Dienstag, 26. November 2013

W382I-II: Ein sehenswertes 128. Derby und ein kurioses Altherrenspiel – oder: von einem islamistischen Vegetarier und einem saufenden Sahrawi...

Raja Club Athletic de Casablanca (الرجاء البيضاوي)
................................... 1:1 (0:1) ................................
Wydad Athletic Club de Casablanca -- (نادي الوداد)
- Datum: Sonntag, 24. November 2013 – Anstoß: 15.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (Erste  Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 1-1 nach 100 Min. (51/49) – Halbzeit: 1-1
- Tore: 0-1 25. Bakary Koné, 1-1 89. Coco
- Verwarnungen: Mohcen Moutaouali (RCA); Saeed Ftah, Bakary Koné (WAC)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Mohamed V (Kap. 67.000, davon 40.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 63.000 (in etwa 33.000 Rajawy und 30.000 Wydady)
- Unterhaltungswert: 8,0/10 (Tolle Atmosphäre, ordentliches Niveau und spannendes Spiel)

Tihad Ramas/ Veterans (الاتحاد رماس)
...................... 6:6 (4:5) .......................
Tihad Touaba/ Veterans - (الاتحاد توبة)
- Datum: Samstag, 23. November 2013 – Anstoß: 15.30
- Wettbewerb: Ligue Veterans de Grand Casablanca [بطولة الدار البيضاء الكبرى اكبر من 40 سنة] (Altherrenliga von Casablanca/ Stadt und Umland)
- Ergebnis: 6-6 nach 95 Min. (49/46) – Halbzeit: 4-5
- Tore: 1-0 5. (14), 1-1 10. (10), 1-2 13. (15), 2-2 23. (8), 2-3 30. (7), 3-3 33. (6), 3-4 40. (2), 3-5 43. (10), 4-5 45. (15), 4-6 56. (14), 5-6 74. (Foulelfmeter, 17), 6-6 91. (8)
- Verschossener Elfmeter: 56. Min., Nr. 9 von Ramas schießt Foulelfmeter übers Tor
- Verwarnungen: keine
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Omar Ibn Khattab [ملعب عمار ابن خطاب] (Kap. 1.500, davon 800 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 20 (darunter ca. 5 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Sehr lustiges und gnadenlos offensives Spiel, bei dem aber keinerlei technische Feinheiten wie sonst beim Altherrenfußball zu sehen waren) .الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Photos with English and Arabic Commentary:
a) RAJA CASABLANCA v WYDAD CASABLANCA: 128th DERBY 
b) Tihad Ramas v Tihad Twaba (Veterans Football at Stade Omar b. Khattab) 
c) Casablanca: Square Mohamed V and Mosque Hassan II 

Videos on MyVideo.De:
a) Raja v Wydad: support some 30 minutes prior kick-off 
b) Raja v Wydad: support during the match 
c) Raja v Wydad: smoke bombs are lit up 
d) Raja v Wydad: support in the final phase of the game 

Montag ging es im Unterricht in der marokkanischen Umgangssprache v.a. um Sprichwörter und Bräuche zum Tod. Dass dann am darauffolgenden Dienstag die 90jährige Nachbarin zwei Häuser weiter stirbt, war natürlich sehr passend… Khadija ging rüber und sprach allen ihr Beileid aus und wir beobachteten noch, wie die jüngeren Männer der Familie die zugedeckte Tote auf einer Bahre durch die engen Gassen balancierten. An einer Stelle ist es so schmal, dass ein Nachbar seine Tür öffnen musste und die Leiche halb in sein Haus getragen wurde um sie um die Spitzkehre zu bekommen… Am 2,5km langen Marsch zum Friedhof beteiligten wir uns aber nicht, da wir keine Verwandten und auch keine engeren Freunde dieser Nachbarn sind.

