttor am Hafen parken kann, ist auch prima. Die Atmosphäre war auch so entspannt wie im Reiseführer beschrieben: keiner stresste wegen Kaufen oder Führung, einzelne grüßten höflich.

In Safi („Reine Stadt“), das ich über die Nationalstraße erreichte, waren die Leute eher noch freundlicher. Nur bettelnde Wänster musste man mal anschnauzen, wie das Einheimische halt auch tun. Die Altstadt ist gar nicht mal schlecht: massive und hohe, von Türmen bewährte und einzelnen Stadttoren besetzte Wehrmauern drum herum, enge Gassen mit farbenfrohen Häusern und einzelnen älteren Moscheen sowie zwei Kirchen aus Portugiesischer Zeit (die Kathedrale dient als etwas dürftiges Museum, 10 Dh. Eintritt) innen drin. اسفي Das Stadion liegt etwas oben am Berg in Richtung Ortsausgang. Den Namen des Stadions hatte ich anfangs falsch verstanden, da mal wieder nur Französisch: „Marche Verte“ (Grüner Marsch) nicht „Marché Verte“ (Grüner Markt), wobei ich bei letzterem an „Gemüsemarkt“ dachte… Aber gemeint ist der Grüne Marsch (arab. Massira al-Khadra), eine 1975 durchgeführte Propagandaaktion der marokkanischen Regierung, bei der 350.000 Demonstranten die damals noch vom faschistischen Spanien besetzte West-Sahara betraten, die bald darauf an Marokko gegeben wurde. Übrigens: die Aktion ist mit kitschiger Friedenssymbolik auf die 100-Dirham-Banknoten gedruckt.

100 Dirham musste ich zum Glück nicht bezahlen: 20 (1,80€) taten es auch für Plätze auf den Betonstufen. Wie auch in Beni Mellal ist nur ein kleiner Teil überdacht und mit Bestuhlung versehen (hier sogar nur transportable weiße Hocker). Ansonsten sind blau-rot gestrichene Stufen vorherrschend, die nur in der Mitte der Gegentribüne unterbrochen sind: hier wurde ein Teil der Tribüne abgerissen.

Schon am Eingang wies mich die sehr freundliche Polizei (die zuvor aber noch provozierend schlagstockschwingend mit dem Quad auf jugendliche Fans zuvor) darauf hin, dass ich den Karten-Abriss unbedingt aufheben solle: ich könnte einen von zwei Hammeln gewinnen, die bei dem Halbzeitgewinnspiel (heißt marrokkanisch-arabisch: et-Tombóla) verlost werden… Also nur weil ich Arabisch spreche, heißt das noch lange nicht, dass ich Muslim bin und so ein 150-450€ teures Vieh zum Opferfest brauche…

Die Aktion schien allerdings auch ungewöhnlich zu sein, etliche Fans begutachteten nämlich noch die ruhig daliegenden und an den Fanzaun geketteten Viecher und fotografierten sie. Das Stadion war wie erwartet gut gefüllt und Fans beider Seiten – aus Tetouan waren gut 700 da, allerdings zählte allein die Ultrakurve von Safi knapp 2.000 Leute – sangen sich melodisch nieder. Es wurde auch viel auf den Spielverlauf reagiert, aber nur wenig Pyrotechnik eingesetzt.

Wie auch immer, dieses Viertelfinale war ein Duell der Erstligisten: Mittelfeldteam gegen noch ungeschlagenen Tabellenführer, der alle Favoriten von Raja und Wydad bis FUS und MAS abhängt in der Liga… Und kaum komme ich mal zu einem Spiel von Maghreb Tetouan, schon verlieren die zum ersten Mal in dieser Saison! Nach verhaltenem Beginn gelang einem Spieler von Safi ein Heber aus 25m über den Torwart zum 1:0. Das wurde die folgenden 70 Minuten verteidigt, wobei MAT nicht entschlossen genug anrannte, um noch das Spiel zu drehen. OCS konnte auch immer wieder kontern und war mehrfach nahe an der 2:0-Entscheidung dran. Auch hier folgten nach dem überraschenden 1:0 Sieg in einem wie auch am Vortag fairen aber nur mittelmäßigen Spiel Ehrenrunden der Spieler.

Ich folgte dann dem Tipp im Reiseführer und steuerte das Hotel Majestic gegenüber dem Meeresschloss (Qasr al-Bahr) an. Klingt teuer, ist aber eines der billigsten der Stadt. 11€ für ein großes, sauberes – aber natürlich sehr einfaches Zimmer. Dusche (lauwarm oder kalt) und Klo (Abtritt) auf dem Gang. النهائي الكاس العرش - اليمبيك اسفي مع مغرب تطاون في الملعب المسيرة Statistik:
- Grounds: 1.026 (1 neuer; diese Saison: 55 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.924 (heute 1, diese Saison: 68)
- Tageskilometer: 330 (330km Auto)
- Saisonkilometer: 17.680 (16.560 Auto/ 870 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 9 [letzte Serie: 178, Rekordserie: 178; davor 141, 106, 101 bzw. 88]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 376