Donnerstag, 4. September 2014

W422III (Baltikum 5/10): Tatarenmoscheen, Hauptstadt Vilnius, Fußball in Utena

FK Utenis Utena ................................................................ 2
Vilniaus miesto futbolo draugija Žalgirietis ................... 0
- Datum: Mittwoch, 27. August 2014 – Anstoß: 18.00
- Wettbewerb: I Lyga (2. litauische Fußballliga, 1. Amateurspielklasse)
- Ergebnis: 2-0 nach 94 Min. (47/47) – Halbzeit: 0-0
- Tore: 1-0 68. Savastas, 2-0 87. Vainoras
- Verwarnungen: Zagurskas, Lukšys, Naumov, Savastas, Jeriomenko, Gunevič (Utena); Narmontas, Strolys, Romanovskij (Žalgirietis)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Utenio stadionas (Kap. 3.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 400 (keine Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes, schnelles und unterhaltsames Spiel)  
Photos with English Commentary:
a) Lithuania: MOSQUES in Kaunas, Keturiasdešimt Totorių and Nemėžis; VILNIUS OLD TOWN; Wooden Houses and Churches in Papiškės, Momėnai, Pakalniai, Vyžuonos and Vyžuonėlės; Utena Town
b) Lithuanian 2nd Division: Utenis Utena defeat Žalgirietis Vilnius

Am Mittwoch fuhren wir von den vier Moscheen die es in Litauen gibt, drei ab. Wir fingen gleich in Kaunas an, wo wir nach dem Auschecken nur noch die einzige Steinmoschee (sehr türkisch/ osmanisch wirkender Baustil) Litauens anschauten. Wie auch fast alle Kirchen in Litauen, waren die Moscheen geschlossen. Die Holzmoschee bei Alytus lag zu abseitig, also fuhren wir gleich auf die Hauptstadt zu und bogen in das Dorf Keturiasdešimt Totorių ein. Auf Tatarisch, einer Turksprache die von den Tataren die hier 80% der Einwohner stellen, als Mutter- oder Zweitsprache gesprochen wird, heißt das Nest „Qırıq Tatar”. Im verwandten Türkisch wäre das Kırk Tatar – in jedem Fall heißt das auf Deutsch „Vierzig Tataren”. Es leben allerdings mehr als 40 Leute in dem Dorf (ca. 200), wobei die kleine, quadratische Holzmoschee mit dem zeltförmigen Blechdach wohl kaum mehr als 40 Betende fassen dürfte. Auch in Nemėžis steht seit gut 300 Jahren eine Moschee mit Friedhof, die von den ortsansässigen knapp 1.000 Muslimen (in ganz Litauen sind es nicht mehr als 3.000) genutzt wird. Die Grabinschriften sind teils Litauisch, teils Russisch, teils Arabisch und teils Tatarisch: mitunter zwei oder drei der Sprachen auf einem Grabstein. Interessant war übrigens, dass alle drei Moscheen vorgaben sunnitisch (also quasi Mainstream) zu sein, aber keinerlei Tataren in irgendwelchen klassischen Kleidungsstücken (lange Männermäntel mit Hüten z.B.) zu sehen waren. Wenn man bedenkt, dass die Moscheen zu Sowjetzeiten als Lagerhallen genutzt wurden und die Religionsausübung der Tataren stark eingeschränkt wurde, ist es nicht ungewöhnlich, dass sie sich stark von der Mainstreamform des arabischen oder türkischen Islam unterscheiden. Zumindest scheinen die einzigen Litauerinnen, die Kopftücher tragen, Christinnen zu sein, die sie wie überall in Osteuropa unabhängig von der Religion diese als eine Art Arbeitskleidung tragen...

