Donnerstag, 13. März 2014

W397III: Mauretanien 3; Stadtrundgang, Länderpunkt, Platzsturm und die halbe Herberge „Sahara“ im Stadion

Islamische Republik Mauretanien
---- (الجمهورية الإسلامية الموريتانية) -----
..................... 1:1 (1:0) ....................
----------- Republik Niger -----------
------ (République du Niger) -------
- Datum: Mittwoch, 5. März 2014 – Anstoß: 17.00
- Wettbewerb: Testspiel im Vorfeld der Qualifikationsrunden zur Afrikameisterschaft 2015
- Ergebnis: 1-1 nach 98 Min. (46/52) – Halbzeit: 1-0
- Tore: 1-0 2. Abdulaye Boureima (Eigentor auf Vorlage von Da Silva), 1-1 86. Souleymane Diallo
- Verwarnungen: Da Silva, Nr. ? (RIM); Nr. 11, 12, 16 (NIG)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Olympique du Nouakchott [ملعب أولمبي (نواكشوط)] (Kap. 20.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 17.000 (darunter ca. 30 Nigerer und 20 andere Ausländer)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes und spannendes Spiel, wobei Mauretanien mehr als das Unentschieden verdient gehabt hätte)  
Photos with English and Arabic Commentary:
a) International Friendly Match: MAURITANIA vs NIGER (OLYMPIC STADIUM NOUAKCHOTT)
b) Western-Mauritania: Nouadhibou, Nouakchott

Spätes Aufstehen, spätes Frühstück (in der Herberge leider viel schlechter als in den Restaurants) – eigentlich gar nicht unsere Art, aber was soll man vor einem Länderspiel in Nouakchott auch groß machen. Strand und Hafen hatten wir am Vortag gesehen und für einen Rundgang durch die Innenstadt braucht man zwei Stunden, wenn man gezielt etwas kaufen will (und von den blauen traditionellen Männergewändern über gebrauchte Handys bis chinesisches Porzellan gibt es natürlich viel zu kaufen) maximal vier Stunden. Die mauretanische Hauptstadt ist städtebaulich nun mal schon Schwarzafrika: hässliche Betonhäuser und Wellblechhütten wechseln sich mit schicken Villen, die aber fast alle nicht fotografiert werden dürfen da dort Botschaften, Ministerien oder Privatgrundstücke der Mächtigen des Landes untergebracht sind, ab. Die Straßen sind dreckig und staubig, die Leute grüßen ab und an mal – teils aus Gastfreundschaft und Freude über ausländischen Besuch und ohne Hintergedanken, teils um inoffizielle Geschäfte (Geldwechsel, Andenkenverkauf, oder gar Autoschieberei) anzubieten.

Wir fuhren zum Stadion, wo die Kassen bereits geöffnet hatten. Es ging erstaunlich geordnet ab und da der Andrang um 12 Uhr noch gering war, hatte ich bereits nach drei Minuten Karten. Ich nahm die zweitbilligste Kategorie: pervers, dass pro Karte (Haupttribüne außen) 5€ zu zahlen waren. Für uns ein Leichtes, in Mauretanien nur den besseren Schichten vorbehalten. Die Karten für 3.000 (Haupttribüne Mitte) und 10.000 Ougiya (VIP-Loge) - d.h. 7,50€ bzw. 25€! - nahmen sich natürlich nur die richtig Reichen. Das Stadion sollte dennoch voll werden und das nicht nur auf den billigen Plätzen für 1,25€ (500 UM).

Wir verbrachten die Zeit bis Stadionöffnung dann vorm langsamen Internet in der Herberge und dem guten italienischen Essen in einem Restaurant in Stadionnähe. So ein Typ wie der ansonsten nette Kellner ärgert mich aber schon etwas: der Senegalese war natürlich Muslim, kann aber kein Arabisch. Ich bin kein Muslim, kann aber besser Arabisch als viele dieser angeblich Rechtgläubigen… Aber mit meinen schlechten Französischkenntnissen, ist Essenbestellen auch nie ganz leicht…  
Am Stadiontor bildeten sich Schlangen, aber die Mauretanier standen disziplinierter als in Europa an. Einer nach dem anderen, nur nicht jeder am richtigen (nach Kartenkategorien getrennten) Eingang – aber auch das wurde schnell (und erstaunlich gelassen) gelöst. Die Kontrollen waren lasch, wir wurden nur freundlich begrüßt obwohl klar war, dass wir keine Offiziellen sind. Das Merchandising war leider etwas dürftig. Viele hatten Trikots, ein paar Leute Basecaps und Seidenschals von Mauretanien, aber wir bekamen nur eine Flagge (1,20x0,80m + 1,20m Flaggstock) für 5€ ab.

Die Getränke waren nicht so extrem teuer: 0,75l Limo (umgefüllt in Wasserflaschen in einer Kühlbox gelagert und von einer Schwarzen verkauft, die selbst Französisch nicht gut konnte) für 1,25€. Einige der Flaschen flogen auch mal nach den Bullen, wenn die aggressiv auftraten, aber ansonsten ging es recht friedlich zu im weiten Rund. Die gut 17.000 Zuschauer feierten mit den Nigrern ein sehenswertes Spiel ab, aber feuerten nicht besonders viel an. Die anderen Ausländer außer uns gingen nicht mal beim frühen Führungstreffer mit. Unter den Ausländern waren neben uns Deutschen auch mehrere (bestimmt in Nouakchott arbeitende) Chinesen sowie die halbe Herberge „Sahara“: die italienischen Offroadjungs und die französische Familie mit dem Campingwagen waren in Begleitung eines mauretanischen Angestellten zum internationalen Testspiel zwischen Mauretanien und dem Niger gekommen.

Die einheimischen Fans waren noch interessanter zu beobachten; v.a. die ganz vernünftigen aber verdächtig vermummten traditionell gekleideten Mauren (blaues Gewand, Turban mit Mundschleier), die bunt gekleideten Schwarzafrikaner, der eine Araber mit Cowboyhut, Sonnenbrille und Krombacher-Nationalelf-Shirt, die Frauen mit bunten Gewändern und mehr oder weniger strengem Schleier (selbst im Niqab, also sackförmigem Gewand mit Gesichtsschleier der nur die Augen freilässt, gingen manche noch Fußball gucken) bzw. völlig europäischer Mode mit viel Schminke, teuren Schuhen und bunten Haaren. Und letztere wurden nicht blöd angeglotzt wie das in Marokko fast überall passieren würde. Auch im angeblich so westlichen oder modernen Marokko, wo keine Frau alleine ins Stadion geht, undenkbar: kommentarlos setzten sich alleine zum Spiel gekommene Frauen unter die Pulks von ihnen unbekannten männlichen Fans – und das in der angeblich so rückständigen und strengen Islamischen Republik Mauretanien…

Das Spiel fing wie gesagt mit einer frühen Führung der Mauretanier, genannt „Mourabitounes“ (d.h. Bewohner der Wehrdörfer, Anspielung an die Almohaden-Dynastie aus dem heutigen Mauretanien, die u.a. Marokko regierte) an: Sturmlauf über rechts, Flanke und in der Mitte stolpert einer der Gästeverteidiger den Ball ins eigene Tor zum 1:0 nach 60 Sekunden. Die Nigrer (genannt Mena, was in der Hausa-Sprache „Dama Gazelle“ oder „Mhorr Gazelle“ heißt, die es außer wiederangesiedelt in Marokko, in freier Wildbahn nur noch in Tschad, Mali und v.a. eben Niger gibt) liefen dem Rückstand ewig hinterher, waren absolut gleichwertig aber trafen nicht, da Mauretanien überraschend gut in der Abwehr stand und auch die Gäste überraschend wenig kommen ließ, da sie so offensiv eingestellt waren. Nach der Pause waren die Mauretanier sogar die deutlich aktivere und bessere Mannschaft, doch nachdem ihnen ein Abseitstor zu Unrecht von dem senegalesischen Arschloch mit der Fahne aberkannt wurde, kassierten sie per Kopfball flach ins Eck den Ausgleich. Nach einer weiteren Chance für den Niger und mehreren guten Gelegenheiten für Mauretanien wurde das Spiel nach sieben Minuten Nachspielzeit abgepfiffen. Schade, dass es nicht noch das 2:1 für Mauretanien gab! Einige ärgerte dieser Umstand übrigens so, dass sie pöbelnd aufs Feld liefen und die Polizei deshalb mit Schlagstöcken und Ledergürteln herumfuchtelte. Etliche Jugendliche liefen daraufhin nur als Mutprobe, lachend und grölend auf den Platz und quer durch das Stadion auf die andere Tribünenseite.

Das Stadion ist übrigens das größte und modernste des Landes, wobei der Kunstrasen schon etwas gelitten hat und die Nebenplätze alles andere als modern sind: ausbautenlose Lehmplätze für Fußball und Rugby. Die Haupttribüne ist komplett überdacht und bietet 8.000 Leuten in vier Sektoren Platz. Die verglasten VIP- und Presselogen wirken modern, die verrosteten Lautsprecher und Flutlichtmasten eher nicht… Die Gegentribüne ist unüberdacht und symmetrisch und für 12.000 Leute gedacht. Hinter den Toren sind Arkaden angedeutet aber nicht sehr gelungen, Zuschauerkapazitäten sind dort nicht, jedoch steht die riesige Anzeigetafel auf dem einen Umgang. Dass sie in China gefertigt wurde, war deutlich zu erkennen: die Analog-Uhr stand, die Digitaluhr funktionierte nicht und mit Müh und Not und Streifen auf dem Display zeigte sie den Spielstand zwischen „R.I.M“ und „Niger“ an…

Nach dem Spiel gingen wir noch mal im libanesischen Restaurant „Rotanna“ essen. Auch hier war die Anzahl der Ausländer mal wieder verwunderlich: erstmals habe ich auch Briten gesehen und überhaupt; nach Mauretanien reisen ja viel mehr Leute als nach Algerien, was ich so nicht gedacht hätte! Beim Verlassen des Restaurants grüßte mich noch ein voll mit Trikot und Mütze ausgestatteter mauretanischer Fan, da ich ja immer noch die Flagge seines Landes in der Hand hatte und mich so als Spielbesucher zu erkennen gab…  

Statistik:
- Grounds: 1.082 (heute 1; diese Saison: 111 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.996 (heute: 1; diese Saison: 140)
- Tageskilometer: 20 (20km Auto)
- Saisonkilometer: 41.210 (40.080 Auto/ 1.080 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 8 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 397

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