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Dienstag, 3. Dezember 2013

W383II: Fußball in der Hauptstadt – mal auf Asche, mal auf Kunstrasen; aber stets viele Karten und immer taucht dieser Yacoub El Mansour auf

--- Union Sportive Témara - (الاتحاد لتمارة) --
............................ 1:0 (0:0) ............................
Club Rachad Bernoussi (نادي الرشاد البرنوصي)
- Datum: Samstag, 30. November 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Botola 2 [االبطولة الوطنية القسم الثاني] (Nationale Meisterschaft, 2. Abteilung = 2. Marokkanische Liga; Halbprofiliga)
- Ergebnis: 1-0 nach 100 Min. (46/54) – Halbzeit: 0-0
- Tor: 1-0 60. (32)
- Verwarnungen: Nr. 14, 15, 19, 25-TW (UST); Nr. 2, 7, 12-TW, 15, 19 (RB)
- Platzverweise: Torwart von Rachad Bernoussi (Nr. 12) wg. Notbremse in 97. Minute
- Spielort: Stade Municipal >>Yacoub El Mansour<< de Témara [الملعب البلدي "يعقوب المنصور" بتمارة] (Kap. 2.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: 500 (davon ca. 10 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 6,0/10 (Nach mäßiger erster Hälfte kam das Spiel ziemlich in Fahrt)

Association Elite Sportive Yacoub El Mansour
(النخبة يعقوب المنصور)
................................ 7:0 (5:0) ..............................
Club Sportif Najm El-Sahel Bouznika 
(نجم الساحل بوزنيقة)
- Datum: Samstag, 30. November 2013 – Anstoß: 11.00
- Wettbewerb: Senior 4 Division, Ligue 1 du Gharb de Football/ Groupe A [عصبة الغرب - بطولة الهواة القسم الرابع, مجموعة ا] (1. Westmarokkanische Regionalklasse/ Gruppe A = 6. Marokkanische Liga, 4. Amateurebene)
- Ergebnis: 7-0 nach 85 Min. (44/41) – Halbzeit: 5-0
- Tore: 1-0 5. (8), 2-0 24. Hoceine (6), 3-0 29. Hoceine (6, Elfmeter), 4-0 36. (7), 5-0 40. (5), 6-0 55. (7), 7-0 58. (16)
- Verwarnungen: 7, 14, 16 (AES); 4, 9, NN (CSNSB)
- Platzverweise: Nr. 5 von Bouznika (62. Min. wg. Beleidigung von Gegenspieler und Linienrichter)
- Spielort: Stade Pex/ Mamoune [ملعب المامون] (Kap. 1.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 70 (davon ca. 10 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Sehr einseitig, aber Nokhba spielte richtig guten Amateurfußball) ملعب مامون - رباط Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Second Division: Union Témara defeat Rachad Bernoussi (Yacoub El Mansour Stadium at Témara near Rabat)
b) MOROCCAN AMATEUR FOOTBALL IN RABAT: NOKHBA YACOUB MANSOUR – NAJM SAHEL BOUZNIKA
c) Rabat and Salé: New pictures; Hassan Tower of the unfinished Grand Mosque, Russian Orthodox Church

Bevor ich zwecks Visumsverlängerung in besetztes Gebiet rüberfuhr, ging es erstmal zügig gen Hauptstadt. Da in der Nähe des Zielgebiets keine Verwandtschaft meiner Gastfamilie wohnt und somit eine Hotelübernachtung anstand, unternahm ich die Tour alleine. Ich fand mich auch ohne die tollen Hilfsmittel die mir jetzt bei manchen Beifahrern zur Verfügung stehen (z.B. Fayzas Google-Maps-App auf ihrem Smartphone) in der Hauptstadt zurecht und steuerte dort erstmal die unvollendet gebliebene, mittelalterliche Große Moschee mit dem Hassan-Turm an. Schon ein schickes Teil, typisch maghrebinische Ausarbeitung, aber künstliches Säulenlabyrinth und der angrenzende Garten ist eine Baustelle.

