Mittwoch, 31. Dezember 2008

Samstag, 20.12.08: Mit dem D-Zug zu den beiden tunesischen Volkssportarten: Fußball und Steinewerfen

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220a%20Sousse%20-%20Weltkulturerbe%20Altstadt/

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220b%20ETOILE%20DU%20SAHEL%200-1%20ESPERANCE%20DE%20TUNIS/

Es war mal wieder richtig frühes Aufstehen angesagt: 4.30 Uhr. Eine Stunde später waren wir am Hauptbahnhof und kauften uns Karten für eine Zugfahrt Tunis - Sousse - Tunis. Zwei Personen, Direkt-Zug, 2. Klasse, 2x150km: 13€. Absolut pünktlich um 6.00 ging es gen Süden. Bis 7.00 erkannte man beim Blick aus dem Fenster nichts, doch um 7.15 war es schon angenehm hell. Irgendwann kam auch mal der Schaffner rein und brüllte „tadhkiyr!“ Begleitet wurde er von zwei Polizisten. Bahnsteigvorsteher, die einen ohne Ticket nicht auf den Bahnsteig lassen, gibt es in Tunesien übrigens auch noch.
Um 8.00 war der mickrige Hauptbahnhof von Sousse erreicht. Wenige Hundert Meter nach rechts beginnt schon die Altstadt mit ihrer beeindruckenden und völlig geschlossenen sandfarbenen Stadtmauer. Noch war ziemlich wenig los und als erstes fielen uns innerhalb der Stadtmauer die vielen weißen Fassaden auf, die stets mit Farbtupfern wie blauen Türeinfassungen versehen waren. Gegenüber des größten Stadttores, dem Westtor, also Bab Al-Gharby, befindet sich eine Militärakademie, deren Eingangsportal eigentlich nicht fotografiert werden darf. Da ich nur „madrasa,“ also Schule auf dem Schild gelesen hatte, nahm ich es trotzdem auf. Patrouilliert hatte niemand. Auch die Baustelle Festung konnte man besichtigen - es stand ja nicht „betreten verboten“. Herzstück der Festung: der Leuchtturm, billiger Kitsch: das unterhalb liegende Theater.
Am nächsten Stadttor hatten sich Ultras von Étoile du Sahel verewigt. Ohnehin krass, wie viele Graffitis die angebracht haben!
Danach gingen wir zum tollsten Gebäude der Medina; dem Wehrkloster, also Ribat. Dort wurden wir auch zum ersten Mal angequatscht, aber keineswegs aufdringlich oder unfreundlich.
Um kurz nach 10Uhr brachen wir zum Stadion auf. 2,5km vom Bab Al-Gharby gen Westen. Ganz am Rande der vor allem von Nord nach Süd gebauten Stadt Sousse. An einem Institut lungerten massenhaft Schüler, kaum jünger als ich, also wohl Oberstufe, herum. Ich wollte mich noch einmal absichern wo die Hütte liegt und fragte einen Jungen „Ayna at-tariq ila l-istad?“ - die Antwort kam mal wieder auf Französisch (ich sollte während der ganzen Reise immer wieder bemerken, dass die Leute meine arabischen Fragen verstehen, aber Antworten auf Französisch geben). Eine Warnung auf Englisch, nicht auf die Bettler einzugehen, kam gleich hinterher. Auf jeden Fall hilfsbereite junge Leute! Wie sinnvoll die Warnung war, sahen wir drei Minuten später, als irgendein Vollidiot uns zu einem Geldwechsel überreden wollte. Streng verboten in Tunesien, so ein Schwarzhandel!
Weiter ging es die staubigen Straßen entlang bis zum Stadion und so begann die kleine Eintrittskartenodyssee... 4 Stunden vorher keine Karten am Stadion, aber hunderte Polizisten. Den nächst besten Offiziellen gefragt, nachdem wir halb ums Stadion herum sind: „gehen Sie zum Bushof und dann links vor der Moschee und dann ist da die Geschäftsstelle“. Also erst einmal rechts ums Stadion herum, ein paar Fotos von den Tribünen vom Berg an der Schule aus gemacht und durch ein paar Grundschüler gelernt, dass in Tunesien „Getränke“ nicht wie im Hocharabisch vorgeschrieben „mashroubaat“ , sondern „mashroubääät“ ausgesprochen werden. Nachdem wir „eine Limone“ gekauft hatten - gemeint ist eine Zitronenlimonade namens „Boga Limon“ - gingen wir bis zum Institut zurück. Noch mal einen anderen jungen Mann nach der Geschäftsstelle gefragt, eine Schülergruppe abgewimmelt, aus der ein Mädchen meine Nummer haben wollte und zusammen mit einer weiteren Gruppe über einen anderen Schüler gelacht, der seinen Ranzen hochhob und zu uns meinte: „Look hier! Gut Price!“ und dann ein paar Schritte weiter waren wir an der Geschäftsstelle, wo es nur noch Karten für ganze 20,000 (also 20; die drei Nullen hinterm Komma sollen nur darauf hinweisen, dass der Dinar nicht in 100stel sondern in 1000stel unterteilt ist) Dinar gab, also 10,30€. Aber Hauptsache Karten und zügig am „geheimnisvollen Felsen“ vorbei, etwas Obst kaufen und zum Stadion zurück, wo wir ein paar Kinder beim kostenlos reinkommen durch übern Zaun klettern beobachteten... Wir kamen dann auch schon sehr früh rein. Eigentlich war noch gar nicht geöffnet, aber für die deutschen Gäste machte man auch Eingang Enceinte B auf, damit wir, 2 Stunden und 15 Minuten vor Anpfiff, schon mal im Olympiastadion Platz nehmen konnten.

