Donnerstag, 4. September 2014

W422V (Baltikum 7/10): Von estnische Inseln und drei Elfmetern in einer Halbzeit

Football Club Kuressaare 1997 ........................................ 1
Rakvere JK Tarvas ............................................................ 5
- Datum: Freitag, 29. August 2014 – Anstoß: 18.45
- Wettbewerb: Esiliiga (2. estnische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 1-5 nach 95 Min. (45/50) – Halbzeit: 0-2
- Tore: 0-1 23. Rainer Võsaste (wiederholter Foulelfmeter), 0-2 35. Alari Aunapuu (Nachschuss des zuvor vom Kuressaare-Torwart Roland Kütt abgewehrten Foulelfmeters), 1-2 52. Mikk Rajaver, 1-3 60. Sergei Akimov, 1-4 80. Rauno Valk, 1-5 85. Toomas Kiis
- Verwarnungen: Märt Kluge, Elari Valmas (Kuressaare); Kaarel Saar, Mihkel Saar, Rauno Valk (Rakvere)
- Platzverweise: 2x Rot gegen Sander Viira von Kuressaare (22. Min. wg. angeblicher Notbremse und 23. Min. da er nicht das Feld verlassen hatte und so der Elfmeter wiederholt werden musste)
- Spielort: Kuressaare linnastaadion (Stadtstadion Kranichstadt; Kap. 1.600 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 90 (davon ca. 4 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 6,5/10 (Unterhaltsames aber nicht unbedingt gutes Spiel; Kuressaare lange die bessere Mannschaft, aber von Anfang an im Hintertreffen – Rakvere gewann lächerlich mit wenig Aufwand und trotzdem sehr deutlich)  
Photos with English Commentary:
a) Estonia: Saaremaa Island (KURESSAARE CASTLE and Old Town), Muhu Island (Vȏisaküla Windmill and Wooden Houses, Pädaste Manor, Liiva Church, KOGUVA TRADITIONAL VILLAGE, Muhu Stronghold), Churches in Treimanni, Häädemeeste, and Matsi
b) Estonian 2nd Division: FC Kuressaare lost to Tarvas Rakvere

Im strömenden Regen verließen wir Riga gen Norden. Bevor schon wieder zurückgeflogen werden sollte, machten wir noch einen Abstecher auf die estnische Insel Saaremaa. Da die Fahrtstrecke von Riga nach Virtsu (dem Fähranleger im Nordwesten Estlands direkt gegenüber von Koivistu auf der Insel Muhu) extrem eintönig ist, fuhren wir nach dem Passieren der Grenze in Ainaži den Abstecher zur parallelen Küstenstraße und schauten uns noch die Kirchen von Treimanni, Häädemeeste und Matsi an. Alle Kirchen haben zumindest einzelne hölzerne Elemente (Turmhaube z.B) oder sind wie die eine in Häädemeeste sogar holzverkleidet. Die in Matsi wird nach jahrzehntelangem Verfall gerade von einer Ruine in ein nutzbares Gotteshaus verwandelt. In Pärnu gingen wir in einem Einkaufszentrum Essen (bei der estnischen Variante der baltischen Pizzerien-Kette: Da Vinci Pizza). Im Vergleich war es etwas teurer als in Lettland (Can Can Pizza), was ja wiederum schon geringfügig teurer als Litauen (Charlie’s Pizza) ist, die Qualität ein ganzes Stück niedriger als in den beiden anderen baltischen Staaten und die Auswahl nicht einmal halb so groß wie bei Can Can oder Charlie.