Die Moschee wurde übrigens von Yacoub El Mansour (Yakub al-Mansur, der Siegreiche Jakob) in Auftrag gegeben und der war Ende des 12. Jh.s Kalif der Almohaden-Dynastie. Ein Stadtteil von Rabat heißt so und auch diverse öffentliche Einrichtungen (v.a. in der Hauptstadt). Heute kam mir der Kerl beim Fußball dauernd unter und politisch gesehen ist die Benennung des Stadions in Témara oder des Stadtviertels in Rabat halbwegs nachvollziehbar, da er ein von Marokko ausgehendes Großreich regierte und weitestgehend erfolgreich gegen spanische und afrikanische Gegner verteidigte. Er wird auch gerne als Förderer der Baukunst und anderer kultureller Tätigkeiten gefeiert. Andererseits ist er angesichts seiner radikalen Religionsauslegung (Anhänger der Zahiriya, die in die Wahabiyya, die heute v.a. in Saudi-Arabien nur Scheiße baut, aufging) und Gewalttätigkeit gegen Minderheiten im marokkanischen Reich eine sehr zweifelhafte Person und steht eigentlich auch den Idealen des heutigen Königreiches Marokkos entgegen. النخبة يعقوب المنصور و نجم الساحل بوزنيقة Die erste Begegnung mit dem Namen Yacoub El Mansour gab es passenderweise am Russland-Platz. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich richtig abgebogen war, doch als eine Horde von 15 Jungen Leuten mit Sporttaschen auf dem Rücken um die Ecke kam, waren gleich zwei Sachen klar: 1. bin ich hier richtig am Stade Pex/ Mamoune und 2. fängt das anvisierte Spiel garantiert nicht in 10 Minuten an…

Das Stade Pex (auch bekannt als Malaab Mamoune) hatte ich dem Groundhopper von hyperfantastisch.de per Mail ungesehen empfohlen, als er ein Spiel am Aid-Wochenende gesucht hatte und mein Frauenmatch in Khenifra für ihn zu weit war. Er hat es dann wiederum sehr gelobt und schon von außen bestätigte sich der Eindruck: es ist ein zwischen primitive Mehrfamilienhäuser geklatschter Ascheplatz der hinter dem einen Tor von einer Sporthalle begrenzt wird und auf der einen Längsseite nur die Wechselbänke und ein paar schmale Bäume, auf der anderen aber eine tolle Tribüne für gut 1.500 Leute mit geometrischen Mustern aus Beton hinter der letzten Reihe, zu bieten hat.

Das Spiel zwischen Nokhba (Elite) aus dem Stadtteil Yacoub El Mansour und Najm Es-Sahel (Stern der Küste) aus dem zwischen Rabat und Casablanca liegenden Bouznika fing 15 Minuten später an, aber wusste von der ersten Minute an (trotz vom Start weg einseitiger Spielführung) zu gefallen. Bevor überhaupt angepfiffen wurde gab es die erste gelbe Karte, da ein Spieler der Gäste den Anstoß verzögerte nachdem der Schiedsrichter ihn darauf aufmerksam machen musste, dass er seinen Schmuck ablegen muss…

Nokhba legte dann sowas von los, dass Najm Saheli gar nichts zu melden hatte. Die kamen ja kaum über die Mittellinie, während der Gästekeeper dauerbeschäftigt war: ein Weitschuss, ein Kopfball, ein Elfmeter links unten ins Eck und schon stand es 3:0. Vor der Pause noch das 4:0 und 5:0 und dabei wurden noch zwei Tore vom schlechten Schiedsrichtergespann wegen angeblichen Abseits aberkannt!

Nach dem Seitenwechsel kam Bouznika ein wenig ins Spiel, doch ein Doppelschlag führte zum 7:0 Endstand. Ein Gästespieler pöbelte noch etwas rum und musste dann früher gehen, wobei sein Gehabe bei den dauernden Fehlentscheidungen der Unparteiischen (besonders der Linienrichter) in beide Richtungen halbwegs nachvollziehbar war. Mit 10 Mann und noch 25 Minuten bis zum Ende – zweistellig? Nichts war’s! Denn Bouznika spielte jetzt etwas besser und konnte hinten dicht halten, sodass es beim 7:0 blieb.