Ansonsten gibt es noch zu sagen, dass in einer gut funktionierenden Familie ab und zu mal der Haussegen schiefhängt: kaum war die Sache mit Zakariya geklärt, hat Muhammed Stress. Als er diese Woche zum zweiten Mal zu spät zur Arbeit erschien, meinte der Schuhmachermeister: „Du bist fast ne Stunde zu spät dran! Dir hamse wohl ins Hirn g’schissen?! Nächstes Mal biste fällig, Bub!“ Khadija hatte schnell die Ursache gefunden: sie war am Tag darauf aufgewacht, bemerkte dann das Licht aus Mohammeds Zimmer und er hockte um 2 Uhr immer noch vorm Computer – und zwar mit Hamza, obwohl beide um 7.30 Uhr raus müssen… Das gab erstmal Internetverbot bis Sonntag und die Alternative Glotze gucken bis Mitternacht konnten sie auch stecken, denn Khadija schläft jetzt immer im Fernsehzimmer…

Ohnehin wird über den Tag verteilt genug ferngesehen, wobei das zumindest für mich sehr hilfreich ist. Diese Woche gab es nicht nur die Niederlage von Maghreb Fès bei Fath Rabat im Mittwochsspiel zu sehen, sondern auch eine Parlamentssitzung, bei der u.a. die Forderung von einem in Frankreich ausgebildeten Parlamentarier, die seit den 70ern auf Hocharabisch unterrichteten naturwissenschaftlichen Fächer wieder auf Französisch zu lehren und die anderen Fächer (bis auf Hocharabischunterricht selbst) auf marokkanischem Dialekt, diskutiert wurde. Das beste Zitat war dabei jenes eines Ministers, der dem gegen diesen Vorschlag argumentierenden Bildungsminister beipflichtete: „Sie haben völlig Recht, verehrter Herr Bildungsminister. Aber Sie sind ja selber das beste Beispiel, dass wir Hocharabisch noch mehr fördern müssen! Hören sie sich doch selber ihre primitive Grammatik an!“

Khadija ist übrigens wie auch die klare Mehrheit im Parlament gegen den genannten Vorschlag: „Der Mann erzählt doch Unsinn, wir brauchen nicht noch mehr Französisch in der Schule, nur weil er besser Französisch als Arabisch kann.“
Ich daraufhin: „Der ist kein richtiger Marokkaner, diese Schwuchtel. Das ist scheiße, dass so viel Französisch hier benutzt wird. Wieso wird hier die verdammte Besatzersprache gesprochen?! Als Marokkaner würde ich lieber Englisch lernen wollen!“
Khadija lachend: „Mensch, du bist ja ein richtiger arabischer Nationalist! Bravo! Aber wo hast du die Schimpfworte gelernt? Bringen dir das die Jungs bei?“
Mohammed: „Ach was, das lernt der im Stadion!
.الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية In der Tat kann man beim Sport einiges lernen, da man dort öfter von anderen Fans nach Herkunft, Studium, Interessen etc. gefragt wird und außerdem natürlich auch tolle Begriffe bei den Gesprächen der anderen Fans oder der Spieler hört. Besonders bei Derbys kann man auch Schimpfworte lernen und das wichtigste aller Derbys stand am Sonntag in Casa an. Da die Verwandtschaft dort wieder fit war, ging es Samstagmorgen auf die Piste. Eigentlich hatten wir 5 Uhr Start ausgemacht, aber Mohammed war so aufgeregt, dass er alle schon weit vor 4 Uhr weckte und wir 4.30 starteten.

Hamza war leider schlecht, sodass sein Gequängel „ich will aber trotzdem mit“ von Khadija lautstark beendet werden musste: „Du bleibst hier! Wir halten nicht alle paar Kilometer an damit du kotzen kannst! Was ist, wenn du ins Auto kotzen musst?! Du bleibst hier und keine Wiederrede!“ Auch Zakariya blieb wegen seines Nachsitzens in der Schule in Fès.
Khadija, Mohammed und Rita passten problemlos in meinen Dacia, der allerdings aufgrund der Kälte der letzten Tage erstmal Startschwierigkeiten hatte und den Anstieg zum Sahat al-Muqawama nur mit 40 im zweiten Gang hochkam und oben dann auf 20 zurückfiel. Bis wir bei Khadijas Eltern in der Neustadt waren, war der Wagen aber warm und Fayza stieg noch hinten zu.