Die Fähre nach Muhu war dafür erfreulich günstig; zwei Personen, ein Auto, 8km Wegstrecke mit 20 Minuten Fahrtzeit für 16,30€ pro Richtung. Das Auf- und Abfahren auf die bzw. von der Fähre lief unglaublich routiniert, da wir die einzigen Touristen waren. Warum auch immer, aber auf Saaremaa verirren sich nicht so viele Touristen wie auf das Festland. Wir sahen zwar dann in der Inselhauptstadt einige Deutsche und etwas weniger Russen, aber viel weniger als in Tallinn und Umgebung.  
Wir landeten also auf der Insel Muhu, die auch als „Moon“ bekannt ist und mit 198qkm (doppelt so groß wie Sylt aber nur ein Viertel der Größe Rügens) und nur 1.600 Einwohnern drittgrößte und drittbevölkerungsreichste Insel Estlands ist und fuhren gleich dem ersten Schild nach. Keine gute Idee bei so einem scheiß Mietwagen wie dem VW Polo: was den Typen von Hertz eigentlich einfällt, so eine Schwuchtelkiste im Baltikum zu vermieten – und das an einen Gold-Card-Kunden wie meinen Vater zu überzogenen 50€ am Tag!? Der Wagen setzte bei der einzigen Kopfsteinpflasterstraße Muhus (und Estlands) mehrfach auf! Als wir uns die kleine Windmühle und die reetgedeckten Bauernhäuser in Vȏiseküla angeschaut hatten, mussten wir auf der Abkürzungsstrecke nach Pädaste umdrehen, da diese Transenkarre niemals den matschigen Fahrweg, den man auch ohne Allrad mit einem vernünftigen Auto (wie den Dacia Sanderos von Hertz Marokko oder selbst den Toyotamodellen von Hertz Dubai) passieren kann, geschafft hätte. Schließlich in Pädaste angekommen, besichtigten wir das sehr englisch gestylte Ensemble des Landgutes, in dessen schlossartigen Hauptgebäude ein Hotel mit Restaurant untergebracht ist. Sehenswert waren außerdem die turmlose Kirche von Liiva, die auch geöffnet war und innen v.a. durch Wandfresken hervorstach, der Ringwall von Muhu der im Mittelalter die wichtigste Befestigungsanlage der Insel darstellte und schließlich besonders das Dorf Koguva, durch dessen traditionelle Gassen man ganz entspannt laufen kann: die sandigen Wege sind von kleinen Gehöften, die alle mit Mauern aus losen, großen, oft moosbewachsenen Steinen eingefriedet und reetgedeckt sowie holzverkleidet sind, flankiert.

Dann ging es über einen drei Kilometer langen Damm auf die 2.672qkm große und 35.000 Einwohner zählende Insel Saaremaa, früher Ösel genannt. Zum Vergleich: Rügen hat doppelt so viele Einwohner, obwohl Saaremaa drei Mal so groß wie Rügen ist. Saaremaa ist die größte Insel Estlands, daher der Name „Inselland“. Wir ließen einige interessante Sehenswürdigkeiten links liegen, da wir sie morgen auf dem Plan und heute keine Zeit hatten, und fuhren gleich in den Hauptort Kuressaare (vom Damm aus über 40km über gute Landstraßen).

Kuressaare ist die Kranichinsel, früher Arensburg (d.h. Adlerburg) genannt. Die größte Sehenswürdigkeit Saaremaas steht dort: die gewaltige und topp sanierte Ordensburg aus dem 13. Jh. die im 17. Jh. von einer Festung umbaut wurde. Entsprechend eindrucksvoll ist der Eintritt in die weite Anlage. Erst für den Kernbereich muss man Tickets lösen, die mit 5€ auch recht hoch sind. Allerdings lohnt sich diese Investition, da das Museum innerhalb der sehr schönen Räumlichkeiten der Kernburg (u.a. geht man durch gotische Deckengewölbe) sehr gut gestaltet ist. Vor allem die Geschichte Saaremaas - Ordensritter, Deutsches Reich und Nazis, Sowjets und die Zeit nach der russischen Besatzung - ist gut aufbereitet.  
Vom Dachumgang unterhalb der Türme der Ordensburg sieht man auch Teile des städtischen Stadions von Kuressaare, das sehr schön mit Meerblick auf zwei Seiten und Burgblick auf der dritten Seite aufwarten kann. Auf der vierten Seite ziehen Tennisanlagen die Blicke auf sich. Ausgebaut ist nur eine Seite: dort findet man zwei baugleiche Metallrohrtribünen mit Holzbänken vor. Diese haben je neun Reihen und bieten je 800 Leuten Platz. Heute kamen die üblichen knapp 100, wobei ich im ganzen Baltikum noch kein solches Pennerpublikum wie in Kuressaare gesehen habe: das war ja wie in Deutschland, wie da ungewaschene Typen mit wilden Haarschnitten und Trikots zu Tarnhosen unablässig Bier soffen und pöbelten! Endlich mal richtige Fußballatmosphäre bei einem Spiel im Baltikum!