Noch schnell Essen fürs Wochenende im Acima am Russenplatz eingekauft, die russisch-orthodoxe Kirche besichtigt (leider nur von außen möglich) und dann zum nächsten Spiel. الاتحاد تمارة و الرشاد برنوصي - بطولة القسم الثاني Am großen Stadion Moulay Abdellah und dem Zoo vorbei geht es in die gesichtslose Nachbarstadt Témara. Nur primitive Platte, am Rande schicke Einfamilienhäuser. Zwischen diesen teuren Häusern und der Autobahn befindet sich dann das kleine Stadion des Zweitligisten Tihad (Union) Témara, das nach Yacoub El Mansour heißt. Nicht mal Eintritt wurde erhoben, wenn man auf die neunreihige überdachte Betontribüne oder die etwas niedrigere aber breitere unüberdachte Betontribüne gegenüber wollte. Bis auf den neuen Kunstrasen deuteten noch alle Zeichen auf Amateurliga aus der der Club emporgekommen ist. Nicht mal Zuschauertoiletten gibt es: fragt man einen Ordner, wird man zu den Spielern in die Kabine geschickt und geht mit denen aufs Gemeinschafts-Scheißhaus…

Auch die Zuschauerzahl von nur 500 ist sehr amateurhaft, doch auf dem Feld zeigte sich der Unterschied: hier wurde schneller, technisch versierter, aber vorsichtiger gespielt, wodurch es viel weniger Torszenen als bei den Amateurligen gab. Würde ich noch länger in Marokko bleiben, würde ich aus diesem Grund auch meine Hoppingaktivitäten schnell auf den Amateurbereich konzentrieren… Erst nach einer Stunde netzte Témara mit einem Sprungtritt aus sechs, sieben Metern ein. Kurz darauf allerdings noch ein Tor, was nur leider vom erneut schlechten Schiedsrichtergespann aberkannt wurde. Die Hälfte der gelben Karten war lächerlich, doch bei der roten Karte gegen den Schlussmann von Rachad Bernoussi lagen sie völlig richtig: eindeutiger kann man eine Notbremse nicht ausführen!

Die Spieler wurden noch v.a. von den sehr jungen Ultras etwas abgefeiert, wobei es hier insgesamt ungewohnt vernünftig und ruhig zuging in Témara. Kein Wunder, dass keiner deren Szene ernstnimmt…

Nach dem Spiel ging es gleich auf die Autobahn und in vier Stunden war Fnideq erreicht. Da im Bereich Sebta/ Ceuta, Fnideq, Tanger die Hotelsituation katastrophal ist, d.h. die Hotels fast ausnahmslos überteuert sind (wirklich billig sind nur die ganz schlechten Absteigen), buchte ich zwei Tage vorher mit der Visakarte die günstigste verfügbare Rate im grenznahen Ibis Fnideq. Immer noch 32€, aber besser als der Dreck den man sonst für 32€ oder 20€ angeboten bekommt in Fnideq und nahegelegenen Orten. Was an Ceuta bzw. Sebta so interessant ist, siehe Sonntagsbericht! الاتحاد تمارة و الرشاد برنوصي - بطولة القسم الثاني Statistik:
- Grounds: 1.039 (2 neue; diese Saison: 68 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.946 (heute 2, diese Saison: 90)
- Tageskilometer: 570 (570km Auto)
- Saisonkilometer: 24.620 (23.580 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 4 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 383

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Samstag, 20.12.08: Mit dem D-Zug zu den beiden tunesischen Volkssportarten: Fußball und Steinewerfen

