Dienstag, 28. Januar 2014

W391I: Chabab Mrirt v Fath Nador und Neues aus Fès

Club Jeunesse Mrirt (نادي شباب مريرت)
....................... 3:1 (1:1) .......................
Fath Riadi Nador (الفتح الرياضي الناظور)
- Datum: Samstag, 25. Januar 2014 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Amateur 1, Groupe Nord [بطولة القسم الوطني الأول هواة - شطر الشمال] (Amateurliga Nord, d.h. 3. Marokkanische Fußballliga, 1. Amateurliga)
- Ergebnis: 1-1 nach 96 Min. (46/50) – Halbzeit: 1-1
- Tore: 1-0 39. (11), 1-1 44. (4), 2-1 47. (21), 3-1 60. (3)
- Verwarnungen: Nr. 11, NN (Mrirt); Nr. 5, 15 (FRN)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Mrirt [الملعب البلدي بمريرت] (Kap. 1.500, davon 1.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 750 (darunter ca. 5 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes Spiel)  
Photos with English and Arabic Commentary:
a) Amateur Football Top Flight: Chabab Mrirt v Fath Riadi Nador (Stade Municipal Mrirt)
b) Middle Atlas: Agourai Kasbah, Oulmes and Mrirt Mountainous Landscape

Es gibt wieder neue Gäste im Haus: ein US-Amerikaner, der in Fès Arabisch lernt und, da sehr sportlich, gleich am zweiten Tag seines Aufenthaltes einen morgendlichen 8km-Lauf mit mir, Mohammed und Zaki ansetzte. Am Freitag trafen wir uns dann mit dem Nachwuchsmetzger Driss, der die Strecke unbedingt noch auf 10km ausdehnen musste. Da ich über das stupide Laufen meckerte, setzten wir für nächste Woche ein Freizeitfußballspiel an – aber dazu später mehr. Bei der Runde am Freitag war v.a. lustig, dass wir die Mellah meiden mussten, da ich mit dem Maghreb-Fes-Trainingsanzug unterwegs war und im ehemaligen Judenviertel (von den vormals mehr als 95% jüdischen Bewohnenern sind nur noch 5% geblieben und nicht in die USA oder Israel ausgewandert) das Islamistenpack von Wydad Fes wohnt. Selbst Muslime behaupten mitunter, dass es ärgerlich ist, dass die mehrheitlich zahlungskräftige jüdische Elite weggezogen ist, da das Viertel seit Jahrzehnten immer mehr herunterkommt. Im Nachbarviertel Batha sieht es besser aus und vor einem der Verwaltungsgebäude lief uns der zur Arbeit hetzende Boss der Ultras Maghreb Fès „Fatal Tigers“ – Najib – über den Weg und feierte mich erstmal ab, da er mich schon mal im Fanblock gesehen hatte (gegen Khouribga) und ihm zuvor noch kein Ausländer mit einem Trainingsanzug des Vereins untergekommen ist. Er ist außerdem ein Kumpel von Mohammed und erstaunlich respektiert, da er die Macht über den Kindergarten in der Fankurve nicht missbraucht, sondern lieber zwischen Fans auf der einen und Sicherheitskräften und Management auf der anderen vermittelt. Das Choreo- und Pyromaterial kommt trotzdem nicht zu kurz… Aber selbst Khadija kennt und schätzt ihn, da er einer von den „1% Vernünftigen in der Siedlung 45 ist“. Wenn ich diese Siedlung mal sehen wollte, die nach Sidi Moumin in Casablanca eine der höchsten Kriminalitätsraten des ganzen Landes hat, solle ich mal mit ihm da hingehen; da kommt mir keiner dumm...

Die anderen Besucher, nach Eric, waren zum Glück nur sehr kurz da, da es in einem Fall um die weniger beliebte Verwandtschaft aus Rish ging und im anderen nur ums Geschäftemachen (Computerverkauf) mit Mohammed. Khadijas Cousin hat in eine Chleuh-Familie eingeheiratet: nicht dass die ein Problem damit hätte, dass dadurch Berber in die ansonsten sehr arabische Familie reingekommen sind – aber die berberische Seite ist typischerweise die konservativste Fraktion in der ganzen Familie. Mohammeds gegelten Haare gefielen nicht und dass ausländischer Besuch da war stieß zwar auf Interesse, aber auf diese nervige Art von verwundertem und verständnislosen Interesse: Ist das denn kein Problem mit der fremden Kultur? Gefällt es ihm wirklich hier? Wieso lernt der eigentlich Arabisch? Als dann auch noch die Frage der berberischen Schwiegermutter von Khadijas Cousin kam: „Ist er Muslim? Nein? Dann lad ihn ein (d.h. bekehre ihn)!“ meinte Khadija nur noch zu ihr: „Hör auf depperte Fragen zu stellen!“ Khadija entschuldigte sich noch bei mir für die peinliche Verwandtschaft „in Rish und Rissani haben die halt keine Ahnung“ – aber das ist mir schon klar, dass ich mich nicht über den schlechten Bildungsstand der Leute dort aufregen muss; das ist halt leider so – und zwar ohne erkennbare Chance auf Verbesserung.

Was den Computerverkauf anging: keinem in der Familie gefielen diese Geschäftspartner; 1. hatte meine Lehrerin Fatima den Computer erstehen wollen, und 2. handelte es sich bei den Mehrbietenden um zwei polizeibekannte Salafisten – und das kommt bei einer anständigen marokkanischen Familie so rüber, wie wenn in einer anständigen deutschen Familie zwei polizeibekannte Neonazis zum Bequatschen eines Verkaufs vorbeikommen. Den Zuschlag für den PC bekam schließlich doch Fatima, wahrscheinlich auch, da Mohammed mit den beiden schon nach einem Tee aus dem Haus ging, da wir drohten, ihn vor den beiden lächerlich zu machen: er solle doch mal das Bild einer befreundeten Kollegin auf seinem Iphone zeigen – eine Marokkanerin mit kurzem Rock würde bei den beiden Salafisten gleich Skandalgeschrei auslösen…
Khadija setzte noch einen drauf und meinte: „Simo! Wenn die nicht nach einem Glas Tee weg sind, schocke ich die richtig und erzähle, wie gut ich das finde, dass unser deutscher Gaststudent und Freund letzten Sonntag mit meiner Schwester zum Fußball gefahren ist und die nicht zum ersten Mal etwas zu zweit unternommen haben…“
Leider bekam Khadija keine Gelegenheit zu diesem Gag, da Simo die zwei Bartgeier schnell wieder nach draußen begleitete: so eine Konfrontation wäre der Knaller gewesen, da die zwei bei der Begrüßung schon demonstrativ an Khadija vorbeiguckten, da sie „nur“ Kopftuch (Hijab) und nicht etwa Gesichtsschleier (Niqab) trägt – und wenn sie dann auch noch gehört hätten, dass ein „Fräulein“ aus der Familie in Begleitung eines nicht-muslimischen Ausländers verreisen und Fußballgucken darf, hätten die sich nicht mehr zurückhalten können, der Familie den „rechten Glauben“ abzusprechen. Denn viele Salafis sind der Meinung, dass selbst Freundschaften zwischen männlichen Muslimen und einem z.B. Christ gegen das verstoßen, was sie „marokkanische islamische Kultur“ nennen. Dass die Salafia eigentlich nur einen Abklatsch einer saudi-arabischen Kultur bildet, die ein stärkerer Fremdkörper in Marokko ist als die französische Kultur, ist solchem Abschaum nicht einmal bewusst, da sie zu dumm sind, einzusehen, dass auch die Salafia den erstrebten Lebensstil des Propheten Mohammeds (der übrigens sehr wohl Kontakte zu Christen und Juden gepflegt haben muss) aufgrund der zeitlichen Distanz und veränderten sozialen und politischen Situation nicht nachbilden kann.  
Samstag fuhr ich mit einigen aus der Familie nach Ain Chgag, wo sich jetzt dank Driss‘ algerischer Kohle endlich etwas am Familienhaus tut. Ich fuhr alleine weiter, da sich die Kinder gegenüber Khadija zu blöd verhalten hatten im Laufe dieser Woche, sodass sie ein Reiseverbot für alle vier verhängte.

Von Ain Chgag ging es nach Westen über El-Hajeb in das mittelgroße Dorf Agourai, wo es eine stattliche Kasbah mit verziertem Haupttor, fast mittig platzierter Moschee, aber völlig schmucklosen Wohnhäusern im Inneren gibt. Von dort bis Ras Jerry waren die Straßen durch Bauarbeiten schwierig zu fahren, aber nach Erreichen der Landesstraße nach Oulmes wurde es eine sehr schöne Fahrt. Die Straßen sind zwar eng und anspruchsvoll, aber fast völlig leer und v.a. schlängeln sie sich durch herrliche Landschaft. Tiefe Täler und Schluchten, Gebirgsbäche, Nadelwälder, hoch aufragendes Mittelgebirge und ab und an sieht man im Hintergrund die Spitzen des Hochgebirges. Mittlerweile ist auch die Straße von Oulmes nach Mrirt (bis auf die letzten 500m zur Landesstraße Meknes – Mrirt) asphaltiert und führt (noch enger) durch fast gleichermaßen schöne Landschaft.

Mrirt erreichte ich schon nach 5 Stunden Fahrt, sodass ich lässig in eines der beiden Restaurants der Stadt einkehren konnte: gute Ziegen-Tajine (inklusive Wasser) für 40 Dirham. Der Ort ist absolut gesichtslos und hässlich. Am Rande expandiert das Kaff, da Beduinen sesshaft werden und Dorfbewohner der Umgebung zuziehen. Entsprechend ist auch die Atmosphäre im Stadion. Ständig derbe Beleidigungen gegen die nicht einmal anwesenden Mütter der Spieler - untereinander mehrere kleine Schlägereien - zwei Asoziale betteltenden mich an „Haste ma ‘n Dirham“ woraufhin ich sie auf die Bonzen vom Vorstand auf der Ehrentribüne verwies, was für Gelächter bei den Umsitzenden sorgte, die es aber natürlich nicht für nötig hielten, die beiden von sich aus wegzuschicken… Immerhin grüßten mich ein paar der Berberprolls freundlich…

Vom Stadion aus hat man einen netten Blick in die gebirgige Landschaft. Die besagte Ehrentribüne ist ganz ordentlich geworden und auf den Sozialtrakt gebaut. Die beiden anderen Tribünen sind baugleich und vierreihig, leicht erhöht, gegenüber aufgestellt. Hinter den Toren und rechts und links des Sozialgebäudes kann man sich noch ebenirdisch hinstellen, was v.a. in der zweiten Hälfte viele Zuschauer machten. Insgesamt waren gut 750 anwesend, die erschreckend wenig Stimmung machten. Nur eine Handvoll Dorfjugendlicher ging gut ab.

Das Spiel an sich war recht sehenswert, wobei nach einer frühen Drangphase der Gäste, der Gastgeber das Heft in die Hand nahm. Es dauerte aber bis kurz vor den Seitenwechsel, ehe eine weite Flanke einen Abnehmer fand und zum 1:0 eingeschoben wurde. Fünf Minuten später fiel fast mit dem Pausenpfiff das flach eingeschossene 1:1. Nach der Halbzeit war fast nur noch Mrirt am Drücker und der Gast aus Nador – genau so ein beschissenens Berberkaff wie Mrirt, das sich von den Leuten deutlich vom nur 30km entfernten und ebenfalls berberischen Khenifra (zum Negativen) unterscheidet – konterte ab und an erfolglos. Schon nach 15 Minuten in Spielabschnitt zwei mussten sie die Entscheidung hinnehmen. 3:1 für Mrirt und außer einem sinnlosen Flaschenwurf von den Heimfans und der entsprechenden Show der ohnehin viel zu oft reklamierenden Rif-Kabylen aus Nador gab es keinen Zwischenfall auf dem Feld.

Die Rückfahrt gestaltete ich natürlich weniger spektakulär als die Hinfahrt: die sehr gut ausgebaute aber nicht allzu interessante Landesstraße Mrirt – Meknes fuhr ich bis zum Abzweig nach El-Hajeb, wo sich die Rundfahrt um diesen Bereich des Mittleren Atlas (ab Rommani bzw. Maaziz schließt er dort an das kleinere Mittelgebirge Zaer an) schloss. In Ain Chgag, das ich über kleine Umwege anfuhr um noch weitere Strecke zu sehen, gab es dann Abendessen.  
Statistik:
- Grounds: 1.062 (heute 1; diese Saison: 91 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.972 (heute 1; diese Saison: 116)
- Tageskilometer: 440 (440km Auto)
- Saisonkilometer: 33.520 (32.470 Auto/ 1.000 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 1 [letzte Serie: 4, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 391

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