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Mittwoch, 26. März 2014

W398II-399II: Über Marokko zurück nach Europa; Lohnender Umweg über Tafraoute und Taroudant, die Futsal-Falken von Agadir und Hitziges „Beach Soccer Match“ in Lella Mimouna

Association Amal Lella Mimouna (جمعية أمل للا ميمونة)
..................................... 1:3 (1:1) ...................................
Union Nasr Sportive Rabat (اتحاد النصر الرياضي الرباطي)
- Datum: Sonntag, 16. März 2014 – Anstoß: 14.40
- Wettbewerb: Senior 3 Division, Ligue Excellence du Gharb de Football [دوري الهواة القسم الثالث - عصبة الغرب] (Westmarokkanische Bezirksoberliga = 5. Marokkanische Liga, 3. Amateurebene)
- Ergebnis: 1-3 nach 95 Min. (43/52) – Halbzeit: 1-1
- Tore: 1-0 23. 19, 1-1 38. 5, 1-2 65. 2, 1-3 81. 2
- Verwarnungen: 2x Nr. 2, Nr. 11, 18, NN (AALM); Nr. 22-TW (UNSR)
- Platzverweise: 85. Nr. 2 AALM Foul, unsportliches Verhalten
- Spielort: Stade Municipal Lella Mimouna [الملعب البلدي بللاميمونة] (Kap. 1.500, davon 600 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 200 (davon ca. 10 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Wirklich schwierige Platzverhältnisse, trotzdem ein ansehnliches Spiel und Emotionen gab es auch noch!)

Rabita de Casablanca (الرابطة الرياضية البيضاوية)
........................... 32:29 (15:9) ............................
---------- Wydad Smara (وداد السمارة) -------------
Datum: Samstag, 15. März 2012 – Anwurf: 19.30
Wettbewerb: Ligue Excellence du Handball, Poule Sud [بطولة المغربية لكرة اليد القسم الممتاز] (Marokkanische Superliga Süd, d.h. Südstaffel der 1. Marokkanischen Handballliga; Halbprofiliga)
Ergebnis: 32-29 nach 60 Min. (30/30) – Halbzeit: 15-9
Tore: k.A.
Siebenmeterquote: RDB 100% (1 von 1); WS 0% (0 von 2)
Gelbe Karten: k.A.
Zwei-Minuten-Strafen: RDB = 14 Minuten; WS = 6 Minuten
Platzverweise: Nr. 11 in 23., 59. Nr. 77 (RDB); 10. Nr. 10 (WS)
Spielort: Salle du Sport, Complexe Mohamed V [مركب محمد الخامس - القاعة الرياضية] (Kap. 6.000 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 200 (ca. 10 Gästefans)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes Spiel, das durch die unstete Leistung der Gäste leider zu früh entschieden wurde)

Renaissance Khemis de Zemamra (نهضة خميس الزمامرة)
.................................. 0:0 (0:0) ........................................
--------- Fath Sidi Bennour 1957 (فتح سيدي بنور) ---------
- Datum: Samstag, 15. März 2014 – Anstoß: 15.00
- Wettbewerb: GNF Amateur 1, Groupe Sud [بطولة القسم الوطني الأول هواة - شطر الجنوب] (d.h. 3. Marokkanische Fußballliga, 1. Amateurliga)
- Ergebnis: 0-0 nach 98 Min. (48/50) – Halbzeit: 0-0
- Tore: keines
- Verwarnungen: Nr. 2, 20, NN (CRKZ); Nr. 9, 15 (FSB)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal Khemiss des Zemamra [الملعب البلدي بخميس الزمامرة] (Kap. 2.000, davon 1.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 1.500 (davon ca. 200 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 3,0/10 (Ganz schwaches Gekicke, wenigstens gute Stimmung)

---- AS Falcons Agadir (صقر اكادير) -----
......................... 6:2 (1:0) .......................
Etoile Madagh Berkane (نجم مداغ بركان)
- Datum: Freitag, 14. März 2014 – Anstoß: 19.30
- Wettbewerb: Championnat National du Futsal, Division 1 [بطولة الوطنية القسم الاول لكرة القدم داخل القاعة] (d.h. 1. Marokkanische Futsal-Liga)
- Ergebnis: 6-2 nach 40 Min. (20/20) – Halbzeit: 1-0
- Tore: 1-0 11. (Nr. 8 mit 10m), 2-0 22. 7, 3-0 32. 5m e,pty 4-0 34. 10, 5-0 34. 10, 6-0 34. 10, 6-1 38. 13 10m, 6-2 40. 5
- Gelbe Karten: 6, 11 (Agadir); 13 (Berkane)
- Rote Karten: Trainer von Berkane (15. Min., wg. Schiedsrichterbeleidigung)
- Spielort: Salle Couverte de Inbiaate [قاعة المغاطة الانبعاث] (Kap. 2.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 100 (darunter ca. 5 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Zwar recht einseitig, aber wirklich gut und phasenweise kurios)  
Photos with English and Arabic Commentary:
Sports Events:
a) Futsal Top Tier: Falcons Agadir v Madagh/ Berkane
b) 3rd Division Derby: Khemis des Zemamra v Sidi Bennour
c) Handball Top Level: Rabita Casablanca v Widad Smara
d) 5th Division “Beach Soccer”: Amal Lella Mimouna v Nasr Union Rabat

Places of Interest:
e) Nouakchott & Nouadhibou, and ADRAR MOUNTAINS 
f) Moroccan/ Western Sahara 
g) Tiznit, Tafraoute, Taroudant 
h) Es-Saouira Old Town 
i) Moulay Bousselham, Bouhachem, Tetouan
j) CEUTA: Spanish Exclave

Video:
Moroccan Musicians Supporting Rabita Casablanca Handball Team

Am Dienstag begann die eigentliche Rückreise nach meinem Auslandssemester. Wir legten auf dem ersten Teilstück nach Deutschland die enorme Strecke vom zentralmauretanischen Atar ins westmauretanische Nouadhibou nahe der marokkanischen Grenze zurück. Man muss erst einmal über 5 Stunden nach Nouakchott zurück fahren (d.h. nach Südwesten; in der Hauptstadt aßen wir noch mal sehr gut beim Italiener „Tafarit“ am Olympiastadion) und dann nach Norden 5,5 Stunden bis zur Grenze Boulanouar zurücklegen. Da wir dort die Herberge nicht fanden, fuhren wir auch noch die knappe Stunde auf die Landzunge nach Nouadhibou raus und übernachteten wieder im Camping Baie du Levrier. Man kann übrigens mittlerweile auch direkt an der Grenze in einer Herberge übernachten (natürlich nur auf der mauretanischen Seite, in Marokko sind die noch nicht auf so eine gute Idee gekommen).

Mittwoch ging es nach dem Frühstück im „Plein Lune“ zügig zur Grenze. Die Passstempelung, die Unterschrift unter das Fahrzeugdokument und die Fahrzeugkontrolle dauerten nur 30 Minuten. Nach der beschwerlichen Fahrt durchs Niemandsland dauerte es bei den Marokkanern natürlich eine volle Stunde, ehe wir alle Stempel und Papiere (bis auf die Versicherung mal wieder) geholt hatten. Wir waren trotzdem noch früh in Dakhla, nachdem wir eine Polizeikontrolle mit einem gut Deutsch sprechenden aber entsprechend hyperkorrekten Polizisten passiert hatten; fragt der doch noch nach dem Warndreieck: Mann, Mann, Mann…
Dort steuerten wir noch vor dem Hotel „Touareg Palace“, das wir ein zweites Mal bezogen, einen Reifenhändler an. Die beiden an der Karkasse beschädigten 800-Dirham-Reifen wurden gegen welche für 750 Dirham ausgetauscht. Mal schauen, ob die besser halten, wie der sehr freundliche Händler mit viel Klopfen und Drücken auf die in der Tat sehr robusten Reifen meinte…

Auch über den Donnerstag gibt es nicht viel zu berichten, denn die Strecke war bekannt. Nur in Laâyoune verfuhren wir uns erst kurz, sodass wir die Kirche von außen sehen konnten, und hatten dann etwas Stress an der einen Kontrolle: ein intelligenter Polizist merkte nämlich dass unsere Versicherung gar nicht gültig ist. Der bestellte mich aber einfach ins Büro, quatschte ein bisschen, schenkte mir Tee ein und ließ sich 100 Dirham (9,30€) geben.
Dann ging es über Sidi Akhfennir, wo wir in einer Fernfahrerkaschemme für zusammen nur 3,50€ Tajine aßen und Tee tranken. Übernachten wollten wir eigentlich in Guelmim, doch die Hotels waren zu teuer und der Hotelier in dem einen, in das wir hineingingen, machte keine Anstalten von den 450 Dirham runter zu gehen. Also fuhren wir noch die zwei Stunden nach Tiznit weiter, wo wir schnell das Hotel Riad fanden, dass mit nur 200 Dirham für die gebotene Qualität sehr günstig ist. Der freundliche Hotelier musste aber natürlich vom Parkwächter aus dem Bett geklingelt werden: es war halt schon 1.45 Uhr…  
Freitag schließlich verließen wir die direkte Route: Tiznit hatten wir schon auf dem Hinweg gesehen, also gleich weiter nach Tafraoute, wo es tolle Felsformationen und eine recht gepflegte und moderne Innenstadt zu sehen gibt. Es fiel auf, dass die Dörfer im Landkreis Tafraoute ebenso gepflegt wie die Kreishauptstadt daherkamen. Für Berberdörfer extrem ungewöhnlich: wie der Kreis Tafraoute so ein Niveau erreichen konnte, ist mir schleierhaft.

Sehr schön sind dann im weitaus weniger ordentlich erscheinenden Nachbarkreis von Tafraoute die befestigten Gehöfte auf den flachen, tischartigen Felsen (arabisch Kasbah, berberisch Igherm), vor allem auf dem Weg nach Ait Baha. Dort geht es übrigens nur auf extrem engen Straßen hin: ohne Leitplanke obwohl es so eng ist, dass kaum zwei Autos aneinander vorbeipassen, am Rande der Schlucht entlang. Bauarbeiten gab es auch noch: sinnvollerweise wird die Straße verbreitert…

In Taroudante waren nicht ganz so viele Camper unterwegs wie in Tafraoute, doch mehr Geschäftemacher. Wir stießen aber gleich auf den freundlichen Schlepper Ibrahim, der hervorragendes Hocharabisch spricht, und gingen mit ihm durch die sehenswerte ummauerte Altstadt. Die Mauern sind insgesamt über 8km lang, hinzu kommen noch die Mauern der Festung am Rande der Altstadt, und das Highlight des Ortes. Ibrahim kassierte immerhin die Provision im ordentlichen Restaurant am Gaukler-Platz: mit Blick auf Folkloremusiker, Spielmänner, Bettler und Schuhputzer gab es sehr gutes Essen zu mittelmäßigen Preisen. In die nette Argan-Kooperative seiner Schwester ließen wir uns auch noch führen, wobei wir dort mit Ausreden die Führung abkürzten, wobei er für selbige am Ende gar kein Geld einstreichen wollte.

Wie auch immer: wir kamen in Agadir fast 10 Minuten zu spät zum Salle Inbiaate, dem direkt neben dem alten Stadion Inbiaate gelegenen, gut 3.000 Zuschauern auf zumeist einfachen Sitzen Platz bietenden, größten Sporthalle der Stadt Agadir an. Die Farbgebung mit blau und rot ist gut gelungen, der Sprecherturm ist schön halbrund gehalten.

Es gab ein Spiel der landesweiten 1. Futsal-Liga zu sehen: die Gastmannschaft aus dem Nordosten des Landes kommt aus Madagh und Berkane; das sind zwei Orte die eine Spielgemeinschaft in dieser halbprofessionellen Liga bilden und insgesamt hatten die Jungs einen Anfahrtsweg von 1.200km. Es lief dann auf dem Feld nicht gut für sie und nach der schnellen Führung für die Falken (Falcons oder Souqour) gab es auch einen Platzverweis für den pöbelnden Trainer, der von einem der Streifenpolizisten nach oben geschickt wurde.

Nach der Pause ging ein Schuss zum 2:0 ins lange Eck und Berkane versucht es mit fliegendem Torwart, was aber nur zu einem Empty-Net und einem Hattrick des Zehners innerhalb von nur 60 Sekunden führte. Erst in der Schlussphase gelangen den Gästen zwei Treffer, sodass am Ende ein deutliches aber nicht zu deutliches 6:2 stand.

Das wirklich gute Spiel suchten leider nur wenige Zuschauer auf, wobei unter den 100 Leuten auffällig viele, insbesondere die Frauen, in klassischen, südmarokkanischen Klamotten gekleidet waren. Auch interessant war die Festtagsband (diese Festtagsbands spielen regionaltypische Folklore auf Hochzeiten, Feiertagszeremonien, Jubiläen etc.), die nach dem Match aufspielte: diese Band war für die Siegerehrung einer erfolgreichen Jugendmannschaft – bei der D-Jugend oder was das war, war auch ein Mädchen dabei – bestellt worden. Als dann zwei Altherrenteams begannen sich aufzuwärmen, gingen wir aus Zeitgründen aber aus der Halle, da wir noch nach Essaouira wollten.

Der sehr aufdringliche und dämliche Parkwächter bekam von mir 6 Dirham mit dem korrekten Hinweis, dass er keine 10 von mir verlangen soll, da Marokkaner selten mehr als 3 entrichten für so eine Parkzeit…Dann ging es schnell auf die Piste, wir fanden aber keine Hotels in Chichaoua oder an der Bundesstraße nach Essaouira, sodass wir in die Stadt einfuhren, aber dort noch 45 Minuten suchen mussten, ehe wir einen rausklingeln konnten. Für 300 Dirham bekamen wir aber ein sehr gutes Zimmer, das normal 400 gekostet hätte.  
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Samstag standen wir entsprechend später auf und verbrachten nur eine Stunde mit der Stadtbesichtigung von Essaouira. In einer Stunde hat man auch das Wichtigste dieser sehr schönen Stadt gesehen: architektonisch und von der landschaftlichen Lage her ist Essaouira wirklich eine der schönsten Städte Marokkos. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch im Oktober zur Zeit des Opferfestes gab es jetzt nur leider mehr Touristen, auch viele Trottel mit kurzen Hosen und Kötern, und durch diese Arschlöcher – zumeist natürlich Franzosen – auch leider höhere Preise (Parken war beim letzten Besuch 2 Dirham die Stunde, jetzt 5) und mehr Geschäftemacherei und Anquatschen – auch in dummer Art und Weise.

Wir fuhren die Hauptstrecke nach Khemiss Zemamra weiter, einer Landstadt im unattraktiven wie auch unbekannten Landkreis Sidi Bennour, der sehr durch Landwirtschaft geprägt ist. Die ordentliche Ortsdurchfahrt wusste schon zu beeindrucken, da in dieser Gegend die Orte oft viel ärmlicher sind. Aber wirklich eindrucksvoll war, dass das Stadion zum Kreisderby Sidi Bennour schon 30 Minuten vorher richtig voll war. Dass das Kreisderby ein großes Ereignis ist, kann man auch in diesem Video sehen, mit dem der Gastgeber wirbt: http://www.adrare.net/sport/clubs/crkz.htm

Das Stadion ist schon fast ein bisschen zu klein für dieses Spiel, da die zwei zehnreihigen Betontribünen etwas eng bemessen sind, der Graswall am Rande der linken Betontribüne nur eine Notlösung ist und man ansonsten direkt am hohen Maschendrahtzaun herumstehen muss. Letzteres machten wir dann auch, direkt schräg hinter dem einen Tor um genauer zu sein, da wir zum einen gute Sicht auf den mit Kassenrollen werfenden und dauernd singenden Heimblock haben wollten und zum anderen, da die rivalisierenden Fans von Sidi Bennour auf der ausbautenlosen Gegenseite mit der Polizei stritten und uns der Hauptkommissar, der besonders freundlich war und uns noch nach dem Abpfiff handschläglich verabschiedete, mit der Bemerkung „letztes Mal haben die Gästefans Steine geworfen, stellt euch mal besser hinter das Tor unter die Bäume“ weiterleitete…

Richtig hitzig wurde es aber leider nicht: das Spiel auf dem holprigen, sandigen Lehmplatz war ausgesprochen unattraktiv. Zwei Treffer ans Gehäuse durch die Heimelf waren zu verzeichnen – traurig, dass sowas mit um den Aufstieg mitspielt. Der Abstiegskandidat Sidi Bennour war mit dem 0:0 zufrieden.

Das Handballspiel war da um Klassen besser: nach zügiger Landstraßen- und schneller Autobahnfahrt erreichten wir durch zu spätes Abbiegen in der Stadt zwar erst zur dritten Minute die Sporthalle hinterm Stadion Mohamed V, aber verpasst hatten wir kaum etwas. Die riesige leere ovale Halle war leider sehr schlecht gefüllt, nur 20% der Deckenlampen waren eingeschaltet, die Tribünenlampen und die Klobeleuchtung abgestellt. Es spielte halt nur der weniger bedeutsame Erstligist Rabita. Dafür wurde die wurfstarke Sieben mit einer klassischen Band mit Trommeln, scheppernden Blechklappern und Flöten bei jedem ihrer Angriffe unterstützt. Die Heimmannschaft zog schnell davon, Widad Smara aus den Tiefen der Westsahara zeigte nur phasenweise sein Können (schließlich sind sie Vizemeister). Nach der Pause gerieten sie mit bis zu 10 Toren in Rückstand, holten am Ende aber noch ein bisschen auf. Das 32:29 war ein verdientes Resultat für Rabita Casablanca. Die Schiris warfen übrigens leider mit überzogenen Karten und Strafen um sich, sodass am Ende drei rote Karten zu zählen waren, die auch recht heftig diskutiert wurden.

Zum mittlerweile dritten Mal steuerte ich das Hotel Cluny an, dass sehr praktisch an der Ausfallstraße aber trotzdem nahe zum Stadtzentrum hin und in Laufweite zum Sportkomplex Mohamed V liegt.  
Die Zeit war zu knapp, um noch meiner Gastfamilie in Fès einen abschließenden Besuch abzustatten, doch Fayza hatte Freizeit – als ich ihr schrieb, dass wir kommen, meinte sie einfach zur Chefin, dass ihre Schwester mit der deutschen Verwandtschaft käme und sie sooooo erschöpft sei vom vielen Arbeiten (OK, bei der 70-Stunden-Woche war wenigstens Letzteres nicht gelogen) sodass sie bis zur Spätschicht frei bekam – und wir konnten uns damit am späten Sonntagvormittag in Larache treffen. Sie lud uns auf zwei große Teller Garnelen, Scholle und Calamaris in eines dieser Restaurants ein, wo man Fleisch oder Fisch auf dem benachbarten Markt einkauft und sich im Restaurant gegen Gebühr zubereiten lässt und Getränke dazu bestellt.

Wir hatten alles Mögliche an Paarungen überlegt und fuhren am Ende mit einem Abstecher nach Moulay Bousselham, wo es besonders schönen Sandstrand mit einer Meeresbucht und Heiligengräbern gibt, nach Lella Mimouna. Das ist ein Kaff mit Wochenmarkt und hässlichen, einfachen Häusern an staubigen und dreckigen Straßen, aber immerhin in grüner und angenehmer Landschaft. Während Fayza schon etwas drängelte, wie wir eigentlich das Spiel erreichen wollen, wenn wir nur 15 Minuten vor Anstoß in Moulay Bousselham losfahren, kalkulierte ich schon ganz cool die Verspätung durch die ganzen Vorspiele im Jugendbereich ein: die war sogar so groß, da ab 8 Uhr lauter aufeinander folgende Spiele angesetzt waren, dass um 14.10 noch das A-Jugend-Match lief und erst mit 40 Minuten Verspätung die Männer anfingen.

Wir wurden für Gästefans gehalten, da in Rabat immer auch Frauen im Stadion anzutreffen und Ausländer im Stadtbild präsent sind, während in einem Kaff wie Lella Mimouna schon mal jemand laut raushauen muss „gugg ma, die da is mit nem Weißen („gauri“ hat eher das Niveau „Bleichgesicht“, bezeichnet eigentlich einen von den Osmanen aus Europa geholten Sklaven, einen Giauren) da“. So einen verärgerten Gesichtsausduck wie nach dieser Bemerkung hab ich bei Fayza aber auch selten gesehen…

Das Stadion kann mit zwei sechsreihigen Betontribünen und einem dazwischenliegenden, großem Eingangstor aufwarten. Drei Seiten sind ausbautenlos, aber locker mit Bäumen bestanden. Das eigentlich Besondere an diesem Stadtstadion von Lella Mimouna ist jedoch der Sandplatz. Da wächst kein Grashalm, doch mit Hartplatz oder Lehmplatz hat das nichts zu tun: das ist ein richtiger Strand! Dass Spieler so tief einsinken wie hier und der Ball so wenig springt, habe ich selbst bei den sandigen Lehmplätzen von Zemamra oder Sidi Slimane nicht so gesehen!

Trotz dieser extremen Platzverhältnisse lieferten die Spieler aber den besten Beweis ab, dass die Spielfläche nebensächlich ist: es wurde ein wirklich ansehnliches Spiel auf dem Sand – besser als etliche Spiele in höheren marokkanischen Ligen auf Kunstrasen! Die Führung wurde natürlich durch einen Weitschuss erzielt, doch interessant war, wie Nasr Rabat als Aufstiegskandidat in Liga 4 dann doch - nachdem sie anfänglich völlig hinten rein gedrängt waren - mit dem Platz zurechtkamen und das Spiel an sich rissen. Der Anfang vom Ende für Amal Lella Mimouna war der vergeigte Elfer in der 29. Spielminute, als der 13er knapp rechts am Kasten vorbei schießt. Kurz vor der Pause erzielte Nasr den Ausgleich: mit einem Kopfball stieß der Stürmer den Ball aus den Händen des Torwarts, da dieser mit seinen kurzen Armen nur die hoch aufs Tor geflogene Pille zwischen den Fingerspitzen halten konnte. Fayzas Bemerkung war mal wieder sehr treffend: „Warum ist einer, der kaum so groß ist wie ich, Torwart?“ – und sie ist ca. 1,70m…

Nach der Pause gab Amal Lella Mimouna das Spiel dann völlig aus der Hand: ein Konter führt zur Führung der Hauptstädter, ein herrlicher Weitschuss aus 30m geht als Bogenlampe über den Schlussmann zum 1:3, es folgt noch ein Abseitstreffer eine Minute nach dem 1:3 und nach einem Foul setzt es in der Schlussphase der immer härter werdenden Partie eine gelb-rote Karte für einen meckernden Spieler von Lella Mimouna. Die Jungs hingen ziemlich die Dorfprolls raus: Rudelbildung, Pöbeleien, Drohungen, einige Jugendliche hinter dem Tor drohten mit Platzsturm und Schlägerei – doch als die Polizeistreife aufs Feld lief, waren die schon wieder hinterm Zaun. Wie üblich bei dem Kindergarten in marokkanischen Stadien…

Die Spieler waren aber nicht so schnell zu beruhigen und die Situation blieb minutenlang aggressiv. Ich bin ja ähnlich wie Hamza, der bei einer unserer Fahrten in den Kurort Moulay Yacoub beim Anblick einer Keilerei unter Jugendlichen stehen blieb und Khadijas Aufforderung weiterzugehen mit der Bemerkung „ich will sehen wie die Spinner sich kloppen, ist doch lustig“ ausschlug. Als mich Fayza also zum Gehen drängte, meinte ich genau das Gleiche zu ihr – aber sie fand die Tumulte auf dem Platz nicht so lustig und meinte, dass sie beim Fußball und nicht bei Schlägereien zugucken will. Wahrscheinlich hat sie nicht trotz, sondern gerade weil sie jahrelang Kampfkunst betrieben hat, so eine Abneigung gegen regelloses Kräftemessen wie Stadionschlägereien… Ich brachte sie also unter den üblichen neugierigen bis aufdringlichen Blicken der ungebildeten Dorfbewohner zum Auto, ging dann gleich wieder rein und schaute mit meinem Vater die nach einigen Minuten Unterbrechung beginnende Schlussphase an. Es fielen keine Tore mehr und Tumulte gab es auch keine weiteren…

Wir fuhren über Mechra Bel Ksiri zu den römischen Ruinen von Banasa, was ich beiden empfohlen hatte. Eigentlich war schon geschlossen, aber der Hintereingang ist nie richtig verriegelt, sodass auch nach den Besuchszeiten noch die Dorfbewohner die ansehnlichen 1.700 Jahre alten Ruinen besuchen.

Wir brachten Fayza noch gerade zum Abendgebet (nach diesem beginnt die Nachtschicht zu der sie aufkreuzen sollte) nach El-Aouamra zurück und versprachen uns gegenseitige Besuche, was für uns in Richtung Marokko natürlich erheblich einfacher ist (nächstes Jahr zur Afrikameisterschaft z.B.) als für sie nach Deutschland.

In Larache beim Kifteh-Essen am späten Abend trafen wir allerdings auf einen Marokkaner der schon oft in Deutschland war: der Alte war sehr freundlich und sprach in gutem Deutsch ohne jeden Geschäftsgedanken über seine in Osnabrück wohnende Verwandtschaft und die langen Fahrten nach Deutschland. Solche Erlebnisse waren leider im Vergleich zu Algerien oder Syrien viel zu selten während meiner Zeit in Marokko.  
Wir hatten günstig im Hotel Cervantes in Larache übernachtet und am Montag die späte Abfahrt nach Rundgang und Frühstück in Larache schon eingeplant. Diese sehr sehenswerte Stadt verließen wir nach der Besichtigung von Lixus, der am Rande des Ortes auf einem Berg liegenden römischen Ruinenstätte. Dort erinnerte sich der Aufseher mit Blick auf den roten Dacia mit Saalekreis-Nummer tatsächlich noch an mich! Er: „Hey, alles klar mein Freund? Du bist doch der Deutsche mit der marokkanischen Frau!“ Ich: „Ähhhmmm, ja genau! “ Im Dezember war ich nämlich schon mal in Lixus, aber mit Fayza und der Aufseher fragte sie blöd und direkt mit Blick auf uns beide ob sie Marokkanerin sei, weswegen sie mich als ihren Ehemann ausgab…

Wir fuhren weiter gen Nordosten, besichtigten den Cromlech von Mzoura (den neolithischen Steinkreis) nur von außen und fuhren in den Bouhachem Nationalpark ein. Dort bogen wir zu früh ab und fuhren nach Süden, aber zwischen Ksar Kbir und Chefchaouen nahmen wir einfach wieder die Strecke nach Norden gen Souk Khemis de Beni Arous in der Mitte des Gebirgszuges. Dort gab es gut und ganz günstig Kiftah (Hackfleisch) – das einfache Restaurant an der Hauptstraße hatte ein lustiges Schild „Gras rauchen verboten“ aufgehängt. Dann ging es durch immer schöner werdende bewaldete Berglandschaft fahrend, rechts ab: das spanische Fort an der Wegekreuzung – die drei Wege führen nach Larache, Chefchaouen bzw. Tetouan – angeguckt und dann den letztgenannten, teils eng an Schluchten vorbeiführenden Weg genommen. In Tetouan guckten wir nur Thamuda, die Grundmauern eines römischen Kastells, an und fuhren zum spanischen Palast, einem riesigen verfallenen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, rauf.

Zur Übernachtung fuhren wir nach Fnideq, wo wir an der Corniche zwischen der Moschee und der spanischen Festung ein Zwei-Sterne-Hotel für 300 Dh. (28,50€) die Nacht bekamen.  
Dienstag verließen wir das ganz ansehnliche Küstenstädtchen, das von sozialen Problemen erstickt zu werden droht – so präsent und aufdringlich sind die Bettler kaum irgendwo in Marokko – gen Ceuta. Wir kamen leider zu so einer blöden Zeit an, dass wir fast zwei Stunden in der Schlange am Grenzzaun standen. Belästigungen durch Arbeitslose, die sich mit dem Verkauf von Ein- bzw. Ausreisezetteln, die an den Passkontrollstellen kostenfrei ausliegen, etwas verdienen wollen, inklusive. Schlecht gelaunt sagte ich nur jedes Mal auf Arabisch „die gibt’s auch kostenlos“...

Auffällig war zum Abschluss meines Marokkoaufenthalts leider wieder, dass so tolle und angenehme Menschen wie die aus meiner Gastfamilie in diesem Land eher die Ausnahme sind. Denn die Drängler an der Grenze waren ausschließlich Marokkaner und auch in Ceuta waren es nur Marokkaner, die einem inoffizielle Geschäfte anboten oder die Wege zumüllten. Genau aus diesem Grund meinte auch mal meine marokkanische Lehrerin, dass Ceuta (Sebta) zwar 100% marokkanisches Territorium sei, Marokko aber weder von den Staatsfinanzen noch vom sozialen Gefüge her in der Lage wäre, Ceuta und Melilla erfolgreich zu führen. Die West-Sahara ist ja ganz gut geführt, da sie so viele Bodenschätze hat, die Geld bringen – die Städte sind modern und sauber, ein Problem sind nur die alten Fischersiedlungen und dass neue Ortschaften ewig nicht bezogen werden trotz hohem Lebensstandard – aber die beiden Exklaven-Orte noch dazu wäre im Moment einfach zu viel.

Nach einer Rundfahrt über die Festungen und einem Rundgang durch die Innenstadt – wir besichtigten auch die arabischen Bäder, die ich beim ersten Besuch nicht gefunden hatte – machten wir beim Lidl einen Großeinkauf und befüllten den Tank unseres Dacias bei der Cepsa am Hafen mit Super Plus 98, das mit 1,16€ genau 35 Cent unter dem Durchschnittspreis auf dem Festland liegt. Dann richteten wir uns schon auf lange Wartezeiten ein, doch am Fährbüro angelangt bekamen wir noch für die 18-Uhr-Fähre Karten: mit 159€ auch nicht nennenswert teurer als bei der unsicheren Onlinereservierung.

Ausnahmsweise war der Kahn auch pünktlich, sodass wir 19.15 aus dem Hafen von Algeciras rollten und gegen 20 Uhr das Hotel in La Línea de la Concepción gefunden hatten. Die Herberge „La Esteponera“ ist ganz nett und preisgünstig (24€ für ordentliche Doppelzimmer mit Gemeinschaftsbad). Hier übernachteten wir aufgrund eines kuriosen Zusatzländerpunktes gleich zwei Mal. Mehr dazu im oben folgenden Bericht!  
Statistik:
- Grounds: 1.087 (Freitag: 1, Samstag: 2, Sonntag: 1; diese Saison: 116 neue)
- Sportveranstaltungen: 2.002 (Freitag: 1, Samstag: 2, Sonntag: 1; diese Saison: 146)
- Tageskilometer: 4.570 (Di: 920km Auto, Mi: 450km Auto, Do: 1.100km Auto, Fr: 670km Auto, Sa: 370km Auto, So: 590km Auto, Mo: 310km Auto, Di: 90km Auto, 40km Fähre)
- Saisonkilometer: 47.680 (46.530 Auto/ 1.080 Fahrrad/ 80 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 1 [letzte Serie: 10, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 398

Dienstag, 21. Januar 2014

W390I-II: Fußball-Winter in Marokko; 2:0 bei Minus 2 Grad in Boulemane und Torlose Rutschpartie in Chefchaouen

Football Club Bab Taza (نادي إف سي باب تازة)
............................ 0:0 (0:0) ............................
----- Club Wifaq Amsa (نادي وفاق أمسا) ------
- Datum: Sonntag, 19. Januar 2014 – Anstoß: 14.50
- Wettbewerb: Ligue du Nord, 4ème Division d'honneur; Groupe A [A القسم الشرفي الرابع المجموعة] (Kreisunionsliga Chefchaouen/ Tetouan/ Larache; d.h. 6. Marokkanische Fußballliga, 4. Amateurliga)
- Ergebnis: 0-0 nach 93 Min. (46/47) – Halbzeit: 0-0
- Tore: keine
- Verwarnungen: Nr. 6, 14 (beide Amsa)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Chefchaouen [الملعب البلدي بالشاون] (Kap. 1.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 75 (darunter ca. 35 für Bab Taza und 10 für Amsa)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Also die gaben ja wirklich ihr Bestes, sodass es nicht langweilig wurde – aber sowas von unfähig vorm Kasten, alle 22 Flaschen…)

Association Union Guigou (جمعية اتحاد كيكو)
.......................... 2:0 (1:0) ............................
-- Club Ittihad Tandite (نادي اتحاد تانديت) --
- Datum: Samstag, 18. Januar 2014 – Anstoß: 14.15
- Wettbewerb: Ligue du Centre Nord, Quatrième Division Groupe A [A القسم الرابع المجموعة - عصبة وسط الشمال] (Kreisunionsklasse Boulemane/ Sefrou; d.h. 7. Marokkanische Fußballliga, 5. und unterste Amateurliga)
- Ergebnis: 2-0 nach 95 Min. (45/50) – Halbzeit: 1-0
- Tore: 1-0 12. (7), 2-0 91. (11)
- Verwarnungen: Nr. 1, 2, 5, 6, NN (alle Tandite)
- Platzverweise: Ersatztorwart auf der Wechselbank von Tandite (85. Min., Schiedsrichterbeleidigung)
- Spielort: Stade Municipal de Boulemane [الملعب البلدي ببولمان] (Kap. 1.500, davon 750 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 50 (darunter ca. 25 aus Guigou und 3 aus Tandite)
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Erwartet niedriges Niveau – war ja auch unterste Liga und schwierige Bedingungen – aber wirklich unterhaltsam)  
Photos with English and Arabic Commentary:
a) Amateur Football, 7th Level at Boulemane Stadium: Ittihad Guigou v Ittihad Tanadite
b) Amateur Football, 6th Level at Chefchaouen Stadium: FC Bab Taza v Wifak Amsa
c) Middle Atlas: Sefrou, Boulemane, Tichoukt Valley (Taferdoust, Skoura)
d) Rif-Mountain Range: Chefchaouen, Oued El Makhazin, Bouhachem Natural Reserve

Wintereinbruch mit Sturmfluten, sintflutartigen Regenfällen in weiten Teilen Marokkos und Schneefall in den Höhenlagen. Klingt nach deutschem Wetter und in Sachen Fußball nach einer Flut von Absagen und Ausfällen – doch natürlich nicht in Marokko! Das Wetter war zwar wirklich so scheiße wie bei uns, doch beide anvisierten Fußballspiele fanden statt!

Kurz vor diesem Winterwochenende und nach 18.000km in 11 Wochen ist Driss, der Vater meiner Gastfamilie, wieder aus Algerien zurückgekehrt, wo er als Kunsthandwerker Aufträge für algerische Häuslebauer und Ämter, die z.B. ihre Türstürze mit Steinmetzarbeiten oder ihre Innenhöfe mit bunten, historischen Fliesenmustern haben wollen, ausgeführt hatte. Außer den üblichen Problemen bei der Ein- und Ausreise mit den verkommenen algerischen Behörden (erst langwierige Visabeschaffung und dann musste er seine Bezahlung in bar außer Landes schaffen, da Geldtransfers verboten sind) konnte er nur Gutes berichten. Da er erstmal Ruhe brauchte, war die Motivation der gesamten Gastfamilie bei den Wochenendtouren mitzumachen sehr gering. Als dann auch noch ein heftiges Regengebiet hereinzog, ging sie gegen Null, da viele Marokkaner bei Regen lieber zuhause bleiben. Bei Schnee rennen alle begeistert raus, aber bei Regen – der auch nicht viel häufiger ist als Schnee – wird nur Verpflichtungen nachgegangen und wenig dem Vergnügen. Allerdings jammern Marokkaner nie über Niederschlag, da er (selbst im Norden) doch sehr viel seltener als bei uns in Deutschland vorkommt…

Also alleine zu einer Partie der siebten und untersten Fußballspielklasse! Bei Adrare.Net findet man unter der Rubrik „Sport“ selbst die Ansetzungen der meisten unteren Spielklassen und da ich noch nie am Südende des Bundeslandes (Region, Djiha) Fès-Boulemane, nämlich dem Landkreis (Province, Iqlim) Boulemane war, entschied ich mich, dort ein Spiel zu gucken.

Bis Sefrou geht es über eine sehr gut ausgebaute Bundesstraße zügig voran, dann wird die N13 eng und schlecht. Durch kahle Hochebenen und kleine Waldstücke geht es recht abwechslungsreich voran. Die Idee über Mischliffen, Timahdite und Guigou nach Boulemane zu fahren musste ich am Tizi-n-Tretten aufgeben: ich hatte es befürchtet, da kurz hinter Sefrou Schneeregen einsetzte, was ordentlichen Schneefall in Ifrane bedeutet. Der Räumdienst war zwar fleißig mit französischen Material unterwegs, aber die Schneeverwehungen am Pass Tizi-n-Tretten bekamen sie nicht weg. Also wieder zurück und im wenig sehenswerten Boulemane, das aber auf 1.700m von umso sehenswerteren Bergformationen umgeben liegt, am Stadion vorbei in eine extrem enge und schlechte Nebenstraße rein. Bis Skoura sind es hin und wieder zurück 54km. Das Tichoukt-Massiv weiß durch tolle Felsformationen und tief eingeschnittene Wadis zu gefallen. Vereinzelt tauchen berberische Bergdörfer auf: Lehmhäuser in braun und Betonbauten in grau, die spektakulär in den Berg – oft knapp oberhalb stattlicher Schluchten – geknallt wurden. Besonders schön ist das auf halben Weg zwischen Boulemane und Skoura auf einem Mäander gelegene Taferdoust. Auch besagtes Skoura (Skoura M’daz, nicht Skoura bei Ouarzazate) liegt toll auf einer Hangkante oberhalb der Flussschlucht.  
In Boulemane zurückgekommen ging es gleich zum Stadion. Ein bisschen mit den Betreuern der Gastgeber gequatscht und dann auf die blau-rot gestrichene und sehr steile Betontribüne. Die Mannschaft aus Boulemane spielte erst Sonntag, doch der Siebtligist aus dem 25km entfernten Alm-Dorf Guigou hat nur einen Kleinfeldplatz auf der Kuhweide – Boulemane hingegen einen Lehmplatz mit ordentlichen Großfeldmaßen, der mittlerweile auch von einer ordentlichen Tribüne flankiert ist. Heute war leider nicht das Wetter für eine Aufnahme vom gegenüberliegenden Berg wie diese

Im Stadtstadion von Boulemane (Buhlmahn oder auch Pullman gesprochen) fanden sich erwartungsgemäß nur 50 Zuschauer ein, die bei 2 Grad unter null unterklassigen Fußball sehen wollten. In Deutschland hätte bei den Temperaturen, dem scharfen Wind und dem Schneeregen wahrscheinlich niemand gekickt – aber die 22 Amateure, die in Ermangelung eines zweiten Trikotsatzes bis auf die Torhüter durchweg kurzärmlig und ohne lange Hosen unter den Shorts spielten, schlugen sich wacker auf dem knochentrockenen und von kleinen Steinen übersäten Lehmplatz. Viele Lehmplätze in Marokko sind ja angenehm sandig, sodass die Verletzungsgefahr geringer als auf Kunstrasen ist – aber der Acker ist einfach mal das Letzte!

Das Almdorf Guigou trat jedenfalls gegen die Elf aus dem Oasendorf Tandite (auch Tanadite, Tanedite oder Tandit geschrieben: neben der Bundesstraße N15 von Midelt nach Oujda zwischen Missour und Guercif gelegen) an, die eine komplizierte 120km lange Anfahrt über Outat El-Haj und abenteuerliche Bergstraße nach Boulemane hinter sich gebracht hatte. Ittihad Tandite ist eigentlich die zweite Mannschaft von Wifaq Tandite, die eine Liga höher erfolgreicher kickt und aufgrund eines Heimspiels den Mannschaftsbus (klappriger 20-Sitzer) zur Verfügung stellte.

Ittihad war vor dem Spiel Vorletzter und Guigou Letzter mit 0 Punkten – doch Veränderungen deuteten sich von Beginn an an. Guigou war offensiver und konnte schnell in Führung gehen, die Mehrzahl der Chancen gehörte ihnen, die Fehlpassquote und die Querschläger waren nicht ganz so schlimm wie bei Tandite. Nach dem Seitenwechsel das gleiche Bild. In der Schlussphase, als das Spiel drohte langweilig zu werden, fing der Gast dann an, den Scheiß-Verlierer rauszuhängen: Pöbeleien zwischen der Dorfjugend und Gästespielern auf dem üblichen Niveau der strohdummen Landjugend, bei denen es immer um das Ficken von nahen Verwandten gehen muss… Der Ersatztorwart der Gäste bekam jedenfalls auf der Ersatzbank hockend die rote Karte gezeigt und nachdem in der Nachspielzeit das 2:0 ins lange Eck gelegt wurde, gab es noch vier gelbe Karten gegen die meckernden und pöbelnden Gäste…

Eigentlich wäre ich nach dem Spiel noch gerne beim Handball in Sefrou aufgekreuzt, aber aufgrund der Afrikameisterschaft – an der auch die marokkanische Nationalmannschaft teilnimmt – wurden alle Pokalspiele des Wochenendes auf das nächste oder übernächste verlegt. Na ja: ich wollte eh lieber mal in Fès oder Tanger wegen der guten Stimmung gucken und man muss dem Verband immerhin lassen, dass er es trotz seines katastrophalen Zustandes (Präsidiumsrücktritt, Korruptionsfälle und dadurch extrem später Saisonstart etc.) geschafft hat, diesen Pokalspieltag zwei Tage im Voraus zu verlegen, sodass ich an der an der Hauptstraße gelegenen Sporthalle von Sefrou locker vorbei fahren konnte und ohne Stress gegen 18 Uhr in Fès war. Bei den Eltern von Khadija zum Essen eingeladen, lernte ich dann auch mal ihren ältesten Bruder Abdallah und dessen Frau kennen.  
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Am Sonntag regnete es immer noch und am Abend hatte sich Besuch aus den USA angekündigt, sodass mich auch nach Larache/ El-Aouamra niemand aus der Familie begleitete, obwohl es für Fayza erst der zweite freie Tag in sieben Wochen war (was selbst in Marokko, obschon üblich in vielen Firmen, nicht wirklich gesetzeskonform ist) und sie deshalb mit mehr Besuchern rechnete. Die 210km lange Strecke benötigte aufgrund der gefährlichen regennassen bzw. teilweise gefluteten Fahrbahn und des Dauerregens etwas mehr Zeit als letztes Mal, obwohl ich die Route schon auswendig kenne, sodass ich keine fünf Minuten nach 9 Uhr eine dieser typischen besorgt-drängelnden SMS einer pünktlichen Marokkanerin (und es sind gar nicht so wenige Marokkaner strikt pünktlich wenn sie sich mit Europäern treffen!) auf dem Handy hatte…

Wir fuhren über Ksar El-Kebir am Stausee Oued El Makhazine, der spektakulär zwischen steil aber nicht senkrecht abfallenden Bergen liegt, vorbei nach Chefchaouen. Die blaue Stadt ist nicht nur ziemlich von Touristen frequentiert, sondern auch bei Marokkanern sehr beliebt, wobei sie dort zum ersten Mal war. Ich nutzte den zweiten Besuch v.a. um neue Ecken der Kleinstadt in spektakulärer Berglage (der Ortsname bedeutet: „Schau dir die Berggipfel an“) zu besuchen: einen Teil der Altstadt mit ihren charakteristischen blau-weißen Häusern, die Oberstadt mit der zur Abwechslung mal braunen Stadtmauer, und die Festung (Kasbah) von innen; dort kann man sich für 10 Dirham ein kleines ethnologisches Museum angucken, in einem sehr gepflegten Garten im inneren der Festungsmauern herumlaufen und auf den Wehrturm steigen, der die ganze Altstadt überblickt.  
Es gibt auch so etwas wie eine Neustadt, die wir von unserem Picknickplatz in der Nähe des Hotels „Atlas“ gut sehen konnten: auch dort sind die meisten Häuser in blau gehalten und auch das Stadion (der Kleinfeldplatz am Rande der Altstadt bei der Quelle Ras El Ma wird nicht für den Spielbetrieb genutzt!) befindet sich dort. Im Malaab al-Balady (Stadtstadion) sind natürlich auch die Tribünen, Mauern und Eckfahnen blau und weiß. Allerdings nicht in so kräftigem blau wie die Altstadthäuser, denn von allen Tribünen blättert die Farbe ab. Alle Tribünen – der überdachte Mittelbereich der Hauptseite, die rechts und links davon abgetrennten unüberdachten Sektoren und die zwei Tribünen der Gegenseite – haben sechs Reihen massive Betonstufen die im Wechsel blau und weiß gestrichen sind. Auf dem teilweise etwas überwucherten und von blauen sowie mehreren stadttorähnlichen Eingängen versehenen Mauern umgebenen Sportgelände befindet sich auch noch ein Bolzplatz (heißt in Marokko „Minifoot“) mit Handballtoren und kleiner Tribüne.

Leider spielte nicht die Heimmannschaft Ittihad Chaoueni in ihrer 5. Liga sondern eine Liga tiefer der FC Bab Taza, ein Dorf im Landkreis Chefchaouen, knapp 25km südlich der Kreishauptstadt. Der Gegner war heute eines der drei Teams aus Amsa, einem Ortsteil von Tetouan und gut 75km bzw. zweieinhalb Stunden über enge Gebirgsstraßen weg. Die Trikotfarben der Gäste gingen ja noch mit gelb und grün, doch bei der Farbwahl der nominellen Heimelf konnte sich selbst Fayza einen Spruch nicht verkneifen: „Also ich bin für Bab Taza, weil das eine Mädchenmannschaft ist: rosa Trikots und hellblaue Stutzen habe ich bisher nur beim Frauenfußball gesehen…“

Das Spiel fing mit 20 Minuten Verspätung an, da der Unparteiische anordnete, die größten Pfützen auf dem matschigen, fast völlig weggetretenen Rasenplatz mit Besen zu verteilen, sodass der Ball nicht so stark gebremst wird. Der Platz war schwer bespielbar, aber eine Verlegung stand nicht zur Debatte. Es gab nur noch ganz geringen Niederschlag und Bab Taza wie auch Amsa hätten auch bei besserem Wetter kein besseres Spiel abgeliefert…

So schlecht war es insgesamt gesehen aber nicht: beide spielten schnell und offensiv, zeigten vollen Einsatz sodass sich fünf Mal jemand packte und durchnässt aus einer der Pfützen aufstand; nur gleichwertig wie sie waren, kamen sie wenig in die Strafraum und die Distanzschüsse aus 20 und mehr Metern gingen alle weit daneben. Die Schüsse von innerhalb des Strafraums wurden abgeblockt oder an den Pfosten oder das Außennetz gesetzt. Amsa erzielte auch schon nach 15 Minuten ein Abseitstor. Am Ende traf aber niemand regulär den Kasten, sodass es 0:0 hieß, was in Marokko leider deutlich häufiger als in Deutschland vorkommt. In den Amateurligen (v.a. auf Kreisebene) fallen jedoch mehr Treffer und in den drei Staffeln der 6. Liga Nord war es das einzige torlose Unentschieden dieses Wochenende, was von Fayza passend kommentiert wurde: „Also wenn hier in den oberen Ligen keine Tore fallen, dann kommt das durch die defensive Spielweise, weil die Angst vor der Niederlage haben. Aber wenn auf der Amateurebene keine Treffer erzielt werden, dann kommt das, weil die so ungeschickt den Ball behandeln wie ich…“

Dass hier zwei hauptsächlich aus Berbern bestehende Dorfmannschaften kickten, merkte man übrigens nicht am Verhalten auf dem Platz – es wurde zwar bei jedem noch so klaren Regelverstoß „wa l-hakam“ (boah, Schiri) gerufen, aber es gab keine derben Beleidigungen – sondern nur auf den Rängen. Dass außer Fayza keine einzige Frau unter den über 70 Zuschauern im Stadion war, ist ungewöhnlich – aber in so einer konservativen Ecke wie dem Rif vielleicht doch eher üblicher als in den arabischen Städten (Fes, Rabat, Meknes etc.) oder auch den berberischen Atlas-Orten (v.a. Khenifra und Beni Mellal wo mehr Frauen als sonst in Marokko ins Stadion gehen). Blöd zu quatschen wagte keiner, aber dass wir - wie es in vergleichbaren Orten überall in Deutschland auch passieren würde - dämlich und deutlich angeglotzt wurden, ist auch nicht typisch für Marokko. Selbst Bab Taza-Spieler auf der Wechselbank drehten sich auffällig nach ihr um und tauschten Kopfbewegungen aus die nicht nur in Marokko „guck dir die mal an“ heißen. Fast alle auf der Tribüne guckten ihr hinterher als sie sich zum Nachmittagsgebet kurz vor der Halbzeit etwas entfernt von den vereinzelten betenden Männern hinter den Parkplatz zum Beten begab. Und einige Alte schräg hinter mir hörte ich nur mit Blick auf mich tuscheln „… huwa ma kiysallish [der betet nicht]...“ – obwohl sie selber nicht mal in der Pause ihr Gebet verrichteten…  
Die Rückfahrt legte ich anders: über El-Hamra durch den Naturpark Bouhachem nach El-Ayisha, wo die Straße nach Larache zurückführt. Schon kurz vor El-Hamra gab es den üblichen Stress mit dem Polizei aus dem Rif, wobei uns wohl nur ein Übereifriger mit frischem Abschluss von der Polizeischule anhielt, der gar nicht auf Bestechung aus war, sondern wirklich nur ganz korrekt die Dokumente kontrollieren wollte:
Polizist: Friede und Gottes Segen sei mit euch. Die Fahrzeugpapiere bitte!
Ich [gebe ihm Fahrzeugschein und Zolldokument]: Auch mit Ihnen sei Gottes Segen!
Polizist [liest ordentlich durch]: Du bist Deutscher, ja? Wer ist die Dame neben dir?
Ich [gucke zu Fayza, deren Gesichtsausdruck mir sagt: „bring jetzt bloß keinen Gag mit Ehefrau“]: Meine Freundin. Wieso?
Polizist: Kein Problem. Aber ich muss deinen Reisepass, internationalen Führerschein und Versicherung sehen.
Ich [gebe nur Pass und Führerschein hin]: Bitte sehr.
Polizist [kurzer Blick in die Dokumente]: OK, nur noch die Versicherung, bitte.
Ich [werde langsam unruhig während Fayza neben mir schon kreidebleich wird, da wir beide selbst zusammen kein Geld für das Benzin für meine Rückfahrt hätten, wenn er uns jetzt einen Strafzettel ausstellen würde]: Moment. Die ist hier. Irgendwo. Weiß nicht… Das hier glaube ich. [Ich reiche ihm die ungültige Grüne Karte, die meine beschissene deutsche Versicherung nicht für Marokko validieren wollte]
Polizist: Ja, genau. Die Grüne Karte meinte ich. [Guckt etwas drauf herum, dreht sie noch mal um und nickt]. Alles klar. Gute Fahrt!
Ich: Auf Wiedersehen! [Fahre an, biege gen Bouhachem ab]. Fayza [nach einer Minute Sprachlosigkeit über mein breites Grinsen]: Kein Gott außer dem Herrn… Was hast du mir denn erzählt? Du hast ja doch eine Versicherung! Und was lachst du denn so?!
Ich: Ich habe eine Versicherung, die ist aber nicht in Marokko gültig, es ist auch erst das zweite Mal in 20.000km in Marokko, dass einer die Versicherung sehen will und ich habe dir auch schon gesagt, dass ich nicht die marokkanische Versicherung für ausländische Fahrzeuge löse, da sie reiner Betrug ist [kostet das Vierfache einer deutschen Teilkasko und nutzt eigentlich nichts, da bei einem Unfall alle Beteiligten der Gegenseite die Schuld auf den Ausländer schieben, was jeder Polizist für ein bisschen Bestechung so eidesstattlich versichern würde].
Fayza [lacht los]: Gott sei Dank, dass er nie Deutsch gelernt hat und deine Dokumente nicht richtig verstehen kann!

Der Schreck an der Straßenkontrolle lohnte sich, denn der Naturpark Bouhachem, den wir mit dem letzten Licht des Tages noch durchfuhren, ist eine der schönsten Ecken Marokkos. Der Westrand des Rifgebirges ist fast gänzlich unbesiedelt zwischen der Stadt Chefchaouen und dem Umland von Larache. Hier winden sich enge Asphaltstraßen und Schotterwege durch ruhige Bergtäler, über kleine Gebirgsbäche und bewaldete Höhenzüge. Hier sind auch nicht nur Nadelbäume vorzufinden, sondern auch etliche Laubbäume wie Buchen und Birken, die dem ganzen Gebirge einen europäischen Anschein – irgendwas zwischen Böhmen und Balkan – geben.

Ich brachte Fayza noch zur Firmenwohnung und fuhr dann nach Fès zurück, wo ich Mitternacht ankam. Wahrscheinlich gehen an einigen Sonntagen im Februar noch mal Groundhoppingtouren zum Fußball und auch endlich mal Handball im Nordwesten Marokkos mit ihr: wenn die Firma frei gibt, ist sie nämlich auch sehr gerne auf Sportstätten unterwegs. Und auch wenn Sportbegeisterung unter Frauen in Marokko mindestens genauso oft wie in Deutschland zu finden ist und Fayza sogar mehr Ahnung vom Sport hat als die meisten deutschen Frauen die ich kenne, ist es für sie ungleich schwieriger, mal einfach zum Fußballgucken irgendwo ins Stadion zu gehen: es ist zwar keineswegs verboten, aber selbst sie geht nicht ohne einen ihrer Brüder (die wohnen jetzt aber alle zu weit weg) oder eben mich zu einem Männerspiel, da sie nicht nur (v.a. in Stadien in kleineren Orten) ziemlich schief angesehen werden würde, sondern sogar blöd angelabert...  
Statistik:
- Grounds: 1.061 (Samstag 1 neuer, Sonntag 1; diese Saison: 90 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.971 (Samstag 1, Sonntag 1; diese Saison: 115)
- Tageskilometer: 1.080 (Samstag 350km Auto, Sonntag 730km Auto)
- Saisonkilometer: 33.080 (32.030 Auto/ 1.000 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: keines [letzte Serie: 4, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 390

Montag, 6. Januar 2014

W388II: Warum man in marokkanischen Stadien eigentlich nicht picknicken sollte…

Union Sportive Sidi Kacem (الاتحاد الرياضي القاسمي)
................................. 1:1 (1:1) ..................................
----- Renaissance Sportive Martil (نهضة مرتيل) -----
- Datum: Samstag, 4. Januar 2014 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Amateur 1, Groupe Nord [شطر الشمال - بطولة القسم الوطني الأول هواة] (d.h. 3. Marokkanische Fußballliga, 1. Amateurliga)
- Ergebnis: 1-1 nach 96 Min. (46/50) – Halbzeit: 1-1
- Tore: 0-1 39. NN, 1-1 43. NN („Foul“elfmeter)
- Verwarnungen: Nr. 17, 18 (USK); Nr. 23, 24 (RSM)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Chahid Al-Aalem [ملعب العلام بسيدي قاسم] (Kap. 4.000 Sitzplätze + 6.000 weitere im Bau)
- Zuschauer: ca. 250 (darunter ca. 15 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 6,0/10 (Mittelmäßiges Niveau, spannend bis zum Schluss und teilweise gut Stress auf der Tribüne)  
Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan 3rd Division: Union Sidi Kacem v Renaissance Martil
b) Northern Morocco: Larache and other Places of Interest

Nach dem Unterricht am Freitag habe ich das Versprechen eingelöst, Fayza in Larache zu besuchen. Mit Khadija, ihrer Stiefmutter Fatima und den beiden jüngeren Kindern Zakaria und Rita – sowie massenhaft Decken für ihre Wohnung im Kofferraum – ging es zügig nach Larache. Wir hatten eigentlich geplant im günstigsten Hotel der Stadt abzusteigen, aber da uns der Hotelier zu viel Geld abknöpfen wollte – von wegen es gebe kein Einzelzimmer mehr und ich müsste für das Dreibettzimmer zahlen – erlaubte uns die Firmenleitung bei Fayza in der Arbeiterwohnung auf dem Firmengelände zu übernachten. Ein Kollege fuhr sogar mit dem Geländewagen voraus damit wir auch hinfinden: mittlerweile wohnt sie nämlich direkt an der Arbeitsstelle im nach Larache eingemeindeten El-Aouamra, wo eine der unbefestigten Abzweigungen von der Hauptstraße nach 2km voller Bodenwellen und matschiger Schlaglöcher vor die teilweise noch von den Spaniern errichteten Firmengebäude führt. Decken waren nach dem üppigen Abendessen auf dem improvisierten Tisch aus Umzugskartons auch bitter nötig – zumindest für die Familie, denn Fayza überließ mir ihr bretthartes Bett und die anderen fünf verteilten sich auf dem gefliesten Boden während es draußen immer kälter wurde.

Dass die Miete nur 35€ im Monat beträgt ist natürlich nicht schlecht, aber in der belgisch geführten Firma arbeitet sie dann für nur 280€ im Monat von 9 bis mindestens 19, oft sogar bis 24 Uhr als Lebensmittelprüferin. Frei hat sie kaum, sodass sie den früheren Hobbys Tennis und Taekwondo nicht mehr nachgehen kann. Die Beschäftigung auf dem Firmengelände habe ich am Morgen gesehen: die Arbeiter holen einen Fußball heraus und kicken auf dem matschigen Hof vorm Labortrakt – die Arbeiterinnen spielen Basketball auf einen schief an einer Scheunenwand hängenden Korb. Oft muss sie für ihr Durchschnittsgehalt - das ihr bisher entgegen der vorherigen Aussagen der Chefin auch noch nicht gezahlt wurde - 7 Tage die Woche arbeiten. Die Essens- und Gebetspausen abgezogen ist das eine 75-Stunden-Woche und somit ein Stundenlohn von 0,93€. So viel jedenfalls zu der Behauptung, die auch einige Marokkaner gerne über ihre Landsleute sagen, dass viel weniger als in Europa gearbeitet würde: hier wird in vielen Firmen und allen Behörden genauso viel an Arbeit erledigt und das unter viel härteren Bedingungen. Das Bild verzerren hier die Freiberufler und Selbstständigen, die wirklich so wie sie gerade brauchen und wollen ihren Laden öffnen oder Dienstleistung anbieten oder eben auch nicht…

So viel jedenfalls zu marokkanischen Arbeitsverhältnissen: klar, dass sie weiterhin fast jeden Tag nach besserer Arbeit recherchiert und mehrere Bewerbungen pro Woche an besserzahlende Firmen abschickt. Die nehmen aber lieber welche die mit Müh und Not und Überschreitung der Regelstudienzeit an einer französischen oder deutschen Uni einen Abschluss erreicht haben oder einen mittelmäßigen Abschluss an einer teuren Privatuni in Marokko, als eine die in Rabat an der staatlichen Uni in der Mindeststudienzeit mit hervorragenden Noten abgeschlossen hat – was übrigens keineswegs leichter ist als bei den europäischen oder privaten Konkurrenzeinrichtungen, da das Curriculum und das Prüfungsniveau französischen Maßstäben folgt.  
Da sie auch dieses Wochenende nicht frei bekam, fuhren wir nur zu fünft nach dem Frühstück nach Larache zurück – keiner aus der Familie war jemals in dieser sehenswerten Kleinstadt am Atlantik, weshalb der Stadtrundgang auf großes Interesse stieß. Auch Moulay Bousselham, ein nettes Dorf mit einem tollen Sandstrand und einem Vogelreservat, auf das ich beim unterklassigen Fußball aufmerksam geworden war, kannte niemand von ihnen auch nur vom Namen. Irgendwie wurde die Zeit in Sidi Kacem dann doch knapp und da es dort eh in diesem völlig gesichtslosen Provinzkaff nichts zu besichtigen gibt, nahmen wir unsere Picknicksachen gleich ins Stadion mit. Warum es eigentlich selbst in Marokko auch in der 3. Liga nicht gerne gesehen ist, dass man eine Picknickbox mit großen Flaschen und Sandwichfleisch-Büchsen hereinschleppt – nur da die beiden Frauen das Ding bei sich hatten durften wir so rein – merkten wir in der Halbzeit…

Aber erst mal zum Stadion: das ist etwas kleiner und unansehnlicher geworden, seit die Gegen- und die zweite Hintertortribüne (vor der Moschee) abgerissen worden. Beide Tribünen werden derzeit neu gebaut. Die andere Hintertortribüne, neben der Sporthalle stehend und teils von Palmen beschattet, ist ziemlich heruntergekommen und auch die überdachte Haupttribüne mit ihren klotzigen Betonstufen weis durch den Siff zu gefallen. Die Sporthalle ist übrigens im Gegensatz zum Stadion sehr neu und modern; und das Eingangsportal zur Gesamtanlage ziemlich aufwendig.

Das Spiel war schlecht besucht (nur 250 Zuschauer ist weit unterm Durchschnitt) doch nicht so schlecht im Niveau. Zumindest habe ich endlich mal auch die 3. Liga und somit von der 1. bis zur 6. Ebene alles mindestens einmal gesehen. Dass hinter uns eine Gruppe von 15 Fans aus Martil, der 2km von Tetouan entfernt liegenden Kleinstadt am Mittelmeer, stand, merkten wir dann am Jubel nach dem Weitschuss der über die Hand des Sidi-Kacem-Keepers ins Netz hüpfte. Ganz besonders merkten wir das, als wenig später zu Unrecht Elfmeter für den Gastgeber gepfiffen wurde, dieser lässig ins Eck geschossen wurde, und die Leute hinter uns entweder am Arsch geleckt werden wollten oder über die sexuellen Vorlieben des Schiedsrichters philosophierten. Als es auch noch gegen die Heimelf ging, sammelten sich Heimfans direkt neben uns, suchten Streit mit denen hinter uns und forderten uns auf den Block zu wechseln. Kaum gingen wir auf die Treppe ging eine Boxerei los, die die Polizeikräfte aber schnell unterbanden.

Als wir uns auf der rechten Seite der Haupttribüne niedergelassen hatten, bemerkten wir, dass wir den Müllbeutel mit den leeren Büchsen und der einen leeren Flasche vergessen hatten. Und als es in der Pause noch mal rund ging, sah ich nur noch, wie ein brauner Beutel – aus dem zwei Büchsen scheppernd herausfielen – aus der Martil-Gruppe geworfen wurde und einem Polizisten die Mütze vom Kopf haute, was Khadija neben mir leise kommentierte: „Sag mal, war das unser Müll der da eben geflogen kam?!“ Ja, war es – und die Flasche kam gleich hinterhergesegelt in eine der Gruppen von Heimfans, die sich mit der Polizei auseinandersetzte…

Der Stress auf der Tribüne riss auch nach der Pause erstmal nicht ab, sodass sich die Frauen neben die Tribüne ganz an den Rand neben den Polizeibus stellten und sofort nach Abpfiff zum Auto gingen, während Zakariya und ich noch ganz lässig guckten, wie einer festgenommen wurde, der mit einem Stein nach den Gästefans geworfen hatte… Spielerisch war noch das ein oder andere passiert – Chancen auf beiden Seiten, ein paar starke Zweikämpfe, aber halt nichts so richtig Zwingendes mehr, sodass das mittelmäßige aber spannende und unterhaltsame Amateurmatch mit 1:1 endete und wir uns statt gen Fès erstmal Richtung Meknés aufmachten, wo wir bei Maryam und Abdelghani eingeladen waren und unsere Erzählungen (besonders die vom Spiel) für gute Laune sorgten...

Übrigens: obwohl in dieser als konservativ bekannten Landstadt außer Khadija, Fatima und Rita kaum andere Frauen und Mädchen im Stadion waren, wurden wir nie blöd angeglotzt oder gar angequatscht – einer der am Anfang noch vor uns saß war freundlich und wollte nur wissen ob uns das deutsche Auto neben dem Haupteingang gehört; dem haben wir auch mal keinen Blödsinn von wegen „Ehemann der jüngsten Schwester“ erzählt und er kannte sogar das Konzept Gastfamilie und fand das ganz prima, dass wir so viel unternehmen – also soviel zu der unheimlich dummen Frage, die letzthin im Groundhoppingforum gestellt wurde: „Dürfen Frauen in Marokko ins Stadion?“
Aber der Eschborner Kollege hat ja freundlicherweise gleich meinen Blog verlinkt, sodass jetzt glaube ich auch die dümmsten Hopper kapiert haben, dass es in Marokko a) einen recht großen Frauenfußballspielbetrieb und b) keinerlei besondere Beschränkungen für Besucherinnen von Sportveranstaltungen gibt und auch Ausländerinnen (siehe Dezember 2011 bei Racing Casablanca) meist kaum auffallen. Zumindest sofern diese Hopper Lesen und Verstehen in einen Denkvorgang einbringen können, was bei einer Minderheit der User eh nicht der Fall zu sein scheint. Zu Frauen in marokkanischen Fußballstadien nur noch eine Sache: als Ausländerin sollte man bedenken, dass eine Marokkanerin niemals ohne mehrere Freundinnen oder einen männlichen Begleiter ins Stadion zu einem Männerfußballspiel geht.  
Statistik:
- Grounds: 1.056 (heute 1 neuer; diese Saison: 85 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.965 (heute 1, diese Saison: 109)
- Tageskilometer: 630 (Freitag 280km Auto, Samstag 350km Auto)
- Saisonkilometer: 31.050 (30.000 Auto/ 1.000 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 23 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 388

Dienstag, 10. Dezember 2013

W384I-II: Von zwei völlig unterschiedlichen Fußballstadien, dem marokkanischen Stonehenge und kuriosen Verstößen gegen einheimische Sitten…

----- Ittihad Riadi Tanger (نادي الإتحاد الرياضي لطنجة) -----
...................................... 1:1 (0:1) .....................................
Jeunesse sportive de Kasbat Tadla (نادي شباب قصبة تادلة)
- Datum: Sonntag, 8. Dezember 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Botola 2/ GNF 2 [2 البطولة الوطنية المغربية] (Zweite Marokkanische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 1-1 nach 99 Min. (49/50) – Halbzeit: 0-1
- Tore: 0-1 27. (6), 1-1 67. (8, Handelfmeter)
- Verwarnungen: Nr. 9, 15 (IRT); Nr. 1, 5, 11 (JSKT)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Grand Stade de Tanger, Stade Ibn Battouta [ملعب ابن البطوطة] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 10.000 (darunter ca. 15 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 9,0/10 (Wirklich gutes Spiel und hervorragende Stimmung)

Hassania Athletique Sidi Slimane (حسنية سيدي سليمان)
................................... 2:0 (2:0) ....................................
-- Wafae Deroua Ouled Ziane (وفاء الدروة اوﻻد زيان) --
- Datum: Samstag, 7. Dezember 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Amateur 2, Groupe Nord-Ouest [بطولة القسم الوطني الثاني هواة] (d.h. 4. Marokkanische Liga; 2. Amateurliga, Gruppe Nord-West)
- Ergebnis: 2-0 nach 99 Min. (49/50) – Halbzeit: 2-0
- Tore: 1-0 34. (10), 2-0 44. (8)
- Verwarnungen: Nr. 5, 7, 9, 11, 14 (HASS); Nr. 9, 10 (AWFOZ)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Hassania/ Stade Municipal de Sidi Slimane [ملعب الحسنية / ملعب البلدي بسيدي سليمان] (Kap. 1.750, davon 750 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 800 (darunter keine Gäste-Fans?)
- Unterhaltungswert: 6,0/10 (Nach guter erster Hälfte folgte eine mäßige zweite; die Stimmung war über weite Strecken gut) اتحاد طنجة مع شباب قصبة تادلة : بطولة القسم الثاني في الملعب الطنجة الكبير Photos with English and Arabic Commentary:
a) ITIHAD RIADI TANGIER 1:1 JEUNESSE KASBA TADLA (GRAND STADE IBN BATOUTA) 
b) HASSANIA SIDI SLIMANE 2:0 WAFAE DEROUA OULED ZIANE (STADE MUNICIPALE) 
c) North-Western Morocco: Larache, Lixus, Asilah, Cromlech M’zouga 
d) Zemmouri Mountains/ Khemissét: Moulay Yacoub 

Videos on My Video.De:
a) Some Match Scenes of Hassania Sidi Slimane v Wafae Deroua Ouled Ziane 
b) Support and Match Scenes of Tihad Riadi Tanger v Chabab Kasbah Tadla (1) 
c) Support and Match Scenes of Tihad Riadi Tanger v Chabab Kasbah Tadla (2) 

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a) Hassania Sidi Slimane Support in 2010
b) SUPPORT OF TIHAD TANGER ULTRAS IN MATCH AGAINST JSKT  دوري الهواة القسم الثاني: حسنية سيدي سليمان ووفاء دروة اوﻻد زيان Kaum ist der eine Gast aus den USA weg, kommen die nächsten. Die Familie ist sehr lustig und die Eltern sympathisch – aber hier wird es natürlich jetzt dauernd laut und über die Idee, mit einem hyperaktiven Sechsjährigen und einer dussligen Zweijährigen um die halbe Welt zu reisen (Island, Italien, Thailand, nun Marokko), kann man auch streiten… Aber egal: beide sind Ex-Banker, die ihr teures Reihenhaus in Kalifornien vermieten und mit diesem Geld um die Welt gurken, wobei sie schön ihrer Pflicht den bekloppten Jungen zu beschulen nachkommen. Wie alle Amerikaner die ich hier kennengelernt habe, sind Ryan und Emily sehr interessiert an den historischen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten und auch der Landeskultur. Die beiden haben aber von allen diesen Amis die meisten Schwierigkeiten in Marokko nicht aufzufallen: Kaum hatten sie die Story aus Tetouan gehört, wollte Ryan mich vor der ganzen Familie mit der am Freitag zum Coucous-Essen gekommenen Fayza verkuppeln (zum Glück ist sie keine durchschnittlich strenge Marokkanerin, sonst hätte sie es nicht lustig gefunden) und schon am Tag der Ankunft gab es fragende Blicke. Denn Khadija ist ja sehr herzlich und da sie so viele ausländische Gäste hat, ist sie an Unwissende gewöhnt, sodass sie gar nichts bemängelte als Ryan sie ebenso wie Emily umarmte und rechts und links auf die Wange küsste – aber als ich den Amis mal tags darauf erklärte, dass sie das selbst bei mir nicht macht und mich nur ab und zu umarmt, da es nur unter Verwandten und Verschwägerten üblich ist, dass sich Frauen und Männer so nahe kommen, waren sie doch etwas peinlich berührt und bedankten sich für den Hinweis.

Interessant ist, dass die ganze Familie Fußball den anderen Sportarten vorzieht. So schauten sie sich auch das Freitagsspiel im Fernsehen interessiert mit uns an. Maghreb Fes ging früh in Führung und sammelte dann fleißig gelbe Karten. Der Ausgleich fiel durch einen Elfmeter, MAS beendete die Partie in Safi zu zehnt. Immer noch nicht gewonnen seit Ende September, aber wenigstens wieder einen Punkt geholt!

Auf Groundhoppingtour ging ich aber trotzdem ohne sie, da Mohammed sie zum Spiel von Wydad Fès gegen Salé eingeladen hatte. Hamza dachte, ich sei nur Sonntag weg und fragte mich ob ich mitkommen will oder was anderes gucke – das hab ich beim Mittagessen dann so kommentiert:
„Ich guck nicht nochmal so ein scheiß Spiel bei scheiß Wydad Fes!“
Hamza hat sich übelst gefeiert und Fayza ist fast der Löffel in den Coucous gefallen: „Hhhhhhk, was kennst du denn für Worte?! [lachend] Schäm dich!“
Khadija: „Er redet schon wie ein richtiger Marokkaner: WAF ist halt Scheiße!“

Also scheiß auf WAF: ich hatte schon fest das ganze Wochenende für Tanger und Umgebung eingeplant. Das passte wiederum Fayza sehr gut in den Kram, denn sie hat jetzt endlich nach all den Praktika und (trotz weit überdurchschnittlichen Noten) dauernden erfolglosen Bewerbungen einen Job: als Lebensmittelprüferin bei einer Landwirtschaftsfirma im nahe Tanger am Atlantik liegenden Larache! ليكسوس : مدينة العرائش الأثرية Für die meisten marokkanischen Familien ist es ein Problem, wenn eine unverheiratete Tochter oder Schwester mit einem unverheirateten (auch noch etwa gleichalten) Mann auf Tour gehen will – aber da ich schon über zwei Monate hier bin, die Verwandtschaft mich kennt und ich bei ihnen vollstes Vertrauen genieße, kam die Diskussion nicht mal ansatzweise auf. So holte ich Fayza am Samstagvormittag ab – muss ich erwähnen, dass sie (wie alle marokkanischen Verabredungen bisher) pünktlich war? – und wir fuhren erst mal über Moulay Yacoub, wo wir nur die Berglandschaft fotografierten, und Sidi Qasem nach Sidi Slimane.

Sidi Slimane ist eine total gesichtslose 80.000 Einwohner Landstadt mit einem versifften Stadion. Der Fluss, der durch den Ort plätschert ist völlig verdreckt. Der Rastplatz am Ortsrand ist halbwegs sauber, sodass wir da erst mal ihre Sandwiches aßen. Dass die angehende Lebensmittelprüferin das Essen ordentlich in Folie verpackt mitgenommen hat, erst den Picknicktisch abwischt ehe sie sich setzt und v.a. den Abfall bis zum nächsten Müllcontainer am Ortseingang mitnimmt, sorgte bei den in der Nähe sitzenden Unterschichtlern für fragende Blicke. Ich glaube, die waren so ungebildet, dass sie nicht mal unserer Unterhaltung folgen konnten, da Hocharabisch zu komplex ist für das Pack, dass den Rastplatz immer so zumüllt damit die nächsten von ihrer Sorte dort unter den berühmt-berüchtigten unhygienischen „südländischen“ Bedingungen (die Fayza übrigens mehr abschrecken als mich) essen können…

Das städtische Stadion liegt direkt neben einem Schwimmbad und einem Reitplatz. Tritt man durch das Eingangstor, kann man sich entweder an den rund um das Spielfeld gezogenen, zwei Meter hohen Metallzaun stellen, oder auf eine der beiden Tribünen setzen. Die neunreihige wellblechüberdachte mit den in Vereinsfarben gestrichenen Stahlträgern macht echt was daher, aber hier stehen die Ultras drunter. Neutrale wie wir gehen besser auf die unüberdachte, graue, dreizehnreihige Tribüne. Hier sind mehr Erwachsene, denen es noch egaler ist als den Kindern und Jugendlichen wenn eine Frau und ein Ausländer hier aufkreuzen. Einige grüßten mich höflich, wobei es auffällig war, dass sie meine Begleiterin ignorierten. Auf dem Land sind die Sitten halt anders als in der Stadt und die zwei anderen Frauen, die zu dem Spiel kamen, trugen keine Städterinnenkleidung wie Fayza (hohe Stiefel, Jeans und europäische lange Blusen zum bunten Kopftuch), sondern lange, weitestgehend einfarbige Umhänge mit gleichfarbigem Kopftuch und einfachste Latschen…

Hassania Sidi Slimane – der Vereinsname bezieht sich auf die Beni Hassan, die im 14. Jahrhundert die berberischen Marokkaner arabisierten – hatte ich schon mal in einem schönen Kick in Casablanca gesehen. Nun spielten sie gegen Deroua Ouled Ziane, einem 10.000 Einwohner Nest zwischen Casa und Berrechid (direkt hinterm Flughafen Mohammed V!), dessen Club den Vereinsnamen Wafae trägt: politisch heißt das „Treue“ oder „Loyalität“, es gibt auch die religiöse Bedeutung „Aufrichtig im Glauben“ oder die allgemeine Bedeutung „Ehrlichkeit“ – dass die beiden letzteren Bedeutungen Wafae zu einem beliebten Mädchennamen machen, muss ich hier noch erwähnen; dass die einzige Marokkanerin mit diesem Namen, die ich kenne, gerade die Scheidung von ihrem Ollen, der sich nicht sehr „Wafae“ ihr gegenüber verhalten hat, eingereicht hat, führe ich mal besser nicht weiter aus...

Die Fans von Hassania haben nicht den besten Ruf, v.a. seitdem sie sich vorletzte Saison beim Abstiegsspiel in Zaio nach einem aussichtslosen Rückstand ab der 70. eine wahre Schlacht mit den dortigen Fans geliefert hatten, was zu einem Spielabbruch führte… Hinter uns gab es z.B. auch einen jungen Mann, der in seiner selbstgedrehten Zigarette nicht nur Tabak hatte – aber der Haufen Dorfjugendliche unter dem Wellblechdach ist eigentlich echt lustig: haben Flaggen und Doppelhalter dabei und supporten recht ausdauernd im Ultrastyle. Die melodiösen Gesänge (stark war, hier das für Kenitra typische „ma nesma7 fik“ und das eine stets von scheppernden Becken begleitete Lied von Raja abgeändert zu hören) sind oft des Reimes wegen arabische Texte die mit italienischem, spanischen, französischen und englischen Vokabular durchsetzt sind, das in der normalen Umgangssprache nicht genutzt wird. Verstanden habe ich wenig, doch ob ein Lied vulgär war oder nicht, konnte ich immer an Fayzas Kopfbewegungen ablesen, die mir nur leider Übersetzungen von Pöbeleien verweigerte…

Ohne Gästefans und ohne Mannschaftsbus (nur in drei Privatautos da der Busfahrer zeitlich nicht konnte) erschien Ouled Ziane und war von Beginn an trotz besserer Tabellensituation unterlegen. Der Platz war, sagen wir mal, nicht in bestem Zustand oder ich zitiere einfach Fayza: „Lustiger Platz – heute gibt es Beach-Soccer!“ Es wächst dort nicht ein Grashalm und der Lehmboden ist extrem sandig und entsprechend staubig. Allerdings ist die staubige Sandschicht nicht so tief wie am Strand, sodass der Platzwart die Eckfahnen mit einem Hammer in den Lehmboden prügeln musste…

So kam halt erwartungsgemäß ein nur mittelmäßiges Spiel mit vielen Problemen in der Ballbehandlung und etliche Ausrutschern und unabsichtlichen Fouls zustande. Chancen hatte fast nur die Heimelf und die wusste sie dann auch nach einer reichlichen halben Stunde zu nutzen: Freistehend vergab der eine und als der Torwart der Gäste nach der Parade den abgeprallten Ball sichern wollte, schob ein weiterer nicht ausreichend gedeckter Sidi Slimane-Kicker ein. Zehn Minuten später wurde die Abwehr mit einem geschickten Heber ausgehebelt und der Mittelstürmer konnte mit einem weiteren geschickten Heber den Torwart überwinden.

Nach der Pause war leider Ergebnisverwalten angesagt: das Spiel wurde auch etwas rauer, aber der Schiedsrichter hatte das Ganze gut im Griff. Der Endstand von 2:0 war verdient, aber ärgerlich torarm für diese sonst offensivere Liga. دوري الهواة القسم الثاني: حسنية سيدي سليمان ووفاء دروة اوﻻد زيان Weiter ging es mit einem Zwischenstopp in Sidi Yahya El-Gharb: mit den Gebetszeiten nervte sie überhaupt nicht, aber ein richtiges Gebet auf der Fahrt wollte sie dann doch verrichten, sodass sie mich bat die Moschee in dieser Landstadt anzusteuern. Sie sollte dort übrigens die einzige Frau sein, da in Marokko die Moscheen fast nur von Männern besucht werden und Frauen abgeschottet zuhause beten. Zu meinem Erstaunen, gab es noch einige andere außer mir, die auf dem Parkplatz des Gotteshauses auf betende Mitfahrer wartenden. Darauf hinterher angesprochen meinte Fayza nur was mit „ist doch kein Problem: freier Wille und muss jeder selbst für sich entscheiden ob er betet oder nicht oder sich an alle Regeln hält oder nur an einige“ – doch das ist in der Theologie des Islam im Allgemeinen und auch in seiner Anwendung Marokko eine sehr unüblich moderate Einstellung: mit der Begründung „freier Wille“ wird keiner der Leute im Auto sitzen geblieben sein…

In Rabat, der Hauptstadt und ihrem früheren Studienort, holten wir Hausrat von ihr ab und ich bekam von ihr in einem Imbiss ein ordentliches Abendessen mit Rinderhack-Tajine ausgegeben, da ich das Wohnheim nicht betreten durfte, weil dort nur Frauen wohnen. Die beiden Freundinnen machten sich dann hinterher im Imbiss mit mir bekannt: auch die beiden sind sehr gebildete Naturwissenschaftlerinnen bzw. Ingenieurinnen, die kein Problem damit haben z.B. geologische Forschungen durchzuführen die sie zu Gesteinsproben führen, die man auf X-Millionen Jahre datieren kann, und trotzdem fest an die religiösen Überlieferungen mit den viel zu gering gehaltenen Zahlen zum Zeitraum der Schöpfung zu glauben: dann hat Gott halt die Erde vor X-Millionen Jahren geschaffen…

Nachdem wir Larache im dichten Nebel gegen 23 Uhr erreichten, sollte eine neunzigminütige Hotelodyssee beginnen. Fayza hatte schon nach dem Bewerbungsgespräch letzte Woche Stress, da sie mit ihrem Bruder Abderrazzaq in einem Kaffeehaus voller Besoffener und Bekiffter, die sie als einzigen weiblichen Gast dauernd anstarrten, sechs Studenten auf den Nachtbus zurück nach Fès warten mussten. Jedenfalls kann sie die Wohnung erst Montag nach dem ersten Arbeitstag beziehen und ihr einziger Kontakt in ihrem neuen Wohnort ist bisher nur der Kollege Hisham und der hatte Gäste in seiner kleinen Bude, sodass er ihr nur den Hausrat abnehmen konnte. Der Biologe ist auch eher konservativ, von wegen warum sie nicht mit ihrem Bruder gekommen sie und was sie eigentlich mit einem Ausländer zu schaffen habe, was sie locker konterte: „Was soll das? Mein Bruder muss arbeiten und er hier ist Karim, der Ehemann meiner Schwester!“

Beim ersten Hotel in der Preislage max. 100 Dh. pro Einzelzimmer die nächsten dummen Fragen – denn es gab nur noch ein einziges (Doppel-)Zimmer was wir natürlich nicht nehmen konnten. „Ach ihr seid nicht verheiratet? Wieso verreist dann ihr zusammen?“ Sie [diesmal bis auf den Punkt mit der Uni eine ehrliche Antwort]: „Wir sind Freunde und kennen uns aus der Uni, er hilft mir beim Umzug von Fès nach Larache.“ Er: „Na gut, ich ruf mal den Kollegen vom Hotel Malabata an“. Nach mehreren Telefonaten war klar, dass wir nur noch in der Innenstadt oder im Motel am Stadtrand etwas kriegen könnten.

In der Innenstadt liefen wir dann jedes der Billighotels (50 bis 100 Dh. pro Person) ab, doch alle acht waren ausgebucht. Es gab nämlich einen Volkslauf und eine zweite Leichtathletikveranstaltung am Sonntag. So war nur noch im teuersten Hotel der Stadt etwas frei, wo der Hotelier nicht von den 240 Dh. runtergehen wollte.

Einer laberte uns dann an ob wir nicht sein Appartement mieten wollten und auf seiner Broschüre sah das auch gut aus und da es getrennte Betten und ein separates Bad gab, wollte Fayza sogar verhandeln: „Wir sind Studenten, 250 Dh. ist zu viel für uns.“ Er: „Na gut dann sagen wir mal 200. Habt ihr den Ehevertrag dabei?“ Sie: „Wieso? Das ist doch eine Privatunterkunft und kein Hotel und wir haben getrennte Betten?!“ Er: „Ach, nicht verheiratet, was? OK: 220 und ich sorge dafür, dass die Bullen nicht kommen.“ Sie: „Genug, wir suchen was anderes – ich weiß nicht, warum du schlecht von uns denkst, aber ich lass mich nicht provozieren!“

Das Motel am Stadtrand hätte zwei Einzelzimmer gehabt und der Besitzer wagte es nicht mal eine einzige Nachfrage zu stellen, doch seine primitive Bude war mit 200 Dh. pro Zimmer und Nacht überteuert und Fayza ekelte sich vor den heruntergekommenen Gemeinschaftsklos, sodass wir noch mal zu ihrem Kollegen Hisham fuhren. In seinem Viertel sind viele Häuser nicht bezugsfertig und die wenigen Nachbarn, die er fragen konnte, hatten entweder dasselbe Problem - „Sorry, ich hab Gäste und die beiden können doch nicht auf dem Boden im Flur schlafen“ - oder waren auf Hisham sauer und völlig unkooperativ: „Es ist nach Mitternacht, Junge! Sag mal hackt’s uns jetzt noch wach zu klingeln?!“

Fayza reichte es dann und sie schlug vor im Auto zu schlafen, sodass Hisham uns zu einem Stellplatz führte. Der Wächter war sehr freundlich und stellte nicht mal Fragen, warum ein Deutscher und eine Marokkanerin im Auto übernachten. Aber ich fragte sie beiläufig, ob es nicht eigentlich auch ein Problem ist, dass wir hier im Auto schlafen – auf engem Raum, dicht nebeneinander und unter ein und derselben Wolldecke – wenn es uns doch verboten ist, ein und dasselbe Hotelzimmer zu teilen. Ihre Antwort war interessanterweise: „Selbst wenn da Knast drauf stehen würde – ich hab kein Problem neben dir zu schlafen, da ich dir vertrauen kann. Ich hab eher damit eines, dass sich normale Marokkaner und selbst die gebildeten Staatsmänner derartig in die Angelegenheiten von Leuten einmischen und ihnen keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung lassen wollen.“ دوري الهواة القسم الثاني: حسنية سيدي سليمان ووفاء دروة اوﻻد زيان * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * العرائش Knapp 7 Stunden später machten wir uns auf, zahlten dem Wächter 20 Dirham und fingen schon am frühen Morgen an, die nächsten ungeschriebenen aber fest in der Gesellschaft verankerten Regeln zu brechen. Kein Laden hatte offen, aber schon die ersten Kaffeehäuser und die bieten gutes Frühstück an: z.B. Omelette mit Käse, Oliven, Brot und Minztee für nur etwa 1,50€. Allerdings gehen dort fast nur Männer hin und in wenigen Cafés gibt es abgetrennte Familienecken wo Frauen willkommen sind – selbst in diesem Kaffeehaus mit gehobenem Ambiente wurden wir also schön blöd angeglotzt von den fünf, sechs gutgekleideten und offensichtlich besser situierten Männern. Obwohl man seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte „was machen eigentlich ein Ausländer und eine Marokkanerin hier?!“ war der Kellner freundlich, da Fayza sehr selbstbewusst auftrat. Das Glotzen der Gäste hörte auch sofort auf, als sie mich hörbar fragte, ob ich das Schild über dem Eingang gesehen hätte auf dem „Café nur für Männer“ stand und ich „nein, und du?“ meinte…

Ihr neuer Wohnort ist eine schön auf (leider heute im Nebel hängenden) Klippen am Atlantik errichtete Kleinstadt. Es gibt viel spanische Architektur, wobei besonders die Kirche „Nuestra Señora Pilar“ und das Hotel España hervorstechen. Es gibt auch mehrere Festungsanlagen, darunter eine völlig zugemüllte oberhalb des Hafens. Am Stadtrand befinden sich auf einem spärlich bewachsenen Hügel die Ruinen der römischen Stadt Lixus, die auf phönizischen Siedlungsresten (Liks) steht und Arabisch „Lukkous“ genannt wird. Wir liefen eine Stunde lang mit einem Archäologen, dem Fayza auf seine dämliche Frage „Bist du Marokkanerin?“ antwortete „Ja natürlich und das ist mein deutscher Ehemann!“, durch die auf dem ganzen Hügel verteilten Mauerreste: es gibt Thermen, Fischlagerstätten, Wasserversorgungssysteme, ein Theater (das ist der landschaftlich wie bautechnisch spektakulärste Teil der Ruinenstadt), Latrinen, eine Basilika, einen Tempel und ein Forum zu sehen.

Weiter in Richtung Asilah, dann gen Tetouan, aber schon schnell zweigten wir nach Mzoura auf eine unebene, enge Asphaltstraße ab. In diesem kleinen, ärmlichen Dorf gibt es einen als „Stonehenge Marokkos“ bezeichneten Steinkreis zur Himmelsbeobachtung. Die Anlage ist eine Gruppe von 167 Dolmen (aufrechte Steine von meist nur 50cm, teilweise aber 5m Höhe) die vor 7.000 Jahren um einen (Grab?)Hügel herum errichtet wurde. Sie diente astronomischen Beobachtungen und Berechnungen.

Asilah hat eine schöne, kleine Altstadt zu bieten: arabische Stadtbefestigung, spanische Gebäude und Wohntürme, mittelalterliche arabische Häuser die weiß gestrichen und mit knallig bunten Türen versehen in engen Gassen zusammenstehen. Auch die moderne Bebauung ist ansprechend und schön mit Parks und unglaublich sauberen öffentlichen Plätzen durchzogen. Selbst in der Altstadt gab es keinerlei Müll. Die Lage am Meer wusste auch zu gefallen.

Die Zeit wurde knapp und wir sahen zu nach Tanger zu kommen. Eigentlich wollten wir noch was besichtigen, aber zur Herkuleshöhle und den daneben befindlichen römischen Ruinen von Cotta gibt es keinen Hinweis und die Altstadt liegt am Nordende der Stadt, während wir gerade am Südende im dichten Verkehr hingen. Während sie in die Moschee in Bab Al-Andalous I fürs Mittagsgebet ging, holte ich was zu essen in einem sehr schlecht sortierten Atacadao im selben Viertel. Wir picknickten dann im Andalous-Park wie viele Einheimische auch, wobei sie eine der wenigen war, die ihre Verpackungen einsammelte und zum 300m entfernten Müllcontainer brachte und die einzige, die einer völlig zerlumpt im Park herumlaufenden Fünfjährigen einen unserer Joghurts und den bei kleinen Kindern üblichen Wangenkuss gab, was sie mir gegenüber kommentierte „Merkst du, wie sich Marokkaner für ihre Mitmenschen interessieren? Alle lassen Müll rumliegen und keiner gibt so einem armen Kind etwas zu Essen ab!“ Da konnte ich ihr natürlich nur Recht geben, zumal auch in einigen arabischen Staaten der Umgang dahingehend besser ist (u.a. Golfregion) – aber es gibt einige Länder (ganz besonders Indien) wo das alles viel schlimmer in dieser Hinsicht ist als hier in Marokko… اتحاد طنجة مع شباب قصبة تادلة : بطولة القسم الثاني في الملعب الطنجة الكبير Das alte Stade Marchane benutzen nur noch die Jugend- und Frauenteams von Ittihad Riadi, dazu natürlich noch diverse Amateurteams, denn in Tanger gibt es einen Mangel an Sportanlagen. Andererseits gibt es eine sehr rege und vielseitige Sportszene: im Fußball sind sie zwar abgestürzt, aber im Basketball und Handball gut, im Cricket die Hochburg Marokkos und man kann von Golf über Pétanque bis Kung Fu fast alles (auch auf Wettkampfniveau) ausüben.

Die Zweitligafußballer sind seit dieser Saison ins 45.000 Zuschauer fassende Grand Stade, das nach Ibn Batouta benannt ist, umgezogen. Das ist für die Afrikameisterschaft 2015 errichtet worden und ist eines der größten und modernsten marokkanischen Stadien. Das Stadion könnte sich kaum mehr von jenem in Sidi Slimane am Samstag unterscheiden: saubere, bequeme Schalensitze in blau, gelb und grau die sich auf zwei niedrige Kurven, eine hohe unüberdachte und zweirängige Gegentribüne und eine ebenfalls zweirängige, enorme und mit einem Dach versehen Haupttribüne verteilen. Die Klos sind auf europäischem Standard, erstaunlich sauber und ordentlich nach Männern und Frauen getrennt (oft gibt es keine Frauenklos obwohl immer wenigstens eine Handvoll Frauen im Stadion ist). Selbst einen Gebetsraum gibt es und topp-moderne Presseplätze und Imbissstände (niemand ging mit einem Tablett durch die Reihen, sodass man sich an der Fressbude anstellen musste wie in Deutschland).

Der Namensgeber Ibn Batouta ist eine interessante Persönlichkeit des 14. Jahrhunderts und in der Stadt Tanger geboren. Manche bezeichnen ihn als Karl May der arabischen Welt, aber er war ganz sicher kein halbseidener Scharlatan wie dieser Western-Sachse. Bei seinen Reiseberichte mag er kräftig übertrieben haben, OK – aber ein größerer Teil seiner Beschreibungen sind nicht als erfunden abzutun und die Mode in den Geisteswissenschaften, alles und jedes über das gesunde wissenschaftlich-kritische Maß anzuzweifeln, muss man auch nicht gut finden. Einige seiner Beschreibungen sind aber definitiv übertrieben bis erfunden, mit großer Sicherheit war er jedoch auf der arabischen Halbinsel, Groß-Syrien, Süd-Asien (Indien, Malediven etc.) und den westafrikanischen Ländern (Mali etc.) unterwegs. In Marokko wird steif und fest behauptet er sei der größte Reisende des Mittelalters gewesen – Fakt ist zumindest, dass selbst wenn man die zweifelhaften Routen (u.a. die China-Tour ist wohl erlogen – von wem auch immer er die Reisebeschreibungen abgeschrieben hat) abzieht, er immer noch mehr Kilometer zurücklegte als der leistungsstärkste nicht-arabische Reisende Marco Polo, dem man mittlerweile auch in Historikerkreisen abspricht, alle Touren so erlebt zu haben. Aber eigentlich wiederfährt das so 99% aller frühen Forschungsreisenden – schlappe 300 bis 2.000 Jahre nach ihren Expeditionen und Reisen: außer Ibn Djubayr, weil der es irgendwie richtig drauf hatte…

Der Reisebericht von diesem Sohn der Stadt nach dem die Spielstätte heißt, liest sich übrigens teilweise ziemlich lustig aufgrund der augenfälligen Divise „Übertreiben heißt Veranschaulichen“:
Zum Beispiel über die Malediven, auf denen er mit 99% Sicherheit wirklich war, schreibt er u.a. Folgendes:
„Während meines Aufenthalts auf den Inseln besaß ich etliche Sklavinnen und vier Frauen, zwischen denen ich in jeder Nacht hin- und herwechselte, solange ich dort blieb. Die Bewohner der Inseln sind fromm, rechtschaffen und friedliebend. Sie essen nur erlaubte Dinge, und ihre Gebete werden erhört. Ihre Körper sind schwach. Sie haben keinen Sinn für den Krieg, ihre Waffe ist vielmehr das Gebet. Als ich dort Kadi [= Richter] war, befahl ich einmal, einem Dieb die Hand abzuschneiden. Da fielen manche von den Anwesenden im Gericht in Ohnmacht.“ (Siehe: Ibn Battuta, C.H. Beck). اتحاد طنجة مع شباب قصبة تادلة : بطولة القسم الثاني في الملعب الطنجة الكبير Wieder zurück zum Spielbesuch: Die Fans sind nicht so schwächlich wie Malediver und unheimlich zahlreich. 10.000 für eine Zweitligapartei ist weit überm Durchschnitt und ein Drittel davon supportete durchgängig in der Kurve unter der funktionsfähigen (!) Anzeigetafel. Die Gesänge waren vom allerfeinsten: melodiös, ausdauernd, kompliziert im Test und trotzdem laut. Schon nach wenigen Minuten wusste ich, warum ich die viel zu teuren 50 Dh.-Karten für die Haupttribüne holte: alle Frauen saßen auf der Haupttribüne (wo selbst die Sicherheitskräfte freundlich waren und niemand irgendwie blöd glotzte), da sie alle so ängstlich wie Fayza im Bezug auf Feuerwerk sind. Und auf den billigen Plätzen (mit 30 Dh. immer noch zu teuer für Liga 2) gab es zum Intro gleich mal Rauchkerzen in Vereinsfarben, Stoffbänder und ein arabisches Spruchband „30 Rauchkerzen, 1.000 Tränen“ (reimt sich im Arabischen in etwa auf dem Niveau wie „Pyromanie – jetzt oder nie“). Kassenrollen kamen geflogen, mehrere Leuchtraketen wurden abgefeuert und noch vor der Pause gab es einige Bengalos in mehreren Farben zu bestaunen.

Das Spiel fand auf erfreulich hohem Niveau statt. Von der ersten Minute an spielte Tihad Tanger, die sich nur im hinteren Mittelfeld befinden und ein paar Punkte weniger als der Gegner aus Kasbah Tadla auf dem Konto haben, nach vorne und versuchte ein Tor zu erzielen. Die erfreulich offensive Spielweise wurde aber nicht belohnt, sondern führte zu Fehlern die Konter provozierten. Kasbah Tadla bekam dann einen Freistoß kurz vor der rechten Strafraumecke, den Fayza völlig richtig kommentierte: „Wenn der JSKT-Spieler direkt aufs Tor schießt, fängt der Torwart wieder den Ball wie vorhin – aber wenn er einen der drei Mitspieler vorm Fünfmeterraum anspielt, trifft einer zum 1:0“. Genauso machte es der JSKT-Kicker auch und es stand 1:0 durch einen Kopfball aus sechs Metern am Torwart vorbei! Also dass jemand erst zum zweiten Mal bei einem Spiel im Stadion dabei ist und trotzdem Taktikverständnis zeigt und nicht eine sinnlose Frage stellt, habe ich echt noch nicht erlebt!

Nach dem 0:1 wurden die Zuschauer kurz etwas ruhiger, aber drängten dann die Mannschaf umso heftiger nach vorne: Chancen gab es nun trotzdem weniger für die Heimelf, sodass es beim Pausenrückstand blieb. In der zweiten Hälfte war es dann anfangs etwas ausgeglichener, doch die gefährlicheren Chancen hatte Tihad Tanger. Ab der 60. brannten sie dann ein echtes Offensivfeuerwerk mit Pfostentreffer und Torwartparaden ab. Gut 25 Minuten vor Abpfiff gab es ein Handspiel im Strafraum von Kasbah Tadla und der völlig zurecht verhängte Elfer wurde sicher ins Eck geschossen. Zu mehr sollte es allerdings nicht reichen, was außer uns beiden Neutralen so gut wie niemanden zufrieden gestellt haben dürfte… اتحاد طنجة مع شباب قصبة تادلة : بطولة القسم الثاني في الملعب الطنجة الكبير Ich brachte Fayza nach Larache zurück, wo sie in einem der Hotels, wo wir gestern erfolglos fragten, sofort ein Zimmer bekam, da alle Läufer abgereist waren – und aufgrund der Probleme gestern sogar zum reduzierten Preis von 50 statt 70 Dirham (also nur 4,50€!).
Nachdem wir uns verabschiedet hatten und ich ihr versprach Anfang Januar zu Besuch zu kommen, machte ich mich auf den 350km langen Weg zurück nach Fès. Kaum war ich zurück, konnte ich mir die frechen Sprüche von Ryan anhören – der hatte nämlich spitzgekriegt, dass ich normalerweise mit ihr verheiratet sein müsste um so eine Tour zu machen – die nach Übersetzung von Khadija bei den Kindern für lautes Gelächter sorgten.

Während unsere Tour für die Familie unglaublich selbstverständlich war und nur wegen unserer Notlügen und der Übernachtung im Auto gewitzelt wurde, musste ich mich am Montag sehr zurückhalten. Denn selbst den nettesten Lehrern am Institut sollte man nicht zu viele Details erzählen. Malika ist nicht unbedingt konservativ, aber ihre erste Frage, nachdem ich bloß gesagt habe, mit wem ich nach Tanger gefahren bin und warum, war: „Haben das ihre Eltern erlaubt oder nur Khadija?“ Und ja, natürlich wussten alle – Eltern und Geschwister – davon und es hatte keiner etwas dagegen. Malika natürlich auch nicht, aber sie warnte mich (unnötig aber umso eindringlicher) davor, so etwas als normal anzusehen in Marokko oder anderen Marokkanern zu erzählen, dass ich das Wochenende mit einer Freundin, die ich erst zwei Monate kenne und die genauso unverheiratet ist wie ich, verbracht habe und wir solche Sachen wie eine Übernachtung im Auto und Frühstück im Kaffeehaus gemacht und uns je nach Situation auch mal als verheiratet oder verschwägert ausgegeben haben. Die meisten Marokkaner würden sie wirklich, ohne sie persönlich zu kennen, als ungläubige Schlampe abstempeln.

Als Fazit bleibt jedenfalls, dass dieses Wochenende so ziemlich das lustigste des ganzen Aufenthaltes war: zwei sehr lohnende Spiele in zwei tollen Grounds, einige gute historische Sehenswürdigkeiten und mit einer wirklich sehr angenehmen und stressresistenten Mitfahrerin von einer kuriosen Situation in die nächste… 
اتحاد طنجة مع شباب قصبة تادلة : بطولة القسم الثاني في الملعب الطنجة الكبير
Statistik:
- Grounds: 1.044 (2 neue; diese Saison: 73 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.951 (heute 2, diese Saison: 95)
- Tageskilometer: 1.060 (Sa: 480km Auto, So: 580)
- Saisonkilometer: 26.070 (25.030 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 9 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 384