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Donnerstag, 21. Mai 2009

Kommentar VI: Ruhiger Vatertag und vorgezogenes Elfmeterschießen in der Arabischen Championsleague

Ob man es nun Vatertag, Männertag oder Christi Himmelfahrt nennt: es ist ein Tag, an dem man entweder viel zu viel säuft - wie die Freunde unserer einen Nachbarsfamilie, die schon um 20.15 Uhr hackedicht auf der Umfriedung des Kellereingangs lagen - oder viel zu normale Sachen macht. Ich entschied mich für Letzteres und beschäftigte mich - mangels Sportveranstaltungen an diesem Tag - hauptsächlich mit Lernen, im Internet surfen und schließlich dem Gucken der Übertragung des Arabischen Championsleaguefinales. Taraji Tunisy (Espérance de Tunis) stand Wydad Casablanca (Wydad Dar Al-Bayda) gegenüber. Die Hoffnung gegen die Liebe, wobei die Namensgebung des marokkanischen Clubs deshalb so ausgefallen sein soll, da ein Gründungsmitglied zu spät zur Versammlung erschien, weil er noch den Film "Wydad" mit Umm Kulthoum im Kino ansah. Das Hinspiel ging 1:0 an die Tunesier, nun erwartete ich natürlich aufgrund der hervorragenden Ausgangslage einen Sieg im Heimspiel. Oder zumindest ein Unentschieden.
Letzteres wurde es dann auch, doch stand dies lange auf der Kippe. Nachdem die ersten 15 Minuten wenig zu sehen gaben für die 60.000 Zuschauer (5.000 Plätze Pufferzone, 5.000 Karten wurden nicht verkauft, Donnerstagabend ist nicht der günstigste Termin in Tunesien) die oftmals so extrem lärmten, dass der Reporter akustisch nicht zu verstehen war, kam Taraji immer mehr zum Zug. Wydad hatte kaum eine Chance in der ersten Halbzeit und Mikael Eneramo verschoss sogar einen Elfmeter für Tunis.
In Halbzeit zwei legte wieder Espérance los, jedoch ohne ein Tor zu erzielen. Auch die Fans legten nun richtig los. Während die Tunesier mit einer guten Choreo vor dem Anpfiff der 1. Hälfte mit Überziehflagge vom Ober- in den Unterrang und Spruchbändern "Vergleiche nicht die Unvergleichlichen" glänzen konnten, gingen die Marokkaner nun mit Bengalfackeln ab. Heimfans zündeten Rauchbomben. In der 50. rannte auch ein Jugendlicher mit nacktem Oberkörper aufs Feld um Nationalelf- und Espérance-Torwart Hamdi Kassroaui zu feiern.
Das Spiel wurde nun selbst für arabische Verhältnisse richtig hart - wobei fast nur Wydad faulte - und folgerichtig gab es einen zweiten Elfmeter; allerdings für Wydad. Was der Kongolese Janvier Bessala da in der 65. machte, war natürlich totale Scheiße, sodass der Schiri, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommend, nur Elfmeter pfeiffen konnte. Sicher und unspektakulär verwandelte Abd As-Samad Rafik den Strafstoß zum 0:1. Gleichstand. Da müsste die Verlängerung oder das Elfmeterschießen her.
Nun wurde es hitzig: das Spiel wurde für eine Minute unterbrochen, da die komplette Gästebank unter dem Hagel von Plasteflaschen und ähnlichen Sachen aufs Spielfeld gelaufen war. Wydad foulte nun immer mehr. In der 75. gab es dann auch endlich den ersten Platzverweis, was nicht ohne eine kleine Auseinandersetzung abging.
In der 86. dann ein spektakuläres Foul: irgendein Volldepp von Wydad springt Bienvenu mit dem Knie voraus in den Rücken, als dieser mittig 14m vorm Tor stehend abziehen will. Elfmeter Nummer 3. Diesmal läuft Oussama Darragi an und knallt den Ball so an den Innenpfosten, dass er für den Gästetorwart unerreichbar ins gegenüberliegende Innennetz sprang. 1:1!