Étoile Sportive du Sahel 0:1 Espérance Sportive de Tunis
لنـجـم الرياضي الساحلي 1:0 الترجي الرياضي التونسي
Samstag, 20.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.30
Ligue 1 (1. tunesische Liga)
Ergebnis: 0:1 nach 96 Min. (48/48) - Halbzeit 0:0
Tor: 47. Eneramo
Verwarnungen: 3:3
Platzverweise: keine
Stadion: Stade Olympique de Sousse (Kap. 25.000, davon 18.000 Sitzplätze (3.500 überdacht))
Zuschauer: 23.000 (3.000 Gästefans)
Ground Nr. 270 (diese Saison: 40 neue)
Sportveranstaltung Nr. 720 (diese Saison: 87)
Tageskilometer: 300 (Bahn)
Saisonkilometer: 12.100 (5.780 Auto/ 2.560 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 15
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 125
Spielqualität: 7,5/10 (gut bis sehr gut)
Tagesunterhaltungswert: 9,0/10 (äußerst hoch)

Nur noch eine Einlasskontrolle trennte uns vom ersten Groundpunkt in Afrika, dem 11. Länderpunkt und unserem ersten Spiel außerhalb Europas. Und diese Kontrolle war sehr locker: „Welcome to Tunisia“, dann mal kurz in den Rucksack schauen und viel Spaß beim Spiel wünschen. Normalerweise werden auch in Tunesien Besucher abgetastet.
Die Zeit ging erst nicht so schnell herum, doch als sich das Stadion richtig füllte, begann die Party der Gästefans. Mit melodischen Gesängen und viel Bewegung beherrschten sie stimmungstechnisch immer wieder das Stadion. Die 3.000 wurden aber natürlich immer wieder von den 20.000 Heimfans übertönt.
Nachdem wir unser Obst aufgegessen, mehrere Begrüßungen durch Polizisten und Fans erfreut zur Kenntnis genommen haben und auch das völlig verdreckte und verschimmelte Klo aufgesucht hatten, zeichnete sich langsam ab, dass das Stadion mit 23.000 Leuten ausverkauft sein würde. 2.000 Plätze blieben als Puffer frei. Die Rivalität zwischen diesen beiden erfolgreichsten tunesischen Klubs ist auch sehr ernst zunehmen.
Leider gab es keine Choreo, doch Fans beider Seiten taten ihr Bestes mit Stimmgewalt eine hervorragende Atmosphäre zu schaffen. Nebenbei bemerkt, waren rund 99% der Zuschauer Männer und die wenigen Frauen, die im Stadion zu sehen waren, waren alle zwischen 10 und 30 Jahren alt, unverschleiert und europäisch gekleidet. Sonnenbrillen und männliche Begleitung waren auch üblich.
Ein paar Minuten nach 14.30 kamen die Spieler aufs Feld. Kein großes Aufhebens, nur Aufstellen und Mannschaftsfotos.
Kurz nach dem Anstoß wurde aus der ESS Ecke eine Taube aufs Spielfeld losgelassen, wegen der der Schiri kurz unterbrach, denn die bewegte sich einfach nicht vom Spielfeld runter...
Hervorragende Zweikämpfe, schnelle Spielzüge und auch etliche Torchancen sollten das Spiel bestimmen. ESS hatte mehr Chancen, doch EST hatte bessere.
Zur Pause blieb es beim 0:0 zwischen dem 2. und dem 1.
Nachdem sich die kleine Rauferei zwischen Polizisten und Fans aus Sousse auf der Gegentribüne beruhigt hatte, sprach uns übrigens ein Sportlehrer an, dem es sehr gefiel, dass deutsche Touristen bei diesem Spiel zugegen waren. Es war wirklich sehr angenehm, wie freundlich die Leute - selbst die Sicherheitskräfte - beim Fußball waren.
Nach der Pause gab es einen starken Angriff von Espérance, der mit einem schönen Kopfball von Mikael Eneramo abgeschlossen wurde. 0:1 und der Gästeblock tobte. In der Folgezeit gingen eigentlich nur noch die Gäste ab. Die Heimfans waren gefrustet und warfen nun mit Plastikflaschen nach allem aus der Hauptstadt. Im Espérance Block, der immer wieder vom starken Wind, der mächtig Staub aufwirbelte, drangsaliert wurde, brannte ein einsames Bengalo, bis es gegen den Wind sehr geschickt in die Reihen der Polizei geworfen wurde.
