Mittwoch, 1. Januar 2014

W387II-III: Die letzten fehlenden Grounds der 1. Liga, zwei Treffer in der Nachspielzeit bei USMAM und die Krawalljugend von El Kolea

------ Union Sportive Municipale Ait Melloul -----
------------- (الاتحاد الرياضي البلدي لآيت ملول) --------------
................................. 2:2 (1:0) ..................................
Club Omnisport De Meknès (النادي الرياضي المكناسي)
- Datum: Sonntag, 29. Dezember 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Botola 2/ GNF 2 [2 البطولة الوطنية المغربية] (d.h. 2. Marokkanische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 2-2 nach 100 Min. (46/54) – Halbzeit: 1-0
- Tore: 1-0 22. NN, 1-1 83. NN, 1-2 94. NN, 2-2 99. NN
- Verwarnungen: Nr. 22 (USMAM); Nr. 20 (CODM)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal „Aboukar“ d’Ait Melloul [الملعب البلدي بآيت ملول] (Kap. 3.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 1.000 (darunter ca. 150 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 8,0/10 (Packendes Spiel, starke Stimmung)

------- Association Sportive Chabab el Kolea --------
---------------- (الجمعية الرياضية شباب القليعة) ----------------
................................... 2:1 (1:1) ...................................
---- Union Jeunesse Sportive Taroudante 1937 -----
-------------- (اتحاد الشبيبة الرياضية لتارودانت) ----------------
- Datum: Sonntag, 29. Dezember 2013 – Anstoß: 11.00
- Wettbewerb: Ligue du Sousse, 3ème division honneur [القسم الشرفي الثالث - صبة سوس] (Dritte Ehrendivision, Südmarokkanische Bezirksoberliga: d.h. 5. Marokkanische Liga; 3. Amateurfußballiga)
- Ergebnis: 2-1 nach 99 Min. (49/50) – Halbzeit: 1-1
- Tore: 0-1 20. NN, 1-1 45.+3 Nr. 8 („Hand“elfmeter), 2-1 84. NN
- Verwarnungen: Nr. 18, 21 (ASCK); Nr. 3, 10, 15, NN (UJST)
- Platzverweise: Nr. 3 von ASCK wegen unsportlichen Verhaltens in der Halbzeitpause
- Spielort: Stade Municipal El Kolea, Laqliyaa [الملعب البلدي بالقليعة] (Kap. 3.100, davon 100 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 1.000 (darunter ca. 50 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 8,0/10 (Mittelmäßiges Spiel, aber der Hammer was die Fans da abgezogen haben!)

Hassania Union Sportive Agadir - (حسنية أكادير)
............................... 4:3 (1:2) ...............................
Wydad Athletic de Fès (نادي الوداد الرياضي الفاسي)
- Datum: Samstag, 28. Dezember 2013 – Anstoß: 16.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (d.h. 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 4-3 nach 99 Min. (50/49) – Halbzeit: 1-2
- Tore: 1-0 19. Adel Matouni (Elfmeter), 1-1 34. Redallah Al-Mazoufi (Elfmeter), 1-2 38. Youssef Skitioui, 1-3 47. Abdelkebir El-Ouedi, 2-3 54. Mehdi El Mousayyif, 3-3 64. Coco Patrick (Elfmeter), 4-3 75. Ahmed El Fathi
- Verwarnungen: k.A. (HUSA); k.A. (WAF)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Inbiaâte [ملعب الانبعاث] (Kap. 14.250, davon 250 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 3.500 (darunter ca. 20 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Schön offensiv geführtes, wirklich gutes Spiel)