http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220a%20Sousse%20-%20Weltkulturerbe%20Altstadt/ http://s181.photobucket.com/albums/x68/fchmksfkcb/081220b%20ETOILE%20DU%20SAHEL%200-1%20ESPERANCE%20DE%20TUNIS/ Es war mal wieder richtig frühes Aufstehen angesagt: 4.30 Uhr. Eine Stunde später waren wir am Hauptbahnhof und kauften uns Karten für eine Zugfahrt Tunis - Sousse - Tunis. Zwei Personen, Direkt-Zug, 2. Klasse, 2x150km: 13€. Absolut pünktlich um 6.00 ging es gen Süden. Bis 7.00 erkannte man beim Blick aus dem Fenster nichts, doch um 7.15 war es schon angenehm hell. Irgendwann kam auch mal der Schaffner rein und brüllte „tadhkiyr!“ Begleitet wurde er von zwei Polizisten. Bahnsteigvorsteher, die einen ohne Ticket nicht auf den Bahnsteig lassen, gibt es in Tunesien übrigens auch noch. Um 8.00 war der mickrige Hauptbahnhof von Sousse erreicht. Wenige Hundert Meter nach rechts beginnt schon die Altstadt mit ihrer beeindruckenden und völlig geschlossenen sandfarbenen Stadtmauer. Noch war ziemlich wenig los und als erstes fielen uns innerhalb der Stadtmauer die vielen weißen Fassaden auf, die stets mit Farbtupfern wie blauen Türeinfassungen versehen waren. Gegenüber des größten Stadttores, dem Westtor, also Bab Al-Gharby, befindet sich eine Militärakademie, deren Eingangsportal eigentlich nicht fotografiert werden darf. Da ich nur „madrasa,“ also Schule auf dem Schild gelesen hatte, nahm ich es trotzdem auf. Patrouilliert hatte niemand. Auch die Baustelle Festung konnte man besichtigen - es stand ja nicht „betreten verboten“. Herzstück der Festung: der Leuchtturm, billiger Kitsch: das unterhalb liegende Theater. Am nächsten Stadttor hatten sich Ultras von Étoile du Sahel verewigt. Ohnehin krass, wie viele Graffitis die angebracht haben! Danach gingen wir zum tollsten Gebäude der Medina; dem Wehrkloster, also Ribat. Dort wurden wir auch zum ersten Mal angequatscht, aber keineswegs aufdringlich oder unfreundlich. Um kurz nach 10Uhr brachen wir zum Stadion auf. 2,5km vom Bab Al-Gharby gen Westen. Ganz am Rande der vor allem von Nord nach Süd gebauten Stadt Sousse. An einem Institut lungerten massenhaft Schüler, kaum jünger als ich, also wohl Oberstufe, herum. Ich wollte mich noch einmal absichern wo die Hütte liegt und fragte einen Jungen „Ayna at-tariq ila l-istad?“ - die Antwort kam mal wieder auf Französisch (ich sollte während der ganzen Reise immer wieder bemerken, dass die Leute meine arabischen Fragen verstehen, aber Antworten auf Französisch geben). Eine Warnung auf Englisch, nicht auf die Bettler einzugehen, kam gleich hinterher. Auf jeden Fall hilfsbereite junge Leute! Wie sinnvoll die Warnung war, sahen wir drei Minuten später, als irgendein Vollidiot uns zu einem Geldwechsel überreden wollte. Streng verboten in Tunesien, so ein Schwarzhandel! Weiter ging es die staubigen Straßen entlang bis zum Stadion und so begann die kleine Eintrittskartenodyssee... 4 Stunden vorher keine Karten am Stadion, aber hunderte Polizisten. Den nächst besten Offiziellen gefragt, nachdem wir halb ums Stadion herum sind: „gehen Sie zum Bushof und dann links vor der Moschee und dann ist da die Geschäftsstelle“. Also erst einmal rechts ums Stadion herum, ein paar Fotos von den Tribünen vom Berg an der Schule aus gemacht und durch ein paar Grundschüler gelernt, dass in Tunesien „Getränke“ nicht wie im Hocharabisch vorgeschrieben „mashroubaat“ , sondern „mashroubääät“ ausgesprochen werden. Nachdem wir „eine Limone“ gekauft hatten - gemeint ist eine Zitronenlimonade namens „Boga Limon“ - gingen wir bis zum Institut zurück. Noch mal einen anderen jungen Mann nach der Geschäftsstelle gefragt, eine Schülergruppe abgewimmelt, aus der ein Mädchen meine Nummer haben wollte und zusammen mit einer weiteren Gruppe über einen anderen Schüler gelacht, der seinen Ranzen hochhob und zu uns meinte: „Look hier! Gut Price!“ und dann ein paar Schritte weiter waren wir an der Geschäftsstelle, wo es nur noch Karten für ganze 20,000 (also 20; die drei Nullen hinterm Komma sollen nur darauf hinweisen, dass der Dinar nicht in 100stel sondern in 1000stel unterteilt ist) Dinar gab, also 10,30€. Aber Hauptsache Karten und zügig am „geheimnisvollen Felsen“ vorbei, etwas Obst kaufen und zum Stadion zurück, wo wir ein paar Kinder beim kostenlos reinkommen durch übern Zaun klettern beobachteten... Wir kamen dann auch schon sehr früh rein. Eigentlich war noch gar nicht geöffnet, aber für die deutschen Gäste machte man auch Eingang Enceinte B auf, damit wir, 2 Stunden und 15 Minuten vor Anpfiff, schon mal im Olympiastadion Platz nehmen konnten.