Schnell ist man von dort in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Die ist noch sehenswerter als Tallinn und erheblich schöner als Riga. Am besten parkt man gleich vor der gewaltigen Kathedrale, die innen klassizistisch weiß doch keineswegs schlicht und außen ungewöhnlich mit einem enormen Glockenturm abseits des Schiffes gestaltet ist. Gleich dahinter befindet sich das Herzögliche Palais und daran angrenzend der riesige Burghügel mit der teils rekonstruierten Burgruine im landesüblichen Backsteinbaustil. Von dort hat man einen tollen Blick auf die Stadt. Von den vielen Kirchen in Vilnius lohnt sich besonders die Doppelkirche mit dem spitzen Backsteingiebeln und dem abstehenden Turm. Besonders die größere der beiden nebeneinandergesetzten Kirchen ist innen sehr schön ausgestaltet. In den Straßen der Altstadt sieht es ausgesprochen ordentlich und aufgeräumt aus: verfallene Gebäude wurden zumeist durch moderne oder restaurierte ersetzt. Erst wenn man die Altstadt verlässt und die modernen Glasfassaden der neuen City passiert hat, kommen schmuddelige Plattenbauviertel. Aber selbst da schienen nicht so viele Asis wie in Riga rumzulümmeln. Allerdings wird man im Baltikum fast nur in Riga und eben auch Vilnius und Trakai angebettelt: die Bettler labern Leute interessanterweise stets auf Russisch an und pöbeln dann auch auf Russisch hinterher, wenn jemand nichts gibt...

Wir bewegten uns nach Norden und machten auf dem Weg zu unserem nächsten Groundziel, dem Stadion in Utena, noch ein paar Umwege auf Nebenstraßen. In Papiškės gibt es ein Partisanendenkmal für einen in dem Ort geborenen Freiheitskämpfer, wobei das Hinweisschild darauf größer ist als der Gedenkstein. In Momėnai gibt es die üblichen litauischen Provinzszenen zu fotografieren: Wälder und Wiesen in sanfter Hügellandschaft durch die sich von Holzhaus zu Holzhaus unbefestigte aber recht breite Wege schlängeln. In Pakalniai fanden wir eine ungewöhnliche Kirche mit zwei abstehenden Glockentürmen und einer Mischung aus moderner Betonfassade und Holzbohlen. In Vyžuonos steht eine neoklassizistische Steinkirche auf einem Hügel oberhalb des Dorfes und in Vyžuonėlės gibt es einen Gutshof mit Holzgebäuden.  
Der Ort Utena selbst hat wenig zu bieten, sodass wir schon 30 Minuten vor Anpfiff bei freiem Eintritt das in Sichtweite der Pferderennbahn befindliche Stadion betraten. Es ist modern ausgestattet (topp Anlagen für Leichtathletik, Fußball und Basketball und neue Zuschauereinrichtungen) und sehr stilvoll gebaut (ein Steingarten mit zwei Bonsai und die Tribünen haben je nach Sektor rote, gelbe oder blaue Schalensitze, von den 3.000 Stück auch 750 unter einem geschwungenen Dach). Das Problem ist allerdings, dass der Architekt wohl ein Vollidiot ist, der bei diesen gehirnamputierten Pfuschern die die Sporthalle in Taucha gebaut haben, studiert hat: je ca. 250 Sitze der rechten und der linken Außentribüne sind nicht nutzbar, da sie höher als das Dach der mittleren Tribüne gebaut ist... Hallo?! Geht’s noch?! Da baut einer eine Tribüne, die schräg oberhalb einer niedrigeren Tribüne mit massiver Überdachung steht!!! Und dann hat die Mitteltribüne als Krönung noch Sichteinschränkungen durch Pfeiler zu bieten... Also so ein Schrott wie in den 2000er Jahren wurde wohl nie zuvor in der Architekturgeschichte der Sportanlagen gebaut... Immerhin hat der Architekt die Gegentribüne simpel gehalten: regelmäßige Betonstufen, vier Sektoren mit je 24 roten Schalensitzen in jeder der 8 Reihen – aber wahrscheinlich musste man ihm erst ausreden, die Reihen 1 bis 4 der mittleren Sektoren zu überdachen...

