Mittwoch, 23. September 2015

W475VI: Die Tempel von Baalbek, einige Zedern und ein bisschen Beiruter Chaos (Libanon, Tag 2)

بعلبك
Photos with English Commentary:
a) BEKAA: BAALBEK TEMPLES
b) Mount Lebanon: Chouf Cedars Reserve and Mountains

Wir hatten ja in Baalbek übernachtet, sodass wir nach dem guten und preisgünstigen Frühstück gleich die berühmten Tempel besuchten. Die drei außen gelegenen Bereiche sind derzeit wegen Grabungsarbeiten gesperrt, sodass man diese nur vom Weg aus sehen kann, doch im Hauptkomplex bekommt man für die für libanesische Verhältnisse sehr teuren 9€ Eintritt schon sehr viel geboten. Etwa zwei Stunden braucht man, um die ganzen eindrucksvollen Ruinen – riesige Säulen, klobige Steingebäude, filigrane Steinmetzarbeiten – und das im Keller des einen Tempels befindliche Museum mit Infos in Arabisch, Englisch, Französisch und auch Deutsch zu besichtigen. Ein syrischer Reisender des 17. Jahrhunderts aus der Sufi-Mystiker-Ecke (an-Nablusi) hatte ja mal gemeint, dass dieser Tempel nicht von den Römern gebaut worden sein kann, weil er viel zu schön ist – da müssen Geister und Kobolde (Dschinnen) am Werk gewesen sein...

Außer den tollen Tempeln hat Baalbek noch eine protzige schiitische Moschee, die mit Panzersperren gesichert ist und sehr hohen Sicherheitsvorkehrungen unterliegt, zu bieten. Die Privathäuser der Stadt sind nur sehr vereinzelt in gutem Zustand, etliche Straßenzüge sind sehr heruntergekommen. Im Umland von Baalbek gibt es übrigens noch kleinere Ruinen von weniger bedeutenden Tempeln und auch einem römischen Steinbruch – dort sprengten die Römer Felsbrocken, indem sie mit Metallwerkzeugen Löcher in Felsen schlugen und dort trockene Holzkeile hineinschoben, die sie wässerten bis das Holz so aufquoll, dass es den Felsbrocken zersprengte.

Touristisch ist in Baalbek aber genauso wenig los, wie im restlichen Libanon, da Teilreisewarnung bzw. im Falle von Baalbek sogar ausdrückliches Abraten vor Reisen. Allerdings ist die Hisbollah dem Tourismus fast so zugetan wie dem Terrorismus, sodass es Blödsinn vom Auswärtigen Amt ist, speziell vor einem Besuch von Baalbek zu warnen. Nördlich Richtung Irsal wegen häufiger Schießereien und Bandenkriminalität (Drogenschmuggel, Entführungen – von Hisbollah-Gruppen wie auch von sunnitischen Extremisten) ist das richtig – aber nicht Baalbek! Dort waren zwar auch am Freitagabend und sogar Samstagmorgen Schüsse zu hören, doch wurde da nur wegen einer Hochzeit in die Luft geschossen und am anderen Tag offensichtlich an einem Schießstand geübt. Übrigens sind Waffengeschäfte im Libanon noch häufiger und auffälliger als in Deutschland, v.a. Zahleh scheint da eine Hochburg zu sein – in Deutschland sieht man nämlich nie Leuchtreklame „Baretta Shotgun – only 350$“... بعلبك Weiter ging es an Zahleh vorbei nach Kifraya und von dort eine abenteuerliche Serpentinenstraße mit tollem Blick in die Beqaa-Ebene nach Ech-Chouf hoch. Dort stehen in schöner Berglandschaft einige Zedern und andere Nadelbäume herum. Der libanesische Nationalbaum unterliegt in dieser Ecke natürlich besonderem Schutz. Weiter ging es über enge Bergstraßen und eine etwas breitere auf die völlig überlastete, mehrspurige, aber sehr schlechte Straße nach Beirut. Am Rande stehen immer wieder Ruinen der stillgelegten Eisenbahn.

An diesem Wochenende war fußballerisch nicht so viel los, sodass wir zum Futsal – nach Basketball und Fußball Sportart Nr. 3 im Libanon – wollten. Gleich drei Spiele waren in der Sporthalle Emile Lahoud – benannt nach einem ehemaligen Staatspräsidenten Libanons, der ein pro-Syrischer Militär armenischer Abstammung und einer der größten Vollpfosten der im Libanon an der Macht war, ist – am Rande von Beirut auf einem Berg im Stadtteil Sebtiye unweit der St. Joseph University angesetzt. Dort angekommen stellten wir fest, dass die Sporthalle dem Militär gehört. Die schwer bewaffneten Soldaten waren sehr freundlich, ließen uns auch auf ihrem Parkplatz parken, nachdem sie pro forma Motorraum und Kofferraum kontrolliert hatten, meinten aber, dass wohl kein Spiel sein werde, da heute keine Mannschaften angemeldet seien. Als ich die Ansetzung ausgedruckt zeigte, rief einer der Soldaten bei der zuständigen Stelle an und brachte in Erfahrung, dass gestern der Verband alle Spiele der 1. Liga abgesagt hat, da die Futsal-Nationalmannschaft zu einem Qualifikationsturnier nach Malaysia aufgebrochen ist.

Wir wollten eigentlich gleich nach Baalbek zurückfahren, bogen aber ein, zwei Mal falsch ab und nahmen dadurch einen Bogen um die Innenstadt entlang der Corniche, deren gesichtslose aber nicht unbedingt hässliche Hochhausarchitektur die im US-Stil alle älteren Gebäude überragt und teilweise verdeckt. Erst dann kamen wir wieder auf die Hauptstrecke nach Osten, die sich mit enormen Höhenunterschieden über den Mont Liban schlängelt. In Baalchimay bei Bhamdoun gingen wir gut aber nicht so preisgünstig wie z.B. in Anjar oder Baalbek (Essen ist in der Beqaa billiger als in anderen Teilen des Landes: Grillteller mit Salat und großen Getränken kosteten für zwei Leute hier bei Beirut 40.000 Lira = fast 24€, in Anjar nur 28.000 = kaum mehr als 16€).

Auch in Zahleh war dann wieder die Strecke überlastet wie in NRW und bis Baalbek wurde wild kreuz und quer gefahren. Aber egal wie man fährt: besonders große Entfernungen schafft man nicht in einer Stunde. Oft nicht mehr als 45km. الشوف محمية الارز Statistik:
- Tageskilometer: 270 (270km Mietwagen)
- Saisonkilometer: 10.470 (6.060 Auto, davon 630 Mietwagen/ 2.900 Flugzeug/ 900 Bus, Bahn, Straßenbahn/ 620 Fahrrad/ 0 Schiff, Fähre)

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