Donnerstag, 25. September 2008

Porträt I: Qatar Stars League - Mit abgehalfterten Alt-Stars lockt man keine Fans.

Nicht nur meine Spielbesuche sollen hier eine Rolle spielen - was man an der Kommentar-Reihe, die schon drei Ausgaben gesehen hat, unschwer erkennt. Als zweite Rubrik kommen nun die Porträts hinzu. Wer alle Beiträge in den jeweiligen Rubriken einsehen will, der klicke unter ,,Labels'' den Begriff ,,Kommentar'' bzw. ,,Porträt'' an. Bei den Porträts soll neben der Liga, die mit ihrem System und ihren Mannschaft, Statistiken sowie dem Umfeld vorgestellt wird, auch das Land selbst dargestellt werden.

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In ein paar Punkten dürften die Verhältnisse der katarischen Star Liga ein Ideal darstellen, was die Bundesliga gerne erreichen würde.
Die Spiele an den jeweiligen Spieltagen sind so auseinandergezogen, dass jedes Spiel im Fernsehen übertragen werden kann. Üblicherweise immer zwei Spiele Donnerstag (21.30 und 23.30 Ortszeit) , zwei Spiele Freitag (zu den gleichen Zeiten) und eins am Samstag (21.30 Ortszeit).
Das zweite dürfte das handzahme Publikum sein: keine Krawalle, schöne Gesänge und kaum Unmutsbekundungen.

Doch kommen wir erst einmal zum System:
10 Mannschaften spielen in einer Dreifachrunde den Landesmeister aus. Der Tabellenletzte steigt ab und wird durch den Meister der 2. Liga ersetzt.
Die Mannschaften sind folgende:
- Al-'Araby Doha (العربي)
- Al-Sadd Doha (السد)
- Al-Rayyan (aus ebendieser Stadt, الريان‎ )
- Al-Wakrah (aus ebendieser Stadt, الوكرة)
- Al-Gharafa Doha (الغرافة‎)
- Al-Sailiya Doha (السيلية)
- Al-Khor (aus ebendieser Stadt, الخور)
- Qatar Doha ( قطر)
- Umm Salal (aus ebendieser Stadt, ام صلال)
- Al-Khouraitiyat Doha (الخريطيات)

Ein paar Fakten:
- Ausgespielt wird die Liga seit 1973/74
- 1974/75 gab es keinen Meister
- Rekordmeister ist Al-Sadd mit 12 Meistertiteln, der letzte 2006/7
- 2007/8 wurde Al-Gharafa Meister
- In der letzten Saison fielen in 135 Spielen 436 Tore
- Das bedeutet, dass pro Spiel 3,2 Tore fielen
- Den besten Toreschnitt wies der Vorletzte Al-Wakra auf: 4,0
Den schlechtesten Al-'Araby mit 2,7
- Vergleich zur 1. Bundesliga: 306 Spiele, 820 Tore; 2,7 pro Spiel.

Die Anzahl der Tore ist einer der Vorzüge der katarischen Liga. Wenn man andere Vergleiche mit der Bundesliga zieht, dann kommt die QSL nicht so gut weg.
Zwar sind Randale, Polizeiwillkür und Pöbeleien gegen Mäzen im Katar völlig unbekannt, doch das größte Problem der kleinen Liga ist der Altersschnitt, der durch abgehalfterte Altstars angehoben wird. Zwar spielen auch junge Araber oder junge Topp-Spieler wie der Schweizer Hakan Yakin dort, doch auch Leute wie Delano Hill (Ex-Hansa-Rostock-Spieler, 33 Jahre) oder Luis Ricardinho (Brasilianische Nationalmannschaft, 32 Jahre). Nervend auch die Einbürgerungen. Der Ex-Uruguayer Sebastian Soria oder Ex-Brasilianer Fabio Sizar sind da nur zwei Beispiele.
Man mag sich zwar denken: ach, wieso sollte man sich nicht noch einmal alte Bundesliga- oder Topp-Spieler in ihrer letzten Spielzeit ansehen? - doch die Kataris sehen das anders. In die Stadien, die 15.000 bis 25.000 Zuschauer fassen, kommen stets nur einige Hundert oder wenige Tausend. Nur zu Nationalspielen wird es mal voller. Dass die Leute alle arbeiten würden, kann mir keiner erzählen. Zwar müssen Bauarbeiter auch noch Freitags um Mitternacht arbeiten, doch sind die nicht die Bevölkerungsmehrheit, was man bei den Massenansammlungen von Baustellen allerdings denken könnte.
Bekanntlich sieht es in der Bundesliga zuschauermäßig anders aus: den Vereinen wird die Bunde eingerannt...
Trotz erbärmlicher Zuschauerzahlen ist die Stimmung ganz passabel. Die Männer und Jungen in ihren blütenweißen Djallaba - und die wenigen Frauen und Mädchen, die oftmals keineswegs verschleiert und in Röcken auf der Tribüne sitzen - veranstalten Dauergesänge und rhythmisches Klatschen. Auch Tänze und Fahnen sind Gang und Gebe.
Doch wenn man andere arabische Staaten sieht: Ägypten, Tunesien und Marokko sind die Spitzenfans, Syrien, Libyen, Algerien sind auch herausragend - doch die sind nicht nur herausragend laut und verwandeln die Stadien in Fahnenmeere, auch Gewalt ist dort alltäglich und auf einem deutlich höheren Level als in Deutschland.
Im Katar geht es - bedingt durch den extrem hohen Lebensstandard und die nicht wirklich spürbaren oder eben auch gar nicht vorhandenen sozialen Probleme - sehr beschaulich zu.
Die Stadien sind modern. Es gibt nur Sitzplätze - und zwar mit Schalensitzen; also nicht die Nahost-Mogelpackung Stehstufen als Sitzplätze zu verkaufen und dann stellen sich doch alle hin, weil es sonst zu eng wird - und Logen. Die normalen Sitzplätze sind wie gesagt Schalensitze aus Kunststoff, ein Logensitz gleicht einem Thron: es ist ein mit rotem Tuch gepolsterter Sessel aus mit Blattgold überzogenen Holz.
Die Rasenqualität ist sehr hoch. Die Qualität der Infrastruktur ebenso. Nur mit der Verpflegung sieht es wohl nicht so toll aus. Dass es keinen Bratwurstgrill gibt, dürfte aber wohl jedem klar sein...
Eine Anmerkung am Rande, die sicherlich nicht jedem klar ist: es gibt viele Stadionsprecherinnen, die allerdings nicht das Publikum anheizen und informieren, sondern ausschließlich informieren. Bis jetzt habe ich nicht einen einzigen Stadionsprecher vernommen. In Deutschland seltsamerweise genau umgekehrt.
Dafür ist die Fernsehexpertenrunde rein männlich. In Djallaba hocken sie auf verzierten Kissen, Schalen mit frischem Obst vor sich, das Spiel in der Halbzeit und nach Abpfiff analysierend. Man vergleiche es mal mit dem Fußballstammtisch in Deutschland; Männer in Schlips und Kragen oder Pullover und Jeans, nicht selten Bier - und dann noch ein Phrasenschwein...

Wer sich diese Liga, deren Spielqualität recht beachtlich ist und das herzerfrischende arabische Kampfspiel mit dem professionellen abgeklärten europäischen Spiel verbindet, einmal ansehen will, der achte bei
http://www.goalzz.com/main.aspx?c=3821 auf den Link zu http://www.goalzz.com/main.aspx?&channel=615 und klicke mms://216.93.170.69/live an. Die Übertragung mag zwar immer wieder hängen, abstürzen oder gar nicht erst zustande kommen, doch wenn sie läuft, lohnt es sich dabei zu bleiben.

International haben katarische Teams eher wenig erreicht. In der asiatischen Championsleague scheiden die ein bis zwei Startberechtigten stets in der Vorrunde aus. Teams aus Saudi-Arabien, Südkorea, Japan oder Iran - ja sogar jordanische, syrische und chinesische Mannschaften waren stets vor den Kataris.

Allerdings wird die Zukunft zeigen, ob die Investitionen, die die in den europäischen Profifußball gepumpten zwar lange nicht erreichen, aber doch recht beachtlich sind, nicht doch irgendwie Erfolg haben. Zumindest die Nationalmannschaft qualifizierte sich beinahe für die letzte WM.

Kommen wir abschließend noch einmal zum Land selbst:
- Name: Daulat Qatar (Staat Katar)
- Amtssprache: Arabisch
- Handelssprachen: Englisch, Persisch
- Hauptstadt: Doha
- Staatsform: Absolute Monarchie unter Emir Sheikh Hammad bin Khalifa At-Thani
- Fläche: 11.437km² (Deutschland: 357.114km²)
- Einwohner: 930.000 (D: 82.000.000)
- Bevölkerungsdichte: 81,2 Ew./km² (D: 230 Ew./km²)
- Grenzen: Arabischer Golf und Saudi-Arabien
- Bruttoinlandsprodukt je Einwohner: 72.849 US-$ (44.000€, D: 27.500€)
- Damit sind die Kataris knapp hinter den Luxemburgern und Liechtensteinern das drittreichste Volk der Welt (D: Rang 19)
- Ausländeranteil: 80%
- Anteil der Araber an der Landesbevölkerung: 45%
- Religionen: 84% Muslime (davon 85% Sunniten), 13% Christen, 3% Hindus
- Staatsreligion: Sunnitischer Islam

Fazit zur Liga:
Alles in allem betrachtet, liegt die Qatar Stars League zwischen Traum und Albtraum.

Wo die nächste Liga, die ich vorstellen möchte, liegt, ist schwer zu sagen. Ich ziehe sie aber der katarischen wie der deutschen Liga vor. Um welche Liga es sich handelt, zeigt sich Mitte oder Ende Oktober. Versprechen kann ich, dass wir im arabischen Raum bleiben.

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