Utena hat die besten Zuschauerzahlen in Liga 2: während viele andere Teams nur um die 100 Leute anlocken, ziehen die vom FK Utenis im Schnitt 500, bei Spitzenspiel auch mal 1.000. Heute war allerdings nur die U23 von Žalgiris Vilnius zu Gast und bloß knapp 400 Leute wollten zuschauen. Wie meistens im Baltikum gingen die auch nur wenig mit und angefeuert oder randaliert hat leider auch niemand.

Dabei war das Spiel ziemlich gut und man konnte mit der Leistung der Heimelf zufrieden sein und sich dann auch noch so schön über die vielen vergebenen Chancen in der ersten Hälfte oder den mit gelben Karten sinnfrei um sich schmeißenden und teilweise auch noch fälschlich Ecke statt Abstoß oder Einwurf Vilnius statt Einwurf Utena entscheidenden Schiri aufregen...

Der Gästetorwart schien mit seinen tollen Paraden (einmal kratzte er zwei auf den Innenpfosten kommende Bälle in nur einer Minute heraus) unüberwindbar, doch nach einer scharfen Hereingabe von rechts gelang aus sieben Metern ein Treffer per Flugkopfball. Mehr als eine Stunde war da bereits gespielt worden und erst fünf Minuten vor dem Abpfiff konnte die Entscheidung mit einem von der Grundlinie hereingebrachten Pass auf einen heranrasenden und souverän am Torwart gegen die Laufrichtung vorbei aus acht, neun Metern einschießenden Stürmer erzielt werden. Mit diesem verdienten Sieg ist Utena jetzt übrigens auf einen Aufstiegsplatz geklettert.  
Nicht ganz einfach war die Suche nach einem Restaurant. Die scheiß Klitschen in der Innenstadt haben alle nur bis 20 Uhr auf oder sind primitive Kebabstände, die wir heute meiden wollten. Aber in den Einkaufszentren an den Ausfallstraßen gibt es oft Restaurants mit langen Öffnungszeiten wie Charlie’s Pizza an der Schnellstraße Richtung Zarasai/ Daugavpils. Dort hat man eine riesige Auswahl an litauischen Gerichten (4-8€), Pizza (3,50-10€), Pasta (5-10€), Burgern (unter 8€) etc.

Die Anfahrt zur Pension in Zarasai gestaltete sich ebenfalls nicht leicht, da die letzten 20km bis Zarasai eine einzige Baustelle sind: nachts über die weitestgehend bis auf den Schotter abgehobelte Straße, die chaotisch mit Barken blockiert und Ampeln bestückt ist, an die sich niemand hält – echt eine tolle Fahrerei, aber dieser scheiß VW Polo setzte mehrfach auf. Warum bekommt man im Baltikum auch einen deutschen Straßenwagen von der Vermietung bekommt? Die Straßen sind halt etwas spektakulärer und dafür weniger luxuriös als in Deutschland – die Geistesgestörten, die sich über den „schlechten“ Straßenzustand in Deutschland ereifern, sollte man eh bis sie umfallen zu Zwangsarbeit im Straßenbau in Schwarzafrika verurteilen, damit sie mal sehen, was schlechte Infrastruktur ist – und die Regelungen zur Einrichtung von Baustellen und Umleitungen auch nicht so lächerlich wie bei uns...

Wir fanden aber gegen 22 Uhr ohne Probleme die Pension „Manor 5“, dessen Besitzer zwar nur Litauisch und Russisch kann, aber einen zu tollen Ferienhütten zu je nur 24€ pro Hütte mit allem was man braucht (geräumige Zimmer mit Betten, großem Schreibtisch, Internet, Küche, Bad) führt.  
Statistik:
- Grounds: 1.171 (heute 1 neuer; diese Saison: 17 neue)
- Sportveranstaltungen: 2.139 (heute 1; diese Saison: 27)
- Tageskilometer: 350 (350km Auto)
- Saisonkilometer: 6.670 (4.480 Auto/ 1.800 Flugzeug/ 350 Fahrrad/ 40 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Schiff, Fähre)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 119 [letzte Serie: 10, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 422

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