Das Spiel hatte einen mehrminütigen Durchhänger, doch nahm wieder Fahrt ab der 70. auf. Doch auch ein paar starke Szenen der Gastgeber reichten nicht, um den Ausgleich noch zu erzielen. Großer Jubel bei den Spieler von Espérance, als nach 96 Minuten abgepfiffen wird. Sie rannten wild jubelnd vor ihre Gästekurve und ließen sich von den Mitgereisten feiern. Zwei von den Mitgereisten waren auf die Anzeigetafel geklettert und ein anderer sprang nun über den Graben in die Polizeikette. Das machten ihm einige nach, sodass es zu einem Handgemenge kam, in dem sich auch die Spieler aktiv gegen die Polizei beteiligten und dabei eine Holzbank zerlegten. Während dieser Szenen ging übrigens der komplette Heimsektor aus dem Stadion. Warum, sahen wir als wir 10 Minuten später auch gingen.
Vereinzelt herumliegende Schuhe und Schirme und aufgeregte Polizisten. Steine liegen auf der Hauptstraße. Rennerei gen Neubauviertel. Ein Polizist meint, wir sollten uns beeilen. Ein anderer schnauzt einen ESS Fan an. Ein dritter schlägt und tritt einen weiteren Heimfan aus dem Weg. Nach zwei Minuten sehen wir, was hier los war, den die nächste Welle rollt: Minderjährige rotten sich zu Dutzenden zusammen und bewerfen die Polizei mit Steinen. Diese mit Schutzschildern bewaffneten heben die Steine auf und werfen sie zurück. Die jüngsten der Randalierer sind kaum älter als 10, die ältesten 25. Immer wieder hin und her, sodass wir mit anderen Fans vor einem Laden in Deckung gehen. Als die erste Reihe aufgelöst wird, rennen wir im Schatten der Polizei zu den Randalierern. Als die Polizei plötzlich anfängt zu rennen, meint ein Tunesier neben mir: „Come on! Run!“ und wir rennen gemeinsam 100m, bis sich die nächste Randalierergruppe formiert hat und die Polizei stehen blieb. Absperrungen werden umgetreten und Steine vom Straßenrand des Neubaugebietes geholt. Wir stehen einige Meter hinter der Front. Als die Polizei wieder angreift, meint der Tunesier mit der weißen Jacke und der modischen Brille wieder „Come on!“ und weiter geht es!
Es fiel auf, dass fast alle Beteiligten lachten und die Situation offensichtlich als Spaß auslegten. Wie man, wie ein ESS-Fan, allerdings während einem Geschossaustausch gegen eine Wand pinkeln und dabei ganz locker bei der Schlacht zugucken kann, ist mir rätselhaft...
Aber auch für uns war es nicht wirklich schockierend, wusste ich doch schon unlängst, dass im Maghreb und dem Mashrek immer wieder so ein Unsinn veranstaltet wird - ob nach Fußball-, Basketball-, Handball- oder was auch immer -spielen ist egal - und dann auch noch freundlich lächelnde Leute um einen herum, die einem immer wieder mit Sprüchen wie „Willkommen in Tunesien!“ ansprachen. Nur so ein Hurensohn, der meinte, ich sei ein US-Amerikaner, und deshalb etwas Streit suchte, war eine negative Ausnahme.
Wir bewegten uns teils rennend - zwischenzeitlich aber immer wieder stehen bleibend und guckend - bis zum großen Kreisverkehr am Institut vorwärts. Viele Familien guckten neugierig aus den Fenstern, was los war. Danach gingen wir zügig aber unaufgeregt gen Medina, da sich die Auseinandersetzungen gen Neubauviertel verlagerten.
Noch etwas Obst essen, den Hafen begutachten und dann gen Bahnhof, wo wir eine Stunde warten mussten, bis der 19.00-Zug endlich fuhr.
Teils rasend, teils holpernd fuhr er wieder perfekt pünktlich ab und kam pünktlich an. Trotzdem fahren nicht viele mit dem Zug, da Preis-Leistung nicht wirklich gut ist, wenn man ein eigenes Auto in Tunesien hat. Aber gegenüber dem Mietwagen hat der Zug doch deutliche Preisvorteile.
In einem Imbiss bei unserem Hotel aßen wir noch ein „Sendwitch“ und gingen dann ins Tej.
Es war also wirklich ein Fußballkulturschock, den wir in Sousse erlebten. Sicherlich eines der zehn interessantesten Fußballspiele, was ich bisher erlebt habe: richtig gute Spielqualität und ein packendes Ambiente.

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