Andere Zuschauer waren aber auch Familien mit meistens drei oder vier Kindern – wie überall im Baltikum fiel auch hier auf, dass Paare zumeist keine Kinder haben oder wenn dann gleich drei oder mehr – so auch eine Frau mit drei kleinen Kindern aus Rakvere. Nur die vier hatten was zu jubeln, da Kuressaare das Spiel machte, doch einen Konter ungeschickt stoppte, was der schlechte Schiedsrichter als Notbremse auslegte. Der Kapitän musste also vom Platz, ging dann aber nicht, während der bescheuerte Schiri schon den Elfer ausführen ließ, der verwandelt, aber ungültig erklärt wurde, da sich der Kapitän einfach noch auf dem Feld bewegte. Der bekam also noch mal die Rote gezeigt und der Trainer wurde verwarnt, dass auch er vom Feld gehen solle. Takvere schoss also zum 0:1 ein und verschuldete kurz darauf einen Handelfmeter, der allerdings vom sehr guten Torhüter an den Pfosten gelenkt wurde. Takvere ging nur 12 Minuten nach dem ersten Elfmeter mit dem zweiten Elfer in Führung: diesmal ein anderer Schütze, der Torwart wehrt ab, doch derselbe Spieler köpft den Ball dann im Nachsetzen zum 0:2 ins lange Eck, während der Ersatzkapitän von Kuressaare verletzt ausschied.

Was ein chaotisches Spiel! Saaremaa also mit einem Mann weniger und ab der 40. Minuten dem dritten Kapitän 0:2 in Rückstand und trotzdem die bessere Mannschaft. Nach der Pause gelang auch endlich der Anschlusstreffer aus vollem Lauf und 15m Entfernung über den Torwart drüber in den Winkel. Doch kurz darauf ein Konter zum 1:3. Danach gab Kuressaare auf, es wurde wild durchgewechselt – in der Esiliiga darf fünf Mal gewechselt werden – und am Ende spielte Rakvere unspektakulär und wie auch wenig sehenswert einen viel zu hohen 1:5 Sieg heraus.

Wir liefen noch im Dämmerlicht durch die ganz ansehnliche Altstadt von Kuressaare – eine große Kirche mit zwei Turmkuppeln, mehre Holzhäuser und steinernen Villen bzw. Verwaltungsgebäude – und checkten dann nach einigem Warten da die Rezeption nicht besetzt war und uns eine Freundin der Besitzer den Schlüssel geben musste, in einem Hostel in der Nähe der angefressenen weißen Kirche mit der roten Haube auf dem spitzen quadratischen Turm, ein.  
Statistik:
- Grounds: 1.173 (heute 1 neuer; diese Saison: 19 neue)
- Sportveranstaltungen: 2.141 (heute 1; diese Saison: 29)
- Tageskilometer: 390 (380km Auto, 10km Fähre)
- Saisonkilometer: 7.390 (5.190 Auto/ 1.800 Flugzeug/ 350 Fahrrad/ 40 öffentliche Verkehrsmittel/ 10 Schiff, Fähre)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 121 [letzte Serie: 10, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 422

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