Dienstag, 10. April 2012

IND-XXVI: Endlich mal raus aus Kerala – Ostern in Bangalore, Karnataka State (Teil 2)

Royal Challengers Bangalore 157/8
Delhi Daredevils 137/7
Datum: Samstag, 7. April 2012 – Beginn: 16.00
Wettbewerb: „DLF“ Indian Premier League (1. indische Cricketliga, Profiliga)
Spielformat: Twenty-20 (= 20 Overs je Team)
Resultat: Bangalore schlägt Delhi mit 20 Runs, bei 157 Runs für 8 Wickets
Münzwurf: Delhi gewann Seitenwahl und begann als Feldmannschaft
Schlagmänner-Statistiken Bangalore: Mc Donald (30 Runs [R] bei 19 Bällen [B] = 157.89er Schlagrate [SR], davon 4 Vierer [4s] und 2 Sechser [6s] – ausgeschieden durch Bracewell per gefangenem Ball [c] bei Wurf von Morkel [b]), de Velliers (64 R, 42 B = 152.38 SR, 6x4s, 2x6s – nicht ausgeschieden), Vinay Kumar (18 R, 16 B = 112.50 SR, 1x4s – Morkel (c), Bracewell (b)), Agarwal (16 R, 15 B = 106.66 SR, 1x4s, 1x6s – Nagar (c), Nadeem (b)), Kohli (8 R, 8 B = 100 SR, 1x 4s – Nagar (c), Bracewell (b)), Pujara (11 R, 12 B = 91.66 SR, 1x 4s – Pathan (c), Morkel (b)), Vettori (3 R, 4 B = 75 SR – run out* durch Bracewell und Maxwell), Tiwary (1 R, 3 B = 33.33 SR – leg before wicket**, Maxwell (b)), Patel (0 R, 1 B = 0 SR – Bracewell (b))
Schlagmänner-Statistiken Delhi: Pathan (24 R, 15 B = 160 SR, 2x4s, 1x6s – run out* durch Patel/ de Velliers), Bracewell (12 R, 9 B = 133.33 SR, 1x4s – nicht ausgeschieden), Ojha (33 R, 26 B = 126.92 SR, 4x4s, 1x6s – Kohli (c), Muralitharan (b)), Nagar (16 R, 15 B = 106.66 SR, 2x4s – Patel (c), Vettori (b)), Finch (25 R, 24 B = 104.16 SR, 3x4s – leg before wicket**, Muralitharan (b)), Rao (18 R, 23 B = 78.26 SR, 1x4s – Agarwal (c), McDonald (b)), Maxwell (3 R, 4 B = 75 SR – Khan (c), Muralitharan (b)), Morkel (2 R, 3 B = 66.66 SR – nicht ausgeschieden), Sehwag (0 R, 1 B = 0 SR – Pujara (c), Zaheer (b))
Werfer-Statistiken (Bangalore): Pathan 4 Over - 0 Maidens - 47 abgegebene Runs - 0 Wickets, Bracewell 4-0-32-3, Morkel 4-0-30-2, Yadav 2-0-8-0, Nadeem 4-0-26-1, Maxwell 2-0-10-1
Werfer-Statistiken (Delhi): Zaheer 4-0-36-1, Vinay Kumar 4-0-25-0, Mc Donald 2-0-11-1, Vettori 4-0-28-1, Muralitharan 4-0-25-3, Patel 2-0-10-0
Spielort: M Chinnaswamy Stadium (Kap. 40.000 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 30.000 (davon ca. 250 Gästefans)
Unterhaltungswert: 7,0/10 (Auf diesem hohen Niveau ist Cricket ein sehenswerter Sport, T20 als Format ist auch gut, ebenso wusste die Cricketbegeisterung der Fans zu überzeugen – aber Show, Kommerz und restliches Drumherum sind in der IPL so was von pervers, dass mehr als ein einziger Spielbesuch nicht erstrebenswert ist!)
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Photos with English Commentary:
Am Samstag sollten nicht nur die sauteuren Cricketkarten, die ich am Vortag gekauft hatte, zum Einsatz kommen, sondern auch kontrolliert werden, in wie weit der Name „Gartenstadt Bangalore“ berechtigt ist. Bangalore heißt ja wörtlich eigentlich „Bohnenstadt“, doch bekannt ist sie seit mehreren Hundert Jahren durch ihre Garten- und Parkanlagen. Die wichtigste derartige Anlage ist der botanische Garten Lalbagh, der im 18. Jahrhundert vom muslimischen Sultan Hyder Ali und seinem berüchtigten Sohn Tipu Sultan nach persischem Vorbild als Rosarium (deshalb auch der Name Lalbagh, was „roter Garten“ - wegen der berühmten roten Rosen - heißt) angelegt wurde. Mittlerweile gibt es dort viel mehr als Rosen, so zum Beispiel eine schöne Bonsaisammlung, Palmenhaine, in Form geschnittene Hecken, ein paar Sukkulenten und eindrucksvolle süd- und zentralasiatische Bäume – und das eigentlich Rosarium ist für Besucher nur über einen Zaun hinweg einsehbar, da die bescheuerten Besucher dauernd Rosen gepflückt haben. Die meisten indischen Parks sind aufgrund der Unfähigkeit der Mehrheit der Einheimischen, sich (so hart das klingt) zivilisiert zu verhalten, stark bewacht oder ganz geschlossen. Auch im botanischen Garten waren Horden von Wächtern dauernd damit beschäftigt, Inder aller Schichten zurechtzuweisen, dass man Papierkörbe benutzen muss, die freilebenden Tiere nicht ärgern darf und die Toiletten benutzen statt gegen den nächstbesten Baum pissen soll.

Nach dem Mittagessen ging es zum Cricket. Die IPL (Indian Premier League) ist eine der bekanntesten Cricketligen der Welt und die mit Abstand umstrittenste. Das fernsehgerechte T20-Format ist an sich schon bei Konservativen Cricketleuten insbesondere in England umstritten, hat aber den Vorteil, dass man nur vier Stunden im Stadion sitzt und nicht wie bei den klassischen Spielformen locker acht oder neun Stunden. Warum ich als Fazit leider sagen muss, dass die Liga zwar sportlich sehr interessant, aber ansonsten ein Spiegelbild der perversen Gesellschaft des Subkontinents ist, muss ich im Folgenden ausführlicher erklären, als das Spiel zwischen Royal Challengers Bangalore und Delhi Daredevils selbst.
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Die Perversion fing schon an der Kasse an: ich hatte Glück, noch zwei Karten für die zweitniedrigste Kategorie zu bekommen. Karten mit Sichtbeeinträchtigung kosten 330 Rupien (5,00€) und sind nur auf eine niedrige dreistellige Zahl konzipiert. Auf diesem Plätzen hockt die Mittelschicht. Gute Sicht kann sich nur die Oberschicht leisten. Im Oberrang, zweitbilligste Kategorie, habe ich pro Karte wahnsinnige 1.100 Rupien (also 16,90€) hingelegt. Die normalen Karten gehen bis zu einem Preis von 5.500 Rp. (84,60€) hoch. VIP-Karten kosten je nach Logenplatz bis zu 55.000 Rp. Das sind 846€!

Dabei ist Cricket keineswegs ein reiner Oberschichtensport in Indien: dort interessiert sich ein genauso hoher Prozentsatz der Bevölkerung für Cricket, wie in Deutschland für Fußball. Dumm und feige wie viele aber sind, kommen sie nicht einmal auf die Idee, für billigere Eintrittspreise zu demonstrieren. Die Mittelschicht und die die einfachen Leute lassen sich einfach aussperren und überlassen Spitzen-Cricket der Oberschicht. Es gibt ja schließlich Fernsehübertragungen. Toll! Bei der Einstellung ist es kein Wunder, dass sich in Indien nie etwas in der Gesellschaft ändert.

Noch ein Grund, warum Indien völlig hinterm Mond ist, ist die Unfähigkeit, bei Gesetzen zwischen sinnvoll und sinnlos unterscheiden zu können: dieselben Leute, die ihren Müll neben einen Mülleimer in ein Blumenbeet werfen, halten sich an das Verbot ein IPL-Spiel zu filmen oder zu fotografieren. Unsympathisch wie Inder mehrheitlich leider sind, wollten mich die Ordner mit der Kamera nicht reinlassen. Aber halb so schlimm: dann geht halt Anja mit ihrer Kamera einfach durch die Kontrollen durch, da niemand eine Frau kontrolliert! Nachdem ich die Kamera zurück ins Hotel gebracht und wieder gekommen war, bemerkte ich im Stadion, wie viele andere wenigstens auch Handys rein geschmuggelt hatten. Die IPL-Bonzen haben den Schuss echt noch nicht gehört: in den wenigen Staaten, in denen Bildaufnahmen der Zuschauer reglementiert werden, wurden die Regeln in den letzten Jahren immer mehr gelockert und immer mehr Verbote fielen weg. Aber in Indien kommen neue hinzu! Wer sich so verblöden lässt von einer Firma, die eine Liga organisiert, dem ist echt nicht mehr zu helfen: schon bevor das Spiel begann zeigte sich mal wieder, dass Indien besonders in Sachen Sport wirklich das Dümmste ist, was einem unterkommen kann.