Aufgrund der leeren Strecke verlief die Fahrt sehr unspektakulär und wir kamen noch vor dem üblichen Verkehrschaos in Casablanca, genauer in der Arbeitersiedlung Idrissia 1, an. Dort lebt ein Teil der Verwandtschaft, Khadijas Cousin Abdellah mit seiner recht kleinen Familie in einer sehr ordentlichen aber auch sehr kleinen Wohnung. Die tischten jedenfalls ein tolles Frühstück auf und zu siebt ging es weiter nach Maarif, wo der Rest der Verwandtschaft wohnt. Die wohnen in Stadionnähe, sodass wir erstmal Karten im Vorverkauf holten: Mohammed legte schon für seinen Freund Alae aus, der mit dem Nachtbus von Fès nur fürs Spiel anreisen sollte, sodass jeder von uns dreien 40 Dirham plus 1 Dirham Vorverkaufsgebühr bezahlen musste. Insgesamt sind das nur 3,70€ und Wafae, die eine Nichte von Khadija, wunderte sich auch, warum ich nicht bessere Plätze genommen habe und nur die anderen die Billigkarten – aber erstens sind 40 Dh. für freie Platzwahl im unüberdachten Steh- und Sitzplatzbereich teuer und zweitens will ich mit meinen Kumpels nah dran sein an der Action...

Warum auch immer, aber Abdellah kann seinen Bruder nicht leiden und dessen Frau erstrecht nicht (komisch, denn alle in der Verwandtschaft machten einen sehr netten Eindruck und dass sich Geschwister hier nicht verstehen ist selten), sodass Abdellah mit seinem Sohn und mir in ein Kaffeehaus ging, während die anderen dort zu Besuch waren. Abdellah war Ingenieur und Techniker bei der Marine, jetzt ist er Taxifahrer, weswegen er meinen Fahrstil in Casablanca sehr wohlwollend kommentierte: „Falls du keinen Job findest, mach es wie ich: fahr Taxi oder Kurierdienste – du hast mit 24 schon so eine fahrerische Sicherheit, da nimmt dich jeder Fahrdienst!“ الاتحاد رماس و الاتحاد توبة - كرة القدم الهواة في الدار البيضاء Das Mittagessen bei Abdellahs Familie wurde mir dann aufbewahrt, weil ich zu einem Spiel in Bernoussi wollte. Dort angekommen wurde nur auf dem Nebenplatz gekickt da der Hauptplatz für das Sonntagsspiel der Halbprofimannschaft vorbereitet wurde, sodass ich zurück nach Idrissia fuhr und da nach zigmal abbiegen auf der Straße zwischen Idrissia 4 und Derb Milan parkte. Im Stadtteil Derb Milan steht nämlich direkt zwischen Stadtautobahn und dem Idrissia-Boulevard ein nettes kleines Stadion in der Siedlung Hay Omar Ibn Khattab und entsprechend heißt auch das Stadion nach dem zweiten rechtgeleiteten Kalifen Omar (Regierungszeit 634-44).

Die Sportanlage ist sehr platzsparend angelegt: ein 90x50m kurzer Kunstrasenplatz, der fast an die hohe Böschung hinter dem einen Tor aneckt und auf einer Längsseite mit einer zehnreihigen, roten Betontribüne begrenzt ist; hinter dem anderen Tor eine Sporthalle und Wildwuchs, und schließlich auf der anderen Längsseite die Wechselbänke, Gestrüpp, Palmen und ein angrenzender Basketballplatz, der nur von einer Mauer von der stets vollen Stadtautobahn getrennt ist. Sogar Flutlicht hat die Anlage, also was will man mehr? OK, Tornetze ohne Löcher wäre nicht schlecht und Eckfahnen gibt es auch keine, aber für Alte Herren, Frauenfußball und die Stadtligen reicht das. Höherklassiges spielt hier nicht.

Die in den Stadtteilen Idrissia und Beni M’sick liegenden Siedlungen Ramas und Touaba (deren Ü40-Teams, die sich beide „Ittihad“ bzw. im Dialekt „Tihad“ d.h. „Eintracht“ oder „Union“ nennen, heute aufeinandertrafen) sind nicht unbedingt die besten Viertel der Stadt, aber 1. nicht so schlimm wie Sidi Moumen und 2. waren die Spieler fair, meckerten nicht, foulten wenig und machten keinen Stress. Sie spielten einfach mit Elan und Spaß Fußball, während um sie herum fast nur Bekloppte waren.