Étoile Sportive du Sahel 0:1 Espérance Sportive de Tunis لنـجـم الرياضي الساحلي 1:0 الترجي الرياضي التونسي Samstag, 20.Dezember 2008 - Anstoßzeit 14.30 Ligue 1 (1. tunesische Liga) Ergebnis: 0:1 nach 96 Min. (48/48) - Halbzeit 0:0 Tor: 47. Eneramo Verwarnungen: 3:3 Platzverweise: keine Stadion: Stade Olympique de Sousse (Kap. 25.000, davon 18.000 Sitzplätze (3.500 überdacht)) Zuschauer: 23.000 (3.000 Gästefans) Ground Nr. 270 (diese Saison: 40 neue) Sportveranstaltung Nr. 720 (diese Saison: 87) Tageskilometer: 300 (Bahn) Saisonkilometer: 12.100 (5.780 Auto/ 2.560 Bahn/ 2.280 Rad/ 1.480 Flugzeug) Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 15 Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 125 Spielqualität: 7,5/10 (gut bis sehr gut) Tagesunterhaltungswert: 9,0/10 (äußerst hoch) Nur noch eine Einlasskontrolle trennte uns vom ersten Groundpunkt in Afrika, dem 11. Länderpunkt und unserem ersten Spiel außerhalb Europas. Und diese Kontrolle war sehr locker: „Welcome to Tunisia“, dann mal kurz in den Rucksack schauen und viel Spaß beim Spiel wünschen. Normalerweise werden auch in Tunesien Besucher abgetastet. Die Zeit ging erst nicht so schnell herum, doch als sich das Stadion richtig füllte, begann die Party der Gästefans. Mit melodischen Gesängen und viel Bewegung beherrschten sie stimmungstechnisch immer wieder das Stadion. Die 3.000 wurden aber natürlich immer wieder von den 20.000 Heimfans übertönt. Nachdem wir unser Obst aufgegessen, mehrere Begrüßungen durch Polizisten und Fans erfreut zur Kenntnis genommen haben und auch das völlig verdreckte und verschimmelte Klo aufgesucht hatten, zeichnete sich langsam ab, dass das Stadion mit 23.000 Leuten ausverkauft sein würde. 2.000 Plätze blieben als Puffer frei. Die Rivalität zwischen diesen beiden erfolgreichsten tunesischen Klubs ist auch sehr ernst zunehmen. Leider gab es keine Choreo, doch Fans beider Seiten taten ihr Bestes mit Stimmgewalt eine hervorragende Atmosphäre zu schaffen. Nebenbei bemerkt, waren rund 99% der Zuschauer Männer und die wenigen Frauen, die im Stadion zu sehen waren, waren alle zwischen 10 und 30 Jahren alt, unverschleiert und europäisch gekleidet. Sonnenbrillen und männliche Begleitung waren auch üblich. Ein paar Minuten nach 14.30 kamen die Spieler aufs Feld. Kein großes Aufhebens, nur Aufstellen und Mannschaftsfotos. Kurz nach dem Anstoß wurde aus der ESS Ecke eine Taube aufs Spielfeld losgelassen, wegen der der Schiri kurz unterbrach, denn die bewegte sich einfach nicht vom Spielfeld runter... Hervorragende Zweikämpfe, schnelle Spielzüge und auch etliche Torchancen sollten das Spiel bestimmen. ESS hatte mehr Chancen, doch EST hatte bessere. Zur Pause blieb es beim 0:0 zwischen dem 2. und dem 1. Nachdem sich die kleine Rauferei zwischen Polizisten und Fans aus Sousse auf der Gegentribüne beruhigt hatte, sprach uns übrigens ein Sportlehrer an, dem es sehr gefiel, dass deutsche Touristen bei diesem Spiel zugegen waren. Es war wirklich sehr angenehm, wie freundlich die Leute - selbst die Sicherheitskräfte - beim Fußball waren. Nach der Pause gab es einen starken Angriff von Espérance, der mit einem schönen Kopfball von Mikael Eneramo abgeschlossen wurde. 