Dafür, dass man während der vier Stunden wirklich guten Sports dann aber auch noch ohne Ende Show drum herum hat, fehlt nicht nur konservativen Fans Verständnis. Die Bosse der Liga toppen die Fußball-Premier-League in England oder die DFB- und DFL-Heinis noch um Längen in allen negativen Kommerz- und Showerscheinungen, da man versucht, den US-amerikanischen Klamauk von Football, Baseball und Co. eins zu eins ins Cricket zu übernehmen. Also in eine Sportart, die sich vom Baseball vor allem dadurch unterscheidet, dass sie traditionsreich und stilvoll ist – Baseball ist nämlich nur ein vereinfachter Abklatsch des mittelalterlichen englischen Spiels. Während man im Stadion wenigstens nur von Bandenwerbung optisch erschlagen wird und nicht dauernd Spots wie im Fernsehen zwischen den Overn hat, fragt man sich, wie die IPL-Vereine trotzdem dauernd Schulden erwirtschaften können. Riesige Werbeeinnahmen, Fernsehgelder und anderer Medienrummel – aber trotzdem viele lakhs Schulden.
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Richtig krank ist die Show mit den Cheerleadern. Meint da jemand vielleicht, man würde in Indien indische Cheerleader sehen wollen? Nein: da werden Cheerleader aus Europa und Südafrika (aber bloß keine Schwarzen!) eingeflogen, die auch allesamt weiß sein müssen. Von den Bemerkungen der Zuschauer vor mir, war klar zu verstehen, dass diese weißen Cheerleader (der Name der Gruppe war auch noch eindeutig: „White Mischief Girls“ – Betonung auf „White“) gut genug sind um sich daran aufzugeilen. Rassistisch wie die meisten Inder sind, würden sie aber nie eine Beziehung und schon gar keine Ehe mit einer Frau außerhalb ihres engen ethnischen und religiösen Kreises eingehen. Aber die Frauen aus ihrem Bereich sind dann nicht geil genug für Cheerleading – obwohl es genug gäbe, die das auch für Geld machen würden.

Der eine RCB-Fan direkt vor mir war natürlich der Knaller: wenigstens feuerte er auch die Mannschaft an, aber beim albernen Johlen gegenüber den Cheerleadern war er der größte - und dann hatte der ein Bild vom Führer als Hintergrundmotiv auf dem Smartphone...

So dumm wie abweisend aber auch die ganzen Fans um mich herum waren, so interessant war es auch ihre Cricketbegeisterung zu erleben. Das einzig positive am Drumherum des Spiels war ja, wie die Leute bei jedem geworfenen Ball und jedem Schlag des Batsman mitgingen und frenetisch feierten, wenn ein Schlagmann vier oder gar sechs Punkte erzielte (also den Ball indirekt oder direkt ins Aus beförderte) oder ein Feldspieler mit einem Hechtsprung den Ball aus der Luft griff um so den Schlagmann zum Ausscheiden zu bringen. Bei so einem „Catch“ für Bangalore sprang fast jeder Fan schreiend auf und schwenkte die roten Fahnen mit den gold-blauen Symbolen des Heimvereins. Überraschend viele Bonzen hatten sich auch aus der Hauptstadt aufgemacht, um ihre Daredevils zu unterstützen. Die Gästefans saßen wild verteilt im ganzen Stadion, sodass nicht ganz klar war, ob wirklich nur 250 die Gäste unterstützten. Es könnten auch 400 gewesen sein.

Während in Sachen Umfeld die negativen Gesichtspunkte überwogen, war unter sportlichen Aspekten das Spiel nur positiv zu bewerten. Das einzig wirklich gute an der IPL ist das hohe Spielniveau. Wenn man sich wie ich ein bisschen im Cricket auskennt, erkennt man sofort die Unterschiede zu den meist langweiligen Amateurspielen. Man muss sich zwar auch fragen, warum man mit einem Sport, bei dem man so wenig körperliche Anstrengungen hat, Millionen (und zwar Millionen von Euro!) verdienen kann, aber so ein Spiel der IPL (oder eben auch ein internationales Spiel) hat schon was! Die aufwendigen Würfe der Bowler, die geschickten Schläge der Batsmen und die spektakulären Sprünge zum Fangen der Bälle durch die Feldspieler sind schon sehenswert. Der Spielverlauf ist auch oft spannend, da man bis kurz vor Schluss fast nie sagen kann, wer gewinnt.

Der erste Spielabschnitt – heute war es so, dass Bangalore zuerst am Schlag war – ist natürlich noch nicht so spannend. Für die Schlagmannschaft geht es darum möglichst viele Punkte vorzulegen. Delhi konnte das heute nicht ganz so gut verhindern, wodurch ein beachtlicher aber keineswegs uneinholbarer Vorsprung von 157 Runs nach 20 Overn (so ein Spielabschnitt umfasst 6 Würfe, also insgesamt 120 Würfe bis zum Seitenwechsel) entstand. Für Delhi galt es dann nach der Pause zwischen den beiden Innings (also quasi der Halbzeit) die ganzen Punkte aufzuholen. Erst als der viertletzte Ball geworfen war, stand wirklich fest, dass sie nicht mehr aufholen können. Mit 20 Runs – kein ganz knapper Erfolg, doch auch nicht gerade ein hoher Sieg: man könnte das Ergebnis mit einem 4:2 beim Fußball oder 29:25 beim Handball vergleichen – gewann Bangalore gegen Delhi.

# Anmerkung zur Statistik: * Run out = Die Feldmannschaft brachte (hier durch die Spieler Bracewell und Maxwell) den Ball zum Ziel zurück, während die Schlagmänner noch die Positionen wechselten. ** Leg before wicket = Der Schlagmann stand vorm Ziel und fing den Ball statt regelgerecht mit dem Schläger, irregulär mit den Beinen ab.
Die Statistiken, die ich hier dem Leser an den Kopf geknallt habe, sind nur die wichtigsten: ansonsten wird noch festgehalten, bei welchem Wurf die Zielstäbe getroffen wurden (fall of wicket), wie viele Würfe ungültig waren und in welcher Art (no balls, wides) oder wie viele Catches (ein Spieler der Feldmannschaft fängt einen vom Schlagmann parierten Ball aus der Luft wodurch der Schlagmann ausscheidet) insgesamt und wann und durch wen erzielt wurden, und noch viel mehr Kram. Statistiken sind im Cricket wirklich etwas sehr Wichtiges und für den Laien sicher kaum nachvollziehbar... #
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Statistik:
Grounds: 721 (heute 1 neuer; diese Saison: 127 neue)
Sportveranstaltungen: 1.495 (heute 1, diese Saison: 181)
Tageskilometer: - (nur zu Fuß unterwegs)
Saisonkilometer: 43.570 (25.020 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.280 Bahn, Bus, Tram/ 2.010 Fahrrad/ 20 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 44
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 297

IND-XXV: Endlich mal raus aus Kerala – Ostern in Bangalore, Karnataka State (Teil 1)

Bangalore City (U13) 25:22 Nationals Bangalore (U13)
Datum: Freitag, 6. April 2012 – Beginn: 16.15
Wettbewerb: State Sub-Junior Championship for the BS Narayan Memorial Trophy (Basketballturnier für U13-Mannschaften aus dem Bundesstaat Karnataka)
Ergebnis: 25:22 nach 28Min. (4x7) – Viertelergebnisse: 11:2, 4:11 (= 15:13 Halbzeit), 6:5, 4:4
Punkte: k.A. (City); k.a. (Nationals)
Fouls: k.A. (City); k.a. (Nationals)
Spielort: Bangalore, Sree Kanteerava Stadium/ Basketball Court 1 (Kap. 150 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 100 (je ca. 10 Fans jeder Mannschaft + 80 Neutrale)
Unterhaltungswert: 4,0/10 (Beide Mannschaften haben sich gut geschlagen, mehr kann man von Basketballern dieser Altersklasse nicht erwarten)

PPC Bangalore (U13) 27:24 S.A.I. Dharwad (U13)
Datum: Freitag, 6. April 2012 – Beginn: 17.15
Wettbewerb: State Sub-Junior Championship for the BS Narayan Memorial Trophy (Basketballturnier für U13-Mannschaften aus dem Bundesstaat Karnataka)
Ergebnis: 27:24 nach 28Min. (4x7) – Viertelergebnisse: 3:8, 10:2 (= 13:10 Halbzeit), 8:5, 6:9
Punkte: k.A. (PPC); k.a. (S.A.I.)
Fouls: k.A. (PPC); k.a. (S.A.I.)
Spielort: Bangalore, Sree Kanteerava Stadium/ Basketball Court 1 (Kap. 150 Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 120 (je ca. 10 Fans jeder Mannschaft + 100 Neutrale)
Unterhaltungswert: 5,0/10 (Beide Mannschaften haben eine überdurchschnittliche Leistung gebracht: gut für diese Altersklasse!)
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Photos with English Commentary:

Über Ostern ergab sich endlich mal die Möglichkeit, in einen anderen Bundesstaat zu fahren. Wir hatten schon ein paar Wochen vorher Plätze im Fernbus nach Bangalore gebucht. Mit über 1.000 Rupien (mehr als 15€) für eine Strecke von nicht ganz 600km, war der Preis pro Kilometer um etwa 15-20% höher, als bei den normalen KSRTC-Bussen, die nur innerhalb Keralas herumfahren. Daran ist vor allem die Mautabzocke schuld: fährt ein staatlicher Bus aus z.B. Kerala nach Tamil Nadu und dann nach Karnataka weiter, muss er zwei Mal Maut abdrücken, nur weil er den Bundesstaat gewechselt hat. Wieder einmal fühlt man sich in Indien ans Mittelalter erinnert: diese Art der offiziellen Wegelagerei hatten wir auch vor vielen Jahrhunderten im Gebiet des heutigen Deutschlands... Was aber noch kranker ist, sind die enormen Gebühren auf Autobahnbenutzung (ein, zwei Rupien pro Kilometer bei diesen Kackstrecken!) und dass man sogar an manchen Brücken zweistellige Rupienbeträge bezahlen muss!

