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Sonntag, 15. März 2015

W449I-V(MOR15;4-8): Bandbreite Marokkanischer Sehenswürdigkeiten; eine syrische Burg, spanische Festungen, Halfagrassteppen, Palmenoasen und Hochgebirge

Photos with English Commentary:
a) Rif Mountains: KASBAH AMERGOU (12th Century Castle in Syrian Style), GURUGU NATIONAL PARK (Castillo de Tazuda, Fuerte de Gurugu)
b) Eastern Region: Oujda Town Centre, Figuig Oasis, Bouarfa Town
c) Tifilalt: Ziz Gorges, Aoufous Kasbah, Maâdid Kasbah
d) Anti-Atlas: Kasbahs and Landscape in Alnif, Tazarine, Nekob, Ait Semgane, Tasla 
e) Agadir Region: Foum Zguid, Talate, Tasetiffte, Alugoum, Tisgui Ida Oubaloul, Isafen, Timkite 
Den Montag verbrachten wir noch bei meiner Gastfamilie in Fés. Nach dem Frühstück kam uns die Idee, mal kurz bei Jim vorbeizuschauen, der ja u.a. das Riad besitzt, das Khadija bewirtschaftet. Außerdem hat er auch sein „Moroccan Host Network“ und eine Sprachschule für Marokkanisch-Arabisch. Er freute sich sehr, mich mal wieder zu sehen und nach mehr als einer Stunde Unterhaltung – zum ersten Mal in Marokko mal wieder auf Englisch statt Arabisch – fuhren mein Vater und ich gen Norden.

Wir hatten nur einen Besichtigungspunkt geplant und der ist auch aufwendig genug. Wir fuhren bis Karia Ba Mohammed, nahmen dann einen anderen Weg als geplant und zweigten auf die sehr schlechte Straße nach Moulay Bouchta ab. In Moulay Bouchta war gerade Markt und ein Lieferant erklärte uns nicht nur den Weg zur Burg, sondern schickte uns auch gleich in ein temporäres Restaurant, da wir nach Essen fragten. Dort wurde in einem Zelt an der Straße Fisch gebraten und dazu scharfes Gemüse, Brot und Wasser gereicht.

Auf der Landesstraße R408 von Moulay Bouchta zur Landesstraße R501 (Karia Ba Mohamed nach Ouezzane) muss man dann innerorts (von der R501 kommend links) eine Piste hochfahren. Den Weg zum Jebel Amergou erfragt man am besten im Ort. Nachdem sich die Piste etwa 1km teils recht steinig und immer wieder von einzelnen Bäumen flankiert die Hangkante entlang windet, sieht man links oben auf dem Berg die Burgruine. Nach einem weiteren Kilometer kommt man an zwei uralten Bäumen vorbei in ein kleines Dorf namens Douar Amergou. Dort parkt man auf der Freifläche bei den Bäumen unterhalb der Moschee das Auto und latscht ins Dorf hinter und an der letzten Biegung nach oben. Oder man lässt sich für sagen wir mal 50 Dirham von einem Mann aus dem Dorf auf den Jebel Amergou führen. Wir trafen jedenfalls auf Hassan, der uns freundlich und kompetent nach oben führte und von hochtrabenden Plänen zur Tourismusentwicklung (die Piste asphaltieren, einen Parkplatz anlegen, Wegweiser aufstellen und Leute mit Werbung anlocken, damit so viele Inlands- und ausländische Touris kommen, dass man einen Gasthof aufmachen kann) erzählte.

Ganz oben auf dem Berg befinden sich die stattlichen Ruinen einer Burg, die als Kasbah Amergou bzw. Qalaah Amergou (Kasbah wie auch Qalaah heißt „Burg“, wobei ersteres vorwiegend im Maghreb und letzteres in der Levante benutzt wird) bekannt ist. Erbaut wurde sie im 12. Jahrhundert von einem offensichtlich syrischen Architekten für die Almohadendynastie als Militärfestung nach dem Vorbild der Saladinsburg (Qala’h Salah ad-Din) bei al-Haffah in Syrien. Zum Vergleich hier ein Link zu meinen Bildern von der Saladinsburg: https://www.flickr.com/photos/fchmksfkcb/sets/72157623535528251/ – Auf dem Bergsporn von Amergou hat man eine fantastische Sicht auf den nahegelegenen Stausee und über die anderen Berge hinweg in eine grüne Landschaft bis nach Taounate. Nicht nur landschaftlich, auch baulich ist die Burg Amergou herausragend, denn es gibt keine zweite Festungsanlage in Marokko mit runden Türmen. Die Wehrtürme rund bzw. halbrund zu mauern (und nicht eckig mit Lehm zu stampfen wie bei den Kasbahs der Berber) ist nicht nur für bestimmte europäische Burgen typisch, sondern auch für die syrischen. Burgen die im heutigen Libanon, Jordanien, Israel oder Palästina stehen fallen auch unter den syrischen Bautyp, dessen (vermutlich) einziges Beispiel in Marokko wie gesagt diese Qalaah Amergou ist.

Nachdem wir eine halbe Stunde durch die mittels Mauern in drei Bereiche gegliederte, wirklich sehr schöne Burg mit massiven Mauern und runden Türmen gelaufen sind, stiegen wir ab und gaben Hassan in Ermangelung eines kleineren Scheins 100 Dirham, was ihn sehr freute. Aber insgesamt waren die Leute in diesem Ort auch ausgesprochen freundlich und keineswegs so aufdringlich wie woanders in der Region.

Auf einer etwas anderen Route fuhren wir nach Fès zurück. Da gab es am Abend endlich wieder Blödsinn mit Zakaria und mir: Fußball im Innenhof mit einem Gummiball den wir solange krachend vor die Holztüren (also Tore) donnerten, bis die kleinen Kinder der Amifamilie, die auch derzeit zugast bei Khadijas Homestay ist, pennen gehen mussten...  
Dienstag ging die große Tour los. Mein Vater und ich verabschiedeten uns früh am Morgen von der Familie und fuhren auf der Autobahn bis Guercif durch und zweigten dann gen Nador ab. Vor Nador ging es via Segangane den Jebel Gurugu Nationalpark, Marokkos zweitschönster nach dem Jebel Tazekka Nationalpark, hoch. Bei meinem Besuch letztes Jahr hatte ich zu knapp Zeit vorm Handball in Nador um mehr als die beeindruckende Berglandschaft, durch die sich enge Asphalt- und Schotterwege an Berghängen unter Nadelbäumen in Sichtweite von gezackten und zerklüfteten Felsformationen entlang winden, zu fotografieren. Jetzt wollten wir so viele wie möglich von den fünf oder sechs spanischen Festungen die dort stehen besuchen. OK, am Ende wurden es nicht mehr als zwei, aber egal – wenn man alle abklappern will, braucht man bei den beschissenen Zufahrten und den Fußwegen locker zehn Stunden...

Die erste Festung war ganz typisch für das spanisch kolonisierte Nordafrika: ein runder Turm mit Zinnen, ein paar eckige Nebengebäude bzw. deren Mauerreste und alles aus verputztem Beton und schön auf einem Bergkegel thronend. Diese Festung hieß Castillo de Tazuda oder Fuerte Tazuda. Nur 2km weiter fuhren wir auf eine Piste, die erst nach 50m einen Aussichtspunkt zu bieten hat und dann nach 1km oben an der größten Festung des Gurugu Gebirges herauskommt. Wir liefen allerdings den Kilometer, da uns ab dem Aussichtspunkt die Piste so eng und steinig vorkam, dass wir mit dem Mietwagen trotz Allrad nichts riskieren wollten. Gerade in einem fast menschenleeren Nationalpark braucht man keine Schäden in die Mietkarre zu fahren... Jedenfalls heißt dieses Fort Fuerte Gurugu oder Arabisch auch „Khandaq Almany“ (Deutscher Graben), da es ein besonderes, wohl von einem deutschen Festungsarchitekten entworfenes Grabensystem aufweist. Den Großteil der Festungsmauern hat man innerhalb des verschachtelten Grabensystems, in das man nur an einer Stelle – der mit dem besten Ausblick in die Berglandschaft des westlichen Rifs – hineinklettern kann.

Nach dieser eindrucksvollen Festung sahen wir zwar noch zwei weitere bekannte, verpassten dann aber die Abzweige bzw. Aufstiegsmöglichkeiten und fuhren dann aufgrund der fortgeschrittenen Zeit durch Nador. Dort sahen die meisten Restaurants so teuer aus, dass wir noch 10km nach Sirouane weiterfuhren und da in einem ganz ordentlichen kleinen Restaurant trotz zweier großer Cola als Getränk dazu für weniger als 8€ gute Tajine mit Pommes und prima Thunfischsalat bekamen. Aber was die Bekanntheit dieser Festungen angeht: wie auch die am Montag besuchte „syrische“ Burg Amergou und die von mir letztes Jahr zwei Mal besuchte Kasbah Nesrani; die Festungen im Gurugu-Gebirge werden in keinem Marokkoreiseführer erwähnt, obwohl sie für jeden Burgenfreund oder Fan von Festungsbauwerken wirklich interessant sind. Man sollte dabei bedenken, dass es auch von einem neutralen Standpunkt aus eine absolute Frechheit ist, dass niemand Werbung für v.a. die Burg Amergou macht, deren qualitätsvolle Baukunst einmalig in Marokko ist: man kann doch im Reiseführer warnen, dass man entweder Allrad braucht oder 3km laufen muss um an den Fuß des Burgberges zu kommen! Und die Festungen im Gurugu-Park sind ja teilweise noch ziemlich einfach zugänglich!

Wir fuhren dann um den Stausee Mohamed V herum nach Taourirt und via El Aioun (nicht mit dem gleichnamigen Ort in der Westsahara verwechseln!) nach Oujda. Oujda ist zwar eine ganz sympathische Stadt, aber dadurch dass sie sehr untouristisch ist und trotz der überwiegend armen Bevölkerung auch eine zahlenmäßig gar nicht so kleine Oberschicht existiert, ist sie recht unübersichtlich und teuer. Bis wir getankt, eingekauft und in ein Hotel eingecheckt hatten (die Klitsche in der Straße nahe des Bahnhofes gegenüber der Altstadt war mit 200 Dirham noch zu teuer: in vielen Städten würde ein solches unteres Mittelmaß 150Dh. kosten) verging weit über eine Stunde.

Nach dem Einkaufen im Marjane (die kleinen Läden hatten kein vernünftiges Angebot, also fuhren wir den reichen Leuten mit dicken Autos ins nette Shoppingcenter nach) gab es noch ein Erlebnis, das gar nicht unangenehm war, aber auf das ich natürlich lieber verzichtet hätte: Oujda ist ein Hotspot für Flüchtlinge, die in Algerien nicht versorgt werden und daher die Grenze illegal passieren und in Marokko bestenfalls eine Grundversorgung aber ohne jede Verdienstmöglichkeiten bekommen, sodass man in Oujda viel angebettelt wird. Meist sind das Schwarzafrikaner, doch beim Einpacken ins Auto wurde ich von einer Frau, etwa so alt wie ich, auf syrisch-gefärbten Hocharabisch angesprochen, ob ich „marokkanischer Bruder“ nicht etwas Geld für syrische Flüchtlinge hätte. Vom Äußeren her hätte sie mit schwarzem Kopftuch und langer Jacke auch eine Einheimische sein können, aber als ich misstrauisch fragte, von woher genau aus Syrien sie stamme und sie dann meinte „bei Idlib“, war ich mir langsam sicherer, dass sie keine Marokkanerin ist, die asozialerweise behauptet Kriegsflüchtling zu sein um Mitleid zu erregen und Almosen einzusacken. Ich meinte dann nur noch: „Was heißt bei Idlib? Idlib-Stadt oder Saraqib oder Jisr?“ Sie daraufhin lächelnd: „Du kennst Saraqib (beta’ref Saraqib)?“ – Bei den Geographiekenntnissen der meisten Marokkaner, die höchstens Damaskus und Aleppo kennen, und mit ihrem freundlichen Bedanken statt dem wie in Marokko üblichen Fordern nach (noch) mehr „vielen Dank und Gott segne dich, mein marokkanischer Bruder“ (muss mich wohl für nen Berber gehalten haben, bei meinem komischen Akzent und hellen Äußeren) für meine 20-Dirham-Spende, war aber klar, dass sie die Wahrheit sagte. Aber so was ist zum Kotzen, wenn man Leute aus einem Ort, den man kennt da man dort mal Fußball geguckt und dabei sogar Freunde gefunden hat und eingeladen wurde und nach wie vor noch Kontakt hat (mein Kumpel aus Saraqib lebt aber schon seit Ende 2010 in Deutschland zum Studium), beim Betteln am Arsch der Welt trifft!  
Mittwoch ging es recht früh von Oujda aus nach Süden. Man passiert südlich der östlichsten Großstadt Marokkos ein bergiges, bewaldetes Bergbaugebiet, das auf den seltsamen Namen Jerada (Heuschrecke) hört. Durch Jerada selbst fuhren wir nicht durch, da wir den direkten Weg gen Ait Beni Mathar nahmen. Ab dort wird die Landschaft öde und extrem leer. Nach über 100km Nichts bzw. Halfagrassteppe und Halbwüste kommt dann ein Dorf namens Tandrara, wo nach Osten nichts abgeht, da die umstrittene und geschlossene algerische Grenze direkt daneben verläuft und nach Westen nur noch Pisten über das fast menschenleere Plateau du Rekkam verlaufen. Der Polizeiposten am Ortseingang war sehr freundlich und bat uns einen Kollegen ins 80km entfernte Bouarfa mitzunehmen. Kurz vor Bouarfa sollte es sich als sehr geschickt herausstellen, diesen Polizisten namens Soufiane mitgenommen zu haben: ich war mit 70 statt der erlaubten 60 in den Ort eingefahren und ein Polizist namens Zakaria hielt mich deswegen an. Soufiane meinte gleich, er solle uns doch einfach durchlassen, aber Zakaria belehrte mich erstmal in bestem Hocharabisch, dass er mir bei der nächsten Verkehrsübertretung eine Geldstrafe auferlegen muss. Nach einer Entschuldigung meinerseits für mein zu hohes Tempo, fuhren wir in der Tat ohne etwas zahlen zu müssen weiter und ließen Soufiane in der Ortsmitte der sehr gepflegten Kleinstadt Bouarfa heraus.

Von Bouarfa fährt man eine schöne Strecke von etwas mehr als 100km nach Figuig, wobei man kurz vorm Ortsanfang bei einer sehr freundlich Kontrolle Passdaten sowie eine Telefonnummer angeben muss und dann sogar noch die Gendarmerie-Nummer bekommt, die man bei einem Problem anrufen solle. Die beiden Polizisten waren so gut drauf, dass sie meinem Vater noch während der minutenlangen Datenaufnahme einen ihrer Feldstecher gaben, dass er sich mal die Berglandschaft angucken solle – eigentlich dürften die beiden dieses fürs Militär genormte Hochpräzisionsteil, das z.B. zum Überwachen illegaler Grenzübertritte oder Verkehrsbewegungen dient, nicht mal so aus der Hand geben... Jedenfalls liegt die Kleinstadt Figuig mit ihren 12.000 Einwohnern total am Arsch des Landes: von zwei Seiten von Algerien eingeklemmt, dessen Grenzen zu Marokko aufgrund beiderseitiger Blödheit und Sturheit geschlossen sind. Drumherum schroffe Berge und der Ort selbst verteilt sich recht malerisch zwischen von Lehmmauern und -türmen umgebenen Palmoasen, die die Lebensgrundlage dort bilden. Bekannt ist der Ort in sportlicher Hinsicht für einen Erstligisten im Volleyball: Auswärtsspiele sind da schon was Geiles, mal eben 1.500km nach Tanger oder Rabat fahren für Volleyball... Figuig ist weitestgehend gepflegt aber unübersichtlich und an den Rändern sind die Palmoasen sehr struppig und teils verlassen. Auffällig ist hier (das gilt aber in Marokko für jeden Ort östlich von Fés, selbst für die Region Taza und für Oujda so wie so), dass es so gut wie keine Touristen gibt. Das hat den Vorteil, das trotz der Strukturschwäche der „Region Orientale“ die Leute weder so aufdringlich noch so ausländerfeindlich wie in etlichen anderen Gegenden Marokkos sind. Ganz im Gegenteil: gerade Dienstleister sind ausgesprochen freundlich. Wir aßen Tajine in einem kleinen Restaurant, in dem eine junge Frau bediente, die wirklich sehr freundlich und gut gelaunt war. Als ich von den geforderten 71 auf 80 Dirham aufrunden wollte, meinte sie nur „vielen Dank, aber das ist zu viel, mach ein bisschen weniger“, sodass wir uns auf 75 einigten.

Wir fuhren schon nach anderthalb Stunden in Figuig wieder nach Bouarfa zurück. Dort kauften wir nur was zum Abendessen (leider ist in Bouarfa anscheinend ziemliche Mangelwirtschaft) ein und mussten aufgrund der Grenznähe noch mal Passdaten abgeben. Wir fuhren durch ganz interessante Halbwüstenlandschaft mit kahlen, imposant geformten Tafelbergen bis Boudnib, was sich als das letzte Scheißkaff herausstellte. Kam zwar recht gepflegt daher, aber statt einer richtigen Tankstelle anzusteuern musste man sich zu einem Laden durchfragen, der Öle und andere Schmierstoffe sowie auch Kraftstoffe aus Kanistern verkaufte. Statt der üblichen 9,2 oder 9,3 Dirham kostete hier ein Liter Diesel auch stolze 11 Dirham (1,07€) – aber wenigstens bekam man mit einem prima Trichter die Plörre aus umfunktionierten Olivenölflaschen in den Tank gefüllt. Was wir dann nicht akzeptierten war der Preis für eine Übernachtung auf dem Campingplatz in der Oase. Irgend so ein scheiß Franzose führt da ein „Camping de Rekkam“ und verlangt da pro Person 220Dh. für eine Nacht im Zelt mit Verpflegung. Doof wie der war, wollte der nicht auf mein Handeln eingehen, aber solche Spaste wie der sind eh nicht mal ansatzweise integriert. Wir fuhren also über 70km weiter bis in einen Vorort von Er-Rachidia, wo es eine Petrom-Tankstelle mit angeschlossenem Hotel gibt, und checkten dort nach dem Volltanken für 250 Dh. (24€) pro Person ein. Eigentlich wären es 280 Dh. (die waren schon etwas grenzwertig, auch wenn das Hotel nicht schlecht ist) gewesen, aber wenn man auf Arabisch ganz scheinheilig fragt „OK, ähm... gibt es noch ein Hotel in der Stadt, dass so etwa 200 Dirham pro Zimmer nimmt?“ geht der Chef schnell runter im Preis...  
Donnerstag setzten wir die Fahrt von Er-Rachidia aus fort. Zuerst nach Süden via Aoufous, wo es einen tollen Palmenhain in einer der spektakulären Schluchten des Flusses Ziz (nach dem heißt übrigens eine Tankstellenkette) und einige verfallene Lehmbauten (kleine Kasbahs) gibt, und via Maâdid wo es ebenfalls eindrucksvolle aber verfallene Lehmkasbahs zu sehen gibt, bis Rissani. Dort bogen wir nach Alnif ab. Ob die Spaste mit den Wohnmobilen (fürchterlich wie viele Franzosen, Deutsche, Schweizer und Spanier mit diesen Karren in Marokko und v.a. dem Hohen und Anti-Atlas rumkurven) durch die Furt gekommen sind? Mit unserem Dacia war das ja kein Problem, eine 30cm tiefe Flussquerung zu passieren, die aufgrund eines Brückenschadens auf der einzigen Einfahrt von Osten her nötig ist. Alnif ist insgesamt leider heruntergekommen und voller Bettler.

Tazarine ist da sehr viel angenehmer, wobei das Touristen-Restaurant etwas zu teuer war. Nekob machte dann einen noch sehr viel besseren Eindruck: sehr viele, meist gut erhaltene bzw. sehr gepflegte Lehmbauten wie Kasbahs und Ksars in schöner Landschaft und freundliche Leute. Auf dem Weg nach Ouarzazate, den wir etwas ausdehnten aufgrund der reichlichen Zeit, passierten wir noch einige verfallene Kasbahs (befestigte Häuser), Ksars (Wehrdörfer) und Agadirs (befestigte Getreidespeicher). In einem namenlosen Ort zwischen Nekob und Tansikht und dann auf der Nebenroute in Ait Semgane und Tasla befanden sich die besten Beispiele.

Wir erreichten Ouarzazate wie geplant in der Dämmerung kurz vor 19 Uhr und checkten im Hotel Zaghrou ein, dass ich sehr empfehlen kann, obwohl es sich direkt an unserer Budgetgrenze für eine Nacht (300 Dirham, d.h. 29€) bewegt. Aber hier ist Frühstück in diesem Preis inbegriffen und wenn man noch mal etwa 140 Dh. für zwei Leute hinlegt, bekommt man sogar ein hervorragendes warmes Abendessen (Tajine, Brouchette oder Couscous) im Restaurant serviert.  
Freitag bewegten wir uns dann, südlicher als anfangs angedacht, auf spektakulären Umwegen bzw. Nebenwegen gen Agadir. Wir fuhren die bereits bekannte Strecke von Ouarzazate bis Tazenakht, wo hinter dem Ort eine enge und schlechte Asphaltstraße nach Foum Zguid abgeht. Der Weg bis Foum Zguid ist ein ruhiges, dünn besiedeltes Tal mit schroffen Felswänden und steinigen Wadis, die ab und an von Oasendörfern mit Lehmbauten und Palmenhainen gesäumt sind. Von diesen Oasendörfern sind v.a. Talate, Tasetiffte und Alugoum lohnend. In all diesen Orten fällt übrigens auf, dass die Leuten zurückhaltend und freundlich sind.

Foum Zguid hat dann ein paar wenige Lehmbauten zu bieten und ist ansonsten ein ungepflegtes Kaff mit vielen Betongebäuden. Die Strecke von dort nach Tata ist von Dünen und Felsen gesäumt, sehr leer da fast völlig unbesiedelt und schnell zu fahren. In Tata, eine ehemalige Militär-Stadt die mit ihren heute rund 50.000 Einwohnern aufgrund ihrer geschickten Kommunalpolitik mit vielen internationalen Projekten im Energie-, Dienstleistungs- und Medizinsektor bekannt ist, gingen wir in einer kleinen Klitsche essen: das Besitzerehepaar waren ein Harratin (d.h. seine Vorfahren waren schwarze Sklaven) und eine Sahraouia (also eine aus der Sahara).

Wir bogen dann in die Berge in Richtung Ighrem/ Taroudante ein und passierten einige interessante Berberdörfer, die ebenfalls sehr ruhig und angenehm waren. Tisgui Ida Oubaloul liegt toll an einem breiten, steinigen Wadi. Isafen liegt deutlich oberhalb des Wadis halb in den Bergen. Timkite hat eine schöne Speicherburg (ein Agadir) zu bieten. In Ighrem selbst gab es nichts zu sehen und Taroudant kannten wir schon, sodass wir nach Agadir durchfuhren, dort 19h ankamen und nach einem Einkauf in dasselbe Hotel wie letztes Jahr eincheckten: nur 16,30€ für ein Doppelzimmer – zugegebenermaßen aber auch recht einfach und Klo/Bad auf dem Gang...  
Statistik:
- Tageskilometer: 2.630 (Mo: 210km Auto, Di: 590km Auto, Mi: 770km Auto, Do: 560km Auto, Fr: 600km Auto)
- Saisonkilometer: 40.410 (28.880 Auto/ 5.600 Flugzeug/ 4.430 öffentliche Verkehrsmittel/ 1.480 Fahrrad/ 20 Schiff, Fähre)

Montag, 24. Februar 2014

W395I: Melilla und Nador; von Jugendfußball Freitagnacht, vergeblicher Hotelsuche und einem hitzigen Handballspiel

---- Hilal Athlétique Nador (هلال الناضور) ----
......................... 22:22 (15:9) ..........................
Renaissance Sportif Tanger (نادي النهدة طنجة)
Datum: Samstag, 22. Februar 2012 – Anwurf: 17.00
Wettbewerb: Ligue Excellence du Handball, Poule Nord [بطولة المغربية لكرة اليد القسم الممتاز] (Marokkanische Superliga Nord, d.h. Nordstaffel der 1. Marokkanischen Handballliga; Halbprofiliga)
Ergebnis: 22-22 nach 60 Min. (30/30) – Halbzeit: 15-9
Tore: k.A.
Siebenmeterquote: HAN 100% (4 von 4); RST 20% (1 von 5)
Gelbe Karten: HAN 1, RST 1
Zwei-Minuten-Strafen: HAN = 6 Minuten; RST = 4 Minuten
Platzverweise: keine
Spielort: Salle Couverte de Nador [قاعة المغطاة بالناضور] (Kap. 2.500 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 500 (keine Gästefans)
Unterhaltungswert: 8,5/10 (Sehr gutes und spannendes Handballspiel, sehr gute Stimmung)

Club de Fútbol Atletico Rusadir/ Alevín
.......................... 6:6 (3:3) .........................
-- Union Deportiva Melilla A / Alevín --
- Datum: Samstag, 22. Februar 2014 – Anstoß: 12.00
- Wettbewerb: Competición Liga 1a División Alevín de Ciudad Autónoma de Melilla (1. D-Junioren-Liga der Autonomen Stadt Melilla, d.h. 2. spanische U15-Liga)
- Ergebnis: 6-6 nach 60 Min. (30/30) – Halbzeit: 3-3
- Tore: 1-0 6’, 1-1 6’, 2-1 12’, 2-2 18’, 2-3 23’, 3-3 24’, 3-4 31’, 4-4 32’, 4-5 44’, 5-5 52’ Hand-9m, 5-6 54’, 6-6 54’
- Verwarnungen: keine
- Platzverweise: keine
- Spielort: Campo Fernando Pernias A (Kap. 450, davon 400 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 35
- Unterhaltungswert: 8,0/10 (Hervorragendes Jugendspiel zweier absolut gleichwertiger Teams)

Union Deportiva Melilla B/ Alevín
..................... 3:7 (1:2) .....................
--- Peña Real Madrid B/ Alevín ---
- Datum: Samstag, 22. Februar 2014 – Anstoß: 12.00
- Wettbewerb: Competición Liga 2a División Alevín de Ciudad Autónoma de Melilla (2. D-Junioren-Liga der Autonomen Stadt Melilla, d.h. 3. und unterste spanische U15-Liga)
- Ergebnis: 3-7 nach 60 Min. (30/30) – Halbzeit: 1-2
- Tore: 0-1 9’, 0-2 10’, 1-2 19’, 2-2 36’, 2-3 38’, 2-4 39’, 3-4 43’, 3-5 46’, 3-6 47’, 3-7 52’
- Verwarnungen: keine
- Platzverweise: keine
- Spielort: Campo Fernando Pernias B (Kap. 250, davon 200 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 25
- Unterhaltungswert: 5,5/10 (Größtenteils wildes Gebolze, aber wenigstens viele Tore)

Union Deportiva Constitución / Cadete
.......................... 1:0 (0:0) ........................
Peña Madridista V Centenario/ Cadete
- Datum: Samstag, 22. Februar 2014 – Anstoß: 9.00
- Wettbewerb: Liga Cadete Preferente de Ciudad Autónoma de Melilla, sogenannter „Copa Coca Cola” (C-Junioren Oberliga der Autonomen Stadt Melilla, d.h. 3. und unterste spanische U15-Liga)
- Ergebnis: 1-0 nach 85 Min. (40/45) – Halbzeit: 0-0
- Tor: 1-0 62. Nr. 5
- Verwarnungen: Nr. 4, 10, 11 (UDC); Nr. 9 (PMVC)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Estadio La Espiguera (Kap. 2.000, davon 200 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 15
- Unterhaltungswert: 3,5/10 (Ziemlich langweilig)

Club Deportivo Comisiones Obreras/ Juvenil
................................. 2:5 (2:2) ............................
-- Club de Fútbol Atletico Rusadir/ Juvenil --
- Datum: Freitag, 21. Februar 2014 – Anstoß: 21.30
- Wettbewerb: Liga Juvenil Preferente de Ciudad Autónoma de Melilla (A-Junioren Oberliga der Autonomen Stadt Melilla, d.h. 3. und unterste spanische U19-Liga)
- Ergebnis: 2-5 nach 100 Min. (50/50) – Halbzeit: 2-2
- Tore: 1-0 14. (NN), 2-0 18. (15), 2-1 38. (10), 2-2 45.+1 (NN), 2-3 51. (7), 2-4 57. (NN), 2-5 67. (11)
- Verwarnungen: Nr. 7, 12, NN (CDCO); Nr. 4, NN (CFAR)
- Platzverweise: keine
- Spielort: Estadio La Espiguera (Kap. 2.000, davon 200 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 100 (davon ca. 50 für Rusadir)
- Unterhaltungswert: 7,0/10 (Gutes Jugendspiel mit ordentlicher Stimmung aber einigem Leerlauf in Hälfte zwei)

Peña Madridista V Centenario/ Futsal Feminino
................................... 1:6 (1:3) ...............................
--- Torreblanca Melilla C.F./ Futsal Feminino ---
- Datum: Freitag, 21. Februar 2014 – Anstoß: 20.00
- Wettbewerb: Compeonato de Feminas de Fútbol de Sala de Ciudad Autónoma de Melilla (Frauenliga der Autonomen Stadt Melilla, d.h. 3. und unterste spanische Frauen-Futsal-Liga)
- Ergebnis: 1-6 nach 40 Min. (2x20) – Halbzeit: 1-3
- Tore: 1-0 8. (10), 1-1 13. (15), 1-2 16. (NN), 1-3 20. (11), 1-4 24. (4), 1-5 28. (NN), 1-6 40. (10)
- Verwarnungen: keine
- Platzverweise: keine
- Spielort: Pistas Polidportivas Alvares Claro (Kap. 1.000 Sitzplätze)
- Zuschauer: ca. 30
- Unterhaltungswert: 5,0/10 (Torreblanca hatte etliche gute Szenen und gewann entsprechend gegen einen schwachen Gegner)  
Photos with English and Arabic Commentary:
a) Futsal in Melilla: Torreblanca defeat Pena Madridista at PP Alvares Claro (Women’s Football League)
b) La Espiguera: Comisiones Obreras v CFA Rusadir and UD Constitucion v Pena Madridista (Under-19 and Under-15 League)
c) Fernando Pernias: UD Melilla B – Pena Real B and UD Melilla A – CFA Rusadir A (Under-13 League)
d) Melilla (Spanish Exclave on Moroccan Territory): Medina Sidiona, Parks and Gardens, Modernismo Architecture

e) Moroccan Handball League in Nador: Hilal Nador v Nahda Tanger
f) Rif-Mountains: Jebel Gourougou Natural Reserve near Nador 
g) Handball Video: Hilal Nador Supporters against Nahda Tanger 

Melilla ist genauso eine teure spanische Machtdemonstration wie Ceuta, doch was für den spanischen Staat eine sinnlose Geldverschwendung und den marokkanischen Staat und seine Bürger ein Ärgernis ist, ist für den in Marokko lebenden Ausländer eine Erleichterung in Sachen Visumsverlängerung. Nach der letzten Unterrichtsstunde des Semesters am Institut in Fès fuhr ich direkt auf die Autobahn, die mich zügig nach Guercif brachte. Dort hatte die Polizei, da kaum jemand die Autobahn nutzt, nichts zu tun und hielt mich einfach nur aus Langeweile und Interesse an. Aber die 10 Minuten zum Quatschen habe ich ja auch mal – der junge Berber war auch wirklich freundlich. Danach ging es auf die Bundesstraße 15, die ausreichend breit, weitestgehend leer und mit nur drei Ortsdurchfahrten und entsprechend schnell auf die 20km vor Nador einmündende N6 trifft, welche wiederum voll und schlecht und eigentlich eine einzige Ortsdurchfahrt ist. Denn Nador ist heftig gewuchert und entsprechend chaotisch geht es da zu. Nach weiteren 5km durch dichte Bebauung ist man an der Grenze zur Exklave.

Ein Ärgernis ist jedes Mal auch für den in Marokko lebenden Ausländer der Stress beim Grenzübertritt. Zumal wenn es mal wieder die logische Folge dieser Exklavenlage zu beobachten gibt: Flüchtlingsströme. Das heißt dann strengere Grenzkontrollen. Nervig genug sind schon die marokkanischen Händler, die einem kostenpflichtig (obwohl diese an den Häuschen gratis ausliegen) Ein- oder Ausreiseformulare andrehen oder Nippes und primitive Alltagsgegenstände zu überhöhten Preisen verkaufen wollen. Besonders nervig ist aber, dass vor allem die marokkanischen Grenzer keine höflichen Umgangsformen haben. Wenigstens war der Polizeihauptmann, zu dem mich der dumme Zöllner schickte, freundlich, und meinte im Gegensatz zu dem Dummen, dass meine mehrfache Aus- und Wiedereinreise innerhalb von drei Monaten (die Visumsdauer) kein Problem sei und ich deshalb keine kostenpflichtige Aufenthaltsgenehmigung für den dauerhaften Wohnsitz beantragen müsste. Einfach ein Stempel und seine Unterschrift drauf und bei einem anderen Zöllner vorzeigen und fertig. Der vergaß dann die Wagenpapiere zu kontrollieren, aber ist mir auch recht… Dann nur noch Fahrzeugkontrolle der unfreundlichen Guardia Civil und nach 70 Minuten (55 Marokko, 15 Spanien) an der Grenze war ich in der spanisch besetzten Stadt.

19.15 war ich schließlich drüben – also gleich zum Sport, war ja eh schon dunkel… Die 70.000-Einwohner-Kleinstadt hat eine unglaubliche Menge von Sportstätten zu bieten; um die 10 Fußballplätze und -stadien, fast genauso viele Sporthallen, dazu Tennisplätze und ein Golfplatz.

In der zweitgrößtes Sporthalle, die sich direkt hinter dem größten Stadion „Alvares Claro“ befindet, fand ein Futsal-Spiel statt. Die Frauenliga hat fünf Mannschaften, wobei es Frauenfußball in Melilla nur in der Form von Futsal und nicht etwa Großfeldfußball oder Kleinfeld draußen gibt. Zu der Halle muss man noch anmerken, dass sie halboffen ist und die vielen Stützbalken die Sicht auf den beiden fünfreihigen Steinstufentribünen erheblich einschränken. Der Belag der Spielfläche ist übrigens versiegelter Beton und auch die Stützbalken bergen für die Sportler erhebliche Verletzungsgefahr. Die Pistas Polideportivas ist also nichts weiter als ein überdachter Bolzplatz…

Die heutigen Gegner waren Peña Madridista, das ist der Real-Madrid-Fanclub, und Torreblanca (Weißer Turm), welcher Serienmeister im Frauenfußball bzw. -futsal ist. Den besseren Start in diesem ausgesprochen fairen Spiel erwischte aber der Underdog, der offensichtlich mehr Marokkanerinnen im Kader hatte während der Meister hauptsächlich mit Spanierinnen spielte, mit einem frühen Treffer. Bis zur Pause war aber ein erwarteter 3:1 Vorsprung herausgespielt und nach dem Seitenwechsel kam der Real-Club kaum noch vor den Kasten des Weißen Turmes. Torreblanca netzte noch drei Mal nach guten Zuspielen ein und gewann verdient mit 6:1.

250m die Straße runter befindet sich in Sichtweite des größten Stadions der Exklave das zweitgrößte. Das Campo de La Espiguera (Der Getreidespeicher) weiß mit einer bunt bestuhlten und überdachten Haupttribüne sowie Stehplätzen auf vier kleinen Steinstufentribünen zu je drei bis fünf Reihen zu gefallen. Es gibt auch einen Bolzplatz im Gelände und einen Imbiss der mit Stadionöffnung aufmacht. Drumherum stehen einfache mehrgeschossige Häuser. Sehr deutlich ist dort zu sehen, dass in den besseren Gebäuden die Spanier und in den schlechteren die Marokkaner wohnen. Andererseits gibt es in Ceuta und Melilla nicht die Aggressionen zwischen Spaniern und Ausländern wie in Spanien sonst und auch nicht die Aggressionen vonseiten der Marokkaner gegen Fremde oder Nicht-Muslime wie mitunter in Marokko. Hier mischt sich die Bevölkerung ganz gut. Wenn Spanien die Städte einmal zurückgeben sollte, da waren sich alle gebildete Marokkaner mit denen ich das Thema besprochen habe einig, wird das kaum so bleiben, da v.a. primitive berberische Bevölkerung aus den umliegenden Gebeiten (Fnideq, Tetouan bzw. Nador, Segangan) die Städte fluten und mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Problemen völlig herabwirtschaften würden.

In Melilla nutzte ich fast nur Arabisch, da ich v.a. beim Fußball irgendwie nur mit Arabern zu tun hatte. Auch bei diesem Spiel zwischen Rusadir (das ist der phönizische Name Melillas; diese gründeten den Hafen vor über 3.000 Jahren) gegen den Gewerkschaftsverband Comisiones Obreras in der A-Jugendliga: Platzwart und Tochter waren jedenfalls überrascht, dass ein Ausländer besser Arabisch als Spanisch kann und peinlich berührt, als sie zugeben musste, dass mal wieder ihre Landsleute Ärger machten: schon nach fünf Minuten fing der jugendliche und überwiegend marokkanische Rusadir-Anhang an, Spieler der gegnerischen Mannschaften mit Getränkedosen zu bewerfen. Als der Trainer dies unterband, wurde nur noch bei jeder hitzigen Aktion auf dem Feld aufgesprungen, quer über die Tribüne gerannt und sich so nah wie möglich am Geschehen postiert um von der Tribüne aus Beschimpfungen reinzurufen. Die Rivalität dieser beiden A-Jugend-Mannschaften hat übrigens laut der Tochter des Platzwartes – größtenteils standen Mitschüler von ihr auf dem Feld – mit Rivalitäten zwischen Schulen und Schulklassen bzw. Schülercliquen zu tun...

Das Spiel war richtig stark: Rusadir war aktiver und besser, geriet aber irgendwie mit 2:0 in Rückstand – u.a. durch einen Heber aus 15m und vollem Lauf über den Torwart. Noch vor der Pause gelang nach Dauerdruck der verdiente und stark herausgespielte Ausgleich. Nach der Pause kam Comisiones Obreras gar nicht mehr klar, während Rusadir innerhalb von 20 Minuten das Spiel mit einem 2:5 für sich entschied. Nach dem fünften Treffer für die Phönizier gab es leider kaum noch gute Szenen.

Nach diesem sehr unterhaltsamen Kick, den man in Deutschland wohl aus Jugendschutzgründen nicht erst um 21.30 angepfiffen hätte, ging es an die Hotelsuche – und die ist eine Katastrophe in diesem schwachsinnigen Gebilde! Klassifizierte Hotels kosten selbst mit Buchung doppelt so viel wie in fast allen anderen Regionen Spaniens (50€ für ein Zimmer, das man in fast allen anderen Landesteilen für 25€ bekommen würde) und die unklassifizierten Absteigen sind ständig voll belegt und nicht vorbuchbar. So wie so gibt es zu wenige Hotels in Melilla und das auch noch mit schlechtem Preisleistungsverhältnis. Um Mitternacht suchte ich jedenfalls einen Stellplatz für meinen Dacia, in dem ich schließlich übernachtete: im dünnbebauten Norden der Stadt steht ein Kiefernwald auf dessen Parkplatz man problemlos, kostenfrei und unbehelligt – trotz Sichtweite zum Grenzzaun – stehen kann.  
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Am nächsten Morgen ging ich mal kurz durch den Pinienwald, wo es öffentliche Brunnen gibt, an denen man zumindest die Zähne putzen kann, und fuhr danach in die Stadtmitte runter. Die Altstadt ist eine befestigte Landzunge, entsprechend eng und verwinkelt und schön anzusehen. Die von dieser Landzunge abgehenden Straßen führen durch saubere und gepflegte Stadtteile, die architektonisch v.a. vom Modernismo (spanischer Jugendstil) geprägt sind. Sehenswert ist außerdem noch ein großer Friedhof der unterhalb einer Plattenbausiedlung und des Zementwerkes liegt.

Dann ging es v.a. darum, Fußball zu gucken. Im großen Stadion war kein Spiel, aber dafür gab es auf den kleineren Plätzen viel zu gucken. Ansetzungen findet man unter http://www.rfmf.es/index.php Meistens wird auf dem Campo de La Espiguera (Der Getreidespeicher) gekickt. So kehrte ich noch mal dorthin zurück, da es schon um 9 Uhr ein B-Jugendspiel zwischen UD Constitucion (Sportunion Verfassung) und einem der drei Real-Madrid-Fanclubs Melillas, Pena Madridista V Centenario, gab. Der Kick war leider ziemlich dürftig und völlig emotionslos geführt. Waren wohl noch nicht so recht wach um 9 Uhr frühs… Mitte der zweiten Halbzeit gelang Constitucion mit einem halbhohen Schuss aus sieben Metern der Goldene Treffer. Die Madridistas hatten allerdings mehr Torchancen – verloren also recht unglücklich.

Weiter die Straße runter und dann an der Kreuzung links, bis zum Kreisverkehr und dann noch mal links und nach 50m rechts durch die Häuser und schon steht man vor den beiden Kleinfeldplätzen Fernando Pernias. Auch die haben kleine Tribünen zu bieten (die drei anderen Fußballsportanlagen, neben den drei Stadien, sind ja alle ausbautenlos): Platz A sogar eine mit Überdachung und relativ vielen Steinstufen, Platz B nur eine kleine mit blauen Steinstufen. Das Häuser- und Naturpanorama, das man von der Tribüne aus sieht, macht einen guten Eindruck.

Auf Platz B spielte die Zweite D-Junioren Mannschaft des Proficlubs UD (Sportunion) Melilla gegen die D II des dritten Real-Madrid-Fanclubs Pena Real Madrid, auf Platz A die Erste D von UD Melilla gegen Rusadir. Die U13-Liga in Melilla ist in zwei Ebenen gegliedert und entsprechend stark war auch der Niveauunterschied. UDM II spielte sehr schwach gegen ein aus mehr Mädchen als Jungen bestehendes Real II und verlor entsprechend 3:7, wobei die beiden einzigen Jungs zusammen drei der sieben Treffer erzielten. Die I. von UD Melilla war natürlich in allen Belangen stärker als die II. – aber gegen Rusadir taten sie sich schwer: andauernd in Front und andauernd den Ausgleich kassiert. Am Ende war in diesem sehr unterhaltsamen Match kein Sieger zu finden: mit 6-6 gab es aber ein schön spektakuläres Ergebnis!

Nach einem Einkauf beim LIDL, der ziemlich von bettelnden Schwarzafrikanern belagert ist, und wie jener in Ceuta Preise macht, die klar unter denen vom restlichen Spanien liegen, sowie einem Tankstopp – leider gibt es nur in Ceuta Super Plus 98, nicht in Melilla, doch das Super 95 ist zwar genauso minderwertig wie jenes in Marokko, aber dafür 15 Cent billiger (1,04€ gegen 13 Dirham je Liter) – setzte ich mich noch in den sehr schön gestalteten Park am Flughafen und fuhr dann rüber nach Marokko.  
Nach nur 30 Minuten Wartezeit und so gut wie gar keiner Kontrolle trotz erheblichen Auftriebs, war ich schon wieder auf marokkanischem Staatsgebiet. Bis zum anvisierten Handballmatch in der Stadthalle Nador waren zwei Stunden Zeit, sodass ich nicht den direkten Weg sondern jenen über den Gourougou Berg mit Naturschutzgebiet nach Segangan nahm. In Nador wie auch in Segangan gibt es mehrere Hundert Jahre alte, aber modern verbaute Festungen, doch das eigentlich sehenswerte ist der Naturpark im wilden Gebirge zwischen den beiden Städten. Dort oben wohnt fast niemand außer einigen schwarzafrikanischen Flüchtlingen und berberischen Bergbauern, sodass man sehr ruhig durch herrliche, bewaldete Felslandschaft fährt.

In Nador, das alles andere als ruhig ist, fuhr ich zur Handballhalle, wo es schon wieder ein Spiel von Nahda (Wiedergeburt) Tanger zu sehen gab. Nun sah ich auch schon zum zweiten Mal Hilal (Halbmond) Nador. Die moderne und gepflegte Halle mit ihren blau-weißen Schalensitzen und fast völlig symmetrischen Tribünen betrat ich erst zur dritten Spielminute, da es an der Kasse minutenlange Diskussionen zwischen den Jugendlichen vor mir und dem auf seinen 10 Dirham Eintritt bestehenden Kassenwart gab. Als dieser mit seinem Gürtel rumfuchtelte wurde es zwischen mehreren Fans und auch zwei Ordnern handgreiflich, wobei mir der Kollege vom Kassenwart mitten in den Tumulten meine Karte aushändigte und auch den 20er wechselte…

In der Halle ging es auch recht hitzig zur Sache: die 80köpfige Ultragruppe war fast ununterbrochen am Anfeuern, wobei sie und einige andere Zuschauer durch wüstes Beschimpfen der Gastmannschaft immer mal die Sicherheitskräfte auf den Plan riefen. Als dann auch noch ein Bengalo in der Halle gezündet wurde, waren die Uniformierten erstrecht sauer…

Das Spiel war auch eng umkämpft und besonders in der zweiten Halbzeit recht hart geführt, da Nahda Tanger sich noch mal heranarbeitete, nachdem die Partie schon entschieden schien. Bei Halbzeit lag Nador nämlich mit sechs Treffern (15:9) in Front und der Vorsprung bis zur 47. Minute wechselte ständig zwischen vier und sieben Toren. Doch dann kam Nahda Tanger aus unerklärlichen Gründen kontinuierlich heran und aus einem 20:16 wurde innerhalb von 4 Minuten ein 20:20. Die 22:20 Führung von Hilal glich Tanger dann in Unterzahl zum 22:22 Endstand aus. Und Tanger hätte die Partie gewonnen, wenn nicht der schwarzafrikanische Profi mit der Frauenfrisur und sein einheimischer Mitspieler insgesamt vier Mal mit Siebenmeterwürfen am starken Hilal-Schlussmann gescheitert wären.

Die Rückfahrt verlief unheimlich schnell: wenn die Strecken frei sind und man sich bei Dunkelheit mangels Kontrollen nicht an die Beschränkungen halten brauch, kommt man innerhalb von nur dreieinhalb Stunden von Nador nach Fès. Bei normalem Fahrtverlauf braucht man aber etwas mehr als vier.

Als Fazit bleibt zwar bestehen, dass sich auch diese Fahrt mal wieder gelohnt hat – nicht zuletzt auch wegen der Fahrt ins Gebirge bei Nador und dem tollen Handballspiel dort – aber im Vergleich mit Ceuta ist Melilla doch die klar weniger attraktive Stadt. Wer mit der Fähre von Spanien nach Marokko oder umgekehrt will oder bei langem Marokkoaufenthalt einfach nur mal ausreisen will, der tut dies besser nach Ceuta: die Sehenswürdigkeiten sind zahlreicher und spektakulärer, die Landschaft ist spektakulärer und die Sportanlagen sind zumindest genau gleich interessant…  
Statistik:
- Grounds: 1.079 (Freitag: 2, Samstag: 3; diese Saison: 108 neue)
- Sportveranstaltungen: 1.992 (Freitag: 2, Samstag: 4; diese Saison: 136)
- Tageskilometer: 750 (Freitag: 360km Auto, Samstag: 390km Auto)
- Saisonkilometer: 36.760 (35.640 Auto/ 1.080 Fahrrad/ 40 Schiff, Fähre/ 10 öffentliche Verkehrsmittel/ 0 Flugzeug)
- Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 4 [letzte Serie: 2, Rekordserie: 178]
- Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 395