0:1 und der Gästeblock tobte. In der Folgezeit gingen eigentlich nur noch die Gäste ab. Die Heimfans waren gefrustet und warfen nun mit Plastikflaschen nach allem aus der Hauptstadt. Im Espérance Block, der immer wieder vom starken Wind, der mächtig Staub aufwirbelte, drangsaliert wurde, brannte ein einsames Bengalo, bis es gegen den Wind sehr geschickt in die Reihen der Polizei geworfen wurde. Das Spiel hatte einen mehrminütigen Durchhänger, doch nahm wieder Fahrt ab der 70. auf. Doch auch ein paar starke Szenen der Gastgeber reichten nicht, um den Ausgleich noch zu erzielen. Großer Jubel bei den Spieler von Espérance, als nach 96 Minuten abgepfiffen wird. Sie rannten wild jubelnd vor ihre Gästekurve und ließen sich von den Mitgereisten feiern. Zwei von den Mitgereisten waren auf die Anzeigetafel geklettert und ein anderer sprang nun über den Graben in die Polizeikette. Das machten ihm einige nach, sodass es zu einem Handgemenge kam, in dem sich auch die Spieler aktiv gegen die Polizei beteiligten und dabei eine Holzbank zerlegten. Während dieser Szenen ging übrigens der komplette Heimsektor aus dem Stadion. Warum, sahen wir als wir 10 Minuten später auch gingen. Vereinzelt herumliegende Schuhe und Schirme und aufgeregte Polizisten. Steine liegen auf der Hauptstraße. Rennerei gen Neubauviertel. Ein Polizist meint, wir sollten uns beeilen. Ein anderer schnauzt einen ESS Fan an. Ein dritter schlägt und tritt einen weiteren Heimfan aus dem Weg. Nach zwei Minuten sehen wir, was hier los war, den die nächste Welle rollt: Minderjährige rotten sich zu Dutzenden zusammen und bewerfen die Polizei mit Steinen. Diese mit Schutzschildern bewaffneten heben die Steine auf und werfen sie zurück. Die jüngsten der Randalierer sind kaum älter als 10, die ältesten 25. Immer wieder hin und her, sodass wir mit anderen Fans vor einem Laden in Deckung gehen. Als die erste Reihe aufgelöst wird, rennen wir im Schatten der Polizei zu den Randalierern. Als die Polizei plötzlich anfängt zu rennen, meint ein Tunesier neben mir: „Come on! Run!“ und wir rennen gemeinsam 100m, bis sich die nächste Randalierergruppe formiert hat und die Polizei stehen blieb. Absperrungen werden umgetreten und Steine vom Straßenrand des Neubaugebietes geholt. Wir stehen einige Meter hinter der Front. Als die Polizei wieder angreift, meint der Tunesier mit der weißen Jacke und der modischen Brille wieder „Come on!“ und weiter geht es! Es fiel auf, dass fast alle Beteiligten lachten und die Situation offensichtlich als Spaß auslegten. Wie man, wie ein ESS-Fan, allerdings während einem Geschossaustausch gegen eine Wand pinkeln und dabei ganz locker bei der Schlacht zugucken kann, ist mir rätselhaft... Aber auch für uns war es nicht wirklich schockierend, wusste ich doch schon unlängst, dass im Maghreb und dem Mashrek immer wieder so ein Unsinn veranstaltet wird - ob nach Fußball-, Basketball-, Handball- oder was auch immer -spielen ist egal - und dann auch noch freundlich lächelnde Leute um einen herum, die einem immer wieder mit Sprüchen wie „Willkommen in Tunesien!“ ansprachen. Wir bewegten uns teils rennend - zwischenzeitlich aber immer wieder stehen bleibend und guckend - bis zum großen Kreisverkehr am Institut vorwärts. Viele Familien guckten neugierig aus den Fenstern, was die unverbesserlichen Chaoten aus der Siedlung wieder losmachten. Danach gingen wir zügig aber unaufgeregt gen Medina, da sich die Auseinandersetzungen gen Neubauviertel verlagerten. Noch etwas Obst essen, den Hafen begutachten und dann gen Bahnhof, wo wir eine Stunde warten mussten, bis der 19.00-Zug endlich fuhr. Teils rasend, teils holpernd fuhr er wieder perfekt pünktlich ab und kam pünktlich an. Trotzdem fahren nicht viele mit dem Zug, da Preis-Leistung nicht wirklich gut ist, wenn man ein eigenes Auto in Tunesien hat. Aber gegenüber dem Mietwagen hat der Zug doch deutliche Preisvorteile. Es gibt aber einfach nur sehr wenige Strecken. In einem Imbiss bei unserem Hotel aßen wir noch ein „Sendwitch“ und gingen dann ins Tej. Es war also wirklich ein Fußballkulturschock, den wir in Sousse erlebten. Sicherlich eines der zehn interessantesten Fußballspiele, was ich bisher erlebt habe: richtig gute Spielqualität und ein packendes Ambiente.