Nach fast 14 Stunden (davon etwas mehr als eine Stunde Pausen) Fahrt hielt der Bus am Satellite Town Stand. Ganz klasse: die Endstelle ist natürlich nicht der Zentralbusstand Kempegowda. Zu diesem muss man erst noch einen Shuttlebus für 7 Rupien (0,11€) nehmen. Am Kempegowda Bushof angekommen, grüßte uns gleich ein Schild, dass vor „Touts“, also Kleinkriminellen, die Touristen bei Dienstleistungen und Handel abzocken, warnte. Bangalore ist aufgrund der vielen Sehenswürdigkeiten recht gut von Touris frequentiert, was solche Touts natürlich in Scharen auftreten lässt. Wir schafften es aber ohne abgezockt zu werden durch das Wochenende. Leider war es selbst ohne betrogen zu werden das teuerste Wochenende während des ganzen Indienaufenthaltes: die Preise in Bangalore schwanken zwischen „geringfügig teurer als Kerala“ und „genauso überteuert wie in Deutschland“. Nicht nur deshalb lautete mein Fazit am Sonntagabend: Bangalore ist eine sehenswerte aber sehr unsympathische Stadt.

Den ersten Sehenswürdigkeiten konnten wir uns bereits auf dem Weg zum Hotel widmen. Der Cubbon Park ist ein ganz netter öffentlicher Park mit wenig Müll: man merkte, dass in der selbsternannten „Garden City“ doch etwas mehr auf Sauberkeit geachtet wird, als in Kerala. Flankiert wird dieser Park von Straßen mit englischer Kolonialarchitektur. Vor allem Prunkbauten im viktorianischen Stil sind zu finden. In diesen Palästen sind der Landtag, der Gerichtshof, Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen untergebracht. Das Stadtbild um den Cubbon Park herum wirkt nicht sonderlich indisch. Aber diese fremden Einflüsse sind freilich auch ein Merkmal Indiens. In Bangalore merkt man an den Leuten und am Baustil noch einmal stärker, dass es in keinsterweise eine „indische Kultur“ gibt, sondern nur „indische Kulturen“.

Wir stellten in der Mahatma Gandhi Road, auf der gerade eine kleine Prozession von Hindus mit Maskentänzen und geschmückten Reitern stattfand, angelangt fest, dass es doch keine so gute Idee war, unbedingt so nah an den Sportanlagen der Stadt übernachten zu wollen. Am Busbahnhof hat man mehr Auswahl, nur sind die Sportanlagen weiter weg und die Hotels schlechter – aber sie haben wenigstens indische Preise: hier fanden wir nach zwei Stunden Suche mit Hilfe eines Rikschafahrers in einer Seitenstraße der MG-Road ein ordentliches, modernes, sauberes Hotel – also eine gute Absteige die auf dem Stand von Kerala war – für fast den dreifachen Preis von Kerala. Gleiche gute Qualität wie in Palakkad, Kochi oder Kozhikode auch – und statt den üblichen 500 Rupien ganze 1.400 (21,50€)!
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Nachdem wir kurz eine sehr ansehnliche Kirche in eher südeuropäischem Stil und wegen des Schnitzwerkes interessante Hindutempel von außen begutachtet hatten, machten wir uns auf dem Weg zum Sree Kanteerava Stadion, das für Leichathletik, selten noch für Fußball, genutzt wird. Das eigentliche Stadion war erwartungsgemäß geschlossen, doch wir waren ja auch wegen Basketball hier. Allerdings war auch die Halle wegen Renovierungsarbeiten zu, sodass wir zum ersten Mal Basketball unter freiem Himmel erlebten. Auf den Courts, die keineswegs als Streetballplätze verunglimpft werden dürfen – die Maße sind völlig korrekt, der Belag ist halt recht hart... – spielten zwar nur zwei Teams der U-13, die auch erst nach über einer Stunde Verspätung wegen zu spät erschienener Gegner und Schiedsrichter anfingen, doch es lohnte sich allein wegen der Atmosphäre dort zu gucken. Auf den Steinstufen der kleinen Tribüne fanden sich dutzende Schüler, die mit anderen Schulmannschaften an diesem landesweiten Turnier teilnahmen, sowie auch etliche Eltern ein. Die Mädchen von der einen Sportschule unterhielten sich etwas mit Anja – natürlich nur mit Anja: eigentlich verwunderlich, dass man in Indien doch nicht so weit geht und die Turniere für Jungen und Mädchen getrennt abhält, damit die Geschlechtertrennung strenger eingehalten werden kann – und einige Jungen und Eltern waren doch sehr begeisterungsfähig, wenn die Mannschaften Treffer erzielten.

Im ersten Spiel erzielte anfangs nur Bangalore City Treffer. Bei dieser Mannschaft waren schon gute Ansätze in Dribbling und Korbwurf vorhanden. Doch nach 8:0 und einem ersten Viertel (hier nur 7 Minuten) von 11:2 für City, kämpfte sich National Bangalore zurück. Die Nationalen glichen einmal aus (13:13) und waren bei Halbzeit nur 15:13 hinten. Sie hielten das Spiel bis zur Schlussminute offen, wobei sie trotz allem Kampfgeist nie näher als auf zwei Punkte herankamen. City war technisch einfach besser und konnte so einen 25:22 Sieg einfahren.

Im zweiten Spiel, das insgesamt besser war als das erste, schien nach dem starken ersten Viertel alles für Dharawad zu laufen, doch die PPC kam nach 3:8-Rückstand im Laufe des zweiten Viertels noch auf 9:9 heran und drehte das Ergebnis in den letzten anderthalb Minuten der ersten Hälfte auf 13:10. Von da an lag PPC immer vorne und konnte schließlich einen 27:24 Sieg feiern.

Da das Mädchenteam von der Sportschule mangels Gegner nicht spielen konnte, machten sich Anja und ich auf die Suche nach einem Restaurant. In der Museum Road gab es ein gutes indisches Restaurant, bei dem man mit Trinkgeld bei 500 Rupien (7,50€) zu zweit bei großen Portionen und mehreren Getränken raus kam. Für Bangalore ist das noch günstig – in Kochi oder Kozhikode hätten wir kaum 350 Rupien bei gleicher Qualität gezahlt. Im Hotel guckten wir dann noch etwas indische Cricketliga (IPL). Das Spiel von Bangalore erlebten wir dann Samstag auch live im Stadion, wobei es eines der seltsamsten Sporterlebnisse in meiner Groundhopping-Laufbahn war und sich trotz etlicher negativer Aspekte sehr lohnte...
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Statistik:
Grounds: 720 (heute 1 neuer; diese Saison: 126 neue)
Sportveranstaltungen: 1.494 (heute 2, diese Saison: 180)
Tageskilometer (5./6.4.): 580 (570 Bus, 10 Autorikscha)
Saisonkilometer: 43.570 (25.020 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.280 Bahn, Bus, Tram/ 2.010 Fahrrad/ 20 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 44
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 297

Mittwoch, 4. April 2012

IND-XXIV: Praktikum in Indien – Notizen (9)

* Fußball in Indien *

Von den 31 Ländern, in denen ich bisher außerhalb Deutschlands Fußball geguckt habe, war Indien das mit Abstand unattraktivste. Noch hinter Liechtenstein. 1,2 Milliarden Einwohner – nur wenig mehr als 10.000 Fußballmannschaften – nicht ein einziger Profi im Ausland – an einer WM nicht teilgenommen, da man unbedingt ohne Schuhe kicken wollte und die FIFA es unterband – eine Profiliga, in der fast alle Mannschaften kaum Niveau der Landesliga haben und Zuschauerzahlen, die nur in absoluten Ausnahmefällen den höheren vierstelligen oder gar fünfstelligen Bereich (bei einem Land von wie gesagt 1,2 Milliarden Menschen und Spielorten, die Millionen von Einwohnern haben) erreichen... Bei einer Gesellschaft wie der indischen, kann man aber auch nichts im Fußball erreichen. Fußball ist für viele Inder aus unterschiedlichen Gründen unattraktiv. In einer Nation mehrheitlich falsch- und mangelernährter Menschen, in der man so gut wie gar nicht von einer unteren sozialen Schicht in eine obere aufsteigen kann, und in der Individualität (meist ist es sogar mehr Egoismus) so übertrieben groß geschrieben wird, kann ein anstrengender Teamsport wie Fußball auch nicht erfolgreich sein. Der in den meisten Ländern der Welt beliebteste Sport hat nur eine geringe Bedeutung im Schatten des Cricket.