Die Wydadspieler kamen jetzt gar nicht mehr klar. Bei einem übertrieben harten Reingehen reagierte aber auch ein Taraji-Spieler einmal falsch und kloppte zurück, was zu einer handfesten Auseinandersetzung führte. In der 94. gab es dann noch mal eine richtige Massenschlägerei zwischen vielen Spielern, Wechselspielern und Betreuern. Auch Polizei- und Ordnungsdienst waren dabei. Nach 97 Minuten - der Schiri hatte zum Schluss verständlicherweise den Überblick verloren: es sollte eigentlich 10 gegen 8 gespielt werden, meines Erachtens spielte man 10 gegen 9, und eigentlich hätte noch ein Vierter von Casablanca runter gemusst - war Schluss. Aber egal. Taraji holte sich mit dem 1:1 Dank dem Hinspielsieg das Double: Tunesische Meisterschaft und Arabische Championsleague!
Mit lustigen Abschlussbildern endete die Übertragung auf ART-Sports 3: alle Tarajispieler rennen ins Tornetz vor der Kurve, Besala und Oussama Darragi und noch ein paar andere holen sich Bengalfackeln von den Taraji Ultras und rennen damit vor der Virage rum, etliche Spieler steigen auf die Torlatte und schließlich hüpfen alle mehr aufs Siegerpodest, als das sie gehen. Dort verteilen dann die in traditionelle Kleidung (Djallaba) gehüllten saudischen Sponsoren die Medaillen, den Pokal und den Siegerscheck über 1 Million US-Dollar, die ihnen auf Tabletts von hübschen Tunesierinnen in hochhackigen Schuhen, knielangen Röcken und leichten Blusen überreicht werden. Die Medallien dürfen sich dann die mit Sicherheit besten arabischen Fußballer umhängen. Taraji war der klar verdiente Sieger mit einem technisch und athletisch wieder einmal wunderbaren Fußball. Im Hintergrund läuft standesgemäß "We are the Champions" über die Stadionlautsprecher...
ألف مبروك يا ترجي

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Samstag, 27.12.08: Der nördlichste Punkt Afrikas und ein Spiel der Arabischen Championsleague

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081227a%20Bizerte%20-%20Noerdlichster%20Punkt%20Afrikas/ http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081227b%20Utica%20-%20Roemische%20Mauern%20und%20Mosaike/ http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081227c%20ESPERANCE%206-1%20AL-HILAL%20AL-HODAYDA/ Wieder einmal ersetzte der Ruf zum Morgengebet den Wecker. Frühstück gab es keines im Hotel, also fuhren wir gleich an die Küste, in deren Hinterland sich dichter Nebel gebildet hatte. Am Kap sah es dann besser aus. Zwischen Cap H’mam und Cap Angela liegt der nördlichste Punkt des afrikanischen Festlandes in wirklich schöner Landschaft; Steilküsten, Sandstrände und grüne Berge. Wir fuhren dann die engen Straßen entlang wieder in die Innenstadt von Bizerte und kauften uns wirklich gute Croissants und Rosinenschnecken, die zusammen mit Apfelsinen und Mandarinen unser Frühstück bildeten. Den Hafen und die Festung entlang ging es zum Auto und dann zügig nach Utica. Utica, bzw. Utique, war von allen tunesischen Ruinenstädten, noch hinter Musti, die unspektakulärste. So wirklich empfehlen kann ich die Mauerüberreste mit nervigen Guides, aber auch immerhin einigen wirklich schönen Mosaiken von bis zu 2.800 Jahren Alter und als Highlight einem irgendwie etwas unecht wirkenden menschlichen Skelett in der punischen Necropolis, nicht. Das Museum, was im Preis inbegriffen war, schenkten wir uns. Wir sorgten dafür, auf dem schnellsten Weg nach Tunis zu kommen, wo wir gleich zur Geschäftsstelle von Espérance fuhren und uns Karten fürs Championsleague Spiel besorgten. 