Da gab es Wänster, die andere Wänster mit Steinen bewarfen und sich auf dem Streetballplatz kloppten. Jugendliche liefen immer wieder aufs Spielfeld oder bolzten am Rand, was aber keinen der Spieler aufregte. Als ein Ball über den Zaun geschossen wurde, wollte ihn ein junger Mann klauen, aber ein Zuschauer lief ihm die Straße bis Idrissia 1 hinterher und brachte die Pille wieder zurück (vier Minuten Nachspielzeit wegen der Aktion!) und der Knaller war Amin, der Depperte aus ad-Dakhla, der mir zwar schön die Namen der Teams aufschrieb, aber während seiner Erzählungen, wie es ihn 2.000km nach Norden verschlagen hat, andauernd eine Plasteflasche unter der Jacke hervorholte, in der sich nicht die Zitronenlimo befand, die laut Etikett drin sein sollte… Ich stellte mich nach einer Weile zu zwei älteren Männern, da der Sahraoui anfing dumme Sprüche zu klopfen: „Siehste den mit der 10 von Touaba? Dem seine Schwester kenn ich! Meine Nachbarn ham nämlich nen Puff! Da arbeitet die… Stimmt’s Zehner?! Und sein Bruder geht da auch arbeiten… Richtig Zehner?!“

Der Zehner ließ sich nicht beirren, nur ein Wechselspieler rief mal ein freundliches „shidd khalqak“ (Mach’n Kopp zu), und es ging munter hin und her und rauf und runter auf dem Feld. Technik Fehlanzeige, es wurde einfach locker nach vorne geflankt und kreuz und quer gebolzt, aber die Abwehrreihen wurden im Minutentakt durch die schnellen Stürmer durchbrochen, die mit erfreulich vielen langen Flanken und blinden Pässen etwas anfangen konnten: schon nach fünf Minuten traf der Gast zum 0:1, dann drehte Ramas mal kurzzeitig das Spiel, ehe Touaba wieder in Front ging. Kurz vor der Pause stand es durch den bepöbelten 10er 3:5, wobei fast mit dem Pausenpfiff noch ein Heber zum 4:5 versenkt wurde.

Nach dem Seitenwechsel wurde das Match etwas ruhiger und Touaba kam nach dem 4:6 lange nicht heran. Einen Elfmeter verschossen sie auch noch und brauchten einen zweiten um auf 5:6 aufzuschließen. Erst in der allerletzten Spielminute war es wieder ein Heber, der zum 6:6 im Kasten versenkt wurde. Shake-Hands der Kicker und die Bescheuerten – der besoffene Sahraoui, die steinewerfenden Dreckwänster, die Jugendlichen am Spielfeldrand… – gingen langsam in ihre Siedlungen zurück, da es dunkel wurde. الاتحاد رماس و الاتحاد توبة - كرة القدم الهواة في الدار البيضاء Nach diesem sehr unterhaltsamen Match machte ich mich auch in die Siedlung zu Abdellah und den anderen zurück, bekam dort ein prima Essen aufgetischt und schaute mit ihnen das Dortmund-Bayern-Spiel im Fernsehen und die Zusammenfassung von RB Leipzig gegen Hansa Rostock auf MDR online.

Danach folgte die übliche wort- und gestenreiche Verabschiedung und wir fünf fuhren nochmal nach Maarif, wo uns der andere Teil der Familie beherbergte. Deren Bude ist wirklich groß, topp eingerichtet, auch von außen OK und dazu noch in Stadionnähe, sodass schon vorher klar war, dass wir noch mal das Quartier wechseln würden. Was nicht klar war, war dass sie um 21 Uhr noch mal voll auftischen mit gefüllten Hähnchen, riesigen Salaten, Suppen und Obst. Aber die haben es halt ganz gut geschafft, denn Familienoberhaupt Amar konnte von Reisen nach Griechenland, Deutschland, Italien und den Emiraten erzählen und auf seine geräumige Bude und sein Auto (der Renault ist allerdings 20 Jahre und 300.000km alt, sodass eigentlich jedes Einzelteil schon mal ausgetauscht wurde) ist er natürlich auch stolz. Wer in Maarif wohnt, gehört auch wenigstens zur oberen Mittelschicht.

Am nächsten Morgen verpennten alle, sodass Mohammed und ich auf das Reserveligaspiel auf dem ohnehin hässlichen Oasis-Ground verzichteten und uns statt dort direkt im Stadion Mohamed V mit Alae trafen. Bevor es aber so weit war, gab es erstmal ein tolles Frühstück und eine kleine Stadtrundfahrt – denn Mohammed und Rita waren noch nie in Casa. An der Moschee Hassan II kamen wir gerade zu den Touristenzeiten an. Erst wollten wir alle rein, aber ich winkte aufgrund der hohen Preise für Nicht-Muslime ab. Mohammeds Vorschlag „spiel doch wieder den guten Muslim“ scheiterte dann daran, dass selbst von Muslimen während der Touristenzeiten 30-60 Dirham verlangt werden. So einen Schwachsinn gibt es in der gesamten arabischen Welt doch echt nur in Marokko: das müssen die von Spanien und Frankreich aus den Kirchgemeinden, die v.a. in Spanien sehr aufdringlich Geld verlangen, übernommen haben!

Wir fuhren dann zum Place Mohammed V, der von Tauben völlig überfüllt ist. Dieser von Bäumen und französischen Gebäuden gesäumte Platz ist einer der wenigen schönen in der Stadt. Hier halten sich aber natürlich unheimlich viele Kleingewerbetreiber auf: der Parkplatzwächter wollte von mir 5 Dirham statt nur 2 wie von Amar, doch Wafae und Fayza wiesen ihn gleich zurecht und am Ende zahlte Amar für uns beide. Der Preis für die Maiskörner zum Taubenanlocken musste auch verhandelt werden und besonders dreist war die eine Oma, die Rita zulaberte, sie hätte ein Geschenk für sie – doch natürlich verlangte sie dann von Khadija Geld für das Henna, wobei die Verhandlungen gute fünf Minuten dauerten…

Jedenfalls ist Taubenfüttern – meist hält man die Maiskörner so in der Hand, dass die Viecher einem direkt aus der Hand fressen – recht beliebt in Marokko und die Vögel haben auch einen viel besseren Ruf als in Deutschland oder vielen anderen europäischen Ländern. .الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Mohammed und ich hetzten beim Mittagessen, während alle anderen gemütlich aßen und dann die Glotze schon mal auf den Sportsender justierten. Denn alle wollten das Derby sehen, was ich mir natürlich im Stadion Mohamed V ansah. Man merkte, dass Mohammed nicht derbyerfahren ist und sehr aufgeregt war. Besonders beim Gedränge am Einlass zeigte sich, dass er kein so Draufgänger wie Hamza ist, der uns vor der Abfahrt allen Ernstes vorschlug, Böller und Rauchbomben, die ein Kumpel von ihm (Ultra von Maghreb Fes) zuhause hortet, mitzunehmen. Er: „Göran ist Ausländer, den kontrolliert keiner!“ Mohammed: „Bist du bekloppt, zieh ihn nicht mit rein. Außerdem: Ich zünde kein Feuerwerk, Mann! Ist mir zu gefährlich! Du weißt doch, dass man sich da die Hand übelst verbrennen kann?!“ Ich: „Du redest wie Fayza [die guckt Fußball nur im Fernsehen weil sie vor Pyro Angst hat]. Sei ein Mann! Nach dem Spiel machen wir Randale!“ Hamza feiert sich: „Genau! Du bist ein richtiger Fan! Aber sag im Stadion bloß nicht, dass du eigentlich für Maghreb Fès bist, sonst gibt’s von allen Seiten was auf die Gusche…“

Jedenfalls: Alae gabelten wir im vollen Block 10 auf und wechselten dann in den Block 13 in die oberste Reihe. Nicht weil Wafae mich darum gebeten hat, in die letzte Reihe zu gehen um nicht Gegenstände von hinten abzukriegen, sondern weil die Übersicht topp ist. Außerdem war ohnehin kaum noch was frei, weil wir nur 90 Minuten vor Anpfiff aufgekreuzt waren.

Die Fans sangen sich aber schon seit mehreren Stunden für das 128. Aufeinandertreffen dieser beiden Teams (das 115. in der Liga) warm. Wenn wir schon bei der Statistik zum Spiel sind: das höchste Ergebnis und torreichste Spiel war 1996 ein 5:1 für Raja, von den 128 Spielen konnten die Grünen auch 40 gewinnen, während Wydad nur 32 Mal siegte. Das sagt uns, dass die anderen 55 Spiele unentschieden ausgingen, was ich fürs heutige Duell auch korrekt vorhersagte. Der Zuschauerrekord ist übrigens etwas unklar, aber auf jeden Fall war die Hütte (auf 67.000 zugelassen) immer mal mit mehr als 80.000 überfüllt. Heute waren es leider „nur“ etwas mehr als 60.000, aber das reichte auch schon...