Warum Cricket, fragen sich natürlich manche? Ganz einfach: da die überwältigende Mehrheit der Inder auch gar nicht fähig ist, einen körperlich anspruchsvollen Sport wie Fußball auszuüben! Warum ist denn wohl nicht Fußball oder Rugby der beliebteste Sport in der britischen Ex-Kolonie, wie es z.B. auf den Fidschi-Inseln der Fall ist, wo Rugby vor Fußball und weit vor Cricket rangiert? Beim Cricket muss man geschickt werfen und geschickt mit einem Schläger umgehen können, kann aber auch in höheren Ligen ein unterernährter Vegetarier oder Veganer sein, da es kaum Laufaufwand gibt. Das Problem der enormen Länge eines Cricketspiels hat sich schnell mit den vielen kurzen und längeren Pausen erledigt. Hinzu kommt die Einstellung der absoluten Mehrheit der Inder, lieber für sich zu spielen und nicht für den Erfolg eines Teams. Wie Raju schon meinte, spielte er früher immer lieber Cricket, da alle Ergebnisse, die man als Schlagmann oder Werfer erreicht, genauesten vermerkt werden. Der eigene Erfolg rückt in den Vordergrund, während der Erfolg des Teams marginalisiert wird: Hauptsache man hat sein Century oder wenigstens so 50 Runs geschafft – ob das Team nun mit 8 Wickets verloren hat, ist halb so wichtig.

Es gibt natürlich auch positive Ausnahmen. Wenn man sich Kalkutta anschaut und die 100.000 Zuschauer sieht, die wenigstens bei Derbyspielen und internationalen Duellen ins riesige Saltlake Stadium gehen, zum Beispiel. Die beiden Teams, die diese Massen an Fans haben, heißen Mohun Bagan und East Bengal. Dort gibt es alles, was zu einem wichtigen Fußballspiel dazugehört: wenigstens halbwegs talentierte und gute Spiele (die entsprechend auch relativ hoch bezahlt werden), viele Fans die ihr Team anfeuern und auch schnell ausrasten (normalerweise gibt es beim Fußball in Indien keine Krawalle: aber man möchte fast sagen, Kalkutta ist nicht Indien), Medienaufmerksamkeit, Merchandising...

Doch Kalkutta ist eine absolute Ausnahme. Das ist eine größere Stadt in einem riesigen Land. Dieser Post im „Indian Football Forum“ trifft die Situation ganz gut: „Because of these Kolkata fans still football is alive in Kolkata. Kolkata shows that 1 lakh fan in Mohunbagan East Bengal match and few thousand( not even 5 figure) in International cricket matches in Eden Garden. When all over India Cricket has eaten all other games, only in Kolkata, Goa and NorthEastern Region football is becoming more and more popular.”
Goa kann man im kleinen auch noch so akzeptieren und im Nordosten Indiens wird sich Fußball vielleicht auch noch entwickeln, aber in den meisten Landesteilen nimmt man Fußball viel eher durch negative Zwischenfälle war: in Bangalore starb vor wenigen Wochen ein Viertligaspieler an Herzversagen – schlecht trainiert, körperlich nicht für diesen Sport geeignet… OK, passiert überall. Fußball ist schließlich für alle da: sonst würde es Tennis oder Hockey heißen. Aber wenn ein Spieler stirbt, weil es keinen Mannschaftsarzt gibt, kein Krankenwagen in der Nähe ist und ein Krankenhaus nur zwei Kilometer entfernt liegt aber nicht rechtzeitig angesteuert werden kann, da man erst eine Rikscha rufen musste um den Zusammengebrochenen abzutransportieren, wirft das ein deutliches Licht auf diese Nation.

In Anbetracht der Realität des indischen Sports, insbesondere Fußballs, wirken Artikel wie „Indien, der schlafende Fußballriese“ von Martin Krauss in der TAZ wie ein schlechter Witz. Aber eigentlich zeigt nur, wie unfähig der Journalist ist, dass er derartig an den Haaren herbeigezogene Sachen – das ist selbst für die TAZ unter aller Sau – schreibt.
Den größten Unfug habe ich hier mal herausgestrichen:
1. „In 16 Jahren, aber wem sage ich das, findet wieder eine Fußball-WM statt. Und zwar, wenn alles gut geht, 2026 in Indien. Das fordert zumindest Suresh Kalmadi, der erst jüngst erfolgreich die Commonwealth-Spiele organisiert hatte.“ Quatsch! Wenn man Ahnung hat, kommentiert man diesen Absatz mit dem Hinweis auf die kranke Selbstüberschätzung vieler vor allem hindu-nationalistischer Inder. So eine Anmerkung gehört auch in einen Zeitungsartikel, wenn man eine solche Schwachsinnsaussage als Journalist vorgesetzt bekommt.
2. „Fußball ist trotz Kricket und Hockey der Volkssport Nummer eins. Es ist der Sport der Unter- und Mittelschicht Indiens, also der großen Masse.“ Quatsch! Schon ist der Autor auf die nächste Lüge eines indischen Interviewpartners hereingefallen. Auch die unteren Schichten spielen Cricket – freilich landet ein Bauernkind nie in der IPL oder der Nationalmannschaft.
3. „In Kalkutta steht mit dem Yuba Bharati Krirangan das zweitgrößte Stadion der Welt; nicht selten sind, wenn dort I-League-Spiele der indischen Profiteams ausgetragen werden, alle 120.000 Plätze besetzt.“ Totaler Quatsch! Selbst beim Derby kommen selten mehr als 100.000 und bei einem normalen Ligaspiel meist weit unter 50.000!
4. „anders als europäische Beobachter es vielleicht vermuten würden, verdienen die besten indischen Fußballprofis mehr als ihre Kollegen aus dem Kricket.“ Was ein Quatsch! Vergleich mal die Einkünfte der IPL-Spieler (v.a. inklusive Werbeverträge und dergleichen mehr: in Deutschland wird Nutella von Fußballprofis beworben – in Indien Nahrungsergänzungsmittel von Cricketprofis) mit denen der I-League-Kicker. Logischerweise kriegt man für hervorragendes Cricket mehr Kohle, als für minderwertigen Fußball!
5. „So viel Anschluss an Weltfußball und Weltmarkt - beides nicht ganz unwesentlich von einer fränkischen Firma mit drei Streifen geprägt - wollte man in Indien damals nicht. Und wurde prompt abgehängt.“ Ach Quatsch! Selbst wenn die gleich auf den Zug aufgesprungen wären, wäre Indien wieder runtergefallen, da es sich in den wenigstens Bereichen wirklich nach vorne entwickelt. Eine rein gesellschaftliche Sache – keine wirtschaftliche. Da braucht man nur mal mit offenen Augen in diesem Land unterwegs gewesen sein!
6. „Bei der Erschließung des Fußballweltmarkts fehlen nur noch China und Indien.“ Das ganze Fazit des Autors ist totaler Müll. Schon allein dieser Satz im Schlussabschnitt. In China gibt es eine ganz andere Sportszene als in Indien: wenn man Weltklasseleute in Tischtennis, verschiedenen Kampfsportarten, Turnen u.a. hat, macht es doch nichts, wenn man den mittelmäßigen Fußball (den mittelmäßigen! Indien ist weit hinter China im Leistungsvermögen!) nur gemächlich ausbaut. Man ist trotzdem – wie immer – vor Indien. Nicht nur im Fußball zieht Indien immer den Kürzeren gegen China: so unsauber und unsympathisch China auch zu seinen Erfolgen kommt – diese Nation ist in einigen Dingen wenigstens wirklich fähig und tönt nicht nur arrogant herum wie Indien!

Übrigens: All diese Fakten waren einfach nachzurecherchieren. Einen schlechteren Artikel als Krauss im Sportteil kann man kaum verfassen!

Meine Prognose geht aufgrund der vorliegenden Fakten in die Richtung, dass sich der Fußball in Indien in 10, 20 oder 100 Jahren genauso entwickeln wird, wie das gesamte Land mit aller Wirtschaft, Infrastruktur und sozialem System: nämlich gar nicht oder fast nicht. Da hilft auch keine Ausländerliga auf indischem Boden – in der I-League sind sowieso schon viele ausländische Spieler, die trotz ihrer mangelhaften Qualitäten Geld verdienen und die meisten Tore schießen (siehe Scorerliste bei soccerway!) – wie das neue Schwachsinnsprojekt gestörter Wirtschaftsbonzen: dieser Artikel auf der Seite des „Telegraph“ ist lesenswert – aber eigentlich verbietet sich jeder Kommentar zu diesem Schwachsinn: Indian Soccer League.
Doch die gute Nachricht ist ohnehin, dass es zu dieser Liga ganz sicher nicht kommen wird: nicht genügend Spielstätten, heißt “Verschiebung” des Saisonstarts: Link zu The Guardian.

