Montag, 18. November 2013

W381II: Marokkanisch-Senegalesische Fanfreundschaft und Schöner Amateurfußball in Sebata

--------- Senegal / Senegal / السنغال ----------
........................... 1:1 (0:0) ..........................
Elfenbeinküste / Côte d’Ivoire / ساحل العاج
- Datum: Samstag, 16. November 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: Rückspiel der Play-off-Runde des Afrikanischen Fußballverbandes CAF zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien
- Ergebnis: 1-1 nach 98 Min. (47/51), Halbzeit: 0-0 – Hinspiel: 3-1 für Elfenbeinküste, Gesamtresultat somit: 4-2 für Elfenbeinküste
- Tore: 1-0 77. Moussa Sow (Foulelfmeter), 1-1 95. Salomon Armand Magloire Kalou
- Verwarnungen: Gnégnéri Yaya Toure, Jean-Jacques Gosso Gosso, Gervais Lombe Yao Kouassi „Gervinho“ (alle Elfenbeinküste)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Mohamed V [مركب محمد الخامس] (Kap. 67.000, davon 40.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 30.000 (ca. 12.000 Senegalesen, 12.000 Ivorer und 6.000 Marokkaner u.a.)
- Unterhaltungswert: 9,0/10 (Hervorragendes Spielniveau, interessante Atmosphäre, aber ein anderes Resultat wäre bei dem Spielverlauf schöner gewesen)

Club Chabab Fath Athletic Casablancais (شباب فتح البيضاء)
........................................ 2:2 (0:2) ........................................
Hassania Athletique Sidi Slimane ........ (حسنية سيدي سليمان)
- Datum: Samstag, 16. November 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Amateur 2, Groupe Nord-Ouest [بطولة القسم الوطني الثاني هواة] (= 4. Marokkanische Liga; 2. Amateurliga, Gruppe Nord-West)
- Ergebnis: 2-2 nach 97 Min. (48/49) – Halbzeit: 0-2
- Tore: 0-1 27. (3), 0-2 36. (11), 1-2 57. (5), 2-2 60. (NN)
- Verwarnungen: 2, 24 (CCFAC); 5, 8 (HASS)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Municipal de Casablanca-Sebata, Terrain Ba Mohamed [مركب با محمد = ملعب البلدي بسباتة البيضاء] (Kap. 1.500, davon 1.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 400 (darunter ca. 10 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Wirklich guter Amateurfußball mit guter Stimmung) . Photos with English and Arabic Commentary:
a) World Cup 2014, Final Qualifying: Senegal v Ivory Coast at Stade Mohamed V, Casablanca (Morocco)
b) Moroccan Amateur League, 2nd Level: Chabab Fath Casablanca v Hassania Sidi Slimane, Sebata Stadium

Video on MyVideo.De:
Moroccan Fans supporting Senegal

Irgendwie komm ich doch dauernd nach Casanoir – es sind halt einfach immer interessante Sportveranstaltungen dort! Nächste Woche wieder, denn einige aus meiner Gastfamilie wollen das Große Derby mit mir live sehen und der Rest Verwandte besuchen… Doch dieses Wochenende waren blöderweise alle unpässlich: Khadijas Verwandtschaft in Casa nicht da, Hamza hatte Schule, Zaki und Mohammed Arbeit, Fayza Besuch von anderen Verwandten und Khadija mit dem neuen Gast aus den USA sowie alten Bekannten, ebenfalls Amerikanern, zu tun. Und damit ich mal wieder Geld für ein Hotel ausgebe (hatte ich in den letzten 7 Wochen ja nur einmal tun müssen), waren alle drei deutschen Kontakte in Casa übers Wochenende verreist. Fredi besuchte sogar jemanden in Fès, während ich weg von Fès nach Casa fahre – super Timing…

Bevor ich mich richtig auf die Piste machte, fuhr ich bei der Total am Royal Mirage Hotel vor. Wartungen übernehmen hier neben den Autohändlern auch die größeren Tankstellen, wobei letzteres billiger ist. Ölwechsel, Bremsflüssigkeit und Luftfilter und so was durchgesehen, mal unterm Auto geguckt und Scheibenwaschmittel nachgefüllt. Der Typ war lustig: studierter Ingenieur und seit Jahren Mechaniker, da keine Stelle gefunden. Der sprach richtig gutes Hocharabisch, brachte mir Begriffe bei, die ich an der Tanke und in der Werkstatt gebrauchen kann, und freute sich nicht nur über meine Arabischkenntnisse: „Hervorragend! Du kannst nicht nur gut Arabisch, sondern fährst auch ein typisch-marokkanisches Auto [sehr viele fahren Dacia], hörst marokkanische Musik [er hatte das Radio während der Wartung angemacht und ich hatte einen Sender mit nur arabischsprachiger Musik], hast marokkanische Freunde… Bist du verheiratet?“ – „Nein“ – „Dann wirst du, so Gott will, mal eine Marokkanerin heiraten…“ – „Inshallah…“ الشباب الفتح الدار البيضاء و الحسنية سيدي سليمان - دوري الهواة القسم الثاني Nach Ende der Autobahn vor Salé fuhr ich die Rochade nur bis Temara und zweigte dort auf die erbärmlich schlechte Bundesstraße nach Casablanca ab: staubig, dreckig, schlechter Asphalt, überfüllt – aber landschaftlich phasenweise ganz reizvoll und eine spektakuläre Brückenpassage mit dabei. Und insgesamt spart es knapp 30 Dh. Maut. In Ain Sebaa holte ich mir was in dem riesigen Marjan – topp sortiert, sehr gut, aber viele Produkte kosten fast oder genauso viel wie in Deutschland.

Irgendwie fand ich ohne großes Verfahren und nur nach meiner Ortskenntnis von diesem Drecksmoloch Casablanca vom Ortsteil Ain Sebaa nach Sebata. In der Nähe vom Stade Tessema in Beni Msick liegt dort ein weiteres schönes Amateurstadion im Arbeiterviertel: das auch als Terrain Ba Mohammed bezeichnete Stadtstadion von Sebata. Der Eintritt zum Viertligaspiel war wie gewohnt frei. Es fanden sich trotzdem nur 400 Zuschauer ein, was für diese im Spielniveau mit den deutschen Landesklassen aber in der Ausdehnung eher mit den Oberligen vergleichbaren Division, eher wenig ist. Die 200km von Sidi Slimane (in gutem Arabisch: Sayyid Sulayman, könnte man mit St. Salomon übersetzen) ist kaum jemand mitgekommen – ich parkte übrigens direkt hinter deren Mannschaftsbus… Und ansonsten waren überwiegend Kinder und Jugendliche aus der Arbeitersiedlung da. Entsprechend ging es auch ab: emotionale Anfeuerungen, Pöbeleien, Kassenrollenwürfe, Fahnen und Banner und sogar Rauchbomben und Böller gab es zu bestaunen! Diese Ultras „Devils“ waren gar nicht mal schlecht!

Geparkt wird auf der Straße vor der unspektakulären Stadionmauer. Innen sieht es gut aus: das Kunstrasenspielfeld ist von alten, hohen Maschendrahtzäunen umgeben, doch in den oberen Reihen der sechsreihigen Sitztribüne kann man gut drüber gucken. Zwischen der Sporthalle und der Tribünenrückwand wuchert gewaltig das Grünzeug. Gegenüber werden Häuser neu gebaut, während sich links bereits dicht am Platz primitive Wohnblocks befinden, stehen rechts vom Platz mehrere Wellblechhütten, die auch bewohnt sind. Neben mir saß ein freundlicher älterer Bäcker, der von Ain Sebaa mit dem Moped gekommen war: „Ich fahr auch immer mal zu anderen Vereinen“ meinte der. Das lobte ich und erwähnte natürlich, dass ich vor allem alle Vereine der Botola 1 und 2 besuchen will, was er wiederum sehr gut fand aber für seine Verhältnisse als zu teuer bedauerte: „Wenn ich auch nur die Hälfte aller Auswärtsspiele von Raja mitfahren würde, ist meine Familie bankrott…“ Er klopfte mir zwar lachend auf den Rücken, aber übertrieben klang das nicht!

Das Spiel war bester Amateurfußball: mal ein bisschen Leerlauf zwischendrin und manchmal zu viel Gemecker, aber hier wurde gut um die Pille gekämpft und technische Mängel mit Laufarbeit und offensiver Spielweise ausgeglichen. Obwohl Chabab Fath (die Jugend der Eroberung) mehr Bälle aufs Tor brachte, ging der Gast in Führung. Die rissen daraufhin auch das Spiel an sich und erzielten per Kopf das 0:2. Nach der Pause kam Chabab Fath unerwartet zurück. Eine weitere Bogenlampe aus 20m wie beim 0:1 führte zum 1:2 und nachdem nur drei weitere Minuten gespielt waren, netzte Chabab Fath mit einem tollen Weitschuss aus 30m ins lange Eck zum Ausgleich ein. Der hatte trotz zahlreicher Torchancen auf beiden Seiten bis zum zeitigen Abpfiff (nur 3 bzw. 4 Minuten Nachspielzeit? Beim letzten Spiel, das ich in dieser Liga gesehen hatte, wurde angemessene 15 Minuten nachgespielt!) Bestand… الشباب الفتح الدار البيضاء و الحسنية سيدي سليمان - دوري الهواة القسم الثاني Es ging gleich weiter ins Stadion Mohamed V. wo ein internationales Spiel, ein entscheidendes Match um die Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien, anstand. Leider ohne marokkanische Beteiligung, aber Hauptsache Länderspiel!

Aufgrund baulicher Mängel am Nationalstadion von Dakar und dem Nichtvorhandensein anderer FIFA-tauglicher Anlagen im Senegal, muss die Nationalelf gegen den scheinbar übermächtigen Gegner aus der Elfenbeinküste (ja, das heißt Elfenbeinküste und nicht Cote d’Ivoire, wie mir in Deutschland schon mal irgendwelche Hyperkorrekten erklären wollten, die aber wahrscheinlich nicht wissen, dass Cote d’Ivoire auch nur „Küste des Elfenbeins“ heißt) ins Ausland ausweichen. Aufgrund der hohen Zahl von senegalesischen Migranten in Marokko entschied man sich für das Stadion in Casablanca.

Heute war ich anfangs so was von neutral wie lange nicht: die großkotzige Startruppe der Elfenbeinküste geht mir auf den Sack und die Senegalesen dürften gar nicht dabei sein, denn sie hatten in der Vorrunde gegen Mauretanien sensationell verloren wobei leider deren scheiß Regierung nicht die nötige Kohle für die Hauptrundenspiele rausrücken konnte oder wollte sodass sie sich vom Wettbewerb zurückziehen mussten.

Nach einer Weile stiegen meine Sympathien für Senegal aber etwas, was weniger damit zu tun hatte, dass ich Pelouse-Karten für nur 20 DH (1,80€) im senegalesischen Sektor hatte, sondern vielmehr wie gut die Mannschaft spielte und wie die Atmosphäre im Stadion war. Es war nämlich sehr interessant zu beobachten, wie die Tausenden marokkanischen Fans in ihrer Mehrzahl verteilt waren und wie sie auftraten: 90% mischten sich unter die Senegalesen und heizten die Stimmung mit „Sinighal olè/ Senegal whoop-whoop“-Sprechchören oder Beschimpfungen wie „Drogba, Drogba – vaffanculo“ an. Dabei kamen eher wenige mit Senegalesen gemeinsam ins Stadion: ein paar Freundesgruppen gab es schon, auch Paare mit schwarzer Frau und arabischem Mann oder Berberin und Senegalese, aber die Mehrheit kam einzeln, in Gruppen oder gar als Familie und supportete einfach unter den Senegalesen mit. Es wurde auch fleißig mit den Landesflaggen posiert, ein paar Raja-Ultras fotografierten sich zigmal mit einem Oberfan der Senegalesen: sehr dunkel, sehr groß, sehr schlank, bunte Klamotten, Neonturnschuhe, enorme Rastalocken und dann noch so eine alberne, zu kleine Strickmütze in Landesfarben auf dem Kopf – klar, dass der Interesse auf sich zieht…

Als Motiv für die Unterstützung der Marokkaner für den Senegal kommt übrigens einiges zusammen: Mohammed und Abdelhadi meinten, dass die Mehrheit aus Ärger über das Scheitern Marokkos an der Elfenbeinküste in der Hauptrunde der Quali Senegal unterstützten, andererseits halten auch etliche (übrigens auch Khadija vor der Glotze) aus Prinzip zum Underdog und manche empfinden Senegal als geographischen Nachbarn der somit näher liegt als die Elfenbeinküste – und bei Freundschaften ist sowieso klar für wen man hält. Doch letzteres ist leider eher die Seltenheit: es ist allgemein bekannt, dass schwarze Marokkaner und Zuwanderer aus Senegal, Mali etc. kaum integriert werden und meist sehr für sich leben (was z.B. auch wieder im benachbarten Algerien besser funktioniert). Und bei weitem nicht alle Marokkaner kommentieren die neuen Finanzhilfen des Königshauses für Flüchtlinge und Auswanderer aus Senegal usw. (soll v.a. deren gesundheitliche Lage und die Wohnsituation verbessern) so wohlwollend und als richtig und wichtig wie Fayza und Khadija…

Das Spiel war dann ein wirklich hochwertiges beider Teams: Senegal drängte auf den frühen Treffer und die Ivorer konterten. Lange Zeit blieben jegliche Torschüsse erfolglos, wurden abgewehrt, abgeblockt, verfehlten den Kasten oder landeten sonst irgendwie wieder vor dem Strafraum wo sie nicht selten von einem Verteidiger per Fallrückzieher in den Mittelkreis befördert wurden. Hier wurde technisch auf hohem Niveau gespielt und trotzdem enorme Laufarbeit geleistet. In erster Linie ging das alles von den unter Zugzwang stehenden Senegalesen aus: die Feldüberlegenheit war drückend und die Chancenverteilung eindeutig einseitig. In der Schlussphase wurde der Druck der Senegalesen doch zu hoch für die großkotzigen Elefanten und sie verursachten einen Elfmeter, der sicher verwandelt wurde. Eine Riesenchance später und die Ivorer konterten wie das solche Startruppen halt immer machen: drei gegen eins und den Torwart, umkurvt, quer gepasst, sicher abgeschlossen und der Ball zappelt im langen Eck. Das 1:1 war völlig unverdient, aber wenn man bedenkt, dass Senegal eigentlich gar nicht so weit hätte kommen dürfen, ist das Resultat nicht mehr ganz so schlimm.

Die Ivorer führten Jubeltänze auf dem Feld und vor der Tribüne auf, während aus dem senegalesischen Block einzelne Gegenstände flogen und gepöbelt wurde – toll wie sich auch hier wieder die Marokkaner mit ihren senegalesischen Fanfreunden einig waren: von schräg hinter mir kamen zwei Plasteflaschen geflogen, die eine von einem Senegalesen und die andere von einem Marokkaner geworfen…

An der Ausfallstraße Richtung Autobahn, gleich hinter dem Brückentunnel stadteinwärts habe ich dann ein günstiges Hotel aufgetrieben: gute, ordentliche, einfache aber nicht völlig spartanische Einzelzimmer mit kleinem, absolut funktionsfähigem Badezimmer gibt es im „Funduq/ Hotel Cluny“ für rund 18,50€, Doppelzimmer für rund 27€. . Statistik:
- Grounds: 1.034 (1 neuer; diese Saison: 63 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.940 (heute 2, diese Saison: 84)
- Tageskilometer: 330 (330km Auto)
- Saisonkilometer: 22.740 (21.700 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 2 [letzte Serie: 8, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 381

W381I: Torloses Unentschieden bei den Islamisten

Wydad Athletic de Fès (نادي الوداد الرياضي الفاسي)
................................ 0:0 (0:0) ..............................
Chabab Rif Al-Hoceima (نادي شباب الريف الحسيمي)
- Datum: Freitag, 15. November 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (= 1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 0-0 nach 97 Min. (47/50) – Halbzeit: 0-0
- Tore: keine
- Verwarnungen: 14, 17, 20 (WAF); 4, 14 (CRH)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Complexe sportif de Fès [لفاس الرياضي المركب] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 450 (darunter ca. 35 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 2,0/10 (Zwei scheiß Vereine lieferten eine scheiß Leistung ab) البطولة المغربية - وداد الفاسي و الشباب الريف الحسيمي Photos with English and Arabic Commentary:
Wydad Athletic Fès v Chabab Rif Hoceima (Moroccan Professional League)

Video on MyVideo.De:
Supporters’ Songs and Islamists’ Chants during Wydad v Chabab Rif

Mit meiner Gastfamilie Nachrichten zu gucken gehört seit Beginn des Aufenthaltes zum Standard – das schult ja auch die Sprachkenntnisse und führt oft zu interessanten Unterhaltungen. Anfang der Woche war es besonders interessant, denn in den Sportnachrichten ging es u.a. um das Trainerchaos bei Maghreb Fès: Rössli ist schon der neue Trainer, aber Skitioui darf nun doch bleiben, da das die Spieler so verlangt haben und daher macht Rössli eigentlich nur den Co. Und wie auch immer; alle wollen Banani, den Präsidenten der wohl so dämlich ist wie sein Nachname, weg haben, da er den Verein nicht mehr führen kann. Überall in der Stadt sind Graffitis „Inqadhu Maghreb al-Fasy“ (Rettet Maghreb Fès) und „Irhal Banani“ (Banani raus)angebracht worden in den letzten Tagen. Das Hauptproblem des Clubs: die Spielergehälter wurden seit fünf Monaten nicht mehr vollständig gezahlt, nur der Trainerstab kassiert normal, es gibt Streit mit Sponsoren und mit den Fans so wie so.

Ums Geld ging es dann auch im Gespräch mit Khadija und Zakariya. Viele Araber sind ja sehr offen im Umgang mit diesem Gesprächsthema, aber in der Gastfamilie wird wohl aufgrund ihrer Erfahrung mit Ausländern etwas zurückhaltender über Geld geredet. Nur Zakariya fing laut an zu erzählen, denn er ist jetzt ganz stolz, dass er einen dreistelligen Dirham-Betrag pro Woche verdient. Er hat mit seinen 14 Jahren die Schule geschmissen und den Verkäuferjob im Großmarkt in der Neustadt angenommen, den ein Kumpel zugunsten einer anderen Stelle aufgegeben hatte. Malika fand das unmöglich – „Mit 14 die Schule abbrechen? Der Junge hat doch keine Zukunft! Der wird wie mein Neffe sein bisschen Geld für Kaffeehausbesuche und Zigaretten ausgeben…“

Als Ende der Woche noch mal das Thema aufkam, wartete Khadija ehe die fleißig lernende Rita aus dem Raum war, und meinte dann merklich leiser zu mir: „Weißt du, eigentlich finde ich es ja nicht schön, dass Zaki die Schule geschmissen hat. Aber er verdient Geld. Nicht viel, aber er kann jetzt ein Konto eröffnen und er lernt bei dem Verkäuferjob auch etwas für später. Das Schlimme ist nämlich, dass man hier in Marokko oft jahrelang zur Schule und zur Uni geht, die Prüfungen besteht, die Zeugnisse sammelt und dann doch in der Arbeitslosigkeit landet oder Berufe weit unter seinem Niveau ausübt. Du kennst doch Amin? Der ist studierter Pharmazeut und arbeitet seit kurz nach seinem Studienabschluss in der Stadtbibliothek! Und du hast doch gestern wieder so lange mit Fayza gechattet? Sie hat dir doch bestimmt gesagt, dass ihre Bewerbung in Meknes abgelehnt wurde. Jetzt hat sie den Master und schon parallel zum MA-Studium nach BA-Abschluss hat sie drei Jahre lang einen Job in ihrem Ingenieursbereich gesucht – vergeblich. Und jetzt sieht es auch nicht besser aus! Oh Herr (Ya Rabb)… Ich weiß manchmal echt nicht, warum ich Rita zum Lernen dränge… vielleicht weil sie es, wenn sie mal in 10 Jahren ein Studium anfängt, so Gott will, einfacher hat und es dann mehr Möglichkeiten gibt, in dem mühsam erlernten Berufsfeld zu arbeiten. Aber Gott weiß es am besten, was die Zukunft bringt – wir können nur hoffen, dass sich die wirtschaftliche und Bildungs-Lage verbessert…“

Also nicht, dass es solche Probleme in Deutschland nicht auch (in weitaus schwächerer Form allerdings) gäbe, aber dass die einheimischen Firmen zum Beispiel nur 10% der Ingenieurswesen-Absolventen übernehmen, so wie das in Marokko der Fall ist - und so selbst die Hälfte der im Ausland studierten marokkanischen Ingenieure nicht ihren gelernten Beruf ausüben können - ist bei uns nun wirklich nicht der Fall.

Der Oberknaller war dann allerdings am Montag, als ihm der Chef auf die Schliche gekommen ist, dass er falsche Angaben zu Alter und Schulausbildung gemacht hat: „du beendest die Schule [vorgesehen mit 16] sonst gibt’s was auf de Goschn!“ Und schon war das Thema Job erledigt und Zakariya am Dienstag wieder in der Schule… البطولة المغربية - وداد الفاسي و الشباب الريف الحسيمي Zurück zum Freitag: dort ging es zum anderen von Finanzproblemen gebeutelten Verein aus Fès. Wydad ist der kleinere Club, der eher die bürgerlichen Schichten anlockt, aber auch da klemmt es bei den Finanzen. Letzte Saison hätten sie ja fast zurückziehen müssen, wenn nicht ein weiterer Sponsor eingesprungen wäre und diese Saison sind mehrere Spieler aus Finanzgründen gegangen und mit dem schwachen Kader mit vielen unerfahrenen Jugendspielern steht WAF auf dem letzten Platz mit nur 2 Punkten aus 8 Spielen.

Für 30 Dirham holte ich mir eine Karte für die Pelouse: im Kassenhäuschen ging das Licht nicht, sodass der Kassenwart eine Kerze auf dem Tisch stehen hatte. Das Stadion war gähnend leer. Irgendwie war der Gästeblock heute auf der Mitte der Gegentribüne und zuerst ging die Stimmung auch nur von den Kabylen aus. Neben mir setzte sich ein sehr freundlicher junger Mann namens Mohcen, der sich auch nur auf Arabisch mit mir unterhielt. Wir wechselten dann nach einer halben Stunde, da die Ultras von WAF in die Hintertorkurve unter der Anzeigetafel stürmten, in diesen Sektor, denn Mohcen ist WAF-Fan und hatte nur den falschen Eingang genommen. Das Wechseln hatte den Vorteil, dass ich nun im Stadion einmal rum bin und in jedem Sektor gesessen habe… Und außerdem konnte ich dann aus nächster Nähe erfahren, was bei WAF für Typen unterwegs sind.

Im WAF-Block angekommen wurde ein Banner hochgehalten: „WAF li-r-ridjâl faqat“ (WAF nur für Männer) – erst als mir wieder einfiel, dass marokkanische Vereine Fördergelder bekommen, wenn sie Frauensport unter ihrem Dach fördern, wusste ich wieder, dass das auf die Pläne der Vereinsführung, wie Maghreb und Wyfaq Fès halt auch, eine Frauenfußballmannschaft aufzubauen, abzielt. Mohcen ist wie die Vereinsführung moderat islamistisch oder einfach religiös konservativ. Aber unter den Ultras sind, obwohl sie durchweg westlich gekleidet und teilweise „unislamisch“ gestylt sind, einige Hardliner und unter den Normalos auch. Also dass das Glaubensbekenntnis durchs Stadion hallt oder Allahu Akbar gerufen wird ist ja gar kein Problem, aber Forderungen nach einem islamischen Staat und Parolen gegen Israel (Judenstaat) müssen nun wirklich nicht sein. Wie Khadija schon richtig meinte, als ich ihr vom Spiel erzählte: „Darf doch nicht wahr sein, so was! Das ist doch kein politischer Debattierklub so ein Stadion – die sollen die Mannschaft anfeuern!“

Das Spiel war sehr dürftig: beide Mannschaft versuchten alles aber konnten nichts. Torchancen wurde kläglich vergeben, Abspielfehler, technische Unsicherheiten, billige Fouls – dass die beiden da erste Liga sind, ist eine Schande! Hoffentlich steigen die beide ab, denn die anderen Abstiegskandidaten sind allesamt besser als die zwei Scheißmannschaften!

Bei der Rückfahrt stellte ich durch den Rückenwind einen neuen Zeitrekord auf: 28 Minuten vom Stadion zur Wohnungstür mit dem Fahrrad…
Dort angekommen war der Besuch aus den USA schon da und neben ihren Reiseberichten sorgten auch meine Erzählungen vom Spiel für gute Unterhaltung. Die größten Lacher erntete aber Rita: als Hamza mir eine grammatikalisch völlig verquere Frage zu meinen Reiseplänen stellte („ila aina mal’ab turid safarta ghada?“), meinte Fayza zu mir: „Mein Gott, soll das Fusha sein?! Hast du ihn verstanden? Weißt du was er falsch gemacht hat?“ Ich schaffte es in der Tat den Satz richtig zu formulieren (ila ayya mal’ab turîdu an tusâfira ghadan?) und während mich Fayza lobte und meinte „Super! Du kannst wirklich schon richtig gut Arabisch“, fing Rita an Hamza auszulachen und meinte: „Hamza, du Depp! Er ist Deutscher und kann besseres Arabisch als du als Marokkaner…“ البطولة المغربية - وداد الفاسي و الشباب الريف الحسيمي Statistik:
- Grounds: 1.033 (kein neuer; diese Saison: 62 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.938 (heute 1, diese Saison: 82)
- Tageskilometer: 40 (40km Fahrrad)
- Saisonkilometer: 22.410 (21.370 Auto/ 990 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 0 [letzte Serie: 8, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 381

Montag, 11. November 2013

W380III: Ein würdiges Spitzenspiel – hohes Niveau und schöne Tore auf dem Feld sowie Gesänge, Pyro und Tumulte auf den Rängen

Union de Mohammédia - (نادي اتحاد المحمدية الرياضي)
.................................. 0:2 (0:1) ..................................
Club Omnisport De Meknès (النادي الرياضي المكناسي)
- Datum: Sonntag, 10. November 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: Botola 2/ GNF 2 [2 البطولة الوطنية المغربية] (Zweite Marokkanische Fußballliga, Halbprofiliga)
- Ergebnis: 0-2 nach 96 Min. (46/50) – Halbzeit: 0-1
- Tore: 0-1 32. (NN), 0-2 87. (NN)
- Verwarnungen: NN (USM); NN, 13 (CODM)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade El Bachir [ملعب البشير] (Kap. 15.000, davon 150 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 2.000 (darunter ca. 500 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,5/10 (Siehe Überschrift…) بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Photos with English and Arabic Commentary:
Moroccan 2nd Level: Union de Mohammédia v Club Omisport de Meknes (Stade El Bachir)

Video on Myvideo.De:
Union de Mohammédia v Club Omisport de Meknes: Visiting Support

Am Vorabend rief mich einer der Lehrer vom Institut an: es ging natürlich nicht um die Kursgebühren die ich noch nicht gezahlt habe, sondern um eine Mitfahrgelegenheit. Abdelhadis Schwiegermutter wohnt nämlich in Mohammédia und so fragte er höflich an, ob ich den Familienausflug unterstützen könnte. Da ich vorher die Karre waschen ließ, tanken musste und das mit dem Kreisverkehr falsch verstanden hatte und zu weit gefahren war (eigentlich ist es mittlerweile weder ein Problem für mich, auf Arabisch zu telefonieren, noch mich in Fès zurechtzufinden – aber die Beschreibung mit dem Weg zur Autobahn war nicht so nachvollziehbar) kamen wir erst um 9.30 los.

Kurz vor Tiflet bemerkte ich zu spät den Poliziten mit Kamera im Gebüsch im Mittelstreifen der Autobahn: 5km weiter an der Abfahrt Tiflet wurden wir also (mitsamt drei weiteren, denen ich mit fast 140 hinterher gefahren war) von seinen Kollegen rausgewunken, doch die Uniformierten von der Direktion Tiflet haben anscheinend mehr Stil als ihre Nachbarn aus Meknès. Die Meknessi hätten auf die vollen 300 Dirham bestanden, doch der Polizist aus Tiflet fragte nach der üblichen Aufforderung „Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“, wo ich Arabisch gelernt habe. Worauf das hinauslief war schnell klar, nach einem Gespräch über mein Studium, warnte er mich vor drei Radarfallen auf den nächsten 45km und meinte, dass die Kollegen dort vielleicht nicht die Strafe reduzieren wie er. Aus 300 Dirham wurden jedenfalls 100 (9,50€) – ohne Quittung natürlich aber mit vielen guten Wünschen für mein Studium und einer eventuellen Arbeit in einem arabischen Land…

In Mohammédia angekommen stellte man schnell fest, dass dieser Ort ein tolles Beispiel für die unterschiedliche Wohnqualität der Marokkaner ist: tolle Villen mit Meerblick im französischen Stil, gut sanierte Klein-Plattenbauten, angegraute Betonklötze von Mehrfamilienhäusern und übelste Wellblechhütten auf staubigen Brachflächen. Wir waren bei den Schwiegereltern eingeladen: die wohnen in einem Arbeiterviertel mit staubigen Straßen, lärmenden Kindern, versifften Gassen und grauen Plattenbauten, aber innen sieht ihr Haus ganz hervorragend aus. Sogar ein europäisches Bad und kein Abtritt! Auffällig war nur die konservative Einstellung: die Kinder und Abdelhadis Frau Amina aßen mit der Schwiegermutter (die mich aber handschläglich begrüßte) und deren Schwester in einem anderen Zimmer als Abdelhadi und ich. Da das Essen länger dauerte, nahmen wir den Hauptgang einfach in einer Tüte mit ins Stadion: fettiges Hammelfleisch mit Pfeffersoße im Fladenbrot… بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Das besagte Stadion heißt Stade El Bachir und fasst 15.000 Zuschauer. Es ist auf allen vier Seiten ausgebaut aber recht heruntergekommen. Die Anlage ist sehr symmetrisch angelegt, alle Tribünen haben 15 Reihen, aber nur die Haupttribüne ist überdacht. Unter der Mitte der Überdachung befinden sich auch die einzigen Sitzplätze. Auffällig sind die hohen aber nicht funktionsfähigen Flutlichtmasten und der Wildwuchs hinter den Kurven.

Der Wildwuchs kam einigen einheimischen Jugendlichen sehr zugute, denn sie kletterten so ohne die 20 Dirham (die Abdelhadi wie abgemacht für mich zahlte) blechen zu müssen rein. Und während wir nur Hammelfleischbrote reinschmuggelten, brachten die Chaoten Böller und Flaschen mit. Als eine Gruppe von Meknes-Anhängern 10 Minuten nach Anstoß reinging, flog auch prompt eine der Flaschen nach ihnen – unter heftigen Beschimpfungen flog diese dann zurück in die Gruppe Jugendlicher und es kam zu einer ersten Schlägerei zwischen 10 bis 15 Leuten. Abdelhadi wunderte es schon sehr, dass ich trotz der Rennerei in unserem Sektor noch ruhig sitzen blieb: das Brot in der linken und die Kamera in der rechten Hand…
Kurz darauf versuchten 30, 40 Jugendliche von Ittihad Mohammedia den Gästesektor zu stürmen, doch sofort kamen mindestens 50 Meknessi in die Pufferzone geranntt und warfen mit ein paar Flaschen und Feuerwerkskörpern nach den bescheuerten Mohammedia-Fans und bälzten auch ein paar die sich zu weit vorgewagt hatten. Als die Polizei dazwischen prügelte, ging jeder wieder in den jeweiligen Block zurück und supportete weiter als sei nichts gewesen.

Der Support von Mohammedia war recht dürftig, da nur sporadisch. Abdelhadi meinte auch, dass die Fans des Drittligistens Chabab (Jeunesse) Mohammédia zahlreicher und besser seien. Doch der Anhang aus Meknes ging genial ab: Dauergesang der besseren Sorte, viele Hüpf- und Klatscheinlagen und Pyro mit Bengalos, Böllern und Rauchfackeln.
Ein Fünftel des Anhangs hatten wir ja bereits auf der Autobahn überholt: Bei Salé fiel uns ein Konvoi von acht Kleintransportern, die insgesamt rund 100 schals- und fahnenschwenkende Fans von CODM auf den Sitzen der Fahrerkabinen und v.a. den Ladeflächen (teilweise auf Kisten sitzend) transportierten. Abdelhadi erzählte daraufhin von den finanzschwachen aber umso einfallsreicheren Fans, die viele Vereine haben: zum Auswärtsspiel per Anhalter und auf LKW-Ladeflächen… 24-Stunden-Touren: zu siebt in einem 40 Jahre alten Kleinwagen 10 Stunden auf der Landstraße unterwegs, dann in der Stadt und beim Spiel (4 Stunden) und danach 10 Stunden Heimfahrt… und wer auf der Fahrt sein Geld verpulvert hat oder gar keins dabei hat, der bettelt sich dann die Karten zusammen oder verdient sich das Geld bis zum Anstoß mit Schuhe putzen, Kram verkaufen oder Autowaschen…

Zurück nach Mohammédia: schnell wurde klar, dass das Spiel eines Spitzenspieles würdig sein würde: Tabellenführer Mohammedia wollte die erste Niederlage, die sie in der Vorwoche erlitten, wieder gut machen und der Fünfte CODM wollte den Anschluss an den Aufstiegsbereich (2 Punkte vor dem Spiel auf Rang 2) verkürzen. Der Gastgeber zeigte sich aber erstaunlich unfähig an der Gästeabwehr vorbeizukommen, sodass CODM die meisten Szenen der ersten Hälfte gehörte. Innerhalb von fünf Sekunden je einmal Latte und Pfosten, mehrfach ganz knapp vorbei und nach einer reichlichen halben Stunde dann die Führung.
Nach der Pause hatte der Gastgeber etwas mehr vom Spiel, doch mit zunehmender Zeit konterte CODM immer gefährlicher und die jugendlichen Zuschauer der Heimseite (der Opa neben uns meinte noch recht treffend: „dima mashakil maâ sh-shabâb“ = „immer Ärger mit den jungen Leuten“) wurden unruhig, warfen Gegenstände und rüttelten am Zaun. Als in der 87. dann das herrlich herausgespielte 0:2 in den langen Winkel gesetzt wurde, war das Spiel gelaufen, ging noch flott zu Ende und wurde nach Abpfiff von einem Platzsturm mehrerer jugendlicher Union-Fans gekrönt, die die eine Eckfahne klauten. Schon toll, was in Mohammédia für Leute im Stadion rumkaspern… بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Nach dem Spiel traf ich mich mit Nathalie, die die letzten zwei Wochen mal wieder in Marokko war, in Mohammedia und wir fuhren noch ins benachbarte Casablanca.
Rücksichtslos durch den dichten Verkehr gedrängelt und wieder bei Abdelhadis Schwiegereltern: dort ging es weiter mit Essen und gut gestärkt auf die Autobahn nach Rabat, die voll war und hektisch zu fahren war. Ebenso chaotisch verlief es auf der Umfahrung der Hauptstadt, wo sich alle gegenseitig mehr rechts als links überholten und die Hupe mehr als die Bremse genutzt wurde. Dem stand die gähnende Leere auf der Autobahn nach Fès entgegen.

In Fès kamen wir noch vor 23 Uhr an, wobei ich noch kurz bei Abdelhadis Familie eingeladen war. Auch hier war es wieder so: staubige Straßen, hässliche Hausfassaden, aber innen prima eingerichtet. Schließlich zurück bei Khadija wurde ich schon erwartet: auch hier um 23 Uhr noch Essen auf dem Tisch und sogar das Internet funktionierte wieder einwandfrei, da ein befreundeter Techniker laut Zaki „mal kräftig auf das Modem gekloppt hat“… بطولة القسم الثاني : اتحاد المحمدية و نادي المكناسي في ملعب البشير Statistik:
- Grounds: 1.033 (1 neuer; diese Saison: 62 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.937 (heute 1, diese Saison: 81)
- Tageskilometer: 660 (660km Auto)
- Saisonkilometer: 22.370 (21.370 Auto/ 950 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 8 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 380

W380II: Ein Samstag im Zemmouri-Gebirge

Ittihad Zemmouri Khémisset (الإتحاد الزموري للخميسات) U17
 ....................................... 1:1 (0:0) ........................................
Union Sp. Musulman d’Oujda (الإتحاد الإسلامي الوجدي) U17
- Datum: Samstag, 9. November 2013 – Anstoß: 11.00
- Wettbewerb: Championnat National de Jeunes/ Categorie U17, Groupe Nord [بطولة مغربية لالشباب اقل من 17 سنة, مجموعة شمالية] (Marokkanische Jugendfußballmeisterschaft, Nordgruppe der 1. B-Junioren-Liga)
- Ergebnis: 1-1 nach 93 Min. (48/45) – Halbzeit: 0-0
- Tore: 0-1 60. (19), 1-1 75. (6)
- Verwarnungen: Nr. 2, 5 (IZK); 2x Nr. 10, 1x NN (USMO)
- Platzverweise: Nr. 10 von USMO (93. wg. wiederholtem Foulspiels)
- Spielort: Stade Municipal de 20 Aôut [ملعب 20 غوشت] (Kap. 2.500, davon 1.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 120 (darunter ca. 30 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 5,5/10 (Ganz ordentliches Spiel das eine Weile brauchte um in Gang zu kommen)

Ittihad Zemmouri Khémisset (الإتحاد الزموري للخميسات) U15
....................................... 5:0 (3:0) ........................................
Union Sp. Musulman d’Oujda (الإتحاد الإسلامي الوجدي) U15
- Datum: Samstag, 9. November 2013 – Anstoß: 13.00
- Wettbewerb: Championnat National de Jeunes/ Categorie U15, Groupe Nord [بطولة مغربية لالشباب اقل من 15 سنة, مجموعة شمالية] (Marokkanische Jugendfußballmeisterschaft, Nordgruppe der 1. C-Junioren-Liga)
- Ergebnis: 5-0 nach 84 Min. (42/42) – Halbzeit: 3-0
- Tore: 1-0 8. (9), 2-0 22. (9), 3-0 30. (2), 4-0 49. (5), 5-0 66. (12, Foulelfmeter)
- Verwarnungen: Nr. 11, 12 (IZK); Nr. 18 (USMO)
- Platzverweise: 66. Irgendwer von USMO wg. Schiedsrichterbeleidigung
- Spielort: Stade Municipal de 20 Aôut [ملعب 20 غوشت] (Kap. 2.500, davon 1.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 80 (darunter ca. 30 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 6,0/10 (Gutes aber extrem einseitiges Spiel, das von der starken Heimelf dominiert wurde) بطولة الشباب في ملعب البلدي بخميسات : اتحاد زموري و اتحاد الاسلامي وجدة Photos with English and Arabic Commentary:
a) Under-17 and Under-15 League in Khémisset: Ittihad Zemmouri Khémisset v Union Musulman d’Oujda
b) Zemmouri Mountains: El-Kansera Reservoir Lake

Der Samstag hielt keine so überragenden Ansetzungen parat, aber nicht allzu weit entfernt fand ein Wettkampftag der Jugendmeisterschaft statt: Ittihad Zemmouri (Eintracht Zemmour-Gebirge) Khemissét (Donnerstagsmärkte) gegen Ittihad ar-Riadi al-Islamy Oujda (Muslimische Sport-Union Fundstätte). Wettkampftag deshalb, da die Spiele so angesetzt werden, dass die A-, B- und C-Jugend eines Teams geschlossen in einem Bus zum Auswärtsspiel fahren kann, sodass man in diesen Jugendklassen dann drei Mal hintereinander dieselbe Paarung hat: meist erst die A-Jugend und zum Abschluss die C-Jugend.

Ich nutzte die parallel zur Autobahn verlaufende Nationalstraße und war in wenig mehr als 2 Stunden von Fès nach Khémisset gekommen. In einem kleinen Laden mit freundlichem Besitzer holte ich das zweite Frühstück. Auf dem Parkplatz für die Sportstätten begrüßte mich der Wächter handschläglich. Am Stadion angekommen, stellte ich fest, dass das Stade 20 Aôut und Stade 18 Novembre nicht identisch sind. Das Stadion des 18. November (erinnert an die Einberufung des ersten marokkanischen Parlamentes durch König Hassan II. am 18.11.1963) ist das große für die Männermannschaft, wo nur selten die Jugend oder die Frauen spielen, während jene kleinere Sportanlage des 20. August (am 20.8.1953 setzten die Franzacken den widerspenstigen marokkanischen Sultan ab) auch als Malaab Baladi bzw. Stade Municipal, also Stadtstadion, bekannt ist. Hier spielen meist die Jugendteams von IZK. Im Gelände befinden sich auch noch die größte Sporthalle der Stadt (da war grad Karatetraining) und mehrere Schwimmsporteinrichtungen.

Von Nebenplatz konnte übrigens keine Rede sein beim Stade 20 Aôut: die zehnreihige überdachte Haupttribüne fasst immerhin 1.000 Leute und 500 Leute passen auf eine unüberdachte Hintertortribüne. Ansonsten kann man sich noch um den Platz herum auf einen Plattenweg an den Zaun stellen. Vor dem Sozialtrakt und Vereinsheim kann man auch noch leicht erhöht stehen. Auffällig sind außerdem noch die Bäume auf dem Gelände: neben Palmen sind auch bis zu 10m Hohe Laubbäume, die typisch fürs benachbarte Maamoura-Gebiet sind, zu finden. بطولة الشباب في ملعب البلدي بخميسات : اتحاد زموري و اتحاد الاسلامي وجدة Im Spiel der B-Jugend wurde viel verbissen um den Ball gekämpft, sodass weder Khémisset noch Union Musulman Oujda zu vielen Torchancen kam. Erst in der zweiten Halbzeit lief ein Gästespieler drei Verteidigern davon und netzte zum 0:1 ein. Den viel umjubelten Ausgleich hielt ich nach der Chancenverwertung bis kurz vor Schluss nicht für möglich. Apropos Schluss: die Nachspielzeit von insgesamt 13 Minuten war mal wieder übertrieben lang.

Im C-Junioren Spiel gab es sogar 14 Minuten Nachspielzeit, wobei dort auch der Torwart mal das Trikot wechseln und ein Feldspieler die Schuhe umziehen musste. Gefoult wurde auch relativ regelmäßig, was hauptsächlich an den Gästen lag. Deren Problem war nämlich, mit den schnellen und richtig guten U15-Kickern von Ittihad Zemmouri mitzukommen. Entsprechend früh entschieden die Gastgeber auch das Spiel für sich: drei sauber heraus gespielte Treffer und in der zweiten Halbzeit konnte es für USMO nur noch um Schadensbegrenzung gehen. Zwei weitere Tore und einen Platzverweis kassierten die Schwarz-Weißen aber noch. Dabei war das 5:0 eigentlich noch zu niedrig. Zwei Torchancen in den über 80 Minuten und selber unter Beschuss im Minutentakt. Also das hätte eigentlich zweistellig enden müssen!

Trotz je einem Platzverweis waren beide Spiele ziemlich fair, die Schiedsrichter leider nicht immer so auf der Höhe, aber außer Rummeckern passierte nichts negativ Anzumerkendes auf dem Platz. Auch auf der Tribüne ging es recht vernünftig zu, obwohl mehr Jugendliche als Eltern zuschauten. Nur zwischen den beiden Spielen lieferten zwei etwa 15jährige eine tolle Show ab: sie fingen in der zweiten Reihe laut zu diskutieren an, einer nannte den anderen u.a. „weld ez-zinâ“ (Hurnbub) und der packte den an den Kragen und drückte ihn gegen die anderthalb Meter hohe Brüstung, was der andere mit einer Wrestling-Aktion die sich „clothesline over the top rope“ nennt konterte – und unter lautem Gelächter anderer Jugendliche segelte der Junge über die Brüstung anderthalb Metert tiefer ins Gras. Als er über die Treppe wieder auf die Tribüne stieg, brüllte er noch in Richtung aller anderen Fans: „Ah shnu ketdahku k-hammkîn – was lachts ihr so deppert?!“ بطولة الشباب في ملعب البلدي بخميسات : اتحاد زموري و اتحاد الاسلامي وجدة Bevor ich nach Fès zurückfuhr, machte ich noch einen Abstecher in den Kernbereich des Zemmouri-Gebirges: die Hauptstraße führt durch von kahlen Feldern bedeckte, große Hügel mit tief eingeschnittenen Bachtälern und einzelnen Baumgruppen – und auf engen und landschaftlich sehr schönen Straßen kommt man an einen großen Stausee namens Sadd Kansera. Das Dorf an der Staumauer (Kansera) hat völlig zugewachsene Fußwege – das Begrünungsprojekt wird halt nicht mehr gepflegt – und der Weiler direkt am See nicht mal befestigte Wege. Eindrucksvolle Felsabbrüche sind am gegenüberliegenden Ufer zu sehen, von den 10, 12 Häusern am Westufer sind die meisten aus Lehm.

Einen freundlichen Opa nahm ich von diesem Kaff aus die fünf Kilometer nach Kansera mit – in dem Ortsteil von Kansera der an der Kreuzung der Hauptstraße liegt, ließ ich noch eine ebenso freundliche Jugendliche zusteigen, die die 20km bis Khemiss Ait Yadine, einem größeren Dorf 8km nördlich von Khémisset, mitfuhr. Beide kamen übrigens von der Feldarbeit (u.a. Oliven) und waren sehr ungebildet (sprachen nur sehr hartes Marokkanisch-Arabisch), sodass man sich nur wenig unterhalten konnte. Von dem Mädchen erfuhr ich aber, dass sie Amina heißt und nicht zur Schule geht, da sie für ihre Familie Geld auf den Feldern von einem der Großbauern verdienen muss, da der Vater nach einem Arbeitsunfall nur noch bei einem Schreiner aushilft und nicht mehr Lieferant ist, was mehr einbrachte. Sie verabschiedete sich übrigens mit der Bemerkung, dass sie mich heute nicht einladen könne, da die Eltern in [den Namen von dem Kaff hab ich nicht verstanden] auf dem Markt sind, aber wenn ich noch mal in ihr Dorf kommen sollte, solle ich am Eingang von diesem Haus [deutete auf das direkt gegenüber der OiLibya] klopfen. Ich werd zwar eher nicht nochmal dorthin kommen, aber zumindest war das mal die erste Einladung in Marokko, die nicht von Leuten aus dem Institut oder von der Gastfamilie ausging.

Rund um Meknès kam aufgrund des Königsbesuchs dann zeitweise der Verkehr zum Stillstand an den Kreuzungen, aber ich war trotzdem schon kurz nach 19h in Fès zurück, wo sich dann aufklärte, wer mich am Nachmittag fünf Mal mit unterdrückter Nummer anklingelte: der eine Mitfahrgelegenheit nach Mohammedia suchende Abdelhadi... جبال الزموري بقرب خميسات Statistik:
- Grounds: 1.032 (1 neuer; diese Saison: 61 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.936 (heute 2, diese Saison: 80)
- Tageskilometer: 340 (340km Auto)
- Saisonkilometer: 21.710 (20.710 Auto/ 950 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 7 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 380

W380I: Ein erster Erfolg mit dem neuen Trainer für Maghreb Fès

Maghreb Association Sportive de Fès - (المغرب الفاسي)
................................... 1:1 (0:1) .....................................
Kawkab Athlétique Club Marrakech (الكوكب المراكشي)
- Datum: Freitag, 8. November 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 1-1 nach 98 Min. (49/49) – Halbzeit: 0-1
- Tore: 0-1 35. Khalid al-Qous, 1-1 60. Mousa Tighana
- Verwarnungen: Nr. 8, 12, 18, 28 (MAS); Nr. 5, 6, TW (KACM)
- Platzverweise: Nr. 10 von MAS (92. wg. angeblichen groben Fouls)
- Spielort: Complexe sportif de Fès [لفاس الرياضي المركب] (Kap. 45.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 4.000 (darunter ca. 200 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes und spannendes Spiel) بطولة - المغرب الفاسي مع الكوكب المراكشي Photos with English and Arabic Commentary:
Moroccan Professional League: Maghreb Fez v Kawkab Marrakesh

Zum ersten Mal seit sechs Jahren hatte ich wieder mit Mathe zu tun: zum Glück nur Ritas Grundschulrechnen – das kann ich wenigstens noch und ist auf Arabisch auch nicht schwerer als auf Deutsch. Für sie war es umgekehrt schwerer, meinen unvokalisierten und mit indisch-arabischen Ziffern durchsetzten Text aus einem Geschichtsmagazin vom Sprachkurs zu lesen: bis auf Fayza, die anscheinend auch von allen am meisten Ahnung vom Koran und anderen heiligen Schriften hat (wo im Arabischen nur diese Zahlen genutzt werden), konnte keiner was mit den klassischen Ziffern anfangen, die in der Golfregion und Maschrik dauernd genutzt und im Maghreb nicht mal im Religionsunterricht gelehrt werden. Ist jedenfalls echt lustig, wenn Rita mit mir Hausaufgaben macht… Auch was das Arabisch-Lesen angeht, bin ich von der Geschwindigkeit, der Vielseitigkeit und Korrektheit im Ausdruck und dem Verständnis der Hochsprache kaum über ihrem Niveau als leistungsstarke Drittklässlerin. Aber damit kann man schon einiges anfangen, darauf aufbauen und sich im Übrigen auch damit brüsten schon besser im Arabischen zu sein, als manche der Orientalistik-Absolventen…

Malika brachte es dann fertig, da wir alleine waren, eine Sportzeitung in den Unterricht am Dienstag mitzunehmen: „Wir haben jetzt Kultur-Dokus geschaut, Politiknachrichten gelesen und über Presse und Gesellschaft diskutiert – heute lesen wir mal einen Bericht von einem Spiel bei dem du warst und du sagst mir, was du davon hältst und welche grammatischen Besonderheiten und Formulierungen dir hier auffallen!“ Und schon lag die „al-Masa´“ mit dem Bericht vom Doukkala-Abdi-Derby (El Jedida gegen Asfi) auf dem Tisch – der war übrigens teils seltsam formuliert, denn bei maghrebinischer Presse besteht dasselbe Problem mit dem Hocharabischen wie es bei schweizerischer und österreichischer Presse mit dem Hochdeutschen besteht: komische Monatsnamen (wie bei den Ösis der Jänner), dämliche eins-zu-eins-Übersetzungen aus dem Französischen oder Englischen (wie in der BZ: „Der FC Basel an der Kreuzung“ von „to be at a crossroads“) und leicht veränderte Rechtschreibung (es gibt kein ß in der Schweiz und kein dhal bei einigen marokkanischen Presseorganen). بطولة - المغرب الفاسي مع الكوكب المراكشي Ansonsten war die Woche unspektakulär verlaufen und somit die Freude auf das Freitagsspiel der 1. Liga groß: endlich wieder Maghreb Fès! Kurz vor dem Spiel gegen den Spitzenreiterverfolger aus Marrakesch gab es einen Trainerwechsel: nachdem MAS kein Spiel mehr seit meiner Ankunft in Fès gewann, ist nun ein Schweizer Trainer – Charly Rössli war früher beim FC Sion Coach und hat auch schon Erfahrung bei mehreren nordafrikanischen „Erstdivisionären“ gesammelt (Club Africain Tunis, Wydad Fès u.a.). Dass sich sein Nachname leicht ins Arabische übersetzen lässt, sorgte bei meiner Gastfamilie für Erheiterung: Rössli = Pferd = (hisân) oder „kleines Pferd“ (hisân saghir), was schnell von Rita kommentiert wurde: „Was, der heißt Pony? Mutti, ist doch toll: der Trainer heißt Pony!“ Meine Ausführungen zu schweizerischen Dialekten kamen auch gut an, denn wenn Schweizer im deutschen Fernsehen kein Hochdeutsch sprechen werden die Interviews gerne mal mit Untertiteln unterlegt, was Marokkanern bei Interviews auf Al-Jazeera, MBC und Co. auch häufig passiert…

Die Anfahrt zum Stadion erfolgte wieder per Rad, denn Driss hat noch keine Kohle aus Algerien geschickt, weswegen niemand von der Gastfamilie mitkommen konnte. Ich ließ bei Hassans Radladen noch kostenlos aufpumpen (die meisten Radfahrer haben keine eigene Luftpumpe, sodass das dort ein üblicher Service ist) und kam eine knappe Stunde vorher, nach nur 35 Minuten Fahrtzeit durch den Feierabendverkehr am Stadion an. Der Depp von Parkplatzwächter war noch nicht da, sodass mir ein Polizist riet, zur 200m entfernten Afriquia-Tankstelle zu fahren. Dort konnte ich für 3 Dirham (der Depp am Stadionparkplatz wollte letztes Mal 5) das Rad überdacht anschließen. Nächstes Mal fahr ich gleich zu der Tanke! بطولة - المغرب الفاسي مع الكوكب المراكشي Für 30 Dh. (2,70€) ging es rein ins weite und heute erschreckend leere Rund. Nicht mal der Stadionsprecher war da: das heißt 1. keine Anzeigetafel, 2. keine Mucke, 3. keine Nationalhymne. Und ein Minusrekord war das laut Hamza auch, was die Besucherzahl anging: 4.000, davon 200 recht stimmgewaltige Gästefans. Eine Gruppe von gut 30 Leuten kam übrigens so früh mit dem Zug an (als ich vom Unterricht zurückkam), dass sie erst mal die Altstadt besichtigten und mit ihren Schals vorm Bab Bou-Jeloud (einem der Stadttore) posierten.

Die Stimmung war bis zur Pause trotzdem ganz gut, nur dann stellten die Massawi den Support ein und bejubelten nur noch ihren Treffer. Pyro gab es auf beiden Seiten wenig aber mehrfach.

Das Spiel wusste sehr gut zu gefallen, denn von Beginn an zeigte sich Fès siegeswillig. Mehrere gute Torchancen, einmal sogar auf der Linie abgewehrt, doch nach 25 Minuten fing auch der auf Rang 2 stehende Gast an richtig Fußball zu spielen. Nach 35 schlug dann plötzlich ein Ding knapp unterhalb des Winkels gegen den Innenpfosten und im Netz ein. 0:1 aber ziemlich unverdient. Danach brachte Fès erst mal nichts mehr zustande, was zu heftigen Pöbeleien und vereinzeltem Vandalismus im ganzen Stadion (selbst auf der Ehrentribüne gab es Tumulte!) führte.

Nach dem Seitenwechsel wurde das Spiel sogar noch etwas besser, wobei es ausgeglichener war. Fès kam trotzdem im dritten Nachschuss nach einer reichlichen Stunde zum hoch verdienten Ausgleich. Danach hatten die Schwarz-Gelben von MAS auch noch mehr Möglichkeiten, doch der Siegtreffer blieb ihnen verwehrt. Nur einen unberechtigten Platzverweis in der Nachspielzeit mussten sie noch hinnehmen, da der ansonsten gute Schiedsrichter bei diesem völlig normalen, gelbwürdigen Beinstellen ein grobes Foul gesehen haben wollte. Insgesamt muss der Punktgewinn gegen den Tabellenzweiten aber schon als Erfolg gewertet werden.

Die Rückfahrt verlief genauso schnell wie die Hinfahrt: und das ohne Licht und auch ohne die Hilfe des einen Transportmopedfahrers (so ein Transportmoped ist ein dreirädriges Gefährt mir etwa 2x1,50m großer offener Ladefläche, das von einem kleinen Motorrad angetrieben wird und meist zum Transport von Gemüse, Altmetall und so was dient), der meinte, ich solle mich ruhig dranhängen, bei den 10 jugendlichen Fans die bei ihm auf der Ladefläche hocken, mache das nichts mehr aus… بطولة - المغرب الفاسي مع الكوكب المراكشي Statistik:
- Grounds: 1.031 (kein neuer; diese Saison: 60 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.934 (heute 1, diese Saison: 78)
- Tageskilometer: 40 (40km Fahrrad)
- Saisonkilometer: 21.370 (20.370 Auto/ 950 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 5 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 380

Montag, 4. November 2013

W379II: Unentschieden im Derby der mittleren Atlantikküste

Difaâ Hassani d’El Jadida (الدفاع الحسني الجديدي)
............................. 1:1 (0:0) .................................
-- Olympique Club de Safi (نادي أولمبيك أسفي) ---
- Datum: Sonntag, 3. November 2013 – Anstoß: 14.30
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 1-1 nach 95 Min. (47/48) – Halbzeit: 0-0
- Tore: 0-1 48. Diego Silva, 1-1 76. Lidjy Dadjim Nam
- Verwarnungen: Nr. 14 (DHJ); Nr. 10?, 13, 21 (OCS)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Ben Ahmed El Abdi [ملعب العبدي] (Kap. 7.500 Sitzplätze + 2.500 im Bau)
- Zuschauer: ca. 5.000 (darunter ca. 1.000 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 6,5/10 (Spannendes Spiel auf ordentlichem Niveau und erneut recht einseitige Stimmung durch den Gästemob) الدفاع الحسني الجديدة - اليمبيك اسفي بالملعب العبدي Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Football League: Difaa Hassani Jedida v Olympique Safi
b) El-Jedida and Azzemour at the Atlantic Coast
c) Casablanca – Morocco’s Largest City

Gegen neun ging es schon wieder weg von Casa. Der Parkplatzwächter war schon wach und gut drauf und war begeistert, dass ich Arabisch mit ihm sprach, wunderte sich aber über meine Sprachwahl: „Du kannst echt kein Französisch? Bist du einer von den neuen deutschen Muslimen, dass du nur Arabisch sprechen willst?“ Marokko ist übrigens das einzige arabische Land das ich bisher besucht habe, wo mich Leute gefragt haben, ob ich Arabisch aus religiösen Interessen lerne. Die Frage hat allerdings auch ihren Sinn, denn es gibt in der Tat dort einige Sprachkurse die sich an Islam-Konvertiten richten…

Nach der Unterhaltung dauerte es gar nicht lange, ehe ich aus Casa raus war, doch die Küstenstraße ist eher unattraktiv und hat viele Ortsdurchfahrten. Irgendwann vor Azemmour trifft die Kreisstraße auf die Bundesstraße und man hat einen schönen Blick auf diese attraktive, historische Ortschaft die für ihre künstlerische Gestaltung berühmt ist. In El Jadida angekommen parkte ich kostenlos an der Stadtmauer in der Nähe des neuen Bolzplatzes und lief eine Weile durch die Altstadt. Die einzige Sehenswürdigkeit, die ich noch nicht kannte, war die portugiesische Zisterne (die Portugiesen zeichnen sich auch für die Befestigung der Stadt verantwortlich) die ich für 10 Dh. besichtigte. الجديدة - مددينة برتغالية القديمة : المسقاة البرتغالي Nach einem recht reichlichen Essen (Fisch-Tajine) ging es zum Stadion. Das Stade El Abdi, das ich für 20 Dh. betrat, ist eine halbe Baustelle: die eine Kurve ist im Umbau befindlich, nur die gegenüberliegende (für die Gästefans) benutzbar. Und auch die Gegentribüne sieht nicht so ganz fertig aus, während die Haupttribüne mit ihren grünen Schalensitzen und dem VIP-Sektor in der Mitte schon sehr ordentlich aussieht.

Sehr ordentlich war die Stimmung dann nur vom Gästemob aus Asfi, der lautstark durchsang. Die Heimfans gingen wenig mit: nur einige Ultras, die sich untereinander aber auch immer wieder Auseinandersetzungen lieferten, supporteten den als Sporting Mazagan (portugiesisch) gegründeten Club, der nach zwei Stadtteilen (Difaâ d'Essafa' und Hassania de la Médina) heißt, durchgängig. Selbst bei diesem Derby gab es übrigens anerkennende Grüße zwischen den Fangruppen („tahiyyat Jdidiye jamahir l-asfiyye“ und „tahiyyat al-asafi jamahir difa’iye“).

Das Spiel fing gut an und ebbte nach Chancen auf beiden Seiten ab der 30. Minute ab. Nach der Pause legte Safi richtig los und erzielte einen tollen Treffer in den Winkel zum 0:1. Dieser wurde in der Schlussphase dann mit einem Flachschuss ins lange Eck ausgeglichen. Doch zufrieden war keiner mit dem Unentschieden… الدفاع الحسني الجديدة - اليمبيك اسفي بالملعب العبدي Gleich nach dem Spiel ging es auf die Piste und für etwa 8€ Maut in die Königsstadt Fès, wo ich unerwartet früh – schon 20.45 Uhr ankam.
Zurück in Fès, ich komm rein und die einzigen die im Wohnzimmer Fußball gucken und mir gleich sagen, dass sie auch meine Spiele gesehen haben, sind Khadija und Rita: so viel zum Thema, dass sich marokkanische Frauen nicht so für Sport interessieren würden wie deutsche Frauen, wie das letztere aus unerfindlichen Gründen und obwohl sie in der Mehrzahl nicht mal Ahnung vom Sport haben (jedenfalls nicht mehr als Marokkanerinnen), immer denken… الدفاع الحسني الجديدة - اليمبيك اسفي بالملعب العبدي Statistik:
- Grounds: 1.031 (1 neuer; diese Saison: 60 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.933 (heute 1, diese Saison: 77)
- Tageskilometer: 500 (500km Auto)
- Saisonkilometer: 21.330 (20.370 Auto/ 910 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 4 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 379

W379I: Ein neuer Ground mit Moschee, überraschend guter Frauenfußball und ein echtes Spitzenspiel in Casanoir... ähm Casablanca!

Wydad Athletic Club de Casablanca (نادي الوداد)
.............................. 2:2 (0:1) .................................
---- Mogreb Atlético Tetuán (المغرب التطواني) -----
- Datum: Samstag, 2. November 2013 – Anstoß: 19.00
- Wettbewerb: GNF Botola 1 [لبطولة الوطنية الاحترافية] (1. Marokkanische Liga; Profifußballiga)
- Ergebnis: 2-2 nach 98 Min. (49/49) – Halbzeit: 0-1
- Tore: 0-1 23. Zaid Karouche, 1-1 54. Yehya Haouasi, 2-1 70. Malik Ifouna, 2-2 85. Zahir Naaîm
- Vergebener Elfmeter: Nr. 1 von MAT wehrt Foulelfmeter von Nr. 3 von WAC ab (32. Min.)
- Verwarnungen: Nr. 14 (WAC); Zaid Karouche, Zahir Naaîm, Nr. 20, 24 (MAT)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Stade Mohamed V (Kap. 67.000, davon 40.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 10.000 (darunter ca. 1.500 Gäste-Fans)
- Unterhaltungswert: 8,0/10 (Sehr gutes Niveau, Stimmung leider fast nur durch Gästemob)

Raja C. Ath. Casablanca/ Dames (الرجاء البيضاوي)
................................ 4:0 (0:0) .................................
Wyfak Ittihad Riadi Fès / D. (ويفاق اتحاد ر. الفاسي)
- Datum: Samstag, 2. November 2013 – Anstoß: 15.00
- Wettbewerb: Coupe du Trône de Football Féminin [كأس العرش لالكرة القدم نساوي] (Frauenfußball-Pokal des Thrones; Achtelfinale, Gruppe Nord – 1. Liga Nord gegen 2. Liga Nord)
- Ergebnis: 4-0 nach 95 Min. (46/49) – Halbzeit: 0-0
- Tore: 1-0 68. Nr. 7 (Foulelfmeter), 2-0 78. Nr. ?, 3-0 79. (28), 4-0 85. (21)
- Verwarnungen: Nr. 21 (RCA); 2x Nr. 9 (WIRF)
- Platzverweise: Nr. 9 von WIRF (30. wg. wdh. Fouls)
- Spielort: Stade Tessema [مركب تسيمة] (Kap. 3.000, davon 2.500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 60 (darunter ca. 10 Gästefans)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Wirklich gutes Spiel, das vom Underdog erstaunlich lange offengehalten wurde)

Wydad A. C. de Casablanca/ Espoirs (نادي الوداد)
................................. 4:1 (2:0) ...............................
Mogreb Atlético Tetuán / Espoirs (المغرب التطواني)
- Datum: Samstag, 2. November 2013 – Anstoß: 11.30
- Wettbewerb: Espoirs Elite 1 [دوري الامل] (1. Marokkanische U23-Liga)
- Ergebnis: 4-1 nach 97 Min. (47/50) – Halbzeit: 2-0
- Tore: 1-0 20. (8), 2-0 36. (17), 2-1 70. (18), 3-1 91. (5), 4-1 91. (5)
- Verwarnungen: Nr. 1 (WAC); Nr. 10, 30 (MAT)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Complexe Mohamed Ben Jelloun, Gazonné Synthetique [مركب محمد بن جلون] (Kap. 1.000, davon 500 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 300 (darunter keine Gäste-Fans?)
- Unterhaltungswert: 6,5/10 (Ordentliches Spiel, das ausgeglichener war als das Ergebnis vermuten lässt) وداد البيضاوي و المغرب التطواني Photos with English and Arabic Commentary:
a) Moroccan Professional Football League: Wydad Casablanca v Maghreb Tetouan 
b) Moroccan U23 League: Wydad Casablanca v Maghreb Tetouan 
c) Moroccan Women’s Cup: Raja Casablanca v Wyfaq Fès 
d) Casablanca – Morocco’s Largest City 

Am Mittwoch war großer Auftrieb im Haus, da Driss in der Nacht auf Donnerstag nach Algerien abreiste wo er die nächsten 10 Wochen geschäftlich (Kunstfliesenlegen, Steinmetzarbeiten etc.) von Oran bis Annaba und Algier bis Bechar unterwegs sein wird. Symbolisch übertrug er mir die Verantwortung fürs Haus: als sein „ältester Sohn“ bin ich während seiner Abwesenheit „Mul d-Dar“ = Hausherr, wobei juristisch in Wirklichkeit natürlich Khadija verantwortlich ist.
Jedenfalls kamen Freunde und Verwandte zu Besuch, ich lernte neue Leute kennen, z.B. eine Khadija die Lehrerin für Hocharabisch an einer Grundschule in Fès ist und mit Driss‘ bestem Freund (einem Kunsthandwerker) verheiratet ist und traf einige bekannte Gesichter wieder – auch meine „Frau“, die erstmal ahnungslos auf Zakis blöde Witze reinfiel und sich wunderte, warum alle so laut lachen. Nach der Aufklärung über die Sache am Sonntag in Tetouan fand sie es auch total lustig, wobei Fayza natürlich darauf bestand, dass ich sie weiterhin mit ihrem Namen oder den üblichen Anreden unter guten Bekannten und Freunden (Khity = Schwester bzw. Khalty = Tante) anrede und nicht etwa mit den Kosenamen die Zaki und Hamza (diese unreifen Kerle kennen diese Anreden aber auch bloß aus libanesischen Popsongs) vorgeschlagen haben…

Da alle bis 1 Uhr aufblieben um Driss zu verabschieden, war ich Donnerstag entsprechend unvorbereitet im Institut erschienen. Malika improvisierte einfach in der Hocharabischstunde und wir schauten nur Nachrichten (wie meistens natürlich mehrere Jahre alte Aufzeichnungen, die sich gut für den Unterricht eignen) und unterhielten uns vorher die Hälfte der Stunde über meine Groundhoppingtouren, die korrupte Polizei, marokkanischen Sport und ihre Jugendzeit. Denn Malika ist auch recht sportbegeistert, wobei sie als Anfang-40jährige noch die glorreichen 80er der Fußballnationalelf erlebt hat und den Mannschaften die seit 2000 das Nationaltrikot tragen mangelnden „Ruh al-Watany“ (vaterländischen Geist, nationale Gesinnung) vorwirft. Das hab ich jetzt schon öfters gehört von Leuten ihrer Generation und wenn ich sehe, dass im Stadion vor Ligaspielen oft gar nicht aufgestanden wird wenn die Nationalhymne eingespielt wird und nicht mal die Abschlusszeile „Allah, al-Watan, al-Malik (Gott, Vaterland, König) laut gegrölt wird, verstehe ich, was die Älteren damit meinen.
In ihrer Jugend hat sie übrigens noch miterlebt, wie sie zwar auf der Straße oder dem Bolzplatz mit den Nachbarjungs und ihrem Bruder Fußball spielen durfte, aber in der Schule die Mädchen im Sportunterricht nur Handball, Volleyball und Basketball spielen durften. Wenn man sie jetzt mit ihrer äußerst höflichen und recht ruhigen Art erlebt, wundert man sich schon über ihre Schulanekdoten: vom Klassenlehrer als „Junge“ bezeichnet da sie in der Hofpause immer mit Jungen Fußball gespielt hat, vom Sportlehrer getadelt da sie das mit dem körperlosen Spiel beim Basketball nicht einsehen wollte und ihre Mitspielerinnen umrempelte - und einmal wurden sogar die Eltern einbestellt, da sie einem streitlustigen Mitschüler eine ordentliche Tracht Prügel verpasste… الدار البيضاء Am Samstag stand dann schließlich eine Tour an. Diesmal wieder alleine, da die Verwandten in Casa das Gästezimmer nicht für uns bereitstellen konnten. Die Hausherrin (die Schwester von Khadijas Cousine oder so was) war im Krankenhaus, was in vielen marokkanischen Haushalten (selbst in modernen mit arbeitenden Müttern!) für das totale Chaos sorgt. Aber ich habe ja noch andere Kontakte nach Casa, sodass ich erst Sonntagabend nach Fès zurückkehrte. Samstags um 7 Uhr ging es jedenfalls auf die Autobahn und nach zwei Mal verfahren in diesem Kackmoloch war ich um genau 11.30 Uhr am ersten Ziel des Tages angekommen.

Wenn man nach Casablanca fährt, bekommt man von Marokkanern übrigens oft Warnungen: die Stadt hat (auch nicht zu Unrecht) einen sehr schlechten Ruf, doch manche übertreiben es. Malika war ja noch vernünftig und meinte nur, dass sie die Stadt auch nach etlichen Besuchen nicht mag und dass ich nicht anhalten und aussteigen soll wenn ich in ein Viertel mit Wellblechhütten oder verfallenen Bauten und vielen Bettlern komme. Und das Fayza mich noch bei FB anschrieb: „Pass gut auf dich auf, in Casa gibt es auch viele nette Leute aber auf jeden Fall mehr Diebe und andere Verbrecher als hier in Fès und wenn deine Freunde in einem „Hay Chaâby“ [Quartier Populaire bzw. Volksviertel ist beschönigend, im Deutschen würde das Proleten- oder Asi-Viertel heißen] wohnen sollten, geh wegen der vielen aggressiven Jugendgruppen abends bitte nicht alleine raus!“ finde ich ja nett und seh ich auch ein. Aber wenn einer der Kumpels von Mohamed, natürlich ein richtiger MAS Fès Fan, so einen Spruch macht: „Aaahhhh, Casa Noir, fucking Casa Porno! Du fährst nach scheiße Casa Noir?! Nimm nen gutes Messer mit, da sind nur Asis unterwegs die normale Leute überfallen! Und bei die Hurensöhnen von Wydad, die machen Tore wie Bayer Leverkusen [kurz nach dem Ding in Hoffenheim gab es wirklich ein Phantomtor von Wydad bei MAS!] und wenn du da was für die andere Mannschaft sagst, dann bälzen die dich gleich, ey!“ – ob ernst gemeint oder nur halb; man kann es auch übertreiben… مركب محمد بن جلون بالدار البيضاء \ قريب من مطار انفا Dort wo die Fußballtour anfing, sah es außerdem ganz gut aus. Einfache, aber ordentliche, teils sehr moderne Häuser, keine vermüllten Wege und gute befestigte Straßen – und tolle Sportstätten! Ich kannte die Anlage hinter dem alten Anfa-Militärflughafen ja schon, da ich dort Weihnachten 2011 mit dem Alten Groundhopper und Conny ein Spiel von Racing im großen Stadion (Pere Jeko) geguckt hatte. Aber der Teil der Anlage, der Wydad gehört, war mir neu: richtig schönes altes Eingangstor mit Vereinssymbolen, ein Rasenplatz mit zwei Stehtribünen in rot und weiß sowie Schriftzügen in Arabisch und Französisch (u.a. Wydad al-Umma = Wydad ist das Volk), daneben eine kleine Moschee, schickes Vereinsheim mit (nicht funktionsfähigem) Springbrunnen davor und zwei Kunstrasenplätzen von denen einer eine nette, überdachte, dreireihige Tribüne hat. Diese war erfreulich voll, denn außer mir wollten noch gut 300 andere dieses Spiel der U23-Liga sehen…

Stimmung gab es zwar keine, dafür aber ein ganz ansehnliches Spiel, das anfangs von Tetouan bestimmt wurde, dann jedoch von Wydad an sich gerissen wurde: 2-0 noch vor der Pause durch zwei stark heraus gespielte Treffer. Nach der Pause gab es bei gleichen Spielanteilen und Chancen zeitweise Leerlauf, ehe MAT den Ehrentreffer mit einem Heber über den Schlussmann erzielte. In der Nachspielzeit traf ein Spieler von Wydad dann innerhalb von 30 Sekunden zwei Mal von genau derselben Stelle (dreieinhalb Meter vor der Torlinie abgestaubt nach Pass bzw. Kopfballvorlage von rechts) zum viel zu hohen 4:1 Endstand für den Verein der nach einem Kitschfilm von Oum Kolthoum benannt wurde. كاس العرش لالنساء - الرجاء البيضاوي مع الويفاق الفاسي Als nächstes stand Frauenfußball an – ein Spielbesuch der bei meiner Gastfamilie wieder einmal auf Interesse ohne jegliche Verwunderung stieß, aber beim deutschen Abend in der WG in der ich freundlicherweise übernachten durfte, für große Fragezeichen sorgte: „Echt, es gibt Frauenfußball in Marokko?“ Dass es drei Ligen mit über 100 Clubs gibt ist Insiderwissen, aber Fragen wie diese, die mir andauernd unterkommen wenn ich arabische Frauen erwähne, die nicht in das Bild der stets zuhause hockenden und dem Mann völlig untergeordneten Frau passen, sind etwa so auf dem Niveau der marokkanischen Frage: „Was, du bist doch Deutscher und damit voll reich?! Warum fährst du denn keinen Mercedes?“

Was mich aber fast so sehr überraschte wie meine deutschen Bekannten die Existenz dieses Sports in Marokko, war dessen Niveau beim heutigen Spiel. Ich erwartete ja einen bequemen Sieg für Raja (8 bis 12 Tore Unterschied), aber der Zweitligist aus Fès hielt trotz auffälliger körperlicher Unterlegenheit und der klassischen Frauenfußball-Aufteilung auf dem Feld – die zierlichen schnellen in den Sturm, die dickste ins Tor – bis weit in die zweite Hälfte hinein gut mit. Die dürften gute Chancen auf den Aufstieg haben, denn gegen andere Teams hält die Abwehr nicht so gut, auch gegen die eher schwachen Stürmerinnen von Wyfaq. Eine gute Mannschaft wie Raja hat allerdings athletische Spielerinnen, die jeden Ball abfangen, sodass Fès nur drei Torschüsse im gesamten Spiel hatte.

Raja hatte etliche Torschüsse mehr, aber Fès verteidigte so beherzt, dass es bis zur 68. Minute dauerte und auch einen Elfmeter brauchte, ehe Raja mit einer Spielerin mehr (in der 30. schickte die Schiedsrichterin eine Spielerin von Wyfaq nach wiederholtem Foul auf die spärlich gefüllte Tribüne) in Führung ging. Erwartungsgemäß brach Wyfaq Fès dann etwas ein und kassierte noch drei Tore. Schade, denn das 0:0 das zur Pause stand, hätte gerne bis zum Ende halten können, denn das Elfmeterschießen wäre die einzige Chance für Fès zum Weiterkommen gewesen!

Apropos Pause: in der Halbzeit lieferte eine Jugendspielerin von Raja eine geniale Show ab – wie die mit dem Ball in allen Lagen und mitsamt Übersteiger jonglierte war so stark, dass es selbst von den Jugendlichen, die vorher noch gelästert hatte, welche Spielerinnen alle keine Ahnung hätten und Scheiße kicken würden, Applaus und Anerkennung gab.

Ausgetragen wurde die Partie übrigens wie üblich bei den Raja Damen im verrotteten Stade Tessema im verrufenen Stadtteil Beni Msick, wo ich schon am ersten Weihnachtsfeiertag 2011 ein Spiel geguckt hatte… وداد البيضاوي و المغرب التطواني Das spielerische Highlight, aber ebenfalls ein bekannter Ground, fand am Abend statt: im Stade Mohammed V trat Wydad im Spitzenspiel gegen Maghreb Tetouan an – die U23 hatte ich ja schon am Vormittag gesehen. Noch schnell Sandwiches für 10 Dh. abgegriffen und dann die Karten für 30 Dh. Drinnen musste ich feststellen, dass die Winners weiterhin gegen die Vereinsführung protestieren, sodass die Wydad-Kurve fast leer blieb und die Fans auf der Haupt- und der Gegentribüne mit Support (und auch Sprüchen a la „Vorstand raus“) beschäftigt waren. Und nicht zuletzt ging der Gästesektor prima ab: die schwarz-rote Scheiße aus Tetuán sang unablässig mit knapp 1.500 Mann durch, hielt unter den Jubelgesängen der Wydad-Fans ein Banner mit Solidaritätsbekundungen für die Ultras Winners hoch und zündete auch immer wieder Pyro.

Der Verein Wydad scheint immer mehr herunterzukommen, denn nicht nur, dass die Kurve leer blieb – die Stürmer waren lange völlig unfähig gegen Tetouan einen Treffer zu erzielen. Diese gingen in Führung und der MAT-Keeper wehrte kurz darauf sogar einen Elfer ab. Erst nach der Pause konnte Wydad das Spiel an sich reißen und eine 2:1-Führung erkämpfen. Diese hielt allerdings nur bis zur 85., ehe wieder ein Spieler der bekifften Taube aus Tetouan traf, der sich wieder eine gelbe Karte abholte, nachdem er beim Jubel das Trikot auszog. Zwei der vier gelben Karten also wegen Trikotausziehens…

Nach dem Spiel hatte ich das Glück die Reisekasse schonen zu können und über die Freundin einer Freundin von meiner guten Freundin Conny ein WG-Zimmer für die Nacht zu bekommen. Dort war gerade ein netter deutscher Abend im Gange – es arbeiten gar nicht mal so wenige Deutsche in Marokko, da trifft man natürlich auch mal Landsleute die in Firmen und Institutionen (Goetheinstitut, AHK etc.) arbeiten – bei dem ich herzlich aufgenommen wurde… وداد البيضاوي و المغرب التطواني Statistik:
- Grounds: 1.030 (1 neuer; diese Saison: 59 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.932 (heute 3, diese Saison: 76)
- Tageskilometer: 400 (400km Auto)
- Saisonkilometer: 20.830 (19.870 Auto/ 910 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 3 [letzte Serie: 13, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 379