Diesmal gab es keine Komplett-Stadion-Choreo, aber die Kurven von Eckfahne zu Eckfahne hantierten mit guten Papptafelmotiven, Fahnen und Folien. Beide Kurven wechselten sogar ihre Tafeln auf Kommando von Vorder- auf Rückseite. Spruchbänder in Arabisch und Französisch – teils anfeuernd, teils beleidigend, teils einfach unverständlich (inhaltlich nicht sprachlich, da man kein Insider ist) – wurden das ganze Spiel über gezeigt. Die Gesänge waren auf der Seite von Raja noch besser, aber auch Wydad agierte sehr eindrucksvoll. Allerdings sangen nur die Kurven ununterbrochen durch, die Gegen- und Haupttribünenseiten stimmten nur immer wieder mit ein und reagierten auf Wechselgesänge.

Hervorragend war die Pyroshow mit viel buntem Rauch der Wydad Ultras. Auch Bengalos und dutzende Böller gab es zu bewundern. Raja hantierte mit weniger Rauch, gleichvielen Bengalos und schoss mehrere Raketen in den Himmel. Nach der Pause war das Spielfeld einmal völlig eingenebelt, wobei es keine Unterbrechung gab und selbst zum Derby funktionierten weder Sprecheranlage noch Anzeigetafel.

Das Spiel war auf ordentlichem aber nicht gerade überragendem Niveau. Für ein solches Derby wurde aber noch relativ offensiv gespielt. Die Anzahl der Fouls war recht hoch, da im hohen Tempo in die Laufduelle gegangen wurde. Aber Karten gab es kaum. Es führte dann jedoch ein Freistoß nach nur 24 Minuten zum ersten Treffer der Partie: Wydad verwandelte aus 20m direkt hoch ins kurze Eck. In einem ausgeglichenen Spiel mit Chancen auf beiden Seiten, aber mehr Chancen und Spielanteilen für Wydad, gelang dann kurz vor dem Ende ein Kopfballtreffer für Raja. Es flogen bereits die ersten Flaschen in Richtung Spielfeld, sodass man sagen muss, dass dieser Ausgleich größere Auseinandersetzungen verhinderte. Einige Wydadspieler tobten nach Abpfiff zwar rum und einige der Fans ärgerten sich ziemlich, aber außer etwas Vandalismus und dem vereinzelten Werfen von Stöcken und Flaschen in Richtung Polizei war nichts los nach Abpfiff. Hätte Raja verloren, hätte es schlimmer ausgesehen…

Eine Zusammenfassung des Spiels inklusive Tifo-Video kann man sich unter Sport-Maroc.Com angucken! .الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Nach dem Spiel gab es Kaffee und Kuchen (naja, marokkanische Teigwaren, aber so ähnlich wie Kuchen…) und wir brachen mit Alae als sechsten Mitfahrer gen Fès auf. Eigentlich wollte er nur zum Busbahnhof gebracht werden und von dort nach Fès fahren, aber Mohammed und ich schlugen ihm vor mitzufahren. Hinten wurde es dann eng, sodass Fayza auf den Beifahrersitz wechselte. Das ist mir ja auch recht, da sie eine wunderbare Gesprächspartnerin ist, aber da sie auch eine typische marokkanische Autofahrerin ist, gab es unablässig lustige Dialoge:
* Auf der Stadtautobahn von Casa; ich überhole dauernd rechts und wechsle die Spuren so rücksichtlos wie ein Dacia aus Rabat vor mir:
Sie: „Entschuldige, dass ich die Unterhaltung unterbreche, aber wieso überholst du rechts?“
Ich: „Die links fahren nur 70, hier darf man aber 80 fahren“
Khadija: „Siehst du, er kennt die Regeln!“
Sie: „Aber rechts überholen ist auch verboten und wir fahren 90!“
Ich: „Ich kenne die Regeln, aber wir sind hier in Casa, da muss man so fahren! Und die da vorne fahren schon wieder nur 70 links, diese Bauern vom Dorf…“
* Die einzige Tanke direkt an der Rochade de Rabat; nach dem Tanken fahr ich (wie ein anderer Kunde kurz zuvor auch) entgegen einer Einbahnstraße raus um zum Kreisverkehr auf der Rochade zu kommen, da ich sonst 1km + eine Ampel Umweg fahren müsste um wieder in Richtung Fès zu gelangen:
Sie: „Hhhhhh, Göran! Da ist Einfahrt verboten!“
Ich: „Ich weiß, ich will nur zum Kreisverkehr…“
Sie: „Aber das ist gefährlich gegen die Fahrtrichtung zu fahren!“
Alae: „Lass ihn, der fährt wie ein marokkanischer Taxifahrer, der weiß Bescheid!“
* Bundesstraße Meknés – Fès: ich fahr die erlaubten 100 und überhole einen LKW (erlaubt, aber eng):
Sie: „Fahr bitte langsamer, Khadija und ich haben Angst.“
Ich: „Kein Problem, keine Angst! Ich fahr nur 100.“
Sie: „Kennst du die Strecke gut? Also wirklich gut?!“
Ich: „Drei Mal gefahren, das reicht. Außerdem hab ich viel Fahrerfahrung.“
Sie: „Ich hab auch Erfahrung und hier gibt es viele Unfälle. Also sei bitte vorsichtig! Khadija will nach Hause und nicht erst ins Krankenhaus…“
Alae: „Hör nicht auf sie, Kumpel! Sie fährt viel seltener als du und vertraut dir deswegen nicht!“
Sie: „Klar vertraue ich ihm! Aber ich fahr zurückhaltender und rücksichtsvoller. … Und ich hab die Fahrprüfung mit voller Punktzahl bestanden!“
Mohammed: „Yooohoho… Und Karim hat volle Punktzahl im Verkehrsregister!“

Das hab ich natürlich nicht und bisher auch nur 750 Dirham bezahlen müssen – OK, wären regulär 1.900 gewesen zusammengenommen, aber egal: im Ausland wird man einfach schneller erwischt aber mitunter freundlicher behandelt – und Fayza und Khadija wurden zum Ende hin auch ruhiger.

In Meknés waren wir übrigens zum Abendessen bei Maryam und Abdelghani eingeladen, die gefüllte Tauben mit Salat und Pommes auftischten. Der einzige, der nur die Beilagen futterte, war Alae, was sehr seltsam ist, da man einen Vegetarier eher in der weltlichen und gemäßigten Oberschicht in Marokko erwarten kann, und nicht im Bereich der Mittelschicht-Islamisten zu denen er gehört. Wie der andere Islamist, den ich hier kennengelernt habe, ist Alae auch sehr höflich im Umgang und nicht aggressiv oder missionierend, aber er eckte eigentlich nicht wegen dem „sorry, ich esse kein Fleisch“ an, sondern weil er meinen Spitznamen Karim verbessern wollte. Nach Auffassung etlicher Strenggläubiger ist es nämlich unverschämt, Kurzformen der Diener-Gottes-Namen zu nutzen: Karim heißt eigentlich Abd al-Karim (Diener des Gütigen (Gottes)). Doch so ein Klugscheißerhinweis kommt bei vielen nicht gut an: Fayza - die tolerant und moderat aber sehr gläubig ist, sich z.B. nie ohne Kopftuch zeigt und während der Übertragung des Gebetsrufes im Radio nie den Sender wechselt sondern erst wenn dieser vorbei ist - wies ihn gleich schroff zurecht, dass er nicht übertreiben und mir keinen Unsinn einreden solle – und Khadija kommentierte einfach lässig: „Lass meinen Jungen in Ruhe, der heißt Karim! Iss die gefüllte Taube, dann erzählst du nicht so viel Mist!“ الرجاء البيضاوي والوداد البيضاوي - اهم مباراة البطولة المغربية Statistik:
- Grounds: 1.036 (1 neuer; diese Saison: 65 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.943 (2 dieses Wochenende, diese Saison: 87)
- Tageskilometer: 720 (Samstag: 380km Auto, Sonntag: 340km Auto)
- Saisonkilometer: 23.930 (22.890 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 2 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 382

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