Also nicht dass jetzt jemand denkt, ich will einfach nur Schlechtes über Indien schreiben. Ich habe nicht prinzipiell etwas gegen diese Nation. Nur was soll ich denn Gutes schreiben! Man kann meinen Artikeln ja entnehmen, wie hier die Realität ist. Oder um Clints Bemerkung über eine französische Studentin, die ihr Praktikum in Kottayam nach einem knappen Monat abbrach, zu zitieren: “Damn, I think she thought India is a Bollywood-movie! She didn’t come clear with reality…“

Montag, 2. April 2012

IND-XXIII: Praktikum in Indien – Notizen (8)

* Sonntagszeitung *

Andere Länder, andere Themen in der Zeitung. Das kennt man ja...
In Indien gibt es sogar besonders viel andere Themen und einige für einen Deutschen seltsame Sachen zu lesen. Die englischen Ausgaben von „Indian Times“ und „The Hindu“ sind inhaltlich deckungsgleich mit z.B. Malayali Zeitungen. Deshalb diese Beschreibung der Sonntagsausgabe der „Indian Times“, die wir im Hotel in Palakkad gratis (Normalpreis 4.50 Rupien = 0,07€) bekamen.

Vor der eigentlichen Titelseite – das ist auch für Indien ungewöhnlich – eine Anzeige der Bharath University, die Werbung für ihre Exzellenzstudiengänge macht und sich damit brüstet, auf ein „Erbe“ von „28 Jahren Exzellenz“ zurückblicken zu können. Ein paar sinnfreie Sprüche des Unikanzlers, die teilweise an die unglaublich lächerliche Selbstüberschätzung ihres eigenen Landes, unter der viele Inder aus unerfindlichen Gründen leiden, anknüpfen: „Was wir an unserer Uni nicht können, kann niemand in Indien/ Was nicht in Indien getan werden kann, kann nirgendwo in der Welt getan werden“ und der Leitspruch „To The Stars By Hard Work“ mehrfach auf der Seite verteilt. Toll...

Auf der Rückseite der Bharath-Uni-Werbung dann Zahnpasta-Werbung. Hat man dann endlich die richtige Titelseite, findet sich als Hauptschlagzeile „Beauty With A Heart Wins The Crown“ – ein Artikel mit Bild zur indischen Misswahl. Außerdem findet man ganz knappe Artikel zur indienweiten und bundesstaatenspezifischen Politik. Der größte Artikel befasst sich mit einer umstrittenen Anschaffung von Tatra-Lkws, die das indische Militär getätigt hat. Ein Artikel zur Korruption in der Politik – Fall eines Parlamentsmitgliedes, das Schmiergelder annahm, soll nun eröffnet werden – darf auch nicht fehlen. Immerhin wird dieses Thema von der Presse sehr direkt angegangen.

Seite 2 ist irgendwie total beknackt: Horoskope, Wirtschaft von Kerala und Werbeanzeigen für Urlaub in der Schweiz. Nur „1 lakh rupees“ – d.h. 100.000 Rp. bzw. 1.500€ für Flug und eine Woche volles Programm.

Seite 3 befasst sich mit Regionalnachrichten: Methaparambil Brücke in Kottayam einsturzgefährdet. Neue Polizeiwache des Küstenschutzes in Alappuzha wird am 17.4. eröffnet. Fortbildung für Krankenschwestern in Kochi. 40% der Seite sind mit Werbung für die Shiv Nadar University bzw. einen Notfallmedizinservice zugekleistert.

Die nächste Seite ist total unübersichtlich. Werbung für ein Sommercamp in regionalen Tanz- und Musikstilen wird einfach unten rechts auf 5x2,5cm untergebracht. Die Werbung der Kernenergiebehörde Indiens ist fünfmal so groß. Neben Kinokritik finden sich auch ein Bild von der Beerdigung eines Kardinals und darüber eine regionale Wirtschaftsmeldung.

Auf Seite 5 geht es um bundesweite Politik und Wirtschaft. Da findet sich dann auch der erste Cricketartikel, wobei man sich in diesem Artikel über die Probleme der Kinobesitzer auslässt, deren Säle während der Cricketspiele der IPL (1. indische Profiliga) leer bleiben. Ein Regionalpolitiker aus Thiruvananthapuram namens Achuthanandan meldet sich wegen der Tatra-Affäre zu Wort: sein Rivale Anthony solle zurücktreten. Dem Gefasel wird ein Fünftel der Seite eingeräumt.

Auf der nächsten Seite sind außer dem Fernsehprogramm noch kleine regionale Artikel zu finden: u.a. werden acht korrupte Polizisten aus Thrissur vor Gericht gestellt. Außerdem wird mehr Geld in die Verkehrsüberwachung im Raum Thrissur gesteckt.

Auf Seite 7 lassen sich die Schreiberlinge zur Geburtenrate von Frauen verschiedener Bildungsgrade aus. Dabei gebären Analphabetinnen etwas mehr Kinder als einfache, aber des Lesens und Schreibens mächtige Frauen, sowie deutlich mehr als gebildete Frauen mit Schul- bzw. Uniabschluss. Auch um landesweite Politik und die Auszeichnung eines Polizisten aus Kollam für seine gute Arbeit geht es.

Nach zwei Seiten Werbung folgen zwei für einen meiner Kommilitonen besonders interessante Seiten: er war fasziniert, wie hier die Heiratsanzeigen geschaltet werden. Ja, Heiratsanzeigen: man sucht hier nicht nach einem Freund oder Lebenspartner oder will mal was ausprobieren – nur Ehepartner werden hier gesucht. Dabei gibt es nur 6 Kategorien: „Hindu-Bräutigam gesucht“, „Hindu-Braut gesucht“, „Christlicher Bräutigam“ bzw. „Christliche Braut“ und „muslimischer Bräutigam“ sowie „muslimische Braut“ gesucht.
Hindus geben dabei außerdem ihre Kaste (am besten Brahmin) an und Christen ihre Konfession (Katholik, Jakobit oder CSI – nein, doch nicht „Crime Scene Investigation“! „Church of South India“ heißt das! – zum Beispiel). Nur Muslime halten die Anzeigen etwas weniger selektiv.
Zum Beispiel: „Dynamischer, attraktiver, gut ausgebildeter muslimischer Rechtsanwalt/ 29 Jahre; 1,78m/ mit vielen Crore [d.h. einem achtstelligen Rupienbetrag, also z.B. 15 Mio. Rp. bzw. mehreren Hunderttausend Euro] auf dem Konto sucht hübsche, züchtige, religiöse Frau! Fotos unter Email [...]“.
Bei Christen findet sich manchmal auch so etwas: „Pentecostal-Eltern [die Pentecostal sind radikale Protestanten, die von diesen hirnverbrannten US-Protestanten missioniert wurden] laden Kandidatinnen für ihren Sohn zur Eheschließung ein. Sohn Computerwissenschaftler in Bombay, Vater Beamter. [...] Unser Sohn sucht nach gebildeter Frau gleicher Glaubensrichtung. Interessierte Partien bitte unter Telefonnummer [...] melden“.
Nun noch eine Hinduanzeige: „Bin 23, 163cm aus Ezhava-Kaste, Aristokratenfamilie, Computertechnikerin. Suche nach max. 28jährigem Bräutigam mit guter Ausbildung und festem Job“.
Eine Anmerkung noch meinerseits: es gibt auch Inder, die keinen Wert darauf legen, dass der Partner eine bestimmte Religion hat. Außerdem gibt es auch Inder, die sich ihren Ehepartner selbst suchen und nicht vorher mit den Eltern ausmachen, ob der oder die gerade recht ist. Aber gerade in Kerala ist das eine ganz, ganz kleine Minderheit!

Seite 12 ist voll mit der Misswahl in Indien. Seite 13 befasst sich sachlich aber viel zu knapp mit Weltpolitik. Die Lage in Syrien, Wahl in Myanmar, Bombenanschläge in Südthailand. Auf der nächsten Seite geht es um Kohleabbau in Indien und Übergriffe von Polizisten auf Asiaten aus Meghalaya, die für pro-tibetische Demonstranten gehalten wurden.

Nachdem sich Seite 15 mit einheimischer Küche befasst, geht es zwei Seiten lang nur um Cricket. Was im deutschen Sportteil halt Fußball mit Bundesliga und Championsleague, das ist in Indien halt Cricket mit IPL und One-Day Internationals. Interviews mit Spielern, wer fliegt bei den IPL-Klubs aus dem Kader und wer kommt neu dazu, Sanierung des Cricketstadions in Pune abgeschlossen...
Interessant sind vor allem Anmerkungen zum Identifikationsfaktor bestimmter Spieler mit ihren jeweiligen Clubs: ein paar Vereine versuchen möglichst viele Spieler aus der Stadt, in der der Verein ansässig ist, zu holen, damit die Fans die Mannschaft stärker unterstützen.
Anderer Sport folgt erst auf der letzten Seite, Seite 18: Englische Premier League, Championsleague, Tennis (Djokovic gegen Murray), Golf, erste indische Fußballliga mit Vorbericht aus Kochi und natürlich noch ein Artikel zum Fußballturnier in Palakkad. Aber ohne unser Foto...