Kawkab Athlétique Club Marrakech/ Espoirs
----------- (فريق الامل - الكوكب المراكشي) ---------------
............................... 0:1 (0:0) ................................
-- Forces Armeés Royales de Rabat/ Espoirs --
------------ (فريق الامل - الجيش الملكي الرباطي) ----------
- Datum: Samstag, 28. Dezember 2013 – Anstoß: 11.20
- Wettbewerb: Elite 1 Espoirs [لبطولة الوطنية لفرق الامل (اقل من 23 سنة)] (d.h. 1. Marokkanische U23-Reserve-Liga)
- Ergebnis: 0-1 nach 99 Min. (47/52) – Halbzeit: 0-0
- Tor: 0-1 46. Nr. 9
- Verwarnungen: Nr. 4, 23 (KACM); 2x Nr. 7, Nr. 6, 9, 18 (FAR)
- Platzverweise: Nr. 9 von FAR (89. Min., wdh. Foul)
- Spielort: Stade El Harthi [ملعب الحارثي] (Kap. 15.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 100 (darunter ca. 3 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 2,5/10 (Höhepunktarmes Spiel zweier gleichschwacher Teams) Photos with English and Arabic Commentary:
a) Under-23 League: Kawkab Marrakesh v FAR Rabat (Stade El Harthi)
b) Professional League: Hassania Agadir v Wydad Fès (Stade Inbiaâte)
c) AMATEUR LEAGUE AGADIR REGION: CHABAB LAQLIYAA DEFEAT TIHAD CHABAB TAROUDANT!
d) 2nd Division: USM Ait Melloul v CODM Meknes (Stade Municipal)
e) Marrakesh: The Red City and City of Gardens
f) Agadir: The City of Resorts and Tourism

Videos:
a) One minute of Madness in Laqliyaa
b) Support of USMAM and CODM

An diesem Wochenende stand eine Gewalttour zu den letzten beiden fehlenden Grounds der 1. Liga an: das Stade El Harti in Marrakesh und das Stade Inbiaâte in Agadir. Beide Stadien sind mittlerweile ergänzt (nicht ersetzt, daher nur Zusatz!) worden durch Neubauten, die ich wohl erst zur Afrikameisterschaft 2015 (ich plane zu diesem Zeitpunkt für Besuche und Groundhopping wiederzukommen) kreuzen werde: denn während Kawkab Marrakesh so jedes dritte Heimspiel im Grand Stade austrägt, hat Hassania Agadir erst ein einziges Match in ihrem neuen Grand Stade gemacht…

Wie auch immer, die beiden fehlenden Erstliga-Grounds konnte ich trotz 200km Entfernung zwischen beiden in einem Tag abhaken. In den Tagen vor der Abfahrt musste ich noch Sachen erledigen die mich fast so viel kosteten wie alle Aktivitäten, Essen, Fahrtkosten an diesem Wochenende zusammen: erst ein Ölwechsel für 30€ bei dem lustigen Vogel bei der Total und dann mit Abdelhadis Hilfe nicht nur einen neuen Reifen gekauft sondern gleich zwei (beide Vorderreifen waren halt stark abgefahren und einen hatte ich ja wie gesagt in der Nähe von Ouzoud gegen das Notrad wechseln müssen) was satte 160€ machte; wie üblich bar ohne Rechnung. Abdelhadi hatte sogar mit bis zu 200€ gerechnet, aber der Händler gab mir einen Nachlass von 20€ da ich zwei Reifen aufziehen ließ.

So ging es jedenfalls gut ausgerüstet in den frühesten Morgenstunden des Samstages los. Khadija hatte leider Gäste zu bewirtschaften und Abdelhadi Arbeit fürs Institut zu lange aufgeschoben, sonst hätte ich Mitfahrer gehabt. Nachts kann man auch 150 und mehr auf der Autobahn fahren, sodass ich bis Berrechid durchbretterte um dort auf der Raststätte zu frühstücken. Von dort waren es bis Marrakesch noch 2 Stunden. Die Altstadt von Marrakesch hatte ich schon 2011 ausreichend besichtigt. Jedem Besucher der Stadt würde ich empfehlen, das Stade El Harti aufgrund der kostenlosen Parkmöglichkeiten in der Straße davor aufzusuchen. Von dort aus kann man schön durch den angrenzenden Park, der sogar eine Kakteensammlung hat, zur französischen Kirche laufen. Dahinter beginnen auch schon die Altstadtmauern neben der Koutoubia-Moschee.