7,50€ für einen Tribünenplatz im Stade Radés ist wirklich nicht viel. 50m weg vom Kartenschalter hatte sich ein älterer Mann seinen Imbisstand, der mit Fotos von Espérance Fans und Spielern ausgeschmückt war, aufgebaut. Wir holten uns ein paar Baguettes mit Käse und scharfer Paprikasoße zu je 0,35€. Bei der Gelegenheit kaufte ich gleich ein 30x20cm großes Foto vom tunesischen Nationalspieler Dos Santos, wie er zu Zeiten bei Espérance vor der überfüllten Virage (Fankurve) jubelt. Eine weitere Collage bekam ich sogar geschenkt, da der Mann hoch erfreut über den Besuch der deutschen „Espérantistes“ war. Nun noch schnell zum Hotel Tej und die dort zwei Tage zuvor vergessene Jacke samt Portemonnaie inklusive Studentenausweis, Führerschein etc. abholen - erfreulicherweise sind die Leute vom Zimmerservice wirklich ehrlich und aufmerksam - und dann zügig zum Stadion. Das eigentlich von Espérance (Taraji) und Club Africain (Nady Al-Afriky) genutzte Stade Menzah ist nicht für internationale Spiele ausgelegt, sodass das Championsleague Spiel zwischen Taraji Tunisiy und Al-Hilal As-Sahely Al-Hodayda, aus der jemenitischen Hafenstadt Al-Hodayda, im Stade de 7 November 1987, also dem Stade de Radés ausgetragen wurde. Das Hinspiel wurde schon nicht bei Al-Hodayda ausgetragen, sondern im 150km entfernten Sana, der Hauptstadt des ärmsten Landes der arabischen Halbinsel. Espérance Sportive de Tunis 6:1 Al-Hilal As-Sahely Al-Hodayda الهلال الساحلي الحديدة 6:1 الترجي الرياضي التونسي Samstag, 27.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.00 Achtelfinale Arab Championsleague (دوري أبطا ل العرب) Ergebnis: 6:1 nach 94 Min. (46/48) - Halbzeit 2:1, Hinspiel 2:1 (= 8:2) Tore: 1:0 4. Khelil Chammam, 2:0 30. Henri Bienvenu, 2:1 33. Aboud As-Safa, 3:1 66. Wadi Tayyib, 4:1 75. Larbi Jabeur, 5:1 77. Henri Bienvenu, 6:1 84. Wajdi Bouassi Verwarnungen: 1:1 Platzverweise: keine Stadion: Stade 7 Novembre 1987 Radés (Kap. 60.000 überdachte Sitzplätze) Zuschauer: 10.000 (20 Gästefans) Ground Nr. 272 (diese Saison: 42 neue) Sportveranstaltung Nr. 722 (diese Saison: 89) Tageskilometer: 360 (Auto) Saisonkilometer: 14.120; 7.770 Auto/ 2.590 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 1 Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 126 Spielqualität: 9,5/10 (Hervorragend!!!) Tagesunterhaltungswert: 7,0/10 (hoch) Wir verfuhren uns etwas auf dem Weg dahin, doch als wir nach der Feststellung „scheiße, das war mindestens eine Ausfahrt zu früh“ von der Stadtautobahn gefahren waren, kurz entschlossen wieder durch einen gesperrten Weg und via einer Tankstelle auf die Stadtautobahn auffuhren, sahen wir auf der linken Spur einen Pick-up, der mit 12 Personen auf der Ladefläche und drei besetzten Kabinensitzen warnblinkend und wild hupend herumfuhr. Die Leute hatten gelb-rote Flaggen dabei und feierten Taraji Tunis ab. Also einfach mal von der dritten auf die erste Spur rüber gezogen und dran gehängt. In der Abfahrt zum Stadion kippte der Lieferwagen dann fast um, da die Fans auf der rechten Seite heftiger hüpften als die auf der linken Seite der Ladefläche, doch diese Szene ging dann doch genauso gut wie unsere Parkplatzsuche. Viele freie Stellflächen. Das Sportgelände von Radés ist wirklich toppmodern und braucht sich vor diesen ganzen Bundesliga,,arenen“ nicht zu verstecken. In der Schüssel nach Passieren der Kontrollen, d.h. die Sicherheitskräfte haben mal wieder nach Gesichtskontrolle kontrolliert kontrolliert: Touristen wurden gar nicht abgesucht, verstärkte sich dann der Eindruck, dass die Hütte wirklich sehr modern ist: es gibt nur Sitzplätze, diese sind alle überdacht, die Platzwahl ist aber kaum eingeschränkt, da recht wenige Fans ins Stadion kamen, was nicht zuletzt mit der sportlich weniger hohen Attraktivität der arabischen Meisterliga zu tun hat. Da spielen zwar nur Spitzenmannschaften aber meist nicht die Landesmeister - der jemenitische Verein „Halbmond der Küste“ war da eher die Ausnahme - und so ist es für viele interessanter, den Club in der tunesischen Liga bzw. der afrikanischen Championsleague anzuschauen, denn die arabische existiert nur zusätzlich zur afrikanischen bzw. asiatischen. Aber auch die nur etwa 10.000 Zuschauer, von denen schräg hinter uns in der Loge auch die 20 mitgereisten Jemeniten erwähnt werden müssen, die übrigens jeder Tunesierin hinterher pfiffen, was bei diesen nur für müdes Lächeln sorgte, machten gut Stimmung. Vor allem als kurz nach Anpfiff gleich das 1:0 für Taraji fiel - erzielt mit einem wunderbaren Freistoß unter die Querlatte - und ein Blocksturm auf den Oberrang der Virage einsetzte. Die Polizei verhinderte es allerdings keineswegs, dass tausende Fans in den Oberrang der Kurve strömten, der eigentlich gesperrt war. Es dauerte dann eine ganze Weile, ehe das 2:0 fiel. Obwohl das Spiel sehr einseitig war, war es wirklich gut. Wie immer bei Spielen in der arabischen Welt: tolle Zweikämpfe, die man in Europa oft wegen Foulspiels abpfeifen würde, und starke Technik. Kurz nach dem 2:0 erzielten die Gäste aus dem Jemen allerdings mit einer schönen Bogenlampe den Anschlusstreffer. 2:1 war der Pausenstand. In selbiger Pause verabschiedete sich dann einer meiner Kameraakkus. Alt, hunderte von Malen wieder aufgeladen, schon deutlich an Kapazität eingebüßt und nun ziemlich warm geworden. Als ich ihn aus der Kamera herausholte, war er am auslaufen, sodass ich ihn - ganz die feine tunesische Art - ein paar Reihe nach vorne schoss. Gestört hat es mal wieder keinen... Nach der Pause begann Al-Hilal As-Sahely ziemlich Druck zu machen, doch Taraji glänzte mit unglaublich gutem, technisch wirklich hervorragendem Fußball. Nach und nach spielten sie die Mannschaft aus Al-Hodayda regelrecht schwindlig, was zu vier weiteren Toren führte. Es hätte auch noch locker mindestens ein weiteres fallen können. Zwei Freistöße von Al-Hilal waren wirklich gefährlich knapp über die Latte des Tores der Heimmannschaft gegangen und eine Szene war ein klarer Elfmeter für Taraji. Die Tunesier bekamen diesen auch vom Schiedsrichter zugesprochen, doch nachdem er auf den Punkt zeigte, suchten die Spieler der Jemeniten Streit und ein maximal 16jähriger Espérance Fan stürmte den Platz. Drei Spieler der Gelb-Roten schickten ihn freundlich zurück, während Al-Hilal As-Sahely die Spielleiter bedrängte. Der Serienmeister aus Tunis reagierte aber wirklich sehr professionell, als der Blindgänger in Schwarz auf Schiedsrichterball an der Strafraumgrenze entschied. Also was sollte das bitte??? Wie kann man so einen klaren Elfmeter nur zurücknehmen?! Dass der Platzsturm des Jungen nicht ganz ohne Folgen bleiben sollte, war klar. Als die Polizei ihn verhaftete gab es eine ziemliche Rennerei und die Polizei wurde am Ausgang mit Gegenständen beworfen, doch die Szene beruhigte sich schnell wieder. Schließlich war Espérance de Tunis klar auf der Siegerstraße. 6:1 war der vielleicht doch etwas zu hoch ausgefallene Endstand des Spiels. Respekt, dieses Spiel hatte wirklich gute Qualität!!! Hinterher fuhren wir den Wagen gen Süden, gen Monastir, wo wir eine Ausfahrt zu spät abfuhren, da die Bauarbeiter in ganzen vier Tagen einen mehreren Kilometer umfassenden Bauabschnitt fertig bekommen haben. Also bis die Autobahn bis zur tunesisch-libyschen Grenze durchgebaut ist, kann es nicht mehr so lange dauern. In Monastir wurde wieder einmal hervorragend gegessen und dann das beste Hotel der ganzen Reise aufgesucht. Es sollte auch die letzte Übernachtung sein, also konnte man sich ausnahmsweise ein 3-Sterne-Hotel zu fast 40€ pro Nacht im Doppelzimmer mit Frühstück leisten. Hotel Cristal Monastir machte auf jeden Fall einen wirklich guten Eindruck auf uns, obwohl wir den Eindruck nicht loswurden, die einzigen Gäste in der Nacht gewesen zu sein...

Samstag, 20.12.08: Mit dem D-Zug zu den beiden tunesischen Volkssportarten: Fußball und Steinewerfen

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220a%20Sousse%20-%20Weltkulturerbe%20Altstadt/ http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220b%20ETOILE%20DU%20SAHEL%200-1%20ESPERANCE%20DE%20TUNIS/ Es war mal wieder richtig frühes Aufstehen angesagt: 4.30 Uhr. Eine Stunde später waren wir am Hauptbahnhof und kauften uns Karten für eine Zugfahrt Tunis - Sousse - Tunis. Zwei Personen, Direkt-Zug, 2. Klasse, 2x150km: 13€. Absolut pünktlich um 6.00 ging es gen Süden. Bis 7.00 erkannte man beim Blick aus dem Fenster nichts, doch um 7.15 war es schon angenehm hell. Irgendwann kam auch mal der Schaffner rein und brüllte „tadhkiyr!“ Begleitet wurde er von zwei Polizisten. Bahnsteigvorsteher, die einen ohne Ticket nicht auf den Bahnsteig lassen, gibt es in Tunesien übrigens auch noch. Um 8.00 war der mickrige Hauptbahnhof von Sousse erreicht. Wenige Hundert Meter nach rechts beginnt schon die Altstadt mit ihrer beeindruckenden und völlig geschlossenen sandfarbenen Stadtmauer. Noch war ziemlich wenig los und als erstes fielen uns innerhalb der Stadtmauer die vielen weißen Fassaden auf, die stets mit Farbtupfern wie blauen Türeinfassungen versehen waren. Gegenüber des größten Stadttores, dem Westtor, also Bab Al-Gharby, befindet sich eine Militärakademie, deren Eingangsportal eigentlich nicht fotografiert werden darf. Da ich nur „madrasa,“ also Schule auf dem Schild gelesen hatte, nahm ich es trotzdem auf. Patrouilliert hatte niemand. Auch die Baustelle Festung konnte man besichtigen - es stand ja nicht „betreten verboten“. Herzstück der Festung: der Leuchtturm, billiger Kitsch: das unterhalb liegende Theater. Am nächsten Stadttor hatten sich Ultras von Étoile du Sahel verewigt. Ohnehin krass, wie viele Graffitis die angebracht haben! Danach gingen wir zum tollsten Gebäude der Medina; dem Wehrkloster, also Ribat. Dort wurden wir auch zum ersten Mal angequatscht, aber keineswegs aufdringlich oder unfreundlich. Um kurz nach 10Uhr brachen wir zum Stadion auf. 2,5km vom Bab Al-Gharby gen Westen. Ganz am Rande der vor allem von Nord nach Süd gebauten Stadt Sousse. An einem Institut lungerten massenhaft Schüler, kaum jünger als ich, also wohl Oberstufe, herum. Ich wollte mich noch einmal absichern wo die Hütte liegt und fragte einen Jungen „Ayna at-tariq ila l-istad?“ - die Antwort kam mal wieder auf Französisch (ich sollte während der ganzen Reise immer wieder bemerken, dass die Leute meine arabischen Fragen verstehen, aber Antworten auf Französisch geben). Eine Warnung auf Englisch, nicht auf die Bettler einzugehen, kam gleich hinterher. Auf jeden Fall hilfsbereite junge Leute! Wie sinnvoll die Warnung war, sahen wir drei Minuten später, als irgendein Vollidiot uns zu einem Geldwechsel überreden wollte. Streng verboten in Tunesien, so ein Schwarzhandel! Weiter ging es die staubigen Straßen entlang bis zum Stadion und so begann die kleine Eintrittskartenodyssee... 4 Stunden vorher keine Karten am Stadion, aber hunderte Polizisten. Den nächst besten Offiziellen gefragt, nachdem wir halb ums Stadion herum sind: „gehen Sie zum Bushof und dann links vor der Moschee und dann ist da die Geschäftsstelle“. Also erst einmal rechts ums Stadion herum, ein paar Fotos von den Tribünen vom Berg an der Schule aus gemacht und durch ein paar Grundschüler gelernt, dass in Tunesien „Getränke“ nicht wie im Hocharabisch vorgeschrieben „mashroubaat“ , sondern „mashroubääät“ ausgesprochen werden. Nachdem wir „eine Limone“ gekauft hatten - gemeint ist eine Zitronenlimonade namens „Boga Limon“ - gingen wir bis zum Institut zurück. Noch mal einen anderen jungen Mann nach der Geschäftsstelle gefragt, eine Schülergruppe abgewimmelt, aus der ein Mädchen meine Nummer haben wollte und zusammen mit einer weiteren Gruppe über einen anderen Schüler gelacht, der seinen Ranzen hochhob und zu uns meinte: „Look hier! Gut Price!“ und dann ein paar Schritte weiter waren wir an der Geschäftsstelle, wo es nur noch Karten für ganze 20,000 (also 20; die drei Nullen hinterm Komma sollen nur darauf hinweisen, dass der Dinar nicht in 100stel sondern in 1000stel unterteilt ist) Dinar gab, also 10,30€. Aber Hauptsache Karten und zügig am „geheimnisvollen Felsen“ vorbei, etwas Obst kaufen und zum Stadion zurück, wo wir ein paar Kinder beim kostenlos reinkommen durch übern Zaun klettern beobachteten... Wir kamen dann auch schon sehr früh rein. Eigentlich war noch gar nicht geöffnet, aber für die deutschen Gäste machte man auch Eingang Enceinte B auf, damit wir, 2 Stunden und 15 Minuten vor Anpfiff, schon mal im Olympiastadion Platz nehmen konnten.

Étoile Sportive du Sahel 0:1 Espérance Sportive de Tunis لنـجـم الرياضي الساحلي 1:0 الترجي الرياضي التونسي Samstag, 20.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.30 Ligue 1 (1. tunesische Liga) Ergebnis: 0:1 nach 96 Min. (48/48) - Halbzeit 0:0 Tor: 47. Eneramo Verwarnungen: 3:3 Platzverweise: keine Stadion: Stade Olympique de Sousse (Kap. 25.000, davon 18.000 Sitzplätze (3.500 überdacht)) Zuschauer: 23.000 (3.000 Gästefans) Ground Nr. 270 (diese Saison: 40 neue) Sportveranstaltung Nr. 720 (diese Saison: 87) Tageskilometer: 300 (Bahn) Saisonkilometer: 12.100 (5.780 Auto/ 2.560 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug) Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 15 Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 125 Spielqualität: 7,5/10 (gut bis sehr gut) Tagesunterhaltungswert: 9,0/10 (äußerst hoch) Nur noch eine Einlasskontrolle trennte uns vom ersten Groundpunkt in Afrika, dem 11. Länderpunkt und unserem ersten Spiel außerhalb Europas. Und diese Kontrolle war sehr locker: „Welcome to Tunisia“, dann mal kurz in den Rucksack schauen und viel Spaß beim Spiel wünschen. Normalerweise werden auch in Tunesien Besucher abgetastet. Die Zeit ging erst nicht so schnell herum, doch als sich das Stadion richtig füllte, begann die Party der Gästefans. Mit melodischen Gesängen und viel Bewegung beherrschten sie stimmungstechnisch immer wieder das Stadion. Die 3.000 wurden aber natürlich immer wieder von den 20.000 Heimfans übertönt. Nachdem wir unser Obst aufgegessen, mehrere Begrüßungen durch Polizisten und Fans erfreut zur Kenntnis genommen haben und auch das völlig verdreckte und verschimmelte Klo aufgesucht hatten, zeichnete sich langsam ab, dass das Stadion mit 23.000 Leuten ausverkauft sein würde. 2.000 Plätze blieben als Puffer frei. Die Rivalität zwischen diesen beiden erfolgreichsten tunesischen Klubs ist auch sehr ernst zunehmen. Leider gab es keine Choreo, doch Fans beider Seiten taten ihr Bestes mit Stimmgewalt eine hervorragende Atmosphäre zu schaffen. Nebenbei bemerkt, waren rund 99% der Zuschauer Männer und die wenigen Frauen, die im Stadion zu sehen waren, waren alle zwischen 10 und 30 Jahren alt, unverschleiert und europäisch gekleidet. Sonnenbrillen und männliche Begleitung waren auch üblich. Ein paar Minuten nach 14.30 kamen die Spieler aufs Feld. Kein großes Aufhebens, nur Aufstellen und Mannschaftsfotos. Kurz nach dem Anstoß wurde aus der ESS Ecke eine Taube aufs Spielfeld losgelassen, wegen der der Schiri kurz unterbrach, denn die bewegte sich einfach nicht vom Spielfeld runter... Hervorragende Zweikämpfe, schnelle Spielzüge und auch etliche Torchancen sollten das Spiel bestimmen. ESS hatte mehr Chancen, doch EST hatte bessere. Zur Pause blieb es beim 0:0 zwischen dem 2. und dem 1. Nachdem sich die kleine Rauferei zwischen Polizisten und Fans aus Sousse auf der Gegentribüne beruhigt hatte, sprach uns übrigens ein Sportlehrer an, dem es sehr gefiel, dass deutsche Touristen bei diesem Spiel zugegen waren. Es war wirklich sehr angenehm, wie freundlich die Leute - selbst die Sicherheitskräfte - beim Fußball waren. Nach der Pause gab es einen starken Angriff von Espérance, der mit einem schönen Kopfball von Mikael Eneramo abgeschlossen wurde. 0:1 und der Gästeblock tobte. In der Folgezeit gingen eigentlich nur noch die Gäste ab. Die Heimfans waren gefrustet und warfen nun mit Plastikflaschen nach allem aus der Hauptstadt. Im Espérance Block, der immer wieder vom starken Wind, der mächtig Staub aufwirbelte, drangsaliert wurde, brannte ein einsames Bengalo, bis es gegen den Wind sehr geschickt in die Reihen der Polizei geworfen wurde. Das Spiel hatte einen mehrminütigen Durchhänger, doch nahm wieder Fahrt ab der 70. auf. Doch auch ein paar starke Szenen der Gastgeber reichten nicht, um den Ausgleich noch zu erzielen. Großer Jubel bei den Spieler von Espérance, als nach 96 Minuten abgepfiffen wird. Sie rannten wild jubelnd vor ihre Gästekurve und ließen sich von den Mitgereisten feiern. Zwei von den Mitgereisten waren auf die Anzeigetafel geklettert und ein anderer sprang nun über den Graben in die Polizeikette. Das machten ihm einige nach, sodass es zu einem Handgemenge kam, in dem sich auch die Spieler aktiv gegen die Polizei beteiligten und dabei eine Holzbank zerlegten. Während dieser Szenen ging übrigens der komplette Heimsektor aus dem Stadion. Warum, sahen wir als wir 10 Minuten später auch gingen. Vereinzelt herumliegende Schuhe und Schirme und aufgeregte Polizisten. Steine liegen auf der Hauptstraße. Rennerei gen Neubauviertel. Ein Polizist meint, wir sollten uns beeilen. Ein anderer schnauzt einen ESS Fan an. Ein dritter schlägt und tritt einen weiteren Heimfan aus dem Weg. Nach zwei Minuten sehen wir, was hier los war, den die nächste Welle rollt: Minderjährige rotten sich zu Dutzenden zusammen und bewerfen die Polizei mit Steinen. Diese mit Schutzschildern bewaffneten heben die Steine auf und werfen sie zurück. Die jüngsten der Randalierer sind kaum älter als 10, die ältesten 25. Immer wieder hin und her, sodass wir mit anderen Fans vor einem Laden in Deckung gehen. Als die erste Reihe aufgelöst wird, rennen wir im Schatten der Polizei zu den Randalierern. Als die Polizei plötzlich anfängt zu rennen, meint ein Tunesier neben mir: „Come on! Run!“ und wir rennen gemeinsam 100m, bis sich die nächste Randalierergruppe formiert hat und die Polizei stehen blieb. Absperrungen werden umgetreten und Steine vom Straßenrand des Neubaugebietes geholt. Wir stehen einige Meter hinter der Front. Als die Polizei wieder angreift, meint der Tunesier mit der weißen Jacke und der modischen Brille wieder „Come on!“ und weiter geht es! Es fiel auf, dass fast alle Beteiligten lachten und die Situation offensichtlich als Spaß auslegten. Wie man, wie ein ESS-Fan, allerdings während einem Geschossaustausch gegen eine Wand pinkeln und dabei ganz locker bei der Schlacht zugucken kann, ist mir rätselhaft... Aber auch für uns war es nicht wirklich schockierend, wusste ich doch schon unlängst, dass im Maghreb und dem Mashrek immer wieder so ein Unsinn veranstaltet wird - ob nach Fußball-, Basketball-, Handball- oder was auch immer -spielen ist egal - und dann auch noch freundlich lächelnde Leute um einen herum, die einem immer wieder mit Sprüchen wie „Willkommen in Tunesien!“ ansprachen. Wir bewegten uns teils rennend - zwischenzeitlich aber immer wieder stehen bleibend und guckend - bis zum großen Kreisverkehr am Institut vorwärts. Viele Familien guckten neugierig aus den Fenstern, was die unverbesserlichen Chaoten aus der Siedlung wieder losmachten. Danach gingen wir zügig aber unaufgeregt gen Medina, da sich die Auseinandersetzungen gen Neubauviertel verlagerten. Noch etwas Obst essen, den Hafen begutachten und dann gen Bahnhof, wo wir eine Stunde warten mussten, bis der 19.00-Zug endlich fuhr. Teils rasend, teils holpernd fuhr er wieder perfekt pünktlich ab und kam pünktlich an. Trotzdem fahren nicht viele mit dem Zug, da Preis-Leistung nicht wirklich gut ist, wenn man ein eigenes Auto in Tunesien hat. Aber gegenüber dem Mietwagen hat der Zug doch deutliche Preisvorteile. Es gibt aber einfach nur sehr wenige Strecken. In einem Imbiss bei unserem Hotel aßen wir noch ein „Sendwitch“ und gingen dann ins Tej. Es war also wirklich ein Fußballkulturschock, den wir in Sousse erlebten. Sicherlich eines der zehn interessantesten Fußballspiele, was ich bisher erlebt habe: richtig gute Spielqualität und ein packendes Ambiente.