IND-XXII: Positive Überraschungen in Palakkad (Teil 3)

* Kleine Sehenswürdigkeiten und eine kleine Panne auf der Rückfahrt *

Photos and English Version:

Am Sonntagmorgen checkten wir aus dem Hotel in Palakkad aus, liefen noch mal an allen sehenswerten Orten der Stadt vorbei und frühstückten in einem Restaurant gegenüber des Busbahnhofs. In Indien zu Frühstücken ist vor 9 Uhr so gut wie unmöglich. Vor allem sonntags sind die Zeiten der Geschäfte eine Frechheit. Aber wir waren diesmal ja erst 9.30 dort aufgekreuzt, sodass uns eine Art Pfannkuchen und zwei gekochte Eier in Paprika-Curry-Soße serviert wurden. Dazu Tee und Wasser und man zahlte zu zweit 104 Rupien (1,60€).
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Die 200km Busfahrt nach Kottayam war etwas teurer, aber dafür nicht so entspannend wie das leicht scharfe Frühstück. 258 Rp. (3,95€) für uns beide. Dafür fünfeinhalb Stunden Busfahrt, 15 Minuten Warten auf den Anschlussbus in Thrissur und vor allem 40 Minuten warten auf die Busreparatur in Muttavapuzha. 55km vor Kottayam machte der Bus nämlich – die Überladung mit etwa 100 Fahrgästen statt der zugelassenen 68 (steht vorne innen immer dran), war daran auch nicht unschuldig – schlapp. Hinten schlug plötzlich ein Metallteil von der Achse gegen den Unterboden. Nach kurzem Fixieren kam der Bus kaum 500m weit, ehe er in der Serpentine am Ortsende von Muttavapuzha wieder mit demselben Geräusch stehen blieb. Fixiert und dann zurück zum Bushof. Dort lösten Mechaniker in der Tat das Problem in knapp 40 Minuten. Da die Mehrheit der Mitfahrer die letzten Vollidioten waren und unbedingt in einem überfüllten Bus – dem nächsten nach Kottayam halt – weiterfahren wollten, war unser Bus schön leer. Nur sechs andere Fahrgäste, der Schaffner und der Fahrer warteten bis die Karre wieder fuhr...

In Kottayam sicher angekommen, stellten wir fest, dass fast alle Läden in der Hauptstraße zum Palmenkreisverkehr hin Christen gehören. Die hatten am Palmsonntag zu. Zum Glück wird Shawarma fast immer nur von Muslimen verkauft. So bekamen wir in dem einzigen offenen Laden in 100m Ladenzeile wenigstens was zu essen und zu trinken. Einige Kommilitonen bekamen schon unsere lustigen Geschichten von diesem klasse Wochenende in Palakkad zu hören. Montag bekommt Raju dann mal von mir zu hören, was für eine Scheiße das hier mit dem Internet ist: vor allem die Antivirusprogramme der Computer von Clint, Alex, Anja und mir sind unter Dauerfeuer. Eine tolle IT-Hochburg, dieses Indien: ohne Ende Malware, Viren und Co. unterwegs, aber keine ausreichend gewarteten Websiten und Internetnetzwerke, die diesem Abschaum, der derartig schädlichen Dreck verbreitet, einen Riegel vorschieben würden, vorhanden. Aber weder diese in Deutschland, Rumänien, Ukraine oder Syrien (in so viel mehr Ländern war ich bisher noch gar nicht im Internet) in der Intensität nie erlebten Virenangriffe, noch der zweistündige Stromausfall, der mich diesen Bericht erst um kurz nach Mitternacht schreiben ließ, konnten mich nach diesem klasse Wochenende nicht aus der Ruhe bringen...

Statistik:
Tageskilometer: 200 (200 Bus)
Saisonkilometer: 42.990 (24.440 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 1.700 Bahn, Bus, Tram/ 20 Schiff, Fähre)

IND-XXI: Positive Überraschungen in Palakkad (Teil 2)

* Wie man in Palakkad in der Zeitung und auf der Ehrentribüne landen kann *

South Zone 120/10, 34.2:127/3, 47 Central Zone
Datum: Samstag, 31. März 2012 – Beginn: ca. 9.00
Wettbewerb: Kerala Under-22 Interzonal Championship (Meisterschaft der U-22 Regionalverbandsauswahlmannschaften, Modus: 3 Innings pro Tag und Mannschaft)
Resultat: South Zone führt nach 1 von 3 Tagen mit 7 Wickets
Münzwurf: South Zone erste Schlagmannschaft
South Zone: Ali Asgar 28, Akash Babu 36, Sandeep Warrier 5/42, Krishna Kumar 5/42
Central Zone: Subramannian 18, Vishnu N. Babu 35, Akas Babu 1/7, Rohith Rajaneesh 67 (not out)
Spielort: Cricket Stadium Perinthalmanna (Kap. 3.000 Stehplätze)
Zuschauer: ca. 10
Unterhaltungswert: 1,0/10 (Sehr schwaches Spielniveau)

Kerala Varma College Thrissur 5:2
Cosmos Football Club Kottayam
Datum: Samstag, 31. März 2012 – Anstoß: 17.30
Wettbewerb: Kerala State Club Championship (Pokalwettbewerb für Dritt- und Viertligisten, d.h. die besten Amateurmannschaften des Bundesstaates Kerala)
Ergebnis: 5:2 nach 92 Min. (45/47) – Halbzeit: 3:0
Tore: 1-0 29. Faizal Rahman, 2-0 34. Faizal Rahman, 3-0 40. Sreerag, 3-1 61. Chicku James (Elfmeter), 4-1 76. K.S. Shameer, 5-1 85. Faizal Rahman (Elfmeter im Nachschuss verwandelt), 5-2 88. Gireesh
Verwarnungen: Nr. 4? (Kottayam)
Platzverweise: keine
Spielort: Indira Gandhi Municipal Stadium, Palakkad (Kap. 5.000, davon 1.000 temporäre Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 200 Neutrale
Unterhaltungswert: 6,5/10 (Gutes und torreiches Spiel mit wenigen schwachen Phasen)

Cochin Port Trust 3:0 Nova FC Wayanad
Datum: Samstag, 31. März 2012 – Anstoß: 19.30
Wettbewerb: Kerala State Club Championship (Pokalwettbewerb für Dritt- und Viertligisten, d.h. die besten Amateurmannschaften des Bundesstaates Kerala)
Ergebnis: 3:0 nach 94 Min. (47/47) – Halbzeit: 1:0
Tore: 1-0 45. Jibin P Cherian (Elfmeter), 2-0 63. Lloyd CM, 3-0 71. Lloyd CM
Verwarnungen: Nr. 7, 17 (Cochin), Nr. 16 (Wayanad)
Platzverweise: keine
Spielort: Indira Gandhi Municipal Stadium, Palakkad (Kap. 5.000, davon 1.000 temporäre Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 300 (darunter ca. 20 Cochin Fans)
Unterhaltungswert: 4,0/10 (Einseitiges und nicht übermäßig sehenswertes Spiel)
Photos and English Version:

Am Samstagmorgen rief uns irgendjemand auf der Straße am Busbahnhof in Erinnerung, dass der Pressefotograf uns gestern beim Fußball um die Genehmigung unser Bild zu veröffentlichen, gebeten hatte. Tatsächlich fand sich jetzt im Sportteil der Deepika von Palakkad unser Foto, in der ersten Reihe neben einem indischen Fan sitzend, wieder. Im Laufe des Tages wurden wir in verschiedenen Orten in Palakkad – dem Hotel, einem Restaurant und natürlich dem Stadion – auf dieses Bild angesprochen. Das reichte aber noch nicht an Überraschungen in Palakkad, was wohl die sympathischste Stadt Keralas – oder vielleicht auch noch weiteren Teilen Indiens – ist...

Erstmal fuhren wir aber nach Perinthalmanna, wo wir am Busbahnhof ausgestiegen gleich auf die erste Nachfrage hin zum Cricketstadion mit einer Rikscha gefahren wurden. Das Stadion liegt schwer auffindbar am Ortsrand. Der Hinweg war der längere, da der Fahrer uns zum Haupteingang führte. Vom Busstand aus geht es bis zur dritten Kreuzung geradeaus, dann links und gleich rechts in den schmalen Weg auf dem keine zweite Autos aneinander vorbei passen. Der löchrig asphaltierte Weg führt bergauf und bergab rechts und links, an der kleinen Villa links, an der großen Kokospalme rechts... Nach 2km steht man vor einem Tor. Schließlich folgt noch ein finaler Anstieg ehe man vorm eigentlichen Tor steht.

In schöner, dicht bewaldeter Berglandschaft thront dieses Stadion mit einer netten Terrasse mit Sprecherturm. Beide Längsseiten sind mit Graswällen überhöht. Von den Hintertorseiten eröffnet sich ein Blick in die Landschaft. Das Stadion war wirklich den Besuch wert, das Spiel zwischen den Auswahlmannschaften der Südzone – wie uns ein freundlicher Offizieller erklärte, spielen für dieses Team die besten U22-Spieler aus den Regionen Trivandrum, Kollam, Kotarakkara u.a. – und der Zentralzone (Kottayam, Palakkad u.a.) war es nicht. Viel schlechter kann man Cricket eigentlich nicht spielen. Ein paar Stopps der Spieler auf dem Außenfeld, die mit ihren Sprints noch zwei, drei Punkte retteten, ehe der Ball ins Aus rollte, waren ja ganz nett – aber es gab nicht einen wirklich guten Schlagmann, der mal einen 6-Punkte-Schlag fabriziert hätte und vor allem gab es ohne Ende No-Balls. Nach dem ersten von drei Tagen dieses Spiels sah es übrigens besser für die South Zone aus.
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Wir verabschiedeten uns von dem Offiziellen und liefen zum Hinterausgang hinaus. Das ist der lehmige, sandige Gang zwischen den Felsen auf der Gegenseite. Den Palmen in der Rechtskurve folgen, dann immer gerade aus die Hügel hoch und runter und nach 500m links, dann sofort rechts und nach 200 weiteren Metern ist man auf der Hauptstraße. Wir nahmen den nächsten Bus nach Palakkad und gingen nach einem Zwischenstopp im Hotel bei einem mittelmäßigen Restaurant in der Nähe essen.

Beim Fußball wurden wir dann natürlich gleich wieder erkannt. Wir hatten diesmal Karten für die Betonstufentribüne (Gallery, 30 Rupien = 0,40€) geholt und uns trotz strömendem Regen schon hingehockt. Die Einladung auf die Ehrentribüne schoben wir bis zum zweiten Spiel hinaus. Erstmal guckten wir zusammen mit zwei Typen aus Palakkad, die halbwegs Englisch konnten und sich über das sehr westlich gekleidete einheimische Pärchen – die gestylte Jugendliche war wohl neben Anja die einzige Frau im ganzen Stadion: bei 200 Zuschauern – links neben uns lustig machten, das erste Spiel das Abends. Cosmos Kottayam spielte. Leider ist keiner der Kommilitonen am Institut fähig Fußball zu spielen, sonst hätten wir hier Bekannte wiedertreffen können. Allerdings war auch der Torwart von Kottayam nicht sonderlich fähig. Nach etwas mehr als einer halben Stunde hatte er schon zwei grobe Fehler gegen die Stürmer von Kerala Varma Thrissur (Trichur) gemacht. Vor der Pause konnte Trichur noch mit wildem Kombinationsspiel den dritten Treffer erzielen.

Per Elfmeter gelang Kottayam in Hälfte zwei der erste Treffer, doch Thrissur legte in der Schlussphase erheblich nach. 5:1 nach einem gut heraus gespielten Treffer und einem verwandelten Foulstrafstoß. Kurz darauf gelang Kottayam noch ein zweiter Treffer und wir folgten der Einladung auf die Ehrentribüne. Der KFA-Funktionär (Landesfußballverband Kerala) machte auch die Ansagen und konnte sich nicht verkneifen, nach Verlesung der Mannschaftsaufstellungen, uns beide als Hauptehrengäste (chief guests) durchzusagen. Am Freitag war ein Lokalpolitiker in dieser Position. Den kannte natürlich jeder – aber für die Leute aus Palakkad, wie auch für die nun auf dem Feld stehenden Kicker von Cochin Port Trust und Nova FC Wayanad waren wir wohl die erheblich interessanteren Ehrengäste... Wir gingen mit dem Funktionär zur Spieleröffnung aufs Feld und schüttelten allen Spielern und dem Schiedsrichtergespann die Hände. Selbst für die Mannschaft aus Kochi, die ja außerhalb des Sportplatzes sicher immer wieder mit Touristen und anderen Ausländern zu tun hat, war das ein Event. Die freuten sich über unseren Besuch so sehr wie wir über diese Gastfreundschaft, die ich in Indien nie erwartet hätte, nach den weitestgehend uninteressanten bis negativen Erfahrungen der ersten knapp 4 Wochen.
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Gratis Wasser und Tee und ein Sitzplatz neben dem vierten Offiziellen und den beiden Schiedsrichterbeobachtern – wobei der eine davon das Vorspiel geleitet hatte, Fasil heißt und mich gleich am nächsten Tag auf Facebook kontaktierte – gehörten auch zur schon etwas übertrieben freundlichen Behandlung der Ehrengäste. Palakkad ist schon wirklich anders als andere Städte in Indien. Eigentlich hat es mich sehr geärgert, dass die Bescheuerten von Lonely Planet seit Jahren diese Stadt in ihren Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten in Kerala übergehen – schließlich steht in Palakkad das Tipu Sultan Fort und es gibt mehrere ganz nette Kirchen sowie in 5km Entfernung ein bei Einheimischen populäres Naherholungsgebiet an einem landschaftlich schönen Bergsee; Hotels und Restaurants gibt es auch genug mittelmäßige bis gute, die Busanbindung ist sehr gut – aber vielleicht schreibe ich doch nicht an die Redaktion. So bleibt Palakkad ein Insidertipp und andere Reisende haben noch eher die Chance, ähnlich lustige Erlebnisse zu machen, wenn sie doch irgendwie nach Palakkad finden. Denn je mehr Touristen in einer indischen Stadt sind, desto unfreundlicher sind die Menschen. Aber vielleicht bleibt Palakkad von seinen Leuten her immer eine positive Ausnahme!

Nun ja: im Indira Gandhi Stadion hatten sich mittlerweile 300 Zuschauer eingefunden, wobei das eine Pärchen wohl schon nach dem Abpfiff des ersten Spiels in den benachbarten Zirkus gegangen war und somit Anja die einzige Frau im ganzen Publikum war. So eine niedrige Frauenquote ist mir auch in arabischen Ländern wie Oman oder beim Dorffußball in Syrien noch nicht untergekommen. Und das auch noch in einem nach einer Frau benannten Stadion...

Egal. Das Spiel fing mit klarer Feldüberlegenheit der Hafenmeisterei von Kochi an, doch die beste Chance sollte ein Pfostentreffer der Jungs aus dem Kaff Wayanad, das für ein Wildtierreservat – solche Reservate empfiehlt einen jeder Depp aus Kerala, doch nach Erfahrungen unserer Kommilitonen sind diese großen und monotonen Wälder, in denen man sich nach den 10, 20 interessanten Viechern die da leben dumm und dämlich sucht, ihr Geld absolut nicht wert – bekannt ist, sein. Bis zur Pause ging Kochi Port Trust jedoch mit einem Elfmetergeschenk – wenn man den Ball nicht mehr hat und dann über einen liegenden Gegner fällt, ist das auch nur bei so einem indischen Schiri ein Elfer – in Führung. Nach der Pause wurden sie dann ihrer Favoritenrolle eher gerecht. Zwei Treffer durch den ungewöhnlich athletischen 15er, der mit seiner – gerade für einen Inder – sehr sportlichen Figur alle in den Schatten stellte, auch wenn er am Ball gar nicht so überdurchschnittlich agierte, sorgten für die Entscheidung. Kochi folgt also Thrissur, USS Kozhikode und ACME Kasaragod ins Viertelfinale.

Wir folgten wieder unserem Hunger nach zum Shawarma-Stand und dann ins Hotel. In den ganzen 6 Jahren Groundhopping war das heute eines der schönsten Erlebnisse überhaupt! In Indien hätte ich das nicht für möglich gehalten, doch man kann selbst in Ländern mit weitestgehend kühler Bevölkerung wie Deutschland, Indien oder gar Tschechien vergleichbare positive Erlebnisse haben. Aber so wie in Deutschland Vereine wie Dehlitz/ Saale oder Chmel Blšany in Tschechien positive Ausnahmen sind, so war dieses Turnier in Palakkad eine positive Ausnahme, die aus einer grauen Masse heraus sticht. Indien oder Tschechien sind halt nicht Tunesien oder gar Syrien. Umso mehr weiß man aber diese lustigen und schönen Erlebnisse in jedem der besuchten Länder zu schätzen!
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Statistik:
Grounds: 719 (heute 1 neuer; diese Saison: 125 neue)
Sportveranstaltungen: 1.492 (heute 3, diese Saison: 178)
Tageskilometer: 150 (140 Bus, 10 Autorikscha)
Saisonkilometer: 42.790 (24.440 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 1.500 Bahn, Bus, Tram/ 20 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 44
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 296

IND-XX: Positive Überraschungen in Palakkad (Teil 1)


* Die ersten nicht-schlechten Fußballspiele in Indien *

District Police Palakkad 2:4 (11m)
Universal Soccer School Kozhikode
Datum: Freitag, 30. März 2012 – Anstoß: 17.30
Wettbewerb: Kerala State Club Championship (Pokalwettbewerb für Dritt- und Viertligisten, d.h. die besten Amateurmannschaften des Bundesstaates Kerala)
Ergebnis: 2:4 nach 103 Min. + Elfmeterschießen (46/57/?) – Halbzeit: 0:0, Reguläre Spielzeit: 0:0, Elfmeterschießen: 2:4
Elfmeterschießen: 1. Schütze USS schießt daneben, 1. Schütze DPP trifft Pfosten, 1:0 USS, 1:1 DPP, 2:1 USS, 2:2 DPP, 3:2 USS, DPP daneben, 4:2 USS
Verwarnungen: Nr. 5, 10?, 13 (DPP), 2, 8, 15 (USS)
Platzverweise: Nr. 4 USS (50. wg. Schiedsrichterbeleidigung)
Spielort: Indira Gandhi Municipal Stadium, Palakkad (Kap. 5.000, davon 1.000 temporäre Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 400 (davon ca. 20 Gästefans)
Unterhaltungswert: 6,0/10 (Ganz gutes und vor allem spannendes Spiel)

Academy of Medical Sciences Trikaripur-Kasaragod
5:1 Travancore Football Club Pathanapuram
Datum: Freitag, 30. März 2012 – Anstoß: 20.00
Wettbewerb: Kerala State Club Championship (Pokalwettbewerb für Dritt- und Viertligisten, d.h. die besten Amateurmannschaften des Bundesstaates Kerala)
Ergebnis: 5:1 nach 95 Min. (48/47) – Halbzeit: 3:0
Tore: 1-0 22. Nideesh, 2-0 32. Jain, 3-0 45.+2 Shiju (Elfmeter), 4:0 55. Noufal, 4:1 63. Raheem, 5:1 71. Nidinlal
Verwarnungen: keine, Platzverweise: keine
Spielort: Indira Gandhi Municipal Stadium, Palakkad (Kap. 5.000, davon 1.000 temporäre Sitzplätze)
Zuschauer: ca. 200 Neutrale
Unterhaltungswert: 5,0/10 (Einseitiges aber recht ansehnliches Spiel)
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Photos and English Version:

Der Freitag fing etwas stressig an: ich habe im Internet mal wieder meine Datensicherheit riskiert, um auf den für Drive-By-Infections sehr anfälligen indischen Drecksseiten Sportansetzungen zu finden. In Palakkad gab es wie erwartet zwei weitere Spiele der Landesmeisterschaft „Kerala State Club Championship“, sodass wir gleich nach dem Unterricht – den Raju leider auch etwas überzog – zum Busbahnhof hinterm Nehru-Stadium aufbrachen. Dort fuhr kein Bus nach Palakkad, sodass wir mit einer Rikscha zum Hauptbusbahnhof hetzten und dort auf einen Bus nach Thrissur verwiesen wurden. Der Bus kam nur sehr langsam aus dem Knick, da die Straßen Freitagmittag immer noch voller sind, als sie es sonst eh schon sind. Endlich in Thrissur angekommen, bekamen wir innerhalb von 10 Minuten einen Bus nach Palakkad. Der Typ jagte die Karre über die Landstraßen, dass es eine Freude war. Wir saßen allerdings in der letzten Reihe, was uns den Schleudereffekt beim hektischen Einscheren nach einem Überholmanöver im Gegenverkehr noch verstärkt fühlen ließ. Der Bus kam tatsächlich noch vor 17 Uhr in Palakkad an der Festung an. OK, da wollten wir ja eigentlich gerade nicht aussteigen. Aber nach anderthalb Kilometern Laufweg hatten wir das Fußballstadion gefunden und im zweiten Anlauf auch ein Hotel. Im „Kairali Towers“ wird man zwar ziemlich genau über den Grund des Aufenthalts und so was ausgefragt – in Palakkad sitzen auch einige besondere Polizei und Sicherheitseinheiten – aber die Leute sind sonst freundlich und die Zimmer sind für 500 Rupien völlig OK. Wir bekamen eins im vierten Stock von dem aus man ins Stadion gucken konnte. Die ersten 15 Minuten des Spiels zwischen der Kreispolizei Palakkad und der Fußballschule aus Calicut guckte ich durchs Fenster. Dann gingen wir runter.

Zur 22. betraten wir das Stadion, was nach Indira Gandhi heißt. Das ist so, als würde man in Halle das Stadion Erich-Honecker-Sportpark nennen. Aber so ist nun mal die Geschichtsaufbereitung in Indien. Baulich ist das nach der Diktatorin benannte Stadion ganz OK. Als Cricketanlage konzipiert, sitzt man aber auf der siebenreihigen Betontribüne ziemlich weit vom Feld entfernt. Eine Längsseite ist nicht ausgebaut: dort hatten die Organisatoren das Zelt zum Umziehen und eines für Ehrengäste und Schiedsrichter und so und eine Tribüne mit Plastestühlen aufgebaut. Plastestühle standen auch an der aus Baum-Ästen zusammen gepfriemelten Bande auf der anderen Längsseite. Dort setzten wir uns für ziemlich überzogene 50 Rupien (0,70€) hin. Die Sicht war aber wirklich gut. Nur mit Sonnenuntergang wurden die Fotomöglichkeiten immer schlechter: die acht Flutlichtmasten waren primitiv zusammengebastelt und entsprechend lichtschwach.

Überraschenderweise lieferten sich die Teams aus Palakkad bzw. Kozhikode ein richtig gutes Spiel. Wir kamen beim Stand von 0:0 und mussten auch eine lange Zeit auf den ersten Treffer warten, dennoch war das schnelle und engagiert geführte Spiel wirklich den Besuch wert. Die Universal Soccer School aus Kozhikode hatte etwas mehr vom Spiel als die District Police, doch es dauerte 103 Minuten inklusive Unterbrechung wegen Flutlichtdefekt und neun Elfmeterschützen, ehe die Soccer School sich durchgesetzt hatte. Dabei verfehlten die ersten beiden Schützen auch noch das Ziel. Erst der zweite Schütze aus Kozhikode traf. Am Ende hieß es 4:2 für Kozhikode. Mit der District Police ist nun leider auch die letzte Mannschaft aus dem Kreis Palakkad aus dem Wettbewerb ausgeschieden.
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Mittlerweile hatten wir Bekanntschaft mit Balljungen, zwei einheimischen Zuschauern und auch dem Landesverbandsvorsitzenden (Convenor of Kerala FA) gemacht. Die Presse bat uns später um Veröffentlichungserlaubnis eines Fotos von uns in der ersten Zuschauerreihe. Dass das noch von Bedeutung sein sollte, kann man im Bericht vom Samstag nachlesen...

Beim zweiten Spiel traten dann die Medizinwissenschaftliche Akademie ACME (Academy of Medical Sciences) aus einem Vorort von Kasaragod der auf den Namen Trikaripur hört und der Travancore Football Club aus Pathanapuram (nicht zuverwechseln mit dem State Bank of Travancore FC aus Thiruvananthapuram) gegeneinander an. Das Spiel war auch nicht schlecht, aber fiel trotz der vielen Tore etwas hinter das erste zurück. ACME war doch klar besser und zog Tor um Tor davon. Erst als Pathanapuram 4:0 hinten lag, schafften sie es mal eine ihrer ganz wenigen Chancen auf dem holprigen Grün – oder eher Braun – zu verwerten. Am Ende setzte die Medizinakademie noch einen drauf: 5-1 für Trikaripur.

Wir holten uns noch Shauwarma von einem der Imbissstände in Stadionnähe und gingen dann, nichts ahnend was der Samstag so bringen sollte, auf unser Hotelzimmer...
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Statistik:
Grounds: 718 (heute 1 neuer; diese Saison: 124 neue)
Sportveranstaltungen: 1.489 (heute 2, diese Saison: 175)
Tageskilometer: 210 (200 Bus, 10 Autorikscha)
Saisonkilometer: 42.640 (24.440 Auto/ 14.820 Flugzeug/ 2.010 Fahrrad/ 1.350 Bahn, Bus, Tram/ 20 Schiff, Fähre)
Anzahl der Fußballspiele seit dem letzten 0-0: 42
Anzahl der Wochen, seit der letzten Woche ohne eine einzige Sportveranstaltung (31.7.-6.8. 2006): 296

Sonntag, 1. April 2012

Updates!

Bis vorrausichtlich Montagabend oder Dienstagnachmittag werde ich folgende Berichte einstellen:

Freitag 30.3.
- Landesmeisterschaft im Amateurfußball von Kerala: Spiele in Palakkad; District Police Palakkad – Universal Soccer School Kozhikode und ACME Trikaripur-Kasaragod – Travancore FC Pathanapuram

Samstag 31.3.
- Cricket, Kerala Interzonen U-22 Auswahlspiel, Tag 1 von 3 in Perinthalmanna: Southern Zone v Central Zone
- Landesmeisterschaft im Amateurfußball von Kerala: Spiele in Palakkad; Kerala Varma College Thrissur – Cosmos FC Kottayam und Cochin Port Trust – Nova FC Wayanad
- Und: wie man in Palakkad Berühmtheit erlangt - die deutschen Groundhopper in der Lokalzeitung und auf der Ehrentribüne

Sonntag 1.4.
- Rückfahrt von Palakkad nach Kottayam inklusive Buspanne

Notizen, die im Lauf der nächsten Woche folgen werden:
- Themen einer indischen Zeitung: von Sikh-Unruhen, Cricketstars und nach Religion sortierten Heiratsanzeigen
- Fußball in Indien: Probleme und Perspektiven im Schatten des Crickets