Ob Altstadtmauern oder Vorstadtplatte: in Marrakesch ist alles in hellen Rottönen gehalten: auch das Stadion! Also jetzt nicht die Asphaltstraßen oder die Flutlichtmasten – Rotlicht passt eh besser zum Rivalen aus Agadir – aber alle Fassaden. So sind die recht asymmetrischen Tribünen des El Harti in rotem Stein gehalten. Die Haupttribüne ist in drei Sektoren unterteilt und ebenso wie das Mittelsegment der Gegenseite überdacht. Die Gästekurve ist nicht höher als die beiden Längstribünen, aber die Heimkurve fast doppelt so hoch. Von dort sieht man auch schön die Koutoubia und andere Türme der näheren Umgebung. Außerdem sieht man in den Harti-Park, doch der wird eigentlich eh direkt im Stadion fortgesetzt: hinter der Haupttribüne hat man einen richtig schönen Garten mit einer geschlossenen Allee! Das ist halt die rote Gartenstadt Marrakesch!

Das Spiel war nicht so begeisternd wie das Stadion. Knapp 100 Leute wollten sich das Gekicke der U23-Mannschaften von Kawkab (Stern) Marrakesch und Forces Armées Royales (Al-Jaish Al-Malaky, Königliche Streitkräfte) angucken. Beide waren gleichermaßen schwach, blockierten sich zwischen den Strafräumen und brachten kaum einen Ball aufs Tor. Ein einziger Ball ging unhaltbar für den Torwart dann nach 46 Minuten genau in den Kasten, sodass es wenigstens nicht 0:0 ausging. Dadurch dass das Arschloch von Schiedsrichter nicht nur 20 Minuten zu spät erschien, sondern auch 20 Minuten Halbzeit machte und fast 10 Minuten nachspielen ließ, wurde es knapp Richtung Agadir... Eine teilweise wirklich interessante Autobahnstrecke (schroffe, teils sehr kahle Berge und Lehmhüttendörfer, die teilweise aufgegeben sind, ziehen sich entlang der Strecke) verbindet die beiden südlichsten Erstligisten miteinander. Von Sportanlage zu Sportanlage braucht man gut 2 Stunden – durch die Verzögerung kreuzte ich dort erst in der 25. Spielminute an der Kasse auf. Der Kassenwart war Araber und ausgesprochen freundlich, da ich mit ihm Arabisch sprach. Die berberischen Polizisten hingegen wenig freundlich, streng und kleinlich. Einer brauchte einen Stift und wollte meinen Kuli für den Statistikblock mit der Begründung „spitze Gegenstände dürfen nicht ins Stadion“ einsacken, was der höherrangige Kollege daneben aber aufgrund meiner Herkunft verhinderte und mich einfach durchwinkte nachdem er selber noch mal einen Blick in meine (wirklich kleine!) Kameratasche geworfen hatte. Also kleinlicher als in Agadir waren die Bullen wirklich nirgendwo in Marokko, aber so schlimm wie in Tetouan ist es auch wieder nicht.

Als ich das ganz ansehnliche Stadion Inbiaâte betrat, bekam ich gleich gesagt, dass Hassania fünf Minuten zuvor das 1:0 gemacht hat. Ich stellte mich für meine 20 Dirham erstmal in die letzte Reihe links von der überdachten Haupttribüne auf Strafraumhöhe. Die Gegentribüne ist übrigens nicht überdacht, aber wenn man sich hinter die engen Stufen auf die letzte Reihe stellt, kann man bei Regen unter den Bäumen Schutz finden. Regnen tut es aber eh nicht viel in Agadir und heute bei knapp 20 Grad und kaum Wolken erstrecht nicht. Die meisten Fans standen also in der Heimkurve hinter dem einen Tor. Die Gästekurve war mit knapp 20 Islamisten besetzt.

Kaum war ich drin, riss die schwarz-weiße Scheiße aus Fès auch plötzlich das offensiv geführte Spiel an sich: mit einem Elfmeter glichen sie aus und einen erfolgreichen Schuss aus Nahdistanz gab es gleich hinterher. Nach der Pause war dann die vermeidliche Endscheidung ein wuchtiger Schuss aufs kurze Eck zum 1:3. Doch Hassania kämpfte sich mit vollem Offensiveinsatz zurück. Ein Nachschuss hoch unter die Latte, ein Elfmeter der allerdings kritisch stark verzögert wurde und einmal geschickt quergelegt und vom Mitspieler eingeschoben und schon stand es 4:3. Schön wie WAF wieder abgekackt hat – und schön, dass die ungewohnt offensive Spielweise von Hassania mit einem 4:3 Sieg belohnt wurde!

Von den Fans bin ich allerdings nicht so begeistert: die sind zwar viel zahlreicher als WAF und keine Islamisten-Spinner, aber was die sich in drei Gruppen aufteilen müssen, die dauernd was anderes anstimmen, weiß ich nicht – und was die auch dauernd irgendwelchen Berberquatsch raushauen müssen: von wegen „dima imazighen“ – „dima ârab (Immer Araber)“ habe ich jedenfalls noch nirgendwo in Marokko gehört. Und diese Imazighen sind die „freien Menschen“ also Berber, die mit dieser Eigenbezeichnung sehr schön auf ihre Vergangenheit als Sklaventreiber aufmerksam machen. Einer der drei Vorsänger war allerdings ein schwarzer Marokkaner und somit Nachfahr von Sklaven... Der ist auch das beste Beispiel dafür, dass nicht alle Schwarzen von Berbern aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden (wie in einer Fernsehdiskussion zum marokkanischen Rassismus letzthin schön direkt und auch nicht völlig übertrieben von einem arabischen Studiogast rausgehauen wurde).

Eine Truppe Berberjungs laberte mich noch vorm Auto zu, aber als ich den Anführer auf Arabisch anmeckerte, weil er zusammenhanglosen Unsinn in Englisch und Französisch laberte: „Kannst du kein Arabisch? Du bist wohl bescheuert?! Was ist das für eine Sprache du Depp? Amazight? Kannst du nur Amazight? Oder was ist das für eine scheiß Sprache?!“ schubsten ihn die anderen drei laut auslachend weiter, sodass ich mich in Ruhe auf Hotelsuche begeben konnte. Im Radio hatte ich schon gehört, dass aufgrund der Schulferien v.a. Hotels in Marrakesch und Agadir im unteren Preissegment ausgebucht seien, aber schon das zweite Hotel hatte noch ein paar Zimmer frei.
Einer der wenigen Vorzüge Marokkos vor seinem Nachbarland Algerien ist, dass es zahlreichere Herbergen und mehr Hotels mit eher besserem Preis-Leistungs-Verhältnis gibt. Man wird auch nie erleben, dass ein Hotel nur für Einheimische zugelassen ist: viel eher ist es so, dass man in den marokkanischen Herbergen, Fernfahrerabsteigen etc. freundlicher aufgenommen wird als in Touristenhotels. Zwischen dem Stadion Inbiaâte und dem öffentlichen Park Jardin Olhao befinden sich etwa 10 preisgünstige Hotels, von denen ich dann halt im „Excelsior“ landete: einfache, sehr kleine Zimmer mit zwei Betten und einem Tisch gruppieren sich um einen Innenhof herum, Klo und Dusche auf dem Gang. Ich bekam, ohne danach gefragt zu haben, da mir die 80 Dirham (7,50€) schon sehr niedrig vorkamen, nur weil ich alles auf Arabisch abmachte, 10 Dirham Rabatt. Also so preisgünstig habe ich glaube ich noch nie in einem Hotel übernachtet…  
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * Nach dem Auschecken fuhr ich zur einzigen historischen Sehenswürdigkeit Agadirs hoch: der Festung. Die Ruinen mit ihren stattlichen Mauern aber kahlen Innenbereich bieten einen prima Blick auf die Betonwüste von Stadt. Allerdings nicht am Morgen, dann da blickt man in die Sonne… Und belagert wird die Festung auch andauernd, nämlich von dümmlichen Händlern. Natürlich wieder Berber. Den einen scheintoten Idioten musste ich einfach dummmachen: der etwa 70jährige klopfte einer britischen Touristin auf die Schulter und laberte was von „gratis photo of original Berber man“. Da ich daneben stand meinte gleich zu ihr: „he will ask you for money after you took the picture“ und wiederholte das Ganze für den Alten auf Arabisch mit der respektlosen Anrede „Ajouz“ (Greis) woraufhin er sich mit grimmigem Gesicht in Richtung der japanischen Gruppe verzog. Im Übrigen war nicht nur meine Anrede ihm gegenüber respektlos sondern v.a. seine Begrüßung der Britin: mit einer Marokkanerin hätte er das nicht gemacht, da sie ihn wegen des unerlaubten Anpackens entweder angeschrien oder sogar gleich geschlagen hätte.

Ich hatte die Amateuransetzungen durchgesehen und war gleich auf den Verein aus der benachbarten Landgemeinde Laqliyaa (El Kolea, zu Deutsch: Kleine Burg) gestoßen. Die haben eine tolle Facebookseite auf der sie auch mit ihrer durchgeknallten Fanszene prahlen. Als ich gegen 11 Uhr die staubige Straße zwischen den halbfertigen Häusern aufs Stadion zufuhr, pogten schon Hunderte auf der Hintertortribüne! Als ich das Stadion, ein regelmäßiger einfacher kleiner Betonbau mit Ausbau auf allen vier Seiten um einen kleinen sandigen Lehmplatz, zum Anstoß betrat, ging es stimmungsmäßig richtig los: unter den Stoffbannern in den Vereinsfarben wurde gehüpft, getrommelt, Fahnen geschwungen und gesungen.
Zur Erinnerung: es handelte sich hier um ein Spiel der fünften Liga, also so was wie die Kreisoberliga Saalekreis, wo Sportring Mücheln und Merseburg 99 II gegeneinander spielen und 100 Zuschauer als ordentlichen Besuch bezeichnen würden. Doch in Laqliyaa ist ein ordentlicher Besuch nicht weniger als 1.000 Zuschauer!

Das Spiel war nur mittelmäßig und der Gast, der Tabellenführer aus dem 70km entfernten Taroudant (Ittihad Chabab ist dort auch nur Club zwei oder drei von fünfen), ging erwartungsgemäß nach einem Abstimmungsfehler in der Abwehr in Führung. Die Gästefans feierten, doch hatten schon 15 Minuten später nicht mehr viel zu lachen: eine Kopfballabwehr wurde vom mäßigen Schiedsrichtergespann als Handspiel im Strafraum gewertet und der unberechtigte Elfer unter die Latte gezimmert. Die Gästefans traten vor den Zaun und die Spieler diskutierten lautstark mit dem Schiri. Der pfiff zur Pause und auf dem Weg in die Kabinen, die sich unter der kleinen überdachten Ehrentribüne befinden, machte sich ein Gästeakteur unbeliebt da er ohne dafür bestraft zu werden mit einem Stuhl das Fenster der Gästekabine zertrümmerte. Der Dreier wollte ihm deswegen aufs Maul hauen, fuchtelte mit einer Absperrstange herum und legte dem Gästespieler Geschlechtsverkehr mit dessen Mutter nahe (hwi mouk)… Der Unparteiische zeigte ihm daraufhin die Rote Karte, was mehrere Zuschauer zu einem Platzsturm animierte. Während einige den Schiri aufforderten wenigstens auch den Vandalen im Taroudant-Trikot Rot zu zeigen, nutzten andere die Aufregung um den Gäste-Ultras die Zaunfahne zu klauen. Zwei kamen hinterher was zu einer Schlägerei führte, die die Ordner – Leibchen von der Stadtverwaltung bzw. Jogginganzug, dazu Holzknüppel bzw. ein Campingstuhl – schnell auflösten. Die Zaunfahne wurde schließlich auf der Wechselbank von Taroudant verwahrt.

Mit 10 gegen 11 spielte Laqliyaa bald besser als mit voller Mannschaftsstärke. In einem nun völlig ausgeglichenen Match gelang es nicht nur das Ergebnis zu halten, sondern dem bis dahin ungeschlagenen Ittihad Chabab Taroudant die erste Niederlage zuzufügen: in der 84. wurde ein Kicker in Rot-Weiß herrlich freigespielt im Strafraum, was er mit einem Kopfball gegen die Laufrichtung des Keepers in den Kasten umzusetzen wusste.

In der Zwischenzeit hatte es übrigens eine unglaubliche Pyroshow gegeben: die 400 jugendlichen Ultras hatten 20 Minuten lang Rauchbomben gezündet was das Zeug hielt. Das Spiel wurde nie angehalten! Auch im Gästeblock, der nach einem versuchten Blocksturm auf die Hauptseite verlegt wurde, und auf der Hauptseite wurde gekokelt. Nach dem Tor qualmte es wieder kräftig und die Gesänge wurden noch mal lauter. Außerdem löste ein aufs Feld gelaufener Zuschauer eine Schlägerei aus, da er von den Ordnern und der Polizeistreife grob angepackt wurde, was mehrere Jugendliche und sogar Spieler der Heimelf auf den Plan rief, die recht aggressiv gegenüber den Sicherheitskräften wurden…

Nach dem Abpfiff rannten die rot-weißen Sieger von Laqliyaa jubelnd vor die Kurve, die kurz darauf fast geschlossen das sandige Feld stürmte. Auf meine Frage hin, ob es hier immer so zugehe, meinte der ältere Fan neben mir: „ja, ja… immer! Das ist unsere Krawalljugend hier in El Kolea: Rauch, Schlägereien und aufs Feld rennen!“
Also wirklich unglaublich was da abgeht: Laqliyaa ist der Insidertipp schlechthin in der Ecke! In der zweiten Liga bei USM Ait Melloul, einer anderen mit Agadir verwachsenen Kleinstadt, waren nicht mehr Zuschauer und darunter auch noch mehr Gästefans als in El Kolea. Das Stadion ist sehr verbaut in einem Industriegebiet gelegen und nur auf zwei Seiten ausgebaut. Die Hintertortribüne ist höher als die Hauptseite und von Fangnetzen zugehängt. Hier halten sich die heimischen Ultras auf. Die Haupttribüne ist durch Zäune ziemlich zugebaut und ebenso überdacht. Hier ist aber alles flacher und auch die Ehrentribüne mit Holzbänken in Vereinsfarben ist nicht wirklich luxuriös.

Die Heimfans gingen gut ab: einige Musikanten mit Tröten und Trommeln, außerdem gut 150 Ultras mit den üblichen rhythmischen Gesängen. Eindrucksvoller aber noch die Gäste aus Meknés: 9 Stunden Bus- und Transporterfahrt, 150 Leute und dann melodiöses Dauergesinge für die Mannschaft, die lange nicht gut spielte!

Ait Melloul ging überraschend in Führung und bestimmte dann bis zur Pause das Spiel. Nach der Pause war Meknes wieder mehr am Drücker, doch die Chancen wurden oft kläglich vergeben. Erst in der Schlussphase landete ein Kopfball hoch im Eck – die darauffolgende Tor-Pogo versetzte die Berber-Bullen in ihren lächerlichen Uniformen ziemlich in Aufregung da eines ihrer sinnfreien Absperrgitter umgetreten wurde. In der Nachspielzeit (94.) gelang CODM der verdiente zweite Treffer nach einem Abstimmungsfehler in der Verteidigung von USMAM, doch eine Minute vor dem Ende, in der achten Minute der Nachspielzeit, glich Ait Melloul mit einem Flachschuss aus. Ein wirklich packendes Spiel, v.a. zum Ende hin!

Ich machte mich gleich auf und fuhr mit nur einer 45minütigen Essenspause in Bouznika die 750km bis Fès in nur knapp 7 Stunden zurück.
Fazit: zu wenig Sightseeing aufgrund der begrenzten Zeit, aber das östliche Umland von Agadir mit seinen Festungen und Oasenstädten im Rücken des Atlas werde ich noch zu einem anderen Zeitpunkt etwas besuchen können, und v.a. waren das echt geniale Spielbesuche an diesem Wochenende für zusammen nur 3,60€ Eintritt.

Wenn wir aber schon bei der Kohle sind, mal eine kleine Rechnung: ich habe an Benzin 190€ und für Maut 41€ ausgegeben. Das Hotel noch mal knapp 7€ und Essen fast doppelt so viel – das macht zusammen 250€. Damit ist das meine teuerste Hoppingtour des Marokkoaufenthaltes gewesen. Um das einordnen zu können, sei hier erwähnt, dass Fayza als Lebensmittelprüferin 280€ im Monat verdient. Und das ist immerhin ein durchschnittliches marokkanisches Monatsgehalt!

Nach dem Vergleich mit dem Durchschnittsgehalt versteht glaube ich jeder, warum von den Gästefans aus Meknes niemand mit dem eigenen Auto (oder auch mit teuren öffentlichen Verkehrsmitteln: hin und zurück per Bus und/ oder Zug = 45€ pro Person) runtergegurkt ist. Die sind v.a. in Lieferwagen gefahren: 3 auf den Kabinensitzen und 9 auf der Ladefläche, denn das rechnet sich schon anders; 55€ Maut (mehr als mein Auto, da Kategorie 2), ca. 195€ Diesel, macht pro Person 20€ + Essen und Eintritt, übernachtet wird ein, zwei Tage lang in eigenen Zelten und Decken am Strand und das nennen die Jungs (und paar Mädels die da mitgefahren sind) dann Neujahrsurlaub...

Unübertroffen in der Hinsicht ist aber die Story die ich von Tanger-Fans gehört habe, die mit dem Lieferwagen zu zehnt die 2.500km nach Laayoune in zwei Tagen auf der Landstraße runtergefahren sind, dort am berühmten Plage Laayoune kampiert und gebadet, zum Spiel und danach zwei Tage zurückgereist sind…
Auch nicht schlecht: der eine Kumpel von Hamza, der als Nicht-Mitglieder mit einem Fanbus, dessen Fahrer er nur Geld für die Hinstrecke gezahlt hatte, zum Auswärtsspiel von Maghreb Fès nach Marrakesch ist, mit den anderen durch die Stadt gebummelt, das Sonntagabendspiel reingezogen und nach dem Abpfiff dann feststellen musste, dass die Kohle nicht mehr reichte um die Rückfahrt zuzahlen. Zumal schon ein anderer seinen Platz im Bus eingenommen hatte und alle anderen Fans per Bahn oder überfüllten Autos gekommen waren, hieß es per Anhalter zurück. Bis Mitternacht war er in Beni Mellal wo er in einem Park übernachtete, am nächsten Morgen schaffte er es mithilfe von LKW-Fahrern und Transporterfahrern bis zum Abend in Fès an der Südumfahrung zu stehen von wo aus er die 5km nach Hause lief. Da gab es erstmal Stress, da er ja die Schule geschwänzt hatte durch die gut 20stündige Rückreise…
Wie auch immer: man muss doch sehr staunen, wie gut Fußballfans in Marokko organisieren und umprovisieren können – wer in einer Fangruppe organisiert ist, ist keineswegs vermögender aber trotzdem viel mobiler als der Durchschnittsmarokkaner… Statistik:
- Grounds: 1.054 (insgesamt 4 neue; diese Saison: 83 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.963 (insgesamt 4, diese Saison: 107)
- Tageskilometer: 1.660 (Sa: 850km, So: 810km Auto)
- Saisonkilometer: 30.410 (29.370 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 21 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 387

Keine Kommentare: