Also auf in die engen Gassen der Altstadt: die islamische Baukunst bewundernd, sich durch überfüllte Ladenstraßen quetschend. Entgegen vielfacher Behauptungen waren die Händler gar nicht aufdringlich. Kaum einer rief einem Touristen zu „Monsieur! Buy my carpets!“ Nur einige nervige Leute wollten uns herumführen. Der, der uns schließlich durch drei wirklich sehenswerte osmanische Baudenkmäler führen durfte, wollte dann von uns 20€ Trinkgeld, weil er spart, um illegal nach Europa per Schiff zu emigrieren. 5€ bekam er dann für sein Vorhaben, da er die Führung wirklich gut gemacht hatte.
Wir drängten uns durch den dichten Verkehr am Rande der Altstadt kreuz und quer hindurch. Oft teilten sich Fußgänger, Radfahrer und Autos eine Fahrbahn. Die Kreuzung von Fußgängerüberwegen läuft folgendermaßen ab: ein Schritt auf die Straße und die nächsten beiden Autos durchlassen, dann fünf Schritte bis zur Mitte, den nächsten Wagen durchlassen und wenn der Verkehr stockt oder kurz abreißt zügig auf die andere Seite und locker vor oder hinter dem Vollpfosten, der seinen versifften Citroen mitten auf dem Fußgängerüberweg geparkt hat, gehen. Als Autofahrer sollte man immer eine Hand an der Hupe lassen...
Noch mehr Geld als der illegale Touristenführer bekam der Ladenbesitzer, der von seiner Dachterrasse aus Touristen die Möglichkeit gibt, einen hervorragenden Blick auf die Altstadt zu bekommen, weil dieser Abzocker nicht weiter runterzuhandeln war. Alles in allem trotz Blick auf die Zeitouna Moschee und Überblick bis Jellaz viel zu teuer. Auch waren in den Restaurants die Preise überzogen. Tunis erinnerte mich irgendwie an die Italienklassenfahrt, nur dass ich in Tunis auch Leute traf, die sagten: „Herzlich Willkommen in Tunesien“ - und zwar ohne uns irgendwelche Dienste aufschwatzen zu wollen. In Italien natürlich undenkbar. Zumindest im Norden. In Venedig und Verona z.B. habe ich nur nervige Nippesverkäufer, unfreundliche Bedienungen (das konnte man dem schwarzen Tunesier im kleinen Restaurant am Bab Al-Bahr aber nicht vorwerfen) und kühle, arrogante Einheimische erlebt. Alles in allem ist die tunesische Hauptstadt aber einfach zu südeuropäisch; überteuert, auf Geld aus Tourismus geil und dreckig. Aber ein paar der Moscheen, die Kathedrale St. Vincent de Paul sowie einige mittelalterliche Straßenzüge in der Medina sind den Besuch wert.
Nicht vergessen werden sollte aber, dass es nicht nur unehrliche und geldgierige Dienstleister gibt, denn als mein Vater einem Ober 1,40€ Trinkgeld gab, kamen 0,80€ gleich darauf zurück, da er meinte, das sei zu hoch gewesen.
Zurück im Hotel ließ ich mich von einer nicht funktionierenden Steckdose schocken. Als ich das Kameraakkuladegerät dann in die andere Dose steckte, merkte ich dann aber zum Glück, wie unwichtig der Hinweis war: „einfache Hotels haben einen dreipoligen Anschluss, der mit einem Zwischenstecker benutzt werden muss“. Der Zimmerfernseher hatte auch einen zweipoligen Anschluss und funktionierte genauso gut wie mein Ladegerät und der Laptop in diesen alten Steckdosen ohne Zwischenstecker.
Für den, der einen Kulturschock erleben will, lohnt sich Tunis nicht, es sei denn, ein paar Autoaufkleber „Allahu Akbar“, Frauen mit Kopftuch und überfüllte Souqs reichen dem schon. Im Vorbeigehen habe ich zwar auch eine Freitagspredigt erlebt, doch nicht einmal eindrucksvolle Gebetsrufe gab es. Und ein paar Koranrezitationen vom Band in manchen Läden sind ja nun wirklich noch kein Kulturschock...
Wir hofften also nach 8 Stunden Marsch durch die verwinkelte Altstadt und die Randbereiche mit sozialistischer- und 2000er-Jahre-Architektur, in anderen Orten Tunesiens „etwas mehr Orient“ zu erleben. Nach einem Tag in der tunesischen Hauptstadt will man dann doch lieber ins Hinterland aufbrechen. Oder erstmal zum Fußball nach Sousse. Da bekommt man dann vielleicht einen Fußballkulturschock... 


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen