Mittwoch, 14. März 2012

IND-X: 16 Stunden im Bus für 4 Stunden Sport und 4 Stunden Sightseeing – das erste Wochenende in Indien (Teil 2)


* Fürs Erste reichen auch mal zwei Stunden Cricket... *

Chancellors Cricket Club Palakkad xxx-x
Government Victoria College Palakkad xxx-x
Datum: Sonntag, 11. März 2011 – Beginn: ca. 9.00
Wettbewerb: Palakkad District Cricket Association League Division A (1. Liga des Kreiscricketverbandes Palakkad/ 3. indische Cricketliga)
Resultat: wird nachgetragen
Münzwurf: wird nachgetragen
Chancellors: ... xx Runs bei xx Bällen, ... xx/xx, ...
College: wird nachgetragen
Wickets (Chancellors): wird nachgetragen
Wickets (College): wird nachgetragen
Spielort: Fort Maidan/ Kotta Maidan (Kap. 3.000 Stehplätze)
Zuschauer: ca. 30
Unterhaltungswert: 3,0/10 (Cricket auf der Ebene braucht man sich echt nicht vom ersten bis zum letzten Ball anzugucken...)
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Photos and English Version:

Wir bekamen gerade noch den 7-Uhr-Bus nach Palakkad (8 Uhr wäre der nächste gefahren), der uns in 4 Stunden ins 140km von Kozhikode entfernte Städtchen, dass nach einem Wald von Teufelsbäumen (Alstonia Scholaris oder Ditabaum, einem giftigen Hundsmilchgewächs, dass in Palakkad entsprechend dem Namen viel wächst) benannt ist, brachte. Der Name klingt natürlich nicht so einladend, aber die Leute hier waren auffällig sympathischer und herzlicher als in Kottayam und Kozhikode. Anja legte sich mal in einer Baustelle hin – bei den unebenen Straßen kann das schnell passieren – und sofort halfen die Bauarbeiter mit ihrem Wasser. Der eine erklärte uns auch den Weg und handelte für uns einen günstigen Preis für eine Fahrt mit einer Autorikscha aus. Die Fahrer dieser nervtötenden kleinen Dreckskisten sind wohl noch die unehrlichsten Transportdienstleister, weswegen der Bauarbeiter sehr hilfreich war mit dem Handel 20 Rupien für die 2km zur Festung.

Die Festung ist ein massiver Wehrbau, der in sehr europäischem Stil 1766 von Hyder Ali – in dieser Zeit gab es außer von Europäern und muslimischen Herrschern wie eben jenem Hyder Ali keine Errichtungen nennenswerter Baudenkmale in Indien – anstelle einer mittelalterlichen Burg errichtet wurde. Ende des 18. Jahrhunderts nahmen die Briten den regelmäßigen Granitbau endgültig ein. Die Besichtigung ist übrigens kostenlos. Im Inneren befindet sich auch ein Hindutempel, in dem gerade eine Zeremonie mit Trommelspiel, Gesängen und Fackeln stattfand. Die neben dem Eingang aufgestellten Schilder bezogen sich aufs gesamte Fort und sind in Indien leider sehr nötig, da in der Tat viele nicht von alleine draufkommen, dass man zum Beispiel bis zum Klo im Besucherhaus gehen sollte und nicht in irgendeine Ecke pisst. Zudem wurden Strafen von 5.000 Rupien angedroht, wenn man sich asozial verhalte, in dem man zum Beispiel Alkohol trinkt oder raucht. Beides ist in der indischen Gesellschaft (nicht nur in Kerala) in der Öffentlichkeit und auch z.B. in vielen Hotels streng verboten.
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Auf dem Festungsvorplatz befindet sich seit Jahrzehnten ein Cricketplatz. Heute spielten dort zwei mittelmäßige einheimische Teams ein Spiel der Distriktmeisterschaft von Palakkad aus: wie das Spiel des Chancellors Cricket Clubs gegen das Government Victoria College ausging, werde ich später nachtragen. Aufgrund der Terminierung (zu spät angefangen) und der (mäßigen) Qualität des Spiels guckten wir uns nur zwei Stunden des ersten Innings an. Bis dahin waren vier Schlagmänner (Nr. 6 bis 10) ausgeschieden. Dadurch war das Innings (quasi die Halbzeit) beendet und das zweite sollte dann nach 40 Minuten Pause beginnen, was für uns zu spät gewesen wäre, um zu einer vernünftigen Zeit in Kottayam anzukommen.

Vernünftige Spielszenen gab es so wie so kaum vor den wenigen Zuschauern auf dem staubtrockenen, braun-grünen Platz Kotta Maidan (d.h. Festungs[vor]platz). Ein paar Mal wurde der Ball aus dem Spielfeld geschlagen (da er vorher aufkam, 4 Runs/ Punkte), einmal flog ein Schlagmann durch einen Caught des Bowlers raus (d.h. er schlug den Ball gerade auf den Werfer zurück, der den Ball reaktionsschnell aus der Luft griff) und ein einziges Mal in zwei Stunden schaffte ein Schlagmann das Kunststück eines 6 Runs zählenden Schlages (ohne Berührung ins Aus gedonnert). Der Spieler auf der Long off Position, der den Ball nicht mehr aus der Luft greifen konnte, konnte den Ball dann übrigens aus dem Plastemüll hinter dem Graswall fischen...

Nach diesen zwei Stunden Cricket verließen wir das zugemüllte Stadion und guckten uns noch die daneben liegende englische Kirche an, gingen Essen (die üblichen 200 Rupien pro Person) und fuhren mit dem 15-Uhr-Bus nach Kottayam (wo wir 20 Uhr ankamen) zurück. Die Rückfahrt mit diesem Bus war besonders interessant, da es einer der berüchtigten Busse mit Scheibenkühlung war: Scheibe raus, Luft rein. Wer braucht auch schon Fenster im Bus, denn dreckig wird man in einem derartig verschmutzten Land so wie so. Der Staub, den man durch den Fahrtwind ins Gesicht bekommt und sich auf der Haut kaum erkennen lässt, obwohl er beim Abwischen des Gesichts überall schwarze Farbe hinterlässt, wird durch die nicht vorhandenen Fenster nur halt noch etwas stärker rein gebracht.
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Statistik:
Grounds: 714 (heute 1 neuer; diese Saison: 120 neue)
Sportveranstaltungen: 1.481 (heute 1, diese Saison: 167)
Tageskilometer: 320 (320 Bus)
Saisonkilometer: 41.870 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 600 Bahn, Bus, Tram/ 0 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 38
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 293

IND-IX: 16 Stunden im Bus für 4 Stunden Sport und 4 Stunden Sightseeing – das erste Wochenende in Indien (Teil 1)


* Küste, Kirchen, Kommunismus und Fußball in Kozhikode *

Mumbai Football Club 2:1 Indian Army XI
Datum: Samstag, 10. März 2011 – Anstoß: 18.45
Wettbewerb: Erambala Krishnan Nayanar Memorial Gold Cup, Group A (Spiel der Gruppe A: I-League, 1. Indische Profifußballliga gegen Services Sports Control Board, 3. Liga/ 1. Amateurliga)
Ergebnis: 2:1 nach 96 Min. (48/48) – Halbzeit: 1:0
Tore: 1-0 17. Nicolas Rodriguez, 2-0 68. Chhangte Malswamkima, 2-1 78. Laxman Murmu
Verwarnungen: Ebi Sukore Throphilus (Mumbai)
Platzverweise: keine
Spielort: Kozhikode/ Calicut, EMS Municipal Corporation Stadium (Kap. 35.000 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 5.000 (davon ca. 100 Armee-Leute und mind. 2 Mumbai-Fans)
Unterhaltungswert: 4,0/10 (Ein paar schöne Tore und Torschüsse gab es von beiden zu sehen, aber ansonsten war das ein ziemlich schwaches Gekicke)
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Photos and English Version:

Während sich unsere Kommilitonen lieber in Thiruvananthapuram und Kovalam Beach übers Wochenende aufhalten wollten, fuhren Anja und ich sieben Stunden mit dem Bus nach Kozhikode (Calicut). Gestartet sind wir schon um kurz vor 5 Uhr morgens, da Father Jacob mit seinem Auto zur Inspektion nach Kochi oder so musste und uns erstmal zur Bushaltestelle fuhr. Die Busse brauchen nur deshalb für die 270km lange Strecke so lange wie oben erwähnt, da die Straßen viel überfüllt sind, zu schmal angelegt wurden oder auch manchmal so steil sind, dass die alte Maschine des Busses nur im ersten Gang bei Tempo 5-10 hoch kommt. Ansonsten fahren sie schneller als viele Autofahrer. Es ist unglaublich, wie dumm sich viele Inder beim Autofahren anstellen. So ungeschickt und langsam fährt in Deutschland oder auch in arabischen Ländern und auf dem Balkan nicht mal eine Fahrschule. Die Busse lohnen sich für einen Touristen übrigens gegenüber einem Mietwagen gewaltig: man kann zwischen allen mittleren und großen Städten jede Stunde einen Bus erreichen (auch Sonntags um 3 Uhr morgens!) und für 100km Strecke zahlt man etwa 80 Rupien (1,30€) und der Busfahrer kann sich mit den Idioten, die nicht wissen wo Gas und Bremse sind, rumschlagen – Mietwagen kosten mit allen Gebühren etwa halb soviel wie in Deutschland und 1 Liter Benzin liegt bei 1,10€ (Diesel 0,75€). Vielleicht fahr ich an einem anderen Wochenende auch mal selber, aber nur, wenn mir jemand sein Auto leiht und nicht mit einem Mietwagen. Übrigens fahren die Busse häufiger und verlässlicher als Züge, in denen die Unfallgefahr auch höher ist. Kippt der Bus um, kann man durch die Fenster rausklettern. Passiert dem Zug so etwas, kommt man wegen Gittern vor den Fenstern (auf so etwas Hirnloses kommt man glaube ich auch nur in Indien) nicht raus, weswegen Zugunglücke in diesem Land schnell dreistellige Todesopferzahlen fordern. Apropos Fenster im Bus: die drei Buskategorien gehen nach dem Zustand der Fenster – die höchste Kategorie hat Fenster und Klimaanlage wie in Deutschland, die mittlere (mit der wir nach Kozhikode fuhren) hat stets halboffene Schiebefenster und eben keine Klimaanlage und die untere Kategorie hat einfach mal gar keine Fenster außer Front- und Heckscheibe. Wenn’s regnet, werden Jalousien runtergezogen.

In Kozhikode (früher Calicut) angekommen, fanden wir im sechsten Anlauf in einer Nebenstraße der mit Hotels (Indisch: Hotel and Lodging oder Lodge) und Restaurants (Indisch: Hotel) gepflasterten Mavoor Road neben dem Stadion ein Zimmer. Alles ziemlich strikt muslimisch, fast nur indische Männer in dem Hotel, etliche Schilder mit Alkoholverbot – aber wenn man als unverheiratetes Paar dort eincheckt, stört das dann doch keinen. Ein einfaches Doppelzimmer in sehr ordentlichem Zustand mit Ventilator und Bad kostete gerade einmal etwas über 8€ pro Nacht.

Kozhikode ist ein Wochenendausflugsziel, weswegen wir auch in den fünf Hotels direkt an der Hauptstraße stets zu hören bekamen, dass alles ausgebucht sei. Der Name heißt übersetzt „Dichtes Dickicht“, da diese Stadt in eine entsprechende Landschaft gebaut wurde, und wird übrigens „Korrrikodd“ gesprochen. Das „zh“ ist ein sehr starkes „r“. Jeder weiß aber, dass Calicut „Källiket“ dasselbe ist: wenn man auf der Suche nach dem richtigen Bus an der Haltestelle ist, fragt man halt nach einem Bus nach Calicut. Die arabische Aussprache Qaliqût wird wohl auch verstanden: die Araber waren auch die ersten, die dort Handel aufbauten. Die Küste, an der diese Seefahrer anlandeten, kann einen Strand vorweisen, der auf ein paar Kilometern für Familien (vor allem natürlich jene der oberen Klassen) recht ordentlich hergerichtet ist. Je weiter nach Süden, desto mehr Dreck, Abwasserzuleitungen und streunende Hunde. In der Stadt selbst fand ich es auch interessanter als am dünnen Sandstreifen, der sich am Indischen Ozean entlang zieht. Kleine und mittlere, sehr europäisch aussehende Kirchen und kleine Moscheen, die einen farblich gut gelungenen, aber recht primitiven Baustil haben und so überall in der Welt stehen könnten, dominieren das Bild der Sakralbauten. Die Anzahl der Hindutempel ist eher gering. Die Privat- und Geschäftshäuser sind meist primitive Betonbruchbuden, doch es gibt auch (am Ende der Mavoor Road) einen derb großen und klotzigen Geschäftsbau aus Glas und Metall. Was übrigens alles dominiert sind die Banner der kommunistischen Partei. Zum gestern abgelaufenen 20. Kongress wurde die ganze Stadt rot beflaggt. Überall Hammer und Sichel, Marx und Engels, Lenin und Stalin. Dazu Porträts einheimischer kommunistischer Politiker wie Erambala Krishnan Nayanar. Lautsprecherwagen mit Propaganda in Malayalam fuhren durch die Gegend. Die ganze kommunistische Propaganda wirkte in diesem streng religiösen Land irgendwie surreal.
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Nach einem wirklich guten und mit 200 Rupien (3,20€) wirklich billigen indischen Essen – dem ersten vollwertigen seit einer Woche: im Institut gibt es ja derzeit kein Fleisch – in einem sympathischen kleinen Lokal an der Mavoor Rd., gingen wir dann ins Municipal Corporation Stadium, dem Stadion der Gemeindebehörde. Die Zusatztribüne kostete akzeptable 60 Rupien (0,90€) – aber die normalen Sitzplätze auf der Haupttribüne waren mit 200 Rupien sehr hoch. Damit kann man wie gesagt locker zu zweit Essen gehen. Wir setzten uns auch auf die wacklig mit Metallrohren und Holzplatten – roter Teppich drüber und Plastestühle drauf gestellt – zusammengepfriemelte Zusatztribüne. Falls wir nächstes Wochenende noch mal kommen (dann sind Halbfinals) gönnen wir uns aber mal die Haupttribüne, die in zwei Rängen um 65% des Feldes herumgebaut ist. Die Architektur ist zwar ansprechend, aber reichlich ergraut.

Fußball ist auch nicht der wichtigste Sport in Indien – dazu werde ich mit später auch mal noch auslassen – sodass bei diesem Turnierspiel, an dem weder die Heimmannschaft noch ein Toppteam teilnahmen, der Besuch von knapp 5.000 Zuschauern schon sehr gut war. Das Duell zwischen Mumbai FC und Army XI war Teil des E.K. Nayanar Memorial Gold Cup, der von der kommunistischen Partei jedes Jahr veranstaltet wird. Bei diesem Pokal kann man für seine Mannschaft ein Preisgeld von umgerechnet immerhin fast 25.000€ gewinnen. Der Zweitplatzierte nimmt noch 17.000€ mit heeme. Im indischen Englisch ist so eine Preisgeldangabe übrigens eines der wenigen Dinge, die auch für einen englischen Muttersprachler unverständlich sind – solange er sich nicht auskennt, jedenfalls. Die Zahlen beim Einkaufen und zu den meisten anderen Angelegenheiten sind ja nicht so problematisch: Freitag habe ich z.B. etliche Liter Getränke und 400g Kekse für „Three Twentyfive“ [spricht man etwa so wie: triii twändi faiff] gekauft. Das sind dann 325 Rupien (= 5,20€). Aber wer weiß schon, wie viel „Rs. 15 lakhs“ Pokalpreisgeld sind? Lakhs wird wie der Fisch „Lachs“ gesprochen und ist wohl auch ein indogermanisches Wort mit der ursprünglichen Bedeutung von „Fisch“. Man muss einfach die Zahl mal 100.000 nehmen und erhält dann die Anzahl Rupien: also 15 lakhs = 15 x 100.000 = 1.500.000 Rupien, d.h. 24.590 Euro.
Wenn man nach Einwohnerzahlen der Stadt Kozhikode fragt, bekommt man übrigens von einem der Ahnung hat für die Stadt die Summe von „4 lakhs people“ und mit Umland eine von „20 lakhs people“ gesagt. Also falls man jemanden findet, der einem das in Englisch erklären kann: denn etliche Leute in Kozhikode können nicht mal rudimentär Englisch. Nur mit 20% oder so kann man wirklich kommunizieren, was für Indien ein extrem schwacher Wert ist.

Unter gar nicht mal so schlechtem Flutlicht wurde dann eine erwartungsgemäß mäßige Partie nach Abspielen der Nationalhymne angepfiffen. Army XI ist die Auswahlmannschaft der indischen Armee und spielt in einer der drei in New Delhi ansässigen Gruppen der höchsten Amateurliga – die anderen sind die Eisenbahnerliga (Railway Sports Promotion Board) und Delhi Soccer Association League (für normale, d.h. private Vereine). Im Übrigen hat diese dritte Spielklasse noch 32 weitere Gruppen.
Mumbai FC ist ein privater Club, der sich in die erste Liga gespielt oder gekauft hat. Der Spielausgang sollte eigentlich auch klar sein, wenn eine Profimannschaft aus der 14 Teams umfassenden, landesweiten Liga (etliche Auswärtsfahrten betragen dort um die 4.000km hin und zurück!) gegen eine solche Armeeauswahl kickt. Auch wenn Mumbai FC noch in Abstiegsgefahr ist. Aber wenn man nur die Reserve mit den ganzen Jugendspielern und Zweite-Garde-Leuten schickt, weil man am wichtigeren IFA Shield in Kalkutta teilnimmt, der gleichzeitig ausgespielt wird, kann es schon mal eng werden.

Mumbai war schon die bessere Mannschaft: weniger Abspielfehler, bessere Schüsse – aber die Armee setzte die Profis, bei denen man sich auch durchweg fragte, warum die Geld bekommen, schon ab und an unter Druck. Das Spiel hatte maximal das Niveau eines Saalekreispokalspiels zwischen Kreisoberliga und Kreisliga. Nach einem strammen Schuss bekam der Torwart der Armee den Ball nicht mehr abgewehrt. 1:0. Nach dem 2:0 (verdeckter Schuss und unsicherer Torwart) Mitte des zweiten Spielabschnitts wurde das Gekicke besser. Eine Viertelstunde vor Schluss erzielte die Armee, die von mehr Zuschauern unterstützt wurde als der Erstligist – die meisten Leute waren allerdings neutral wie wir – mit einem tollen Weitschuss, der knapp unterm Winkel landete, das 2:1. Zu mehr reichte es dann aber nicht mehr.

Das war also der erste Spielbesuch in Indien: ein Turnierspiel zwischen einem Erst- und einem Drittligisten, das von der kommunistischen Partei organisiert wurde...
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Statistik:
Grounds: 713 (heute 1 neuer; diese Saison: 119 neue)
Sportveranstaltungen: 1.480 (heute 1, diese Saison: 166)
Tageskilometer: 270 (270 Bus)
Saisonkilometer: 41.550 (23.900 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 280 Bahn, Bus, Tram/ 0 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 38
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 293

IND-VIII: Praktikum in Indien – Notizen (4)

* Unterricht am SEERI*


Mittlerweile haben wir zwei Varianten des Unterrichtssystems: 1-1,5 Stunden eine Lektion ab 9 Uhr und dann noch mal ab 15 Uhr eine weitere – oder nur ab 9.30 2-2,5 Stunden Unterricht mit kurzer Pause. Das letztgenannte System ist das übliche. Im weiteren Verlauf des Tages muss man mindestens 4 Stunden Selbststudium und Gruppenarbeit einplanen.
Ab dieser Woche habe ich auch damit angefangen, Arabischunterricht zu geben. Leider ist die Gruppe sehr klein (nur 3 Schüler und ein vierter, der das Alphabet kennt, will nächste Woche dazukommen). Doch dazu später mehr.
Derzeit lernt unsere sechsköpfige Gaststudentengruppe also nur Syrisch-Aramäisch, wobei der Sprachunterricht auch schon mal für ein paar Minuten Geschichts- und Landeskundeunterricht unterbrochen wird.


Aber erst einmal zur Sprache: Während bei vielen Semitischen Sprachen mit Ausnahme des sehr komplizierten Silbensystems des Amharischen (Amtssprache Äthiopiens), das Alphabet noch das Einfachste an der ganzen Sprache ist – Hebräisch ist sehr simpel, Arabisch geht auch noch – ist das syrische Alphabet relativ aufwendig zu lernen, da es drei Schriftstile mit je 22 Buchstaben, die in 14 Fällen 4 und in 8 Fällen 2 verschiedene Versionen haben, die davon abhängen wie sie im Wort stehen (also ob sie isoliert oder von beiden oder nur von einer Seite mit einem folgenden oder vorhergehenden Buchstaben verbunden sind). Das von uns im Unterricht und von Aramäischsprachigen im Verlags- und Druckwesen auch am meisten genutzte Serto ist nur die wichtigste Schrift. Eigentlich muss man nicht nur 72 Buchstaben und 5 Vokalzeichen, sondern insgesamt wegen der zwei anderen Schriftarten, die sich teilweise erheblich voneinander unterscheiden, etwa 170 Zeichen lernen.


Die Qualität des Sprachunterrichts ist bisher schon ganz gut: Grammatik zusammen besprechen und Vokabeln gemeinsam lesen, dann das ganze in Übungen (immer 10-12 Sätze Syrisch ins Englische und auch umgekehrt, 10-12 englische Beispielsätze ins Syrische, übersetzen) anwenden.


Die historischen Ausführungen von Father Rajou kann man auch nicht unbedingt kritisieren, aber mal davon abgesehen, dass so etwas auch ein wichtiger Bestandteil eines Kurses ist und die Landeskunde eigentlich noch zu kurz kommt: man muss bei manchen Themen natürlich noch mehr als an deutschen Unis aufpassen, was einem erzählt wird. Mitdenken wird ja so wie so gefordert, wobei in Indien selbstverständlich auswendig lernen viel mehr gefragt ist, als in Deutschland. Und wenn uns etwas zu der Entwicklung der Kirchen in Kerala erzählt wird, kann man auch an keiner Stelle etwas negativ anmerken. Doch so wie sich die geschichtlichen Kenntnisse zu Vorgängen im ganzen Land ausweiten, wird es manchmal hanebüchen hindunational. Und das in einer christlichen Bildungseinrichtung!


Kerala ist nun mal glücklicherweise ein Bundesstaat, in dem die Konflikte zwischen Christen, Muslimen und Hindus gegen Null gehen. Auch die hier angesiedelten Juden wurden nie verfolgt, wie das in Goa durch die Portugiesen passiert ist, wobei man die Zahlen ins Verhältnis setzen muss: wenn nur weit unter 1% Juden sind, fallen die kaum so auf wie in Europa oder Westasien, wo es immer Auseinandersetzungen gab, und können entsprechend in Ruhe hier in Indien leben. Father Rajous Sicht auf die Lage und die andersgläubigen Nachbarn in Kerala war auch entsprechend positiv. Dass die Auseinandersetzungen in anderen Landesteilen oft vielmehr politischer und ethnischer – und nicht etwa religiöser – Natur sind, hat er natürlich nicht erwähnt. Ebenso wenig die ethnische Homogenität Keralas, die zum friedlichen Miteinander (oder besser: Nebeneinander) erheblich beiträgt. Und schon gar kein Wort darüber, dass der in Kerala lange übliche Jainismus erst von den Christen massiv verfolgt und dann von den Muslimen – unter dem berüchtigten Sultan Tipu, dessen Fort in Palakkad wir uns am 11.3. angeguckt hatten – fast ausgelöscht wurde. Jainismus ist übrigens auch so eine Religion auf die von der Seite der Hindus landesweit gerne herabgeblickt wird. Die Jains gibt es schon länger als die hinduistischen Kulte und ihre Philosophie von absoluter Gewaltlosigkeit – darunter gehört auch (typisch Indien halt) der Verzicht auf Fleisch und Diskussionen darüber, ob man Kühen beim Melken weh tut – und Verzicht auf nichtlebensnotwendigen Besitz (das ging teilweise soweit, dass die Jains keine Kleidung trugen) kommt halt nicht bei jedem gut an...


Seine Erklärung ging dahingehend, dass durch die Eroberungen der Muslime, die die Hindus alle umbringen wollten, die Hindus aggressiv wurden und deshalb in vielen Gegenden Indiens gegen alle, die anders sind, eingestellt sind. Das ist nicht falsch, aber 1. unvollständig und 2. für Kerala weitestgehend irrelevant. Da sich die meisten Inder außerhalb ihres Bundesstaat – meist sogar außerhalb ihres Landkreises – auch kaum auskennen, sozusagen mit Müh und Not zusammenkriegen, dass ihre Hauptstadt New-Delhi heißt und in einer bestimmten Entfernung von ihrem Heimatort liegt, wundert mich so etwas auch nicht.


Wer jetzt denkt, es sei typisch, dass ein Christ sofort irgendwelche Muslime für ein Problem verantwortlich macht, hat ja auch nicht ganz Unrecht, sollte aber bedenken, dass durch den Einfall der muslimischen Heere im 8. und später im 16. Jahrhundert wirklich einige Dinge verändert wurden. Zwar wurden die Pläne, die ganzen polytheistischen Kulte (zusammengefasst zu „Hinduismus“) auszulöschen, schnell aufgegeben und die entgegen der klassischen islamischen Lehrmeinung keines Schutzstatus würdigen „Götzendiener“ doch unter denselben, für den Zeitraum von dem wir hier sprechen sehr toleranten Schutzstatus den auch Christen und Juden erhielten, gestellt. Doch bis Mitte des 18. Jahrhunderts hatten die Muslime (z.B. als Herrscher des Mogulnreiches) in vielen Teilen Indiens das Heft in der Hand und haben sich natürlich nicht immer als anständige Herrscher bewiesen.


Die Engländer, von den Rajou sehr positiv sprach (von wegen besser als die Portugiesen), waren dann bis 1947 an der Macht. Aufgeführt haben sie sich keinen Deut besser als die übelsten Herrscher der Muslime, doch die Christen Keralas zählten zu privilegierten Schützlingen. Auch durch die Engländer war es ihnen möglich, diesen Status einer einflussreichen Bildungselite, den eine überproportional große Schicht der Christen in Kerala hat, zu erreichen. Kein Wunder also, diese Aussage Rajous! Wie er auch erklärte, ist Hitler als Feind Großbritanniens entsprechend populär unter Hindus, Muslimen und anderen, die keine Günstlinge der Briten waren. Der Feind meines Feindes ist halt mein Freund...


Nach den Briten kamen sehr schnell ziemlich widersprüchlich ausgerichtete hinduistische Regime an die Macht. Unter anderem galt es auch eine der wenigen diktatorisch regierenden Frauen (und das in einem Land, in dem Gleichberechtigung der Geschlechter weitestgehend nicht bekannt ist) auszuhalten: Indira Gandhi, nach der u.a. der internationale Flughafen in New-Delhi heißt, betrog 1971 massiv bei der Wahl und regierte dann bis 1977 diktatorisch per Dekret. 1980 ergriff sie irgendwie wieder die Macht, ehe sie sich damit verschätzte, wie weit sie gegen die Sikhs vorgehen kann: nach einem von ihr persönlich veranlassten Massaker mit 2.000 Toten im wichtigsten Heiligtum dieser monotheistischen Offenbarungsreligion mit nur ca. 23 Millionen Angehörigen, wurde sie von ihren eigenen Leibwächtern liquidiert – oder ermordet, wie man’s nimmt...


Doch da viele Bundesstaaten ziemlich ihr eigenes Ding machen, wirkten sich die Entscheidungen der meistens (und das übrigens bis heute, sodass man bei Indien kaum von „Demokratie“ sprechen kann!) mehr an die Macht gekauften als gewählten Politiker, sehr unterschiedlich aus. Das in vielen Teilen Indiens üblichen Kastensystem wurde in Kerala von Anfang an am stärksten in Frage gestellt: auch wenn man nur innerhalb seiner sozialen Gruppe (christliche Gebildete heiraten nur christliche Gebildete, hinduistische Proletarier nur eine Frau aus der hinduistischen Arbeiterklasse usw.) – die Einteilung, dass die oberen Kasten mehr wert sind als Christen, Muslime etc. und diese wiederum mehr wert als die unteren Kasten, gilt heute selbst auf dem Land so gut wie gar nicht mehr. In wie fern das wirklich ein Verdienst der in Kerala populären extremen Linken ist, kann ich nicht beurteilen. Denn Widersprüchlich ist auch die Communist Party of India (Marxists) [CPI(M)]: Marxismus-Leninismus, Diktatur des Proletariats, Anti-Globalisierung und Anti-Kapitalismus vertreten, sich als „revolutionäre Beschützer der indischen Arbeiterklasse“ bezeichnen, was von sozialer Gerechtigkeit labern und auch einige Projekte zur Alphabetisierung oder Hebung des Sozialstatus von Bauern (mehr oder weniger erfolgreich) durchführen – aber zum Beispiel die marxistisch-leninistischen anti-religiösen Thesen rauslassen. Würde die CPI(M) ganz Indien regieren, würde sie sich sicher so aufführen, wie die Sowjets oder gar die Nordkoreaner in ihrem jeweiligen Machtbereich – also noch ein Beispiel dafür liefern, dass die schlimmsten Diktaturen und politische Verbrechern nicht den Religiösen (die auch schon genug angestellt haben, aber keinen Hitler, Stalin, Mao Tse Tung, Pol Pot oder Gebrüder Kim hervorgebracht haben), sondern eben viel mehr den Atheisten zuzuordnen sind – benehmen. Doch so weit ist es in Indien, einem Land mit weit überwiegend Gläubigen und nur sehr, sehr wenigen Karteileichen und Atheisten, noch lange nicht.


Einen wichtigen Fakt, den Father Rajou (wahrscheinlich nicht bewusst, sondern eher aus Unwissenheit – die Hindus, die ihre Geschichte gut kennen, erzählen einem das ja auch nicht gerne) ausgelassen hat, ist aber natürlich der, wie überhaupt der Hinduismus zur erfolgreichsten Religion Indiens werden konnte. Vor den „britischen Ausbeutern“ waren also die „brutalen Moslems“ und davor die „überhaupt nicht aggressiven Hindus“... Tja, und davor? Da gab es im ganzen indischen Subkontinent in erster Linie Buddhisten. Erst als die hinduistischen Kulte erstarkten und einig genug waren, sodass auch eine Zusammenfassung dieser polytheistischen Glaubensformen zu einem Oberbegriff „Hinduismus“ sinnvoll ist, wurde sie so einflussreich, dass sie die Buddhisten fast völlig vom Gebiet des heutigen Indien auslöschen oder nach Bhutan, China, Sri Lanka etc. verjagen konnten. Nach Rajous Logik muss man den Konflikt auf Sri Lanka auch so erklären: die Buddhisten dort sind so aggressiv, weil die Hindus sind verfolgt haben...


Also ein Geschichtsbild haben viele Inder... Das ist ja fast so abstrus wie das der Franzosen und Serben!

Dienstag, 13. März 2012

Updates!

Vorgestern ist der Router des Instituts abgekackt. Somit gibt's nur im Chefbüro und im Computerraum im Keller Internet. Das funktioniert nur extrem langsam. Bilder und Berichte vom Wochenende 10./11.3. gibt es also wahrscheinlich frühestens Mittwoch.
Folgende Orte haben wir besichtigt:
- Kozhikode (Calicut)
- Palakkad (Palghat)
Diese Sportveranstaltungen wurden besucht:
- Mumbai FC 2:1 Army XI (Nayanar Cup Kozhikode, Fußball)
- Chancellors Cricket Club - Victoria College (Palakkad District Division, Cricket)

Freitag, 9. März 2012

IND-VII: Praktikum in Indien – Notizen (3)

* Chronik eines stressigen Donnerstages *

7:00 Uhr. Aufstehen. Normal! Aber was wollen die scheiß Ameisen an meinem Bett?! Ach so, ich hätte die leeren Mangosaftflasche nicht herumstehen lassen dürfen...

8:00 Uhr. Frühstück. Wie immer! Diesmal sehr gute (und warme) Kichererbsenpampe zum dünnen Knusperbrot und Tee mit Kokosmilch.

9:00 Uhr. Erste Unterrichtseinheit. Ganz normal, aber recht schnell durchgezogen vom Father.

10:15 Uhr. Teepause. Diesmal keine Kokosmilch. Nur Zucker dazu.

10:30 Uhr. Hausaufgaben machen und ein bisschen nebenbei im Internet surfen.

11:30 Uhr. 5 Minuten Stromausfall. Kein Ding!

11:45 Uhr. Noch ein kurzer Stromausfall. Diesmal 10 Minuten. Na, ob das mal gut geht...

13:00 Uhr. Jetzt ist der Strom seit 45 Minuten weg. Und den Ärger gibt es erst, seit die Spinner von der kommunistischen Partei das Festzelt für die Frauentagsveranstaltung auf dem Parkplatz (also der braunen, erdigen, dreckigen Fläche) gegenüber aufgebaut haben. Die Deppen haben nämlich die Hauptleitung fürs Baker Hill Viertel angezapft!

14:50 Uhr. Immer noch kein Strom, also kein Ventilator, keine Steckdose, kein Internet nutzbar. Moment! Wieso dreht sich der Ventilator im Versammlungsraum im 1. Stock vom linken Gebäude?! Egal! Erstmal zum Unterricht.

15:00 Uhr. Die nächste Unterrichtseinheit. Diesmal redet Rajou mehr über Landeskunde als sonst. Dafür bekommen wir mehr Hausaufgaben als sonst auf. Mist...

16:30 Uhr. Ey, wer hat meine Kingfisher-16-Rupien-pro-Liter-Wasserflasche aus dem Gemeinschaftskühlschrank genommen?! Da, wo ich die gestern Abend reingestellt habe, steht eine hässliche Aquafina mit abgekochtem Leitungswasser drin! Na ja, egal... Gleich mal an die Hausaufgaben machen.

16:45 Uhr. Kaum wollte ich die Hausaufgaben im rechten Gebäudetrakt machen, stelle ich fest: wieso gingen im Essenssaal eigentlich die Ventilatoren und der Kühlschrank?! Daran, dass die Stromausfälle mitunter nur auf einen Teil eines Gebäudekomplexes begrenzt sein können, hatte ich gar nicht gedacht! Dem etwas kleineren linken Komplex mit den Zimmern für männliche Studenten, der Küche, einem Lesesaal und einer Waschküche, steht ein größeres aber baugleiches und ebenso hohes Gebäude gegenüber, in dem sich die Zimmer für Studentinnen und Nonnen, die Mar Thoma Kirche, Büros, die Bibliothek, Unterrichtsräume und auch der Gruppenarbeitsraum mit Hotspot befinden. Schön, dass das linke Gebäude vom Ausfall verschont blieb, sonst wäre die Küche kalt geblieben und mein Zimmer dafür heiß geworden. Aber warum ist auch der Gruppenarbeitsraum (auch Internetraum genannt) im rechten Flügel untergebracht?! Dass da am Frauentag der Strom in den Zimmern weg ist, was das Frisieren im dunklen Bad erheblich erschwert, ist ja ganz lustig – aber das die Kommilitoninnen keine Ventilatoren haben, ist richtig übel. Fast so übel, wie der Fakt, dass kein Internet ging...

20:00 Uhr. Nach fast acht Stunden Teilausfall war Father Jacob beim Abendessen greifbar. Der setzte gleich ein paar Mitarbeiter auf die Sache an. Über eine Stunde pfriemelten Rajou und drei andere an Sicherungen und Schaltkästen herum. Im Erdgeschoss ging das Licht sehr schnell an. Irgendwann kurz nach halb zehn ging es dann – samt Ventilatoren und Steckdosen – auch im Obergeschoss. Nur der Hotspot war irgendwie nicht erreichbar, was laut Clint übrigens letzten Monat 7 Tage lang der Fall war, nachdem ein Baum auf eine Stromleitung gekracht war. Schöne Aussichten, was?

21:45 Uhr. Fünf Kommilitonen laufen eilig zum Internetraum. Immer noch keine Verbindung. Aber, wenigstens gehen Strom und Ventilatoren.

22:00 Uhr. Jetzt ist der Strom im ganzen Institut weg. Super! Ich sehe nur noch etwas durch den Bildschirmwiderschein meines Computers...

22:10 Uhr. Plötzlich ist der Strom wieder da. Mal sehen wie lange...

22:30 Uhr. Der nächste Komplettausfall...

23:00 Uhr Die Kommunisten auf dem Parkplatz haben Strom. Immer noch. Seit 12 Uhr. Seit 18 Uhr mit Flutlicht. Wir haben keinen Strom. Kein Licht, kein Ventilator – und der Laptop-Akku ist gleich alle. Scheiße!
Ich geh jetzt pennen...

PS: Am 1 Uhr lief der Ventilator in meinem Zimmer wieder automatisch an und am nächsten Morgen funktionierte alles wieder so wie es sein sollte. So etwas hatte ich auch schon erwartet. Man muss sich halt auf die Unzuverlässigkeiten einstellen – die Einheimischen tun schon ihr Bestes um für sich und ihre Gäste die nicht zu übersehenden Probleme zu lösen. Zumindest die technischen Probleme...

IND-VI: Praktikum in Indien – Notizen (2)

* Die erste Praktikumswoche *

Am zweiten Tag, dem Dienstag 6.3., war es schon etwas straffer mit dem Unterricht: 9.30 ging es los. 2 Stunden ganz guter syrisch-aramäisch Unterricht in einer Mischung aus indischem Englisch und Deutsch, da es Father Rajou Spaß machte, seine Deutschkenntnisse – die für Unterricht nur in Deutsch aber zu gering sind – zu beweisen. Außerdem liegt Englisch den wenigsten meiner Kommilitonen so wirklich: besonders meine Kommilitonen, die keine deutschen Muttersprachler sind, können besser Deutsch als Englisch.
Eine böse Bemerkung muss ich übrigens noch machen: der Syrisch-Unterricht in Halle war wohl nicht besonders gut (das liegt nicht nur an den wenigen Wochenstunden) – sonst könnte ich nie in einem Kurs mit lauter Leuten mit Vorkenntnissen einsteigen. Aber selbst die Kenntnisse der syrischen Schrift waren bei den meisten Kommilitonen so unsicher, dass ich bis Donnerstag viel aufholen konnte. Hätte der Unterricht in Halle auch nur 20% der Intensität von dem hier in Kottayam, hätte ich Einzelunterricht kriegen müssen...

Wenn man im St: Ephrems Institute nicht nur Gaststudent ist, sondern als vollwertiges Mitglied oder Student des Instituts läuft, muss man sich an Regeln halten, die man von deutschen Unis nicht so kennt. Den Aushang des Institutschefs muss ich hier einfach mal als auszugsweise Übersetzung präsentieren:
„[...] Tagesordnung:
5.30 Weckruf [u.a. durch Glockengeläut]
6.00 Morgengebet
7.30-8.15 Frühstück
10.00-11.00 & 11.15-12.30 Unterrichtsstunden [dazwischen Teepause]
12.30 Mittagsgebet
12.45-13.30 Mittagessen [danach Vorbereitung auf späteren Unterricht]
14.30-16.00 Unterricht, danach weitere Teepause
19.30 [nach Vorbereitungszeit für Unterricht am darauffolgenden Tag] Abendgebet
20.00-20.30 Abendessen
[...]
Allgemeine Regeln:
1. Alle Studenten und Mitarbeiter haben alle Gebete zu besuchen [ausgenommen Gaststudenten, denen der Besuch freisteht]
8. Kein Bewohner des Hauses darf Müll außerhalb unseres Geländes ablagern. Von nun an [Mitte 2011] ist dies strafbar! Essensreste nur in dafür vorgesehene Eimer [etc.]
Unterwerfen Sie sich strengstens diesen Regeln!![...]“

Das Essen im Institut ist in der Fastenzeit übrigens nicht nur vegetarisch, sondern vegan, wie ich erst jetzt mitbekommen habe. Dass so was auf die Dauer ungesund ist, ist klar. Aber außerhalb der Fastenzeit wird hier wohl normaler gekocht, da der im Hinduismus sehr verbreitete Vegetarismus (die einzige größere Kultur, in der diese Ernährungsform verankert ist und nicht etwa eine Mode-Erscheinung wie in Europa) keine Pflicht ist in unserem Institut. Für so eine einseitige Ernährung, ist das Essen aber richtig gut. Außer zwei Sachen, hat mir bisher alles geschmeckt! Bloß die in Curry eingelegten Limonenschalen mit Buttermilch (erst ekelhaft sauer und dann brennt plötzlich die Fresse vom starken Curry, wobei die Schalen zäh wie Leder sind) und der Kokosnusssame (sieht ohne die Schale aus wie Styropor, riecht wie Styropor, fühlt sich an wie Styropor und schmeckt auch wie Styropor) waren widerlich.

Ansonsten kann man sich weder über Essen, noch Unterkunft oder die Kollegen hier beschweren. Hier interessiert es wenigstens viele, ob es einem hier gefällt und ob alles in Ordnung ist oder man Fragen hat. Das einzige, was mal wieder erschreckend war, waren die geographischen Kenntnisse des eigenen Landes: wie kann man sich als gebildeter Mensch nicht mal in seinem eigenen Bundesstaat auskennen? Mann, war das schwierig, an Informationen zu Palakkad – einem der wenigen Orten von touristischem Interesse in dem Staat Kerala (der mit 39.000qkm fast doppelt so groß wie Sachsen-Anhalt ist und übersetzt „Land der Kokospalmen“ heißt) – zu kommen... Father Jacob konnte sofort Osnabrück, Münster, Göttingen u.a. in eine Verbindung bringen und zu diesen 8.000km entfernten Städten etwas sagen – aber einmal ans 150km entfernte Palakkad oder 250km entfernte Kozhikode (Calicut) zu denken! Wenn ich nen Rostocker nach Schwerin frage, muss der schon sehr doof sein, wenn er nicht schnell aufs Schweriner Schloss kommt...

Ein bereits jetzt festzustellender Unterschied zu arabischen Ländern ist, dass die Leute hier nicht annährend so herzlich sind (immerhin sind die Leute in unserem Institut sehr freundlich), und meist sehr mundfaul. Beim Besichtigen der Kathedrale von Kottayam, die in einem nett anzusehenden Labyrinth von schmalen Asphalt- und Schotterstraßen inmitten von Palm- und Bananenumstandenen Häusern (mal Villen, mal Bruchbuden) liegt und einen ziemlich latinisierten Baustil aufweist, trafen Anja und ich aber einen Freund von einem Institutsmitarbeiter, der uns aus Freude darüber, dass wir uns am Institut mit Syrisch beschäftigen, gleich das syrische Gebet an den Herrn (in seinem Indian-English „Wäät, I sing yu aar prääya tu dä Lort“) zum besten gab. Natürlich interessierte ihn auch ob wir ein Paar sind und ob wie auch wie er katholisch seien. Die Antwort „Protestant“ störte ihn nicht weiter und das andere – na ja: in Marokko hatte ich eine Schwester, in Indien jetzt halt eine Frau...

Montag, 5. März 2012

IND-V: Praktikum in Indien – Notizen (1)

* Erste Eindrücke von Kottayam *

Photos of Kottayam, State of Kerala (India) with English description:
http://www.flickr.com/photos/fchmksfkcb/sets/72157629154170580/detail/


Bei der Fahrt vom Flughafen durch die nächtliche Landschaft zum Institut in Kottayam fiel es schon auf: man sieht auch am Tag nicht viel mehr, da die tropische Vegetation derartig dicht ist, dass man im Küstenhinterland außer grün nicht viele andere Farben sieht. Wie in Schwarzafrika auch, ist die Temperatur der Wahnsinn: man braucht nur aus einem klimatisierten Gebäude (im Institut stehen die Ventilatoren niemals still) oder Fahrzeug (die Klimaanlage steht immer zwischen Mittel und Maximum) auszusteigen – und schon bilden sich Schweißperlen auf der Haut. Vor allem fällt das auf den unbedeckten Stellen unangenehm auf, sodass es nicht verwundert, dass viele hier wie ich mit langen dünnen Oberhemden in mehr oder weniger auffälligen hellen Farben herumlaufen. Für Frauen sind die berühmten Saris natürlich ein beliebtes Kleidungsstück. Wer das Klima nachempfinden will: in einen guten botanischen Garten mit Tropengewächshaus gehen und mal am besten eine Stunde dort herumgucken. Dieses scheiß feucht-heiße Klima haben wir 24 Stunden am Tag: immerhin regnet es hier erst ab Mai wieder, aber selbst in der Nacht geht es kaum unter 25 Grad.
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Das Institut in Kottayam war wie erwartet für einen indischen Gebäudekomplex ziemlich gut. Mehrstöckige Ziegelbauten, einfache aber ordentliche Studentenzimmer – aber bei den Temperaturen stören weder die kalte Dusche, noch das Röhren des Ventilators – mit moskitonetzüberdachten Betten. Im Innenhof werden Tiere gehalten, die man in Deutschland nicht so halten dürfte, aber auch Pflanzen angebaut und das Geschirr gespült. Doch viele andere Häuser – selbst im Bildungszentrum Südindiens, was Kottayam durch seine vielen Bildungseinrichtungen und der angeblichen Alphabetisierungsrate von 100% (jeder weiß, dass dies hier aber eine Propagandazahl ist [vllt. sind es 90% oder sogar noch etwas mehr] und ausdrücken soll, wie überdurchschnittlich viel Wert auf Bildung in dieser Stadt und Region Kottayam gelegt wird) sind weit weniger gut bis abbruchreif. Auch die Straßen sind nicht nur pervers voll – dabei gibt es hier gar nicht so viele Menschen (60.000 Einwohner) und wenige Straßen; die Motorisierung wirkt hier ähnlich hoch wie in Deutschland, auch wenn das eigentlich gar nicht sein kann – sondern auch extrem dreckig. An Bus- und Bahnhöfen, Parkplätzen und Brachen wird hemmungslos Müll hingeworfen, in dem Straßenköter wühlen. Auch die Straßenzüge, in denen sich die primitiven Straßenmarktstände befinden, sind aufgrund des lässigen Umgangs der Straßenhändler mit dem Müll – der teilweise sogar Gedärme geschlachteter Tiere umfasst – belegt. Wenn man schon vorher wusste, was einen hier erwartet, erschreckt einen aber nicht einmal das.


Aufgrund dessen, dass viele Inder (so auch die Leute in Kottayam oder wahrscheinlich auch Kerala generell) eher zurückhaltend bis abweisend sind, kann man aber ganz locker durch die ganzen Straßen gehen. Ein paar Hundert Meter von unserem Institut entfernt befindet sich das Fußballstadion (Fußball und Basketball sollen in Kottayam ungewöhnlicherweise beliebter sein als Cricket – dann kommt die einheimische Kampfkunst Kalarippayat) von Kottayam, wo unter anderem der Drittligist Cosmos F.C. kickt. Man stelle sich einmal vor, ein Stadion einer Mannschaft der 3. Liga (oder auch nur der Landesliga, mit der diese bundesstaatsweiten Amateurliga vergleichbar ist) wäre eine heruntergekommene, dreckige Betonschüssel, deren sandiger Rasenplatz offen für alle Hobbysportler ist, dessen Gegentribünenrückseite von Ramschmärkten und Werkstätten zugestellt und Haupttribüne und Kurve mit ihren Bäumen dem ein oder anderen Obdachlosen als Schlafstätte dient. Das ist das Nehru Stadium Kottayam!


Ansonsten gibt es in der Stadt einige Kirchen und wenige Hindutempel und Moscheen zu sehen, von denen ich im Laufe meines Aufenthaltes ein paar mehr Bilder einstellen werde. Neben den vielen Bildungseinrichtungen gibt es übrigens auch überdurchschnittlich viele Verlage in Kottayam, von denen viele allerdings nur malayalamsprachige Zeitungen herausgeben, was für die meisten Leute außerhalb Keralas nicht einmal lesbar ist... Wer mal so ein Schriftstück lesen will, bitte: ein Gedicht in Malayalam. Verkehrsschilder sehen übrigens so wie dieses in Kasaragod aus.


OK. Nachdem wir über die Qualität des vegetarischen Mittagessens erstaunt waren und über die Institutssekretärin die Unterlagen für die Einwanderungsbehörde abgegeben hatten, gab es eine einführende Unterrichtsstunde ins Syrisch-Aramäische. Wir sechs blieben noch bei der darauffolgenden Unterrichtsstunde im Saal, als ein Priester Kirchengesang mit einheimischen Studenten übte. Gesungen wurde in syrisch-aramäisch mit Kerala-Akzent, d.h. manche für semitische Sprachen typische Laute werden vereinfacht. Als Gohar anfing, die Gesangsdarbietung des Priesters mitzufilmen, folgten auch diverse indische Studenten diesem Beispiel und hielten ihm ihre Handys und Smartphones vors Gesicht...


So viel also zum ersten Tag in Kottayam.
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IND-IV: Praktikum in Indien – Die Anreise

* Endlose Anreise *

Vor einer Anreise nach Indien ist ja das ein oder andere zu klären: wenn man weiß, wo man hin will oder muss, verschwendet man einige Stunden darauf, ein Visum zu besorgen, dessen Antrag im einfachsten Falle (Touristenvisa) vier Seiten voller Fragen enthält, die teilweise höchst zweifelhaft sind. Nach Referenzadressen in Deutschland und Indien, dem Heiratsstatus und seinem eventuellen Ehepartner samt Geburtsnamen und pakistanischen Verwandten wird man da ausgefragt und die Religionszugehörigkeit muss man angeben. Dabei gibt es nicht die Option „Atheist“ und man darf auch nicht bei „Other“ so etwas wie „Irreligious“ oder „Atheist“ angeben – und dass man sich mit einem deutschen Namen und der Angabe „Muslim“ (statt dem erwarteten und empfohlenen „Christian“) verdächtig machen kann, dürfte auch klar sein. Im Übrigen hat man keine pakistanischen Verwandten, auch wenn man Halb-Pakistaner ist... Wirklich nicht! Die angeblich größte Demokratie (oder größte angebliche Demokratie) [oder zweitgrößte Diktatur] der Welt will man ja nicht in Angst versetzen...
Wenn man dann noch ein Passbild mit den Maßen 2,5x2,5cm (die Fotoläden assoziieren mit diesen Maßen meist ein US-Visum, das die selben bescheuerten Anforderungen an die Passbilder stellt) aufgeklebt hat – genau auf den Vordruck kleben und bei den Unterschriften auch schön im Feld bleiben und nicht drüber klieren! – schickt man die ganze Scheiße (Antrag, Pass, Rückumschlag etc.) an eine Firma, die mit der indischen Botschaft zusammenarbeitet. Nicht wie in normalen Ländern, wo das gleich über die Botschaft geht, nein: es wird mit einer Firma gemeinsame Sache gemacht, damit das Visum noch mal um 10% teuerer wird! Nach bis zu zwei Wochen hat man das Ding im Pass. Ansonsten kann man in Berlin natürlich auch (wie mein häufig in Berlin weilender Kommilitone, der intelligenterweise bei seiner Religionszugehörigkeit ehrlich war und deshalb den Mist noch mal ausdrucken musste) persönlich vorbeischauen und bekommt innerhalb eines Tages mit etwas Glück das Ding in den Pass gestempelt.
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Nachdem alles zusammen war und mein Vater, der natürlich nicht mitreiste aber uns (also Anja und mich) schön zum Flughafen brachte, über Minden (Handball) und Rödermark (Fußball) angereist waren, trafen wir unsere anderen vier Kommilitonen und Mitreisenden: Gohar, Varduhi, Alexandru und Nils, am internationalen Flughafen von Frankfurt. Den verkommenen Vorfeldarbeitern hatte man einen Riegel vorgeschoben, was das Sabotieren des Flugbetriebs durch Streiks anging – wobei Interkontinentalflüge sowieso nicht offiziell betroffen waren – und der Aufenthalt auf dem Airport war auch nicht so unangenehm.

Der Vogel hob fast pünktlich um kurz vor 22 Uhr ab – nachdem er kilometerlang im Schritttempo übers Rollfeld eierte und Flugzeuge von rechts und vor sich vorlassen musste – und brachte uns erstmal in die indischen Hauptstadt. Bei dem Visumsaufwand hätte ich eigentlich befürchtet, dass die Einreise problematischer wäre, aber wenn man sich nicht wie gewisse Kommilitonen so ungeschickt beim Ausfüllen des englischen Einreise- und Zollzettels anstellt, braucht man auch keine 20 Minuten um durch die Kontrollen zu kommen...

Die 8 Stunden Umsteigezeit sollten eigentlich mit einem Ausflug per Metro ins Stadtzentrum von New Delhi rumgekriegt werden, aber auf dem scheiß Flughafen nehmen die Idioten am Gepäckschalter aus Haftungsgründung keine Laptops in Verwahrung – und mit Laptoptaschen wollte (auch aus Gründen des umständlichen Schleppens, weniger wegen der Diebstahlsgefahr) keiner von uns durch die Hauptstadt latschen. Vielleicht machen wir uns aber bei der Rückreise noch (mit dem Zeug in einem Rucksack) auf den Weg in die Innenstadt. So brachte ich die ewige Umsteigezeit unter anderem damit herum, mit dem Laptop zu arbeiten. Der muss aber erstmal in eine Steckdose gepfriemelt werden. Ein freundlicher junger Inder half auch gerne dabei: denn besser als jeder wacklige Zwischenstecker ist ein dickes Buch oder eine kleine Tasche vor dem lose in die wacklige Steckdose gesteckten EU-Stecker. Teilweise geht auch beides: der EU-Laptop-Stecker in einen Zwischenstecker und den dann mit einem solchen Gegenstand gegen die Steckdose in der Wand drücken. Einen anderen Fluggast – einem der besonders klischeehaften Sorte des Inders mit Turban, Telefon am Ohr und starrem Blick – faszinierte meine Konstruktion übrigens richtig: der hätte wohl nicht gedacht, dass ein Europäer mit den üblichen Unannehmlichkeiten seines unorganisierten Landes durch Improvisation zurecht kommt...

Nachdem wir endlich von New Delhi nach Kochin im südlichen Bundesstaat Kerala geflogen waren, wurden wir dort von einem Bekannten des Institutsleiters mit einem Geländewagen abgeholt. Der Achtsitzer war gut ausgelastet: der einzige freie Sitz wurde mit drei Gepäckstücken beladen. Zwei mussten Gepäck auf die Knie nehmen, zwei Gepäckstücke passten noch in den winzigen Kofferraum hinter der dritten Sitzreihe und die restlichen fünf oder sechs kamen – nur mit Seilen befestigt – aufs Dach. So fuhr unser sehr erfahrener Chauffeur dann die 80km vom Flughafen zum Institut in knapp zwei Stunden bei Spitzengeschwindigkeiten von 90km/h (teils innerorts) und vielfach Mittel- statt Linksverkehr. Soll heißen: zum Überholen – was er bei den größtenteils unheimlich inkompetenten Verkehrsteilnehmern, die außerorts mit einem neuen Auto 40km/h fuhren, und den vielen alten Fahrzeugen sehr oft machte – fuhr er dauernd auf dem Mittelstreifen und damit halb auf der rechten Spur. Bergan in einer kurvenreichen, teils holprigen aber stets asphaltierten (nur selten beleuchteten oder abmarkierten) Strecke mit dem Übergepäck zu überholen, ist übrigens besonders geschickt! Wirklich gute Arbeit, was der Fahrer da ablieferte!

Im Institut saßen wir noch mit Institutsleiter Vater Jakob und Clint, einem us-amerikanischem Studenten aus Ohio, der sich mit Christian-Muslim Relations befasst, bis zwei Uhr bei der in der Fastenzeit der indischen Christen stets fleischlosen einheimischen Kost zusammen. Danach hieß es – wie es sich für ein christliches Institut gehört – die Herren in den linken Teil des Komplexes, die Damen in den rechten und keine Störungen und Besuche mehr...
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Statistik:
Kilometer heute: 8.300 (8.220 Flug, 80 Auto)
Saisonkilometer: 41.280 (24.440 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 10 Bahn, Bus, Tram/ 0 Schiff, Fähre)

IND-III: Praktikum in Indien, vom 3.3.-18.4.2012

* Einleitung zum Indien-Aufenthalt *


Zu meinem Studium gehört zum Ende des Bachelors auch ein Praktikum dazu. Ein unbezahltes zwar, aber immerhin mit Finanzierungsbeteiligung durch eine Stiftung. OK, eigentlich war ja vorgesehen, dass die Stiftung alle Kosten von ca. 1.000€ übernimmt – aber schließlich sind wir beim schon fast lächerlichen Betrag von 500€ rausgekommen. Zum Glück sind die Übernachtungen in den Schlafsälen und der Unterricht am St. Ephraem’s Ecumenical Research Institute (kurz SEERI, ein theologisches- und Sprachinstitut in Kottayam, im Bundesstaat Kerala, d.h. im Südwesten des keilförmigen Subkontinents), der Partnerbildungseinrichtung des Seminars für die Wissenschaft vom Christlichen Orient an unserem Orientalischen Institut in Halle, Gratisleistungen, wenn man ein solches offizielles Praktikum, das laut Plan einen Sprachkurs in Syrisch-Aramäisch und die Arbeit als Deutschlehrer umfasst, macht.
Weshalb die Teilfinanzierung trotzdem ärgerlich wenig ist, ist der Fakt, dass der Flug 526€ (und alle meine Kommilitonen, die dieses Praktikum belegen, haben mehr bezahlt, da sie zu anderen Zeiten – entweder zu früh oder zu spät – gebucht haben als ich), die Versicherung 30€, die An- und Abreise zum Flughafen Frankfurt locker 120€ (zumindest pro Gruppe und bei 6 Leuten mussten wir uns auf zwei Fahrzeuge aufteilen) bzw. Flughafen Kochin von und nach Kottayam noch mal eine zweistellige Eurosumme und das Visum mit allen Zusatzkosten wie Passbilder in Sondergröße über 80€ (!) kostete. Ich fange jetzt nicht an, Essenskosten vorzurechnen. Immerhin sind Lebensmittel in Indien viel billiger als in Deutschland. Aber 750€ Erstattung wäre eigentlich das Mindeste gewesen und die Bearbeitungszeit ließ sehr zu wünschen übrig – und die Rückerstattung wird wahrscheinlich noch länger dauern...


Nun ja, wie kommt man eigentlich bei den Studienfächern Arabistik und Christlicher Orient auf Indien als Praktikumsziel? Es wird zwar nicht Arabisch gesprochen und Muslime wie Christen – z.B. auch diejenigen Christen aus dem arabischen bzw. aramäischen Sprachraum – sind eine mehr oder weniger kleine Minderheit. Doch die Minderheiten sind in manchen Gegenden richtig bedeutsam und so kommt es auch, dass im Bundesstaat Kerala etwa 20% der 34 Millionen Einwohner sich zu christlichen Glaubensgemeinschaften zählen, von denen auch ein beachtlicher Teil Thomaschristen aus dem syrischen Raum sind. Besonders viele davon finden sich in der Kreisstadt Kottayam, wo auch dieses Sprach- und Theologieinstitut etabliert wurde. Na gut... und außerdem war es das weiteste Praktikumsangebot: Libanon z.B. ist auch privat preisgünstiger zu bereisen als Indien, sodass es unter dem Gesichtspunkt „einfach mal dagewesen sein“ auch das interessanteste Praktikum war...


Mit Reisen in Indien wird es allerdings nicht viel her sein: die Berichte, die ich in den nächsten sechseinhalb Wochen einstelle, werden den Alltag in Kottayam und meine Arbeit dort etwas beschreiben. An den Wochenenden ist es aufgrund der beschissenen Infrastruktur (Straßen- wie Schienennetz) und der schweinischen bis asozialen Preise auf Inlandsflüge kaum möglich, den sehr provinziellen Bundesstaat Kerala zu verlassen oder auch nur innerhalb dieses 500km langen (aber nur maximal 120km breiten) Gebilde groß herumzukommen. Aber wahrscheinlich sind gerade die anvisierten Sportveranstaltungen in der Provinz am spannendsten... Immerhin gibt es 50km von Kottayam entfernt in Kochin Erstligafußball!
Allerdings hätte ich mir kaum ein schlechteres Praktikumsziel für Fußball aussuchen können, als Indien – wenn ich das z.B. mit Marokko vergleiche...

IND-II/ W292III: Der Weg nach Indien - zweiter Stopp; Überraschender Sieg der Rot-Weissen

FC Viktoria 09 Urberach 1:3 SG Rot-Weiss Frankfurt
Datum: Samstag, 3. März 2011 – Anstoß: 15.00
Wettbewerb: Hessenliga (5. Liga, Halbprofi-/ Amateurliga)
Ergebnis: 1:3 nach 94 Min. (46/48) – Halbzeit: 0:2
Tore: 0-1 4. Andre Thomas, 0-2 36. Zülfikar Cosguner, 1-2 63. Dong Won Seo (Foulelfmeter), 1-3 88. Zülfikar Cosguner
Verwarnungen: Nils Wolf, Domenico di Rosa (Viktoria); Patrick Gürser (Rot-Weiss)
Platzverweise: keine
Spielort: Viktoria-Sportplatz Rödermark (Kap. 1.500, davon 202 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 120 (davon ca. 10 Gästefans)
Unterhaltungswert: 5,0/10 (Durchschnittliches Spiel mit überraschendem Außenseitersieg)
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Photos and English Version:

Nach dem Frühstück fuhren wir zur Sparrenburg oberhalb der Bielefelder Innenstadt hoch. Diese Burganlage mit massiven Festungseinrichtungen ist das einzige sehenswerte Gebäude dieser Stadt. Die unsinnige Theorie, dass es Bielefeld gar nicht gebe, rührt wahrscheinlich daher, dass es kein Verlust wäre, wenn diese gesichtslose Häuseransammlung nicht existieren würde.

Nach einem Essensstopp in Frankfurt Preungesheim – türkische Restaurants kennt man aus dem Osten gar nicht, aber in Preungesheim ist das weit mehr als nur Döner und das ist in westdeutschen Großstädten auch normal – fuhren wir in eine ähnlich langweilige Ortschaft wie Bielefeld weiter. In Urberach, einem Ortsteil von Rödermark, gab es ein interessantes Spiel der Hessenliga. Auch das Stadion – mal als Waldstadion, mal als Viktoria-Sportplatz bezeichnet – ist nicht zu verachten: eine kleine, dreireihige überdachte Tribüne mit Sitzschalen ist hier aufgebaut. Sie erstreckt sich in der Mitte der einen Längsseite und hat einen Anbau von Stehrängen links und rechts. Gegenüber sind ein kleiner Graswall und ein recht dichter Wald, der hinter dem einen Tor weitergeht.

Es spielte der 4. gegen den Vorletzten, wobei von dieser Tabellensituation nichts zu merken war: nach vier Minuten traf Rot-Weiss Frankfurt zum 0:1 und war danach gleichwertig mit dem Favoriten. Nach über einer halben Stunde Spielzeit gelang sogar ein weiterer Treffer zum 0:2. Auch nach der Pause war das Spiel auf durchschnittlichem Niveau und eher ausgeglichen. Jetzt setzte Urberach die Gäste aus der nahen Großstadt jedoch mehr unter Druck. Nach über 70 Minuten bekamen sie auch einen berechtigten Elfmeter, den ihr asiatischer Standardschütze auch sicher zum 1:2 im Tor versenkte. In der Schlussphase hatte allerdings Rot-Weiss die entscheidenden Konterchancen: zwei Mal ging ein Spieler von ihnen zackig durch die Abwehr hindurch – ein Mal konnte der Torwart noch parieren, das andere Mal wurde der Ball sicher im langen Eck untergebracht. Das Spiel war zwar ausgeglichen, dennoch ist der Sieg der Gäste gerecht, wenn man bedenkt, dass da ein Abstiegskandidat gegen eine Spitzenmannschaft gewann.

Nach dem Spiel ging es gleich zum Flughafen Frankfurt weiter, wo Anja und ich auf unsere Kommilitonen Gohar, Varduhi, Alexandru und Nils trafen. Am späten Abend flogen wir dann alle zusammen nach New Delhi.
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Statistik:
Grounds: 712 (heute 1 neuer; diese Saison: 118 neue)
Sportveranstaltungen: 1.479 (heute 1, diese Saison: 165)
Tageskilometer: 380 (380 Auto)
Saisonkilometer: 32.980 (24.280 Auto/ 6.600 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 10 Bahn, Bus, Tram/ 0 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 37
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 292

Samstag, 3. März 2012

IND-I/ W292II: Der Weg nach Indien – erster Stopp; Handball in Minden

TSV Grün-Weiß Dankersen-Minden
34:25 HSG Nordhorn-Lingen
Datum: Freitag, 2. März 2012 – Anwurf: 19.30
Wettbewerb: 2. Bundesliga (2. Profihandballliga)
Ergebnis: 34:25 nach 60 Min. (30/30) – Halbzeit: 15:11
Tore: Christoph Steinert 5, Oliver Tesch 5, Aljoscha Schmidt 5, Aleksandar Svitlica 4, Dalibor Doder 4, Sören Südmeier 3, Evars Klesniks 3, Nenad Bilbija 3, Carl-Johan Andersson 1, Nils Torbrügge 1 (GWD = 34, davon in Überzahl 4, in Unterzahl 1, u. 4 von 5 Siebenmeter, größter Vorsprung 11 Tore: 25-14, 31-20); Matthias Stuck 6, Toon Leenders 5, Bobby Schagen 3, Jens Wiese 3, Pavel Mickal 2, Matthias Poll 2, Luca de Boer 2, Alexander Terwolbeck 1, Nils Meyer 1 (HSG = 25, davon in Überzahl 2, in Unterzahl 1, u. 2 von 2 Siebenmeter, größter Vorsprung 1 Tor: 1-2)
Gelbe Karten: Oliver Tesch, Dalibor Doder, Evars Klesniks, Trainer Ulf Schefvert (GWD); Matthias Struck, Bobby Schagen, Jens Wiese (HSG)
Zeitstrafen: Oliver Tersch (GWD = 2 Minuten); Florian Lammering, Toon Leenders, Jens Wiese (HSG = 6 Minuten)
Disqualifikationen: keine
Spielort: Kreissporthalle Minden, sogenannte Kampa-Halle (Kap. 5.000, davon 4.547 Sitzplätze)
Zuschauer: mind. 3.000 (davon zahlende 2.450, Gästefans: ca. 150)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes Spiel mit etlichen sehenswerten Szenen - und ganz ordentliche Atmosphäre in der Halle)
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Photos and English Version:

Auf dem Weg nach Indien legten wir einen kleinen Umweg ein. Statt wie die anderen Praktikumsteilnehmer erst Samstagfrüh zum Flughafen von Frankfurt zu fahren, fuhren Anja und ich mit meinem Vater schon Freitagmittag los, da wir uns in der Vorwoche bereits Karten für Zweitligahandball in Minden besorgt hatten. Die GWD spielte Freitagabend gegen Nordhorn. Vorm Anwurf war noch Zeit für nen kleinen Stadtrundgang. In der Innenstadt ist man in einer halben Stunde durch: außer ein paar Fachwerkhäusern, einer massiven Kirche und mehrerer Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert steht da nur Dreck aus der Nachkriegszeit rum. Für Nordrhein-Westfalen sieht Minden aber ganz gut aus...

Ein ganz netter Bau ist auch die Kreissporthalle, die namentlich von einem Fertighaushersteller verunstaltet wird. Zum Glück sieht die Halle nicht so scheiße aus wie die Hütten, die diese Firma baut. Von außen wirkt die Glasfront mit den zwei Turmelementen pseudo-modern, innen fallen die Backsteinwände und die Unterschiede zwischen den zwei Tribünen auf. Hinter den Toren befinden sich nur ein paar Stühle, sowie jeweils eine einfache Anzeigetafel mit Uhr und links noch eine verglaste Kabine mit darunter befindlichem Schriftzug Kampa-Halle. Auf den Längsseiten sind aber zwei steile Tribünen, in deren oberen Reihen man die jeweils gegenüberliegende Tribüne aufgrund der Dachabschrägung nur noch zum Teil einsieht, aufgebaut: die eine hat nur blaue Schalensitze und dahinter Stehplätze, die andere unten blaue Schalensitze plus einen Stehplatzblock für Heimfans und in der Mitte und oben Holzsitze in schwarz und dahinter auch Stehplätze, teilweise auf einem Podest.

Die Atmosphäre in der Halle war für Handballbundesliga gar nicht schlecht. Der Stehplatzheimblock ist einer ultramäßig auftretenden Gruppe junger Fans vorbehalten, die mit insgesamt so 40 Mann richtig gut anfeuerte. Leider ging kaum jemand von den anderen Fans mit, wobei zum Ende der Partie auch mal von den normalen Zuschauern „Dankersen“-Sprechchöre gebracht wurden. Die Nordhorner waren mit zwei Bussen aufgekreuzt und feuerten ihre Mannschaft auch recht ausdauernd, wenn auch unspektakulär an.

GW Dankersen-Minden ist souveräner Tabellenerster und vermutlich Wieder-Aufsteiger in Liga 1. Nordhorn ist auf Platz sechs zu finden und schon aus dem Aufstiegsrennen raus. Der Beginn gehörte eher den Nordhornern, doch außer einer Führung beim 1-2 und noch mehrfachem Ausgleich sollten sie nur hinten liegen. Bis zur Pause zeichnete sich allerdings in einem wirklich guten Spiel noch nicht die Deutlichkeit des Endresultats ab. 15:11 stand es da, wobei die GWD nicht so zufrieden schien trotz der Führung: vor der Pause tobt der Trainer total albern wegen einer angeblich Fehlentscheidung herum, bekam völlig zu Recht gelb und der affige Anzugträger von Hallensprecher ließ sich zur Durchsage „völlig unberechtigte gelbe Karte gegen unseren Trainer Ulf Schefvert“ hinreißen... Ansonsten hat er aber eine gute Arbeit abgeliefert, der Typ am Mikrofon!

Richtig gute Arbeit lieferten dann die Mindener Handballer in Hälfte zwei ab. Bald zogen sie auf 7 und mehr Tore davon. Der Torwart der Heimmannschaft hielt mehr Bälle, die Angreifer waren treffsicherer. Die Tore waren auch die schöneren. So bewies Grün-Weiß Dankersen-Minden gewissermaßen, dass sie das Zeug für die 1. Bundesliga besitzen. Am 34:25 gibt es nichts zu meckern!

Von Minden fuhren wir nach Bielefeld und stellten fest: die Stadt gibt es wirklich! Im ETAP hatten wir bereits gebucht: das „Bielefeld City Ost“ ist eher unteres Niveau in dieser Kette. Dass es wirklich eine City in Bielefeld gibt beweise ich mit den Bildern vom morgigen Samstag, die im Laufe der nächsten Woche eingestellt werden...
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Statistik:
Grounds: 711 (heute 1 neuer; diese Saison: 117 neue)
Sportveranstaltungen: 1.478 (heute 1, diese Saison: 164)
Tageskilometer: 390 (390 Auto)
Saisonkilometer: 32.600 (23.900 Auto/ 6.600 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 10 Bahn, Bus, Tram/